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Viele Hobbys und ein Ziel

Millionenschwere Immobilien und lebensgefährlicher Blutdruck

Tief im Herzen ist Thomas Familienmensch: Traditionen pflegen, sich selbst eher in den Hintergrund rücken. Bescheidenheit, das hat er von seinen Eltern übernommen. Ein ausgeprägtes Verantwortungsgefühl zeichnet ihn aus, aber es belastet auch. Nach seinem Geologiestudium in Berlin musste er die Verwaltung des Familienerbes übernehmen. Es hieß, im Sinne der Vorfahren, das Erreichte zu sichern. Gute Zeiten erleichterten die Aufgabe, schlechte Zeiten gefährdeten den Besitz und machten den Besitzer krank.

Es erwischte den Familienvater vor seinem 50. Geburtstag. Mit seiner Frau Katrin und den beiden Kindern Cecil und Adelin hatte er gerade eine lange und erholsame USA-Reise gemacht. „Dann stürzte alles Berufliche wieder auf mich ein“, erinnert sich Thomas am Esstisch in seinem Ferienhaus in Norddeutschland. „Ich wurde krank. Bluthochdruck-Anfälle und mit Tatütata ins Krankenhaus. Die haben mich auseinander genommen, aber nichts gefunden.“ Die Ärzte meinten, er solle sich mal psychosomatisch untersuchen lassen. Hat er auch getan und eine Kur in Kassel angeschlossen. Dort haben die Mediziner gesagt, dass alles sehr böse enden könne. Sie haben ihn deutlich gedrängt, beruflich etwas zu ändern. Brutal haben sie ihm gesagt: Sie können jetzt nach Hause fahren und so weiter machen. Dann sehen wir uns in einem halben Jahr wieder, falls Sie es bis dahin noch schaffen. Das hatte gesessen.

„Ich habe mir sofort vorgenommen, beruflich was zu ändern, etwas zurückzufahren. Bei unserer Familie hatte sich auch einiges verknotet. Das musste ich auflösen. Außerdem haben die mich in Kassel wegen der Einstellung kritisiert, mich selbst nicht so wichtig zu nehmen. Die haben gesagt: `Genau umgekehrt muss es gehen´.“

Das war einfacher gesagt als getan. Notgedrungen musste Thomas nun den über Jahre gestreckten Weg des phasenweisen Ausstiegs aus seiner beruflichen Verantwortung gehen. Parallel dazu stieg er immer stärker in die geliebten und lange vernachlässigten Hobbys ein. Das wichtigste Rezept dabei war für ihn: „Ich muss meine Einstellung ändern.“ Das aber fiel dem Unternehmer nicht leicht, denn ihm „lief die Arbeit einfach nach“. Dennoch schaffte er es durch konsequenten Objektverkauf, das „ganze Unternehmen einzudampfen“. Der immer schlechter werdende Immobilien-Markt hätte dem Familienbetrieb sogar „das Genick brechen können“. Erleichtert atmet Thomas noch jetzt tief durch: „Wir sind in sieben Jahren mit einem blauen Auge rausgekommen.“ Im Frühjahr 2012 verkaufte er das letzte Objekt.

Cruisen in Frankreich, Italien und Holland

Thomas auf seiner Guzzi – Cruiser als Entspannung
Foto: Dieter Buchholtz

Startschuss für sein neues Hobby-Leben war der 50. Geburtstag. Er schenkte sich selbst den Motorradführerschein. Und sogleich meldete sich sein familienorientiertes Verantwortungsbewusstsein. Er hatte sich bisher so etwas verkniffen, weil das „ja nicht ganz ohne Risiko ist.“ Jetzt war der Wunsch jedoch schlagartig wieder da. Aber nicht gleich kaufen, erstmal mieten, um zu prüfen, ob „das überhaupt noch was für dich ist, so von Null auf Hundert.“ Thomas geht eben vorsichtig und preisbewusst an die Dinge heran. Seine Frau aber hat er vor vollendete Tatsachen gestellt: „Ziemlich rigoros. Du, das mache ich, das will ich jetzt. Das tut mir gut. Es gab zwar keine Gegenwehr. Begeistert aber war sie nicht. Sie hatte ja meine Situation voll miterlebt. Und von daher auch Verständnis für mich. Ihr war klar, dass es ein Ventil für mich war. Sie ist ja auch der Typ: Wenn mir das Spaß macht und ich damit glücklich werde, dann nickt sie es ab.“

Aber Thomas weiß auch dankbar zu schätzen, was Katrin geleistet hat, als er im Büro lange Zeit ausgefallen ist: „Sie musste alles allein managen. Das war nicht einfach.“  Und heute, bemerkt er mit einem Lächeln aus den Augenwinkeln heraus, „ist es unser gemeinsames Hobby. Sie ist ganz eifrig. Plant alles mit. So haben wir schöne Fahrten nach Südfrankreich, Italien und Holland gemacht.“ „Hat das auch eure Partnerschaft verändert?“ will ich wissen. „Auf jeden Fall. Es zählt nur der Weg. Dass es uns beiden gut geht. Das bindet auch.“

Seine Guzzi hat ihn nie im Stich gelassen

Kontrastprogramm ist die traditionelle Herrentour in die Alpen – einmal im Jahr. Die Teilnehmer sind auf drei bis fünf begrenzt. Thomas mag auf keinen Fall die nicht endenden Scharen, die erst abends feststellen, dass einer fehlt. Von den nicht immer sehr glücklichen Fahrmanövern „aus so einer komischen Gruppendynamik heraus“ ganz zu schweigen. Für ihn reicht es, in kleiner Gruppe – auch als Letzter – einen Pass hochzucruisen. Lange Täler und gerade Strecken mit viel Wald faszinieren ihn genauso und sind für ihn Entspannung pur. Er will nicht wetteifern. Er möchte lieber abends ein Bier aus dem Glas und nicht im Krankenbett warmen Tee aus der Schnabeltasse trinken.

Ist es denn dieses gemeinschaftliche „Männergefühl“, was dich reizt? „Jaaa, durchaus“ ist seine sehr spontane Antwort. Die kommt von Herzen. Die Gesprächsthemen in einer solchen Runde sind eben andere, als wenn Frauen dabei sind. Sie hatten ein riesen Gaudi mit einem Busen-Memory-Spiel. Über Sexismus, Niveau, Stil, political correctness hatten sie sich schlicht keine Gedanken gemacht. Nur die weibliche Bedienung war etwas irritiert. Na, ja….Und es findet auch sonst wenig Kultur statt. „Wir fahren ein bisschen in die Orte oder Städte rein, gucken, trinken einen Kaffee und fahren wieder raus. Das ist aber auch in Ordnung, wir sind ja zum Fahren da“, erklärt Thomas das einfache Männerleben. Die Städtetouren macht er dann mit seiner Frau.

Thomas fährt aber nicht einfach nur Motorrad, er fährt eine Moto Guzzi. Als er 2005 wieder in die Moped-Welt einstieg, blieb er beim Prospekte-Gucken immer wieder bei der Guzzi hängen. Sie gefiel ihm wegen des Chopper-Designs. Obwohl sein Schwager (Yamaha-Fahrer) sie „nicht so toll“ fand, war aus seiner eigenen Neigung schnell so etwas wie Zuneigung geworden. Bis heute ist er der Marke treu geblieben. Für ihn war damals ein Chopper das Ein und Alles. Gegenüber den Harley-Fahrern empfindet er die Guzzisten eher als familiär: „Die haben es noch nie geschafft, ein Prozent der Gesamt-Verkaufszahlen von Motorrädern zu knacken“. Thomas lässt auf die italienische Motorrad-Manufaktur nichts kommen: „Ich habe fünf Guzzis gehabt. Und sie haben mich nie im Stich gelassen.“

Trotz Navi und Bordtelefon: Brüllen macht Spaß

Heute fährt Thomas eine Stelvio. Die „größte“ von Guzzi. „Die Stelvio ist eine Reise-Enduro und hat überhaupt nichts mehr mit einem Chopper zu tun. Die ist für mich fast schon zu hoch.“ Thomas geht an die Sachen nicht stürmisch, sondern immer überlegt und auch zweifelnd ran. Er testet nie die Grenzen aus. Deshalb gefällt ihm auch seine Marke so gut. Denn nach seiner Meinung „reizt Guzzi die Maschinen nie aus“. Die Italiener bleiben einfach beim Zweizylinder. Und mit 1200 Kubik bei 100 PS ergibt sich ein solides Verhältnis – eben nicht überdreht. Sein „Moped“ jault deshalb auch nicht. Dafür fahren die Maschinen dann auch schon mal über 200.000 Kilometer. Thomas´ Augen strahlen. „Denn bei anderen ist bei 50.000 Kilometer Ende der Fahnenstange.“

Mit seiner Guzzi könnte Thomas locker 230 Stundenkilometer fahren. „Aber“, wehrt er mit einer kleinen Handbewegung ab: „Das werde ich nie im Leben machen. Ich fahr´ mal 150, aber nur kurz. Eigentlich fahre ich hauptsächlich Landstraße. Das macht einfach mehr Spaß.“ Bei solchen Touren kommt er höchstens auf einen Schnitt von 50 Studenkilometern. Klar, er hat Navi und Bordtelefon. Aber irgendwie stört ihn das. „Brüllen“ zwischen ihm und seiner angetrauten Sozia zieht er vor. Das Navi versteht er wegen der vielen Nebengeräusche sowieso kaum. Lieber schaut er sich die Gegend an. Und fährt auch schon mal an einer Abzweigung vorbei – bleibt gelassen: „Dann kehre ich eben zurück. Beim Motorradfahren ist das Sich-Verfahren kein Fehler. Es ist eine Chance, eine andere Strecke kennenzulernen, die ich ansonsten nicht gefahren wäre. Hauptsache man kommt irgendwann gut an nach dem Motto: Der Weg ist das Ziel“, demonstriert er seine gesunderhaltene Entschleunigung.

Neustart mit einem Flugsimulator-Programm am PC

Start frei für das gutmütige Trainermodell
Foto: Dieter Buchholtz

So richtig entschleunigt sausen die Objekte seines nächsten Hobbys nicht durch die Gegend. Die erreichen relativ hohe Geschwindigkeiten und jaulen mächtig. Dennoch bleibt Thomas auch dabei zumeist völlig ruhig. Für ihn ist es die reine Entspannung, wenn er seinem Modellflugzeug mit den Augen im Himmel folgt, mit der Fernsteuerung aber sicher den Kurs bestimmt. Irgendwann hatte er sich mal ein Modell gekauft. Das wurde gleich geerdet. Also hat er sich selbst wieder Bescheidenheit und Basiserfahrung verordnet. Es fing auf der Wiese mit einem Gummimotor an. Aber nicht steuern können und immer wieder gerissene Gummis, das nervte ihn. Über den 50. Geburtstag hinaus blieb der Wunsch nach mehr Perfektion bei der Flugtechnik bei ihm hängen.

Sein Freund Rainer und er haben sich ein Trainer-Modell in Flensburg gekauft. Diese Hochdecker lassen sich einfacher fliegen. „Da hängt das Flugzeug eben unten dran und stabilisiert das Ganze“, ergänzt Thomas seine Erinnerung an die Startphase für das Modellfliegen. Das mit dem Einfacher-Fliegen klappte aber nicht sogleich. Beide Männer sind an die Küste gefahren. „Wir haben uns eine einsame Straße gesucht und sind später beide mit unseren kaputten Modellen nach Hause gekommen. Es waren einfach nur zwei Sekundenflüge“, erinnert sich Thomas mit leichtem Schaudern, aber doch entspannt lächelnd. Dafür haben die beiden Bruchpiloten dann stundenlang repariert – danach aber die Dinger weggestellt.

Sein Freund ist aus diesem desolaten Projektstart ausgestiegen. Thomas blieb dran, machte aber noch ein paar Mal neue Bruchlandungserfahrungen. Doch er wäre nicht er selbst, wenn er nicht nach Wegen gesucht hätte, wie er diese quirligen Dinger solide in der Luft halten konnte und sie auch sicher auf den Boden bringt. Er kaufte sich ein Flugsimulator-Programm für den PC. Nach viel Üben hat er dann irgendwann auch einen Rundflug hingekriegt. Dann ist er zu einem Verein in Tarp (Nähe Flensburg) gegangen. Hier fand er hilfreiche Spezialisten, „die sich bereit erklärten, mir zu zeigen, wie es richtig geht.“ Sie hatten teilweise schon 40 Jahre Modellfliegerei auf dem Buckel (oder besser im Nacken). Und es lief richtig gut. Wenn die ihn zum Beispiel nicht erinnert hätten, wäre oben die Batterie in die Knie gegangen. Also hat auch das rechtzeitige Landen ohne Bruch geklappt.

„Andere machen Yoga, ich geh´fliegen“

Multi-Tasking auf der grünen Wiese
Foto: Dieter Buchholtz

Das war für ihn der Durchbruch. Er war „Feuer und Flamme“. Aber es beruhigt ihn auch: „Manche machen eben Yoga, ich geh´ dann fliegen.“ Seine Probleme will er nicht mit auf den Flugplatz schleppen. Wenn das aber mal nicht gelingt, dann „machste ein paar Runden, fliegst drei Batterien leer und bist wieder OK. Das war es dann.“ Manchmal beendet aber auch die Gravitation so einen Flugnachmittag. So ein Absturz ist dann „ein trauriger Zustand“. Es sei schon frustrierend, wenn er sein Modell in mehreren Einzelteilen zusammensammeln muss. Das hat er kürzlich nach dem Austausch der Fernbedienung gemacht. Durch einen selbst verschuldeten Programmierfehler hat er ungewollt die Maschine im Sturzflug senkrecht auf die Betonlandebahn knallen lassen. Er hat dann den Rest seines Urlaubs gebraucht, um das Flugzeug komplett wieder aufzubauen. Ehrensache!

Lachend und mit stolzem Blick ergänzt er: „Es wäre sicherlich einfacher gewesen für 100 bis 200 Euro ein neues zu kaufen. Aber mich packt dann der Ehrgeiz. Ich habe das Ding kaputt geflogen, nun muss ich es auch wieder reparieren. Er lacht in sich hinein. Mit der Repa ratur verbringt er dann schon einige Zeit. Es macht ihm Spaß, wenn die Kiste nachher in der Luft wieder gut funktioniert. Dennoch bezeichnet er sich nicht so richtig als Modellbauer. Er bringt das auf den Dreipunkt: „Ich will auspacken, ein bisschen bauen und losfliegen.“

Sein Maschinenpark mit einem Dutzend Modellen reicht von Minifliegern bis zu größeren Elektroseglern. Die gefallen ihm am besten, weil die „langsam und überschaubar“ sind. Ihm sind die reinen Motormodelle einfach zu schnell. Denn er ist „weder auf dem Motorrad noch am Himmel ein Racer. Ich muss da nicht die Show machen.“

Und dann noch in die Schützengilde Berlin

Nach seinem 50. Geburtstag und bei der Suche nach neuen Wegen stieß er auch wieder auf seine Jugendliebe. Diese Neigung konnte er in West-Berlin vor dem Mauerfall nicht ausleben. Irgendwie scheint ihm dieses weitere Hobby förmlich in die Wiege gelegt worden sein. Damals schon hatte er ein Luftdruckgewehr seines Vaters von 1934. Es funktioniert heute noch. Er hält es in Ehren. Das Gewehrschießen reizte ihn immer stärker. Im Internet fand er das, was er wollte: Die Schützengilde Berlin von 1433. Ein Traditionsverein durch und durch. Mit Luftgewehr und Schießen in der Mannschaft ging es los. Später kam das Kleinkaliber dazu. Auch hier am Abzug legte sich immer wieder so ein beruhigendes Yoga-Gefühl über ihn: „Da gibt es nur dich, das Sportgerät und das Ziel.“

Ihm tat auch dieses Hobby gut. Weniger gut konnte seine Frau diesen Sport verstehen. Aber mit der Zeit, mit den Kontakten im Verein und beim Miterleben der Konzentration in der Schießhalle flachten ihre Vorbehalte ab. Es geht dabei ja auch sehr diszipliniert zu: Stehen in derselben Position über eine Stunde und 15 Minuten, keine Action. In der Ruhe nur das Pitsch bei den Schüssen, 40 Schuss, mehr gibt es nicht. „Ich brauche wegen meines fortgeschrittenen Alters nur 30 Schuss in einer knappen Stunde zu machen.“ Das ist dann schon ein bisschen mehr, als wenn er vor vielen Jahren „auf der Wiese immer wieder nur auf Büchsen geschossen“ hat.

Im Western-Verein schießt Thomas auf Bratpfannen

Thomas posiert in Western-Kluft
Foto: Rainer Schwesig

Ja, und da lehnt sich Thomas lächelnd zurück in den bequemen Stuhl: „Irgendwann bin ich als eingefleischter Westernfan auch noch zu einem Western-Schützen-Verein in Berlin gekommen.“ Über 800 DVD mit Western und eine Bibliothek nur über die Pionierzeit des amerikanischen Westens belegen, dass diese Leidenschaft von Grund auf über Jahre gewachsen ist. Im Western-Verein am Wannsee ist Action angesagt: „Du schießt auf Bratpfannen.“ So nennt er die Klappziele aus Stahl, die eine ähnliche Größe haben. „Da musst du nicht die `10´ treffen.“ Aber selbst für die Präzisionsdisziplinen hat er so dreißig Jahre alte Gewehre – mit Holzschaft, ganz klassisch. Mit seinem hintergründigen Mundwinkellachen ergänzt er: „Man rennt auch in der Western-Kluft rum.“ Immer wieder hat er Probleme, dieses spezielle Hobby seinen Freunden und Bekannten zu erklären: „Ich sag´ dann einfach: Na, gut, wir spielen Cowboy und Indianer.“ Die Bewegung kam in Deutschland erst vor knapp über20 Jahren auf und wurde aus den USA importiert.

Es gibt in dieser Hobby-Cowboy-Welt verschiedene Disziplinen. „Man steigt in kleinen Schritten weiter auf. Damit wachsen auch die Anforderungen an die Kluft. Je höher du kommst, desto originaler muss sie sein.“ Thomas ist von den 1890ern aufgestiegen. In dieser Kategorie ist noch alles relativ frei. Man kann in Jeans ankommen. Jetzt ist er in der 1880er-Klasse: „Da gehen Jeans nicht mehr. Auch kein Reißverschluss. Es müssen möglichst originalgetreue Hemden und Hosen sowie der Cowboy-Hut sein.“ Auch an die Waffen werden höhere Anforderungen gestellt. Es müssen Originale oder deren originale Nachbauten sein. In die 1870er-Klasse jedoch ist er noch nicht vorgestoßen. Da geht es dann mit Percussionszündung über Steinschlossgewehre ins Archaische. Thomas weiß nicht, ob er wirklich so weit gehen will.

Ruhe und Sorgfalt sind oberstes Gebot – auch für Freizeit-Cowboys
Foto: Rainer Schwesig

Denn „zum Schluss“ kommt die in Planung befindliche 1860er-Kategorie. Hier gibt es nur noch Vorderladerpistolen und –gewehre. Es darf nichts vorgeladen werden. Es muss immer im Stehen und nach dem Schießen neu geladen werden. Da ist sehr viel Geschicklichkeit gefragt. Der Hobby-Cowboy muss ersteinmal ein Jahr im Verein sein, um eine Waffe zu beantragen. Dazu kommt eine nicht unaufwändige Sachkundeprüfung beim Landeskriminalamt und Überprüfung der persönlichen Eignung. Denn es gibt bestimmte Auflagen für den, der eine Waffe erwerben will. Auch die sachgerechte Unterbringung ist nachzuweisen. Thomas: „Das ist zunächst einmal ein Weg mit 30 Hürden, die man nehmen muss. Aber da muss man eben durch. Ich wollte das ja. So bin ich eben (lacht). Inzwischen habe ich auch den Wiederlader- und Sprengstoffschein gemacht. Ich darf also Sprengstoff besitzen und selber verladen.“ Gerade beim Westernschießen mit den Originalpatronen ist das sinnvoll. Denn die sollte der Cowboy am besten selber herstellen. Das geht schließlich bis zum Geschosse-Gießen. Das ist im Prinzip ein Nebenhobby. Thomas: „Wie beim Fliegen: Das Modell bauen und dann einsetzen. Hier ist es das Schießen und die Munition selber herstellen.“

2011 war er auf der deutschen Meisterschaft im Western-Schießen in Phillipsburg. Es ist in Deutschland eines der größten, wenn nicht das größte Western-Event. Die deutsche Meisterschaft ist limitiert auf ca. 300 Teilnehmer. Wenn abends gefeiert wird, dann kommen auch die Frauen und Kinder alle in Kostümen. Thomas Augen leuchten: „Da könntest du sofort einen Film drehen. Du bist mitten in einer Filmkulisse.“ Und er findet sich in der Westernluft einfach wohler, weil er „kein Schlipsträger ist.“

Tauchen ist Raumfahrt des kleinen Mannes

Thomas ist jetzt so richtig aufgetaut. Seine Stimme ist weicher, er ist tief eingetaucht in seine Hobby- und wohl auch ein Stück Gefühlswelt. Fast mit leicht enttäuschten Unterton interveniert er bei meinen Anstalten, das Aufnahmegerät abzuschalten: „Über Tauchen haben wir noch gar nicht gesprochen.“ Mir fällt nichts Besseres ein als: „Na, dann mal ran….“ Mit diesem Wassersport hat Thomas noch vor seinem 50. Geburtstag angefangen. Er verrät, dass er in jungen Jahren eigentlich zur Raumfahrt wollte. Es hatte aber nicht geklappt und nun tröstet er sich mit „Tauchen, der Raumfahrt des kleinen Mannes.“ Mit der Aufmunterung durch einen Freund konnte er die bisherigen Klippen zum Neustart eines weiteren Hobbys überwinden und einfach anfangen. Der Freund kannte einen Lehrer in Kappeln, der früher Ausbilder bei den Minentauchern der Bundeswehr war.

Thomas und Sohn Cecil vor einem Tauchgang

Seinen Sohn Cecil hat er gleich mit angemeldet, weil man nicht alleine tauchen darf, sondern immer einen sogenannten „Buddy“ dabei haben muss. Den Tauchschein haben sie 2003 in der Ostsee gemacht. Thomas meint: „Wer hier zu recht kommt, für den ist dann im Mittelmeer oder auf den Malediven zu tauchen völlig `éasy´ – also fast wie im Aquarium.“ Und da ist auch gleich wieder sein Ehrgeiz: „Eigentlich will ich alle fünf Scheine machen, bis zum Tauchlehrer. Zwei hat er zusammen mit seinem Sohn schon. Tauchlehrer will er zwar nicht werden, auf jeden Fall möchte er aber alles mindestens 100prozentig richtig machen – und es soll sicher sein. „Auch beim Motorrad fahren mache ich jedes Jahr meinen ADAC-Kurs. So ist es auch beim Tauchen. Ich will möglichst viel darüber wissen. Ich möchte immer wieder nach Hause kommen.“ Da lässt er keinen Millimeter locker.

Und noch altes Blechspielzeug und Filmen und… – Stress?

Überwiegend taucht Thomas nur mit seinem Sohn – immer auf zwei bis drei Armlängen Abstand. Sie verstehen sich eben auch unter Wasser blind. Dazu braucht es nicht viele Worte. Er findet es schön, ein gemeinsames Hobby zu haben, das völlig konkurrenzfrei läuft. Trotzdem nervt es ihn, dass sein Sohn mit der Luft viel länger auskommt als er selbst. Seinem erhöhten Blutdruck scheint es auch gut zu tun: „Wenn ich da ausgepumpt rauskomme, dann ist der fast unten und eher zu niedrig. Ganz erstaunlicher Effekt.“ Mit einem freien Lachen ergänzt er: „Eigentlich müsste ich immer tauchen.“ Dennoch ist es für ihn im Moment eher ein Hobby, „das unten schwimmt.“

Es gibt da noch die Sammelleidenschaft mit dem alten Blechspielzeug und…und… Er hat das Berufliche konsequent runtergefahren und seine Hobbys hochgefahren. Ich will wissen, ob ihn auch hier seine Perfektion und die Vielzahl der Beschäftigungen nicht schon wieder stressen? Thomas zögert etwas mit der Antwort. Aber dann gibt er zu: „Ja, ich habe manchmal Stress.“ Und Stress tut ihm generell nicht gut. Besonders die Wettkämpfe beim Schießen schlagen dabei zu Buche. Einerseits, weil man an denen natürlich teilnehmen möchte, dafür trainiert man schließlich intensiv, andererseits, weil er an denen teilnehmen muss, um seine Waffenberechtigung zu behalten. Insgesamt aber hat er die Sachen bereits etwas runtergefahren: „So lasse ich schon mal die eine oder andere Meisterschaft aus, wenn ich mich nicht richtig vorbereiten kann und sie für den so genannten Bedürfnisnachweis nicht unbedingt mehr brauche.“ Aber Sportwart im Schützenverein wird er wohl bleiben. Er hat den Schlüssel und muss immer da sein, wenn die Kameraden auf den Schießstand wollen.

In den letzten Jahren ist Thomas insgesamt deutlich entspannter geworden: „Wenn Du so viel Sachen machst, dann kannst du nicht alles gleichmäßig oft machen…“ Und vielleicht auch deshalb kommt seine Frau inzwischen mit seinen vielen Hobbys auch besser klar.

Ach ja, da ist auch noch das Filmen. Mit seiner professionellen Kamera, einer schon ausgefeilten Schneide- und Vertonungskunst, der mustergültigen Archivierung dokumentiert er so ganz nebenbei die Verbindung von Familie und Hobby – ein Balance-Akt zwischen seinem restlichen Berufsleben und dem weit gefächerten Privatleben. Er hat es geschafft und kann abheben, abtauchen und cruisen. Zuweilen ist das Leben dann eben auch zum Schießen.

Dieter Buchholtz

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