--- Anzeige ---
WebHosting von Host Europe

Angst aus gefühlter Realität

<<<< angemerkt ToGo: (anhören oder download) >>>>

 

Von Dieter Buchholtz

Autor Dieter Buchholtz

Besonders ältere Menschen werden ängstlicher. Nun gut, das ist nicht so richtig neu. Gründe dafür gibt es ja viele. Zusammengefasst ist es schlicht die Lebenserfahrung. Aber auch Beobachter in den übrigen Alterskategorien sind nicht immun gegen die Angstschere. Altersübergreifend ist also grundsätzlich festzustellen: Keiner ist frei von Angst. Also alles paletti in der Welt der Angst? Nicht so ganz. Denn unangenehm wird es, wenn sich Stück für Stück und oft über viele Jahre eine Angst vor der Angst heranschleicht. Dann winkt gefährlich am Horizont eine mögliche Angststörung. Bei älteren Menschen ist es häufig die Sturzangst, die das Leben Schritt für Schritt in den Griff nimmt. Schnell fühlen sie sich dann in einem Teufelskreis gefangen. 

Dieser Teufelskreis aber folgt nicht einer unausweichlichen Logik. Er enthält zumeist durchaus starke Chancen für eine entgegen wirkende Selbststeuerung. Dazu gehört in erster Linie das Eingeständnis für die Einschränkung, dann die Bereitschaft, sich professionelle Analyse und Hilfe zu holen und schlussendlich die Fähigkeit, die ersten Schritte für den notwendigen Abbau übersteigerter Ängste zu tun. Mit dieser Handlungsfolge kann die Angstschere zwischen tatsächlicher Gefahr und gefühlter Gefahr enger gestellt werden.

Weniger Bedrohung – mehr Angst

Dieser – zugegeben – eher therapeutische Ansatz lässt sich aber hervorragend auch auf eine parallele gesellschaftliche Entwicklung übertragen. Denn aktuell ist festzustellen, dass die von vielen Bürgerinnen und Bürgern empfundene und wohl zunehmende allgemeine Angst deutlich über die reale – und teilweise eher abnehmende – Bedrohungslage hinauswächst. Hier dehnt sich eine Wahrnehmungslücke aus zwischen einem objektiv festzustellenden Rückgang von Gefährdungen und einer virtuellen und wachsenden Angstkulisse. 

Fakten belegen dies. So hat das Meinungsforschungsinstitut YouGov 2018 festgestellt, dass mehr als zwei Drittel der Menschen in Deutschland keine oder nur wenig Angst vor Kriminalität haben. Dagegen sagen fast 50 Prozent, dass sich ihr Sicherheitsgefühl seit 2017 „verschlechtert“ oder sogar „stark verschlechtert“ hat. Dem steht entgegen, dass – glaubt man der offiziellen Statistik – die Kriminalität seit Jahren rückläufig ist. 

Angst vor Sturz ist real

Und auch in diesem Zusammenhang tauchen altersbedingte Widersprüche auf. So hat die “Leipziger Volkszeitung” zusammen mit dem Meinungsforschungsinstitut Uniqma eine große Umfrage zum Thema Kriminalität in Sachsen gemacht. Bei den mittleren Jahrgängen (30 bis 49 Jahre) haben 67 Prozent ein sicheres Gefühl, bei den Älteren dagegen sind es nur 63 Prozent. Besonders deutlich wird es bei einem herausgehobenen Alt-Jung-Vergleich: „Ältere Frauen haben eine größere Furcht, obwohl sie statistisch weniger gefährdet sind. Junge Männer haben dagegen eine geringere Angst, obwohl das Risiko bei ihnen am höchsten ist.“ Da ist sie wieder, die Schere!

Nun könnte man diese Vergleichsbefunde und ihre gefühlten Widersprüche locker mit dem Argument vom Tisch wischen, dass man sich doch am besten an Fakten orientieren möge und nicht an Angstmacherei. Klar, das kann man so sehen. Aber genauso wie bei den Älteren unter uns die Angst vor dem Stürzen real ist, so ist auch eine wachsende Angst vor beispielweise Kriminalität ein Faktum, das ernst zu nehmen ist. „Es muss uns in diesen dynamischen Zeiten gelingen, sowohl die tatsächliche Sicherheit als auch die gefühlte Sicherheit zu gewährleisten“, bestätigt der Präsident des Bundeskriminalamtes Holger Münch. Und er liefert die notwendigen Stichworte, um herausfinden, wo die Ursachen für das Auseinanderdriften von Realitäten und Gefühlen liegen könnten. Er nennt Aspekte wie die Finanzkrise, Zuwanderung und wachsende Digitalisierung. 

Schulterschluss mit Realitäten

Wir müssen aussteigen aus der Angstspirale, um damit wieder den ausgleichenden Schulterschluss mit den Realitäten zu finden. Das könnte dann auch der Weg sein, um den von Populisten erzeugten Sumpf aus purer Angstmacherei trocken zu legen. Und hier könnte auch die Kritik von Bundespräsident Frank Walter Steinmeier an den Medien angebracht sein. Auf der vergangenen Frankfurter Buchmesse hat er bemängelt, dass die Medien die Realität nicht richtig widerspiegeln. Mit dieser Kritik hat der erste Mann im Staate durchaus Recht. Denn die Medien suchen bekanntlich eher die Sensation als die Normalität. Und Steinmeier stellt deshalb konkret fest, dass es diese „Normalität gibt, über die wir eigentlich miteinander gar nicht reden“.

Na, dann reden wir mal über eine belegbare Realität. In Talk- und anderen Diskussionsrunden wird schnell abgenickt, dass wir ein gespaltenes Land seien – beispielsweise moralisch, ethisch oder durch Migration. Hilfreich für die Bewertung solcher argumentativen Schnellschüsse sind auch hier demoskopische Erkenntnisse. So hat die Bertelsmann-Stiftung/Kantar Emnid im Sommer 2018 über 2000 deutschsprachige Personen ab 14 Jahren gefragt, was einen guten Bürger ausmacht. 96 bis 98 Prozent stimmten zu bei Werten wie Respekt vor Älteren, Toleranz, Umweltbewusstsein oder „eigenverantwortlich für seinen Lebensunterhalt sorgen“. Die erfragten Werte bei Migranten kamen in etwa zu gleichen Ergebnissen. 

Mehrheit für guten Bürger

Bei einem Blick in das Antwortverhalten von Älteren kristallisieren sich kleine, aber vielleicht auch bedeutsame Unterschiede heraus. Eine Frage war: „Muss man in Deutschland geboren sein, um ein guter Bürger dieses Land es zu sein?“ Die überwältigende Mehrheit von 94 Prozent antwortete mit „Nein“. Die über 60-Jährigen setzten mit acht Prozent ein „Ja“, die 14- bis 29-Jährigen nur mit zwei Prozent. Man kann hier sicherlich mit einiger Wahrscheinlichkeit ablesen, dass Vielfalt für die jüngeren Menschen eher eine erlebte Normalität ist. Man kann weiter ableiten, dass wir wohl doch kein gespaltenes Land sind. Mit aller Vorsicht darf die Hoffnung in die Jugend gelegt werden, dass sie mit Multi-Kulti – nicht nur im Migrationsbereich – immer besser klar kommt. 

Um es deutlicher zu sagen: Zuweilen erscheint mir der per Ausweis ausgewiesene ein oder andere Deutsche eher als mancher Migrant aus einer mir persönlich fremden Kultur zu stammen. Nennen wir nur mal Benehmen (besonders Älteren gegenüber) und Ausdrucksweise als Beispiele dafür, ob man sich für einen guten Bürger halten kann – oder eben nicht. Es ist einfach tröstlich, dass sich eine so große Mehrheit in unserem Land selbst für gute Bürger hält. Und dass sie in deutlicher Mehrheit gleich lautende Bewertungskriterien für die übrigen Bürger haben. Da leuchtet doch ein großer Zusammenhalt durch, den wir vielfach gar nicht mehr sehen können oder auch nicht erkennen wollen. Trotz des großen Heeres von Kritikern zu allem Möglichen in unserem Land kann es offensichtlich dennoch nicht so schlecht um wichtige Grundgemeinsamkeiten in unserer Gesellschaft bestellt sein. Ich bin da mal ganz positiv gestimmt – auch wenn das nicht so richtig mainstream-konform erscheint. Egal!