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Sommerlicher Wühltisch

Auch kleinere Themen sind schnell gefunden

Autor Dieter Buchholtz

Wir kennen es seit ewigen Zeiten: Das Sommerloch. Unsere Gesellschaft fällt im Hochsommer in eine Art kollektiven Erholungs- und Freizeitmodus. Auch ich lasse mich nur zu gerne mitreißen in diese täglich immer wieder neu heranbrausende Biergartenstimmung – gerne auch ohne Bier. Und in dieser saisonal bedingten Erwartungshaltung bin ich sicher, dass mir spätestens beim abendlichen Sundowner das richtige und auch ganz wichtige Thema für das hier immer zu findende „angemerkt“ einfällt. Offensichtlich aber bin ich zu tief in dieses vertrackte Sommerloch abgetaucht. Das eine Thema will sich nicht einstellen.

Gerne schlendere ich dafür mit meiner Frau in dieser Ferien- und Urlaubsstimmung durch die dann ja durchaus auch entspannte Shopping-Welt in unserer City. Und klick: Die Lösung. Überall sehe ich plakativ den Hinweis „Sale“. Und unter diesen Glück verheißenden kommerziellen Botschaften steht die Fundgrube für noch unentschlossene Kundinnen (manchmal auch Kunden): Der Wühltisch. Hier lebt die unbeschwerte Hoffnung auf das Super-Schnäppchen. Man sucht im Massenlager nach dem Exklusiven zwischen Preis und Design. 

Angst vor winzigen Schrauben und Pillepalle

In unbekümmerter Ableitung von diesem so erfolgreichen Verkaufsmodell im Sommerloch werde ich versuchen, mich mit einem Themen-Wühltisch aus dem Redaktionszwang zu retten. Das geht schnell und völlig unverbindlich.

Kaum sind aber die ersten Zeilen geschrieben, kommen die Zweifel. Welche Themen sollen es denn sein? Die schwergewichtigen Aufreger wie Klimawandel, Migration, Terror, vernunftvergessene Politiker, Demokrathie zerstörende Extremisten? Nicht geeignet für den kleinen Wühltisch. Also eher die bescheidenen Themen? Und wieder kommen die Entscheidungszweifel. Hat Kanzlerin Angela Merkel nicht angemahnt, wir sollten nicht an allzu kleinen Schrauben drehen? Hat sie nicht eindrücklich vor „Pillepalle“ gewarnt?

Ruhe an der Empfängerfront

Und dennoch: Der Sog des Finderglück verheißenden Wühltisches ist stärker. Ich krame dann mal einfach in den kleinen Angeboten herum, die ich in unterschiedlichsten Medien finde. Und schon bleibt eine kleine Meldung zum Thema Überalterung unserer Gesellschaft hängen. Jeden Monat können sich 25,6 Millionen Seniorinnen und Senioren darauf freuen, dass die verdiente Rente sicher auf dem Konto landet. Hierfür bürgt der Staat. Und er setzt selbstverständlich auch keinerlei Altersgrenze nach hinten fest, zu der an auch noch so kleinen Schrauben der Rentenzahlung gedreht werden könnte. Gut so. 

Somit könnten wir uns schlicht darüber freuen, dass die Zahl der 100-Jährigen kontinuierlich steigt. Aktuell vermeldet dazu die Deutsche Rentenversicherung, dass bereits 27 000 Renten jeden Monat an diese wachsende Altersgruppe ausgezahlt werden. Und schließlich ist das ja auch der Beweis, dass die Jüngeren unter uns guter Hoffnung sein können, dass der Staat auch zukünftig diese Verantwortung für eine solide Altersversorgung wahrnimmt. Ist dies doch auch ein weitreichendes Beispiel für einen grundsätzlich gut funktionierenden Generationenvertrag. Grob betrachtet, kann man wohl auch festhalten, dass es an der Empfängerfront ruhig und gesittet zugeht.

Alte können auch beißen und Knochen brechen

Weniger ruhig scheint es dafür aber in so mancher Senioren-Disco zuzugehen. Da kann es wohl auch richtig laut werden. Einmal wird sogar eine 94-Jährige als vermeintliche Rädelsführerin ausgemacht, weil sie völlig in sich versunken einen Sirtaki tanzt. Freilich: Schon um 16 Uhr war der Spaß vorbei. Das Ordnungsamt schloss die Veranstaltung, weil Nachbarn sich über angeblich unerträglichen Krach beschwert hatten.

 Aber auch bei anderen Gelegenheiten zeigen sich Ältere nicht gerade von ihrer besten Seite. Da wird dann am Strand schon mal das Badetuch mit robusten Mitteln verteidigt. Oder noch heftiger, wenn beispielsweise Senioren randalieren, weil sie ihr Handgepäck nicht mit in den Flieger nehmen dürfen. Das Sicherheitspersonal musste dann mit Bisswunden und einem kaputten Knie ins Krankenhaus eingeliefert werden. Ohne Mühen ließe sich angesichts solcher Ereignisse das gewohnte Generationen-Bashing Alt gegen Jung auch einfach mal umdrehen.

Risiken beim Autoverkehr

Und noch ein Thema fällt mir in die Hände, bei dem sich Jung und Alt sehr fruchtbringend und zuweilen sogar lebensrettend die Hände geben können. Es ist das Autofahren. Die Jungen fahren zu riskant, die Alten verlieren schnell den Überblick. Das sind die Vorurteile. Fast alle Bundesbürgerinnen und Bürger sind sich einig, dass von beiden Altersklassen gleichermaßen ein Risiko ausgeht. 

Bei den Jüngeren scheint die Handynutzung während der Fahrt ein herausragendes Unfallrisiko zu sein. Dazu kommt noch der Alkohol. Für eine mögliche Überforderung der Älteren scheint auch zu sprechen, dass sie überwiegend ihren Führerschein zu Zeiten gemacht haben, als der Verkehr noch nicht so dicht und so komplex war. Beim Start in die 50-er Jahre waren die Straße noch leer. Knapp eine Million Autos befuhren die Straßen. Heute touren 47 Millionen Autos über Deutschlands Straßen. 

Damals navigierte man noch mit umständlich faltbaren Land- und Straßenkarten durch unsere Land. Heute erledigt dies das Navi. Den jüngeren Menschen bereitet diese Art der Technik an Bord der modernen Autos sicher kein Problem. Nicht so leicht tun sich die Seniorinnen und Senioren. Immer wieder hört und liest man von älteren Autofahrern, die weitläufig die Orientierung verloren haben, die zu Geisterfahrern werden oder in Flüssen landen.

Leicht gestricktes Leseangebot

Wie kann nun die Lösung aussehen für diese Fundstücke im Themen-Wühlkorb? Natürlich werden wir in unserer Gesellschaft weiter daran arbeiten, Problemfelder technisch, politisch, im Bewusstsein der Bürgerinnen und Bürger zu beseitigen oder zumindest zu mildern. Das ist durchaus ein guter und bewährter Weg. Aber bei allem Bemühen bleibt auch genügend Raum, durch gegenseitiges Verständnis, durch Achtsamkeit, Hilfsbereitschaft und auch generationsübergreifendes Handeln Dinge dort zu verbessern, wo sie unrund laufen. 

Und nun naht auch langsam das Ende des Sommerlochs. Bekanntlich verschwinden dann die Wühltische in den Geschäften. Und genauso geht es dem Themen-Wühltisch, der hier mal kurz und einfach nur ein sehr leicht gestricktes Leseangebot sein will. 

Dieter Buchholtz