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Vibration vor Erdbeeren

Hugs – Ich möchte Dich umarmen!

Sie stellen sich mitten in den Weg. Sie lächeln. Ein Mann und eine Frau. Sie ziehen nicht blank wie die Femen-Damen. Ihre Botschaft prangt nicht direkt auf ihrer Haut. Sie ist auf Pappe schnell hingeschrieben. Sie bieten sich den Passanten auf dem Bonner Marktplatz an: Einmal umarmen – und das kostenlos. Freundlich skeptische Verwirrung inmitten von Obst- und Gemüseständen.

Angebot von Iryna und Tarek in Bonn
Foto: Dieter Buchholtz

Bei Iryna (26) und Tarek (29), den beiden Hugs-Aktivisten, gibt es aber nichts im Kilo-Maß oder in Stückzahl. Nein, einfach nur eine Umarmung – diesen kleinen Moment spontan menschlicher Nähe. Die Deutsche Welle (DW) ist auch schon da. Die Reporterin fragt mich, ob ich Iryna nicht mal umarmen möchte. „Klar, mach´ ich“, ist meine Antwort. Bevor wir uns in den Armen liegen, deute ich ein Anliegen danach an. Verständlicherweise zögert sie mit der Umarmung. „Ich wollte nur ein Foto für rantlos.de machen“, verrate ich ihr. „Ach so, na dann…“, ist ihre erleichterte Antwort. Öffentlich sich einfach so drücken – etwas ungewohnt, aber nicht unangenehm, denke ich. Wir lösen uns. Den Markt nehme ich nun wieder stärker wahr – auch das überreichliche Erdbeerangebot hinter der Demo-Szene. Irgendwie bin auch ich schnell wieder geerdet.

Warum machen das die Beiden? Meine Frage versickert immer wieder zwischen den dann doch wagemutigen Spontandrückern. Die Akteure müssen ihr Versprechen einlösen. Jüngere sind da teilweise ganz salopp: „Warum denn nicht? Einmal drücken kann ja nicht schaden.“ Ältere sind da schon skeptischer: „Was soll das denn…?“ Tarek bemerkt: „Auf keinen Fall funktioniert der Augenkontakt. Dann schauen die meisten einfach weg.“ Und eine andere aus der Hugs-Gruppe ergänzt: „Wenn einer ungepflegt aussieht, werde ich ihn nicht drücken…“ Offensichtlich will wohl die Überzahl der Passanten einfach nicht beim sommerlichen City-Walk gestört werden. Vermutlich aber trauen sich viele einfach nicht.

Training unter dem Signet der Deutschen Welle

Das Angebot der Umarmer ist offensichtlich doch nicht so leicht an Frau oder Mann zu bringen. Ich finde Iryna und Tarek richtig mutig. Aber die Beiden sind eben auch nicht allein gekommen. Ein Blick auf die internationale Gruppe ein paar Meter weiter verrät es: Hier ist ein Journalisten-Seminar der DW unterwegs. Sie wollen ausprobieren, wie es ist, Menschen direkt anzusprechen und dann sogar den Körperkontakt zuzulassen. Es geht ihnen um das „Life-Gefühl“. Das bekommen sie in kleinen Dosen. Kurze Zeit später sind sie wieder verschwunden – das Seminar geht weiter. Der Markt bleibt dicht bevölkert, jetzt aber umarmungsfrei.

Bei mir aber ist ein Nachklang geblieben. Ja, das mit dem Umarmen hatte ich schon mal gehört. Gedacht hatte ich mir damals: Arme, erkaltete Gesellschaft, die solche Angebote braucht. Aber das „Free Hugs“ war noch nicht zu mir als älteren Bürger durchgedrungen. Also hatte ich vor dem Gespräch mit Iryna und Tarek heimlich über mein Smart-Phone bei Wikipedia nachgesehen. Danach wurde die Idee erstmals 2001 mit dem Musik-Video „Everyday“ der Dave Matthews Band einer breiten Öffentlichkeit bekannt. 2004 begann Juan Mann in der Pitt Street Mall in Sydney mit Free Hugs, indem er sich mit einem Schild in die Fußgängerzone stellte. Nachdem sich die ersten Leute dazu überwanden, den Fremden zu umarmen, erreichte seine Idee in der Umgebung schnell Kult-Status.

Shimon Moore, der Sänger der Band Sick Puppies, produzierte ein Video über die Entwicklungsgeschichte von „Free Hugs“ und stellte es auf You Tube ins Internet. Bis Mai 2013 erreichte das Video 74 Millionen Aufrufe weltweit. Iryna amüsierte sich königlich, dass ich vorher heimlich in einer schattigen Ecke diesen globalen Kult nun endlich auch für mich entdeckt hatte. Tarek, aus Israel gebürtig, schwärmt mit befreitem Lachen: „Das war eine super Vibration.“

Dieter Buchholtz

 

Info

Erste Umarmung einer älteren Frau

Unter www.zeitblueten.com/news/free-hugs-campaign fanden wir folgende Passage über die Entstehung der Hug-Bewegung des Australiers Juan Mann: „So ging er eines Tages mit einem „Free Hugs“-Schild auf die Straße. Eine Viertelstunde verging – er wurde von den Menschen angestarrt –, bis eine ältere Frau auf ihn zukam. Sie erzählte ihm von ihrem am Morgen verstorbenen Hund und von ihrer, genau vor einem Jahr, tödlich verunglückten Tochter. Und dass sie jetzt eine Umarmung gut gebrauchen könnte.Das war der Beginn der Free Hugs Campaign.“




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