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28 Jahre, 2 Monate, 27 Tage

Autor Gisbert Kuhn

Haben Sie, liebe Leserin und lieber Leser von rantlos, ähnlich ungläubig wie ich den Kopf geschüttelt, als Sie unlängst diese drei Daten lasen? 28 Jahre, 2 Monate und 27 Tage. Ist das wirklich schon so lange her und doch – gefühlt – so schnell vergangen? Der 5. Februar 2018 war tatsächlich der Tag, an dem die Berliner Mauer genauso lang verschwunden war, wie sie davor existiert, unser Land und die Menschen voneinander getrennt sowie Europa (ja eigentlich die damalige Welt) gespalten hatte. Seinerzeit hatten sich die Ereignisse fast täglich geradezu überschlagen. Wer mit dabei war, betrachtet es heute noch als ein Wunder, dass die nationale Einigung gelang – ohne dass auf ein historisches Beispiel hätte aufgebaut werden können und (vor allem) ohne dass auch nur ein Schuss gefallen und ein Tropfen Blut geflossen wäre.

Nur noch eine Randnotiz wert?

Nicht ganz drei Jahrzehnte später ist die Erinnerung an jene Geschehnisse in der Berichterstattung kaum mehr wert als eine gerade noch etwas längere Randnotiz. Abgelegt unter der Rubrik „Geschichte“. Und für Geschichte hat man sich hierzulande nie so richtig interessiert. In Wirklichkeit, indessen, gehören der damalige Mut der Menschen zwischen Elbe und Oder, Ostsee und Erzgebirge, ihre immer machtvoller anwachsenden Demonstrationen gegen das SED-Diktaturregime mit dem zum Glück am Ende friedlich verlaufenen Mauerfall und als Höhepunkt schließlich der Wiedervereinigung zu den Glanzstunden unseres Landes und seiner Menschen. Es gäbe mithin Grund genug, sich auch jetzt immer noch darüber zu freuen.

Natürlich gibt es auch Viele, die das tun. Die noch immer zu schätzen wissen, was Freiheit bedeutet – uneingeschränkte Mobilität, Freiheit des Denkens und des Sprechens. Aber diese Freude äußert sich eher im Stillen. Vernehmbar (und damit traditionell) sind hingegen in erster Linie Meckern, Mosern, Schimpfen, Unzufriedenheit.  Das Frankfurter Psychologen-Ehepaar Alexander und Margarete Mitscherlich hatten in der Mitte der 50-er Jahre ein bemerkenswertes Buch mit dem Titel geschrieben: „Die (deutsche, d. Red.) Unfähigkeit zu trauern“.  Wenn dem so ist – existiert dann möglicherweise auch das erhaltens-Gegenstück: „Die Unfähigkeit zur Freude“?

Freiheit „von unten“ erkämpft

Sicher, es gab um die Jahreswende 1989/90 (vereinzelt auch in Westdeutschland) eine kurze Phase der Freude über das teilweise erbärmliche Herrschaftsende der roten Herrenmenschen- und –frauen und den Sieg der mutigen Menschen in der DDR, in Polen, Ungarn und der Tschechoslowakei. Aber es waren vergleichsweise nur Wenige, welche wirklich die ganze historische Dimension dessen begriffen, was seinerzeit vor aller Augen ablief. Zum ersten Mal, zumindest in der deutschen Geschichte, hatte sich eine, die Weltgeschichte nachhaltig beeinflussende, Entwicklung „von unten“ – also aus dem Volk heraus – vollzogen und war nicht „von oben“ – also von den Mächtigen – aufgepfropft worden.  Und jeder, der das damals miterlebte, weiß, in welchen Gefahren die Beteiligten schwebten und an welch dramatisch dünnen Fäden Erfolg oder Misserfolg hingen.

 Ein simples Beispiel mag vielleicht die Zeitspanne von damals zu heute verdeutlichen. Wenn jetzt ein 29-jähriger Fußballspieler in der Bundesliga aufläuft, dann war der um die Jahreswende 1989/90 gerade auf die Welt gekommen, exakt in den Monaten des Mauerfalls. Der Reporter würde wahrscheinlich jetzt von einem Sportler „im bereits reifen Alter“ sprechen. Dass für so jemanden Berichte und Erzählungen rund um Mauer, Stacheldraht, Minenfelder, Schießbefehl-Tote (der letzte starb am 5. Februar 1989), jahrzehntelange Trennung von Familien und Wiedervereinigung wie Schilderungen aus längst vergangenen Zeiten klingen, ist leicht nachzuvollziehen.  Es war ja – scheinbar – alles so glatt und unspektakulär von statten gegangen. Kein Stoff für Dramen?!    

Dort Krise, hier Ladenschlussgesetz   

Zur historischen Wahrheit gehört leider, dass sich im Westteil des gespaltenen Landes nur eine Minderheit wirklich für das interessierte, was sich jenseits von Mauer und Stacheldraht abspielte. Es ist ja wahr – vieles war infolge der fast überall geltenden Abschottungen nur schwer nachprüfbar. Aber dass selbst Politik und Wissenschaft gern und gläubig hinnahmen, was ihnen aus Ost-Berlin an maßlos geschönten Wirtschafts- und Finanzdaten geliefert wurde, war mehr als nur fahrlässig. Die Behauptung der SED, die DDR sei die zehntgrößte Wirtschaftsmacht der Welt, fand sich unkommentiert in praktisch allen westdeutschen Publikationen. Ja, sogar noch heute geistert die (von der SED-Nachfolgepartei Die Linke natürlich unverändert genährt) Mär, die DDR habe keine Arbeitslosen gekannt. Richtig daran ist, dass sich die Menschen zwar in einem Anstellungsverhältnis befanden, jedoch bei weitem nicht immer arbeiteten. Grund: Ständige Ausfälle mitunter von ganzen Werken, weil für die veralteten Maschinen keine Ersatzteile vorhanden waren.

Wie weit vor 30 Jahren der östliche Teil Deutschlands dem Wissen und Fühlen der Menschen (nicht zuletzt auch der politischen Elite) im Westen entfernt war, zeigt schon dies: Wer auch nur einigermaßen das Geschehen im östlichen Europa verfolgte, der spürte, dass sich dort bis dahin Unvorstellbares vollzog. In Polen wackelte das kommunistische System – und die Rote Armee ließ ihre Panzer nicht auffahren. Das machte den Ungarn, Tschechen und Slowaken Mut – und schließlich auch den Bürgern in der DDR. Im März 1989 beobachteten Menschenrechts-Aktivisten den Verlauf der Kommunalwahlen – und machten die Fälschungen publik. So etwas hätte bis dahin sofort Stasi und jahrelangen Knast bedeutet. Und kaum glaublich, in diesen entscheidenden Monaten der politischen Gärung war das beherrschende Thema der innenpolitischen Debatten im Bonner Bundestag – das Ladenschlussgesetz. Nein, Sie haben sich nicht verlesen.  

„Das hätte jeder andere auch gekonnt“

Auch diese Fabel geistert, offensichtlich unausrottbar, durch die inzwischen vereinte Republik: „Das war doch keine Kunst. Jeder andere hätte das auch gekonnt“.  Hier soll jetzt wirklich nicht posthum noch einmal Helmut Kohl, dem „Kanzler der Einheit“, ein Lorbeerkranz gewunden werden. Was sich damals an Spannung und Dramatik vor und hinter den Kulissen der internationalen politischen Bühnen abspielte, kann (wenn man das denn tatsächlich will) längst in vielen, auch gut und lesbar geschriebenen, Büchern und anderen Publikationen nachvollzogen werden. Wirklich interessant ist vielmehr, dass (und wie) sich die SPD zum zweiten Mal in einer entscheidenden Phase der deutschen Nachkriegs-Historie auf einem total falschen Weg befand.

In den ersten Nachkriegsjahren fuhren die Sozialdemokraten unter ihrem legendären Vorsitzenden, Kurt Schumacher, einen absoluten „nationalen“ Kurs, der damals freilich kaum Gegenliebe bei der noch unter dem Schock von Krieg und Nachkrieg stehenden Bevölkerung fand. Sie fand Konrad Adenauers Richtung zur Westbindung überzeugender. Erst 1959, mit ihrem (innerparteilich und auch zahlreichen Wissenschaftlern heftig bekämpften) „Godesberger Programm“, vollzogen die Genossen auf zahlreichen Feldern Kehrtwendungen und machten die Partei auch für Wählergruppen in der „Mitte“ akzeptabel. Doch genau dreißig Jahre danach, also im DDR-Wendejahr 1989, begaben sich maßgebliche Teile der SPD erneut auf einen für Viele bis heute unerklärlichen, deutschlandpolitischen Holzweg.

„Eine Lebenslüge des deutschen Volkes“

Richtig ist ohne Zweifel, dass weder die politische Klasse, noch gar die bundesdeutsche Bevölkerung in den 80-er Jahren des vorigen Jahrhunderts auch nur einen Knopf noch auf die Wiedervereinigung des 1945 geteilten Landes verwettet hätten. Lockerung der Trennungsfolgen, ja. Verbesserungen des Ost/West-Verhältnisses, natürlich. Verminderung des Kriegsrisikos, aber gewiss doch. Abbau der menschenverachtenden Grenzsysteme mit Mauer und Stacheldraht, bitte sehr gern. Aber ein wirkliches Ende der Zweistaatlichkeit? Daran glaubte in der Tat kaum noch jemand. Der Zeitgeist hatte nicht nur auf der Linken in Deutschland das Ziel der Wiedervereinigung längst abgeschrieben. Immerhin, allerdings, stellten die Konservativen den Auftrag des Grundgesetzes zur nationalen Einheit nie öffentlich in Frage. Nicht zuletzt deshalb (wahrscheinlich zusätzlich befeuert durch persönliche Überzeugung) fiel es Helmut Kohl dann leicht, die Handlungsinitiative zu ergreifen.

Ganz anders die linke Oppositionspartei im Bundestag, die SPD. Sie rief, wieder einmal, zur falschen Zeit am falschen Ort das falsche Hurra.  Von Ausnahmen natürlich abgesehen. Selbst Willy Brandt, der vergötterte Übervater der Partei, sprach noch am 11. Und 14. September 1989 in viel beachteten Vorträgen von der Wiedervereinigung als „Lebenslüge der zweiten demokratischen Republik“. Zur Wahrheit gehört freilich, dass Brandt seine Haltung in Verlauf der sich mittlerweile abzeichnenden Vereinigung korrigierte. Damit war er für lange Zeit einer von Wenigen. Auf viel Zustimmung stieß dagegen in jenen Monaten der gern als SPD-Chefdenker bezeichnete Egon Bahr. Er formulierte am 27. November 1988 (fast exakt ein Jahr vor dem berühmten 10-Punkte-Progamm Helmut Kohls) beim Münchener Podium in den Kammerspielen: „Wer dabei die deutsche Frage aufwirft, stört Europa… In der Teilung gibt es deutsche Chancen. Es gibt keine Chance, die deutschen Staaten zusammenzuführen“.

„Aus dem Grundgesetz streichen“

Um nicht nur die SPD als Träger historischer Irrtümer zu zitieren, hier ein Blick auf die damaligen Grünen. Am 27. Juli 1989 forderte der nachmalige Bundesaußenminister Joschka Fischer noch in seiner Eigenschaft als Oppositionsführer im Hessischen Landtag gegenüber der Illustrierten „Bunte“: „Die Forderung nach der Wiedervereinigung halte ich für eine gefährliche Illusion. Wir sollten das Wiedervereinigungsgebot aus der Präambel des Grundgesetzes streichen“. Und Antje Vollmer, seinerzeit „grüne“ Fraktionschefin im Bundestag, sagte in der Debatte über die „Lage der Nation“ am 8. November 1989: „Dabei ist die Rede von der Wiedervereinigung… überholter denn je“. Das war am Tag vor dem Fall der Mauer in Berlin.

Gehörte bei den soeben beendeten Koalitionsverhandlungen in Berlin wirklich  der Familiennachzug von Kriegsflüchtlingen zu den zentralen SPD-Forderungen? Dann muss man sich wahrscheinlich besonders intensiv die Augen reiben beim Nachlesen dessen, was der spätere Bundeskanzler Gerhard Schröder noch als niedersächsischer Oppositionsführer am 27. Januar 1990 in einem Interview mit dem Kölner „Express“ sagte: „Wir müssen verhindern, dass DDR-Bürger über Gebühr Leistungen in Anspruch nehmen, für die Bundesbürger Beiträge erbracht haben, also z. B. aus der Renten- und Arbeitslosenversicherung“. Damit befand sich Schröder auf einer Linie mit dem (mittlerweile längst zu den Linken abgewanderten) damaligen SPD-Kanzlerkandidaten Oskar Lafontaine. Der artikulierte – ausgerechnet auf dem ersten Parteitag der in der DDR gerade wieder gegründeten SPD – am 23. Februar 1990 wörtlich: „Es muss angestrebt werden, dass das Übersiedeln nur noch möglich ist, wenn beim Verlassen einer Wohnung in der DDR eine Wohnung in der Bundesrepublik gefunden wurde, und wenn die Frage der sozialen Sicherung, bzw. der Nachweis eines Arbeitsplatzes geklärt ist“. Die Liste könnte noch lang fortgesetzt werden.

Das lästige Gedächtnis

Manchmal ist, unbestritten, ein gutes Gedächtnis lästig. Oder ein sorgsam geführtes Archiv. Man mag ja selber mitunter nicht gern an frühere Aussagen oder Irrtümer erinnert werden. Aber auch dafür sind Gedenktage halt wichtig. Auch der zur Dauergleichheit vom Bau und Fall der Berliner Mauer.

Gisbert Kuhn  

    


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