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Klassischer Übergang

Hat der Übergang vom Berufsleben in den so genannten Ruhestand ihr Leben verändert? Haben jene, denen dieser Einschnitt noch bevorsteht, Sorge, vielleicht sogar Angst davor? Oder schaut der Eine oder die Andere möglicherweise auch mit gespannter Erwartung auf das „Abenteuer Rente“? rantlos hat ganz unterschiedliche Menschen mit ganz unterschiedlichen Lebensläufen gefragt. Die Antworten sind entsprechend verschieden ausgefallen. Wir veröffentlichen sie in zeitlich kurzen Abständen.

Prof. Dr. Reinhold Viehoff (Jahrgang 1948)

Werdegang:

Prof. Dr. Reinhold Viehoff
©SeppSpiegl

 I. und II. Staatsexamen, Lehrer für Deutsch, Religion und Sozialwissenschaften am Aloisiuskolleg in BonnBad Godesberg bis 1980.

Seit 1981 Forschungsassistent am L.U.M.I.S-Institut in Siegen.

 Promotion in Literaturwissenschaft (1980) und Habilitation in allgemeiner Literaturwissenschaft und neuer deutscher Literaturwissenschaft in Siegen 1991.

Seit 1995 Universitätsprofessor für Medien- und Kommunikationswissenschaft an der Martin-Luther-Universität in Halle-Wittenberg.

Gründungsdirektor des Instituts für Medien- und Kommunikationswissenschaft und von HALESMA. A.N.D. (Hallesche Europäische Schule für Multimediale Autorenschaft, Alfred Neven-Dumont).

2005 – 2010 Dekan der Philosophischen Fakultät 2.

Herausgeber der internationalen Zeitschrift SPIEL (Halbjahresbände, seit 1981, erscheint im P.Lang Verlag Frankfurt/M. – New York – Tokio)

Mitglied in zahlreichen wissenschaftlichen Vereinigungen.

Publikationsschwerpunkte Medientheorie. Mediengeschichte, Rundfunk und Fernsehen, Mediengenres, Ikonographie, Medienpsychologie.

Verheiratet, drei Kinder.

 

rantlos: Hat sich der Übergang aus dem Berufsleben in den so genannten Ruhestand bei Ihnen „klassisch“ (also mit Erreichen der Altersgrenze) vollzogen, oder sind sie – gesundheitsbedingt oder selbstbestimmt über Altersteilzeit – vorzeitig gegangen?

Viehoff: Das ist ganz klassisch mit 65 Jahren bei mir gewesen, oder – wenn man so will – besonders klassisch angesichts der inzwischen geltenden Verlängerungen der Lebensarbeitszeit: Statt im Januar 2013 dann erst Ende März 2013.

 rantlos: Hatten Sie Sorgen vor dem neuen Lebensabschnitt. Etwa Angst vor dem   „schwarzen Loch“ oder die Befürchtung, nicht mehr gebraucht und zum „alten Eisen“ geworfen zu werden?

Viehoff:  Bei meinem Beruf war diese Sorge eher gering, denn Vieles von dem, was ich vorher getan habe, mache ich auch weiterhin. Allerdings habe ich mich nicht darauf eingelassen, ein oder gar zwei Jahre zu verlängern. Den Termin, eine solche Verlängerung zu beantragen, habe ich im Oktober 2012 willentlich verstreichen lassen. Das hätte nämlich bedeutet, dass ich alle Lehrverpflichtungen weiterhin gehabt hätte, also regelmäßig während der Woche. Ich mache zwar in diesem Sommersemester noch ein Seminar für den Masterstudiengang, aber ansonsten bin ich aus der Lehre ausgeschieden. Das ist einerseits schade, weil der Umgang mit den Studierenden jung hält, aber  andererseits auch wieder nicht schade, weil – wenn ich es will – ich jetzt wieder mehr Zeit für Forschung und selbstbestimmte Lektüre habe.

rantlos:   Haben sich die Sorgen bewahrheitet, oder haben Sie – im Gegenteil – vielleicht sogar neue Freiheiten und bis dahin ungekannte Möglichkeiten erfahren?

Viehoff: Da meine Sorgen allemal nicht so groß waren, musste ich auch keine Sorge um die Sorge haben. Ich habe noch eine ganze Reihe junger Wissenschaftler, die ihre Promotion zu Ende schreiben wollen. Darauf kann ich mich jetzt bei der Betreuung mehr einlassen. Da die Betreuung von Promotionen mit das Sahnehäupchen in meinem Beruf ist, lebe ich also eigentlich sehr gut mit diesen neuen Möglichkeiten. Die angesprochenen Freiheiten stellen sich fast von alleine her; am meisten dadurch, dass der Tag jetzt einfach kaum mehr mit „fremdbestimmten“ Terminen beladen ist.

rantlos:  Hatten Sie sich gezielt auf die bevorstehenden Veränderungen vorbereitet? Wenn ja – allein, mit der Familie, mit Freunden oder professionellen Beratern?

Viehoff: Nein, ich habe mich auf dieses „Ende“ kaum vorbereitet. Natürlich war dann am Ende doch schon viel Emotion dabei, ein Institut, das man aufgebaut hat und das jetzt  inzwischen vier Professoren und dreißig bis vierzig Mitarbeiter beschäftigt, so einfach loszulassen. Aber da gibt es ja eine ganz pragmatische Erleichterung bei solchen Gefühlen: niemand ist unersetzbar. Das merkt man sehr schnell.

rantlos: Welchen Stellenwert hatte „die Arbeit“ früher in Ihrem Leben eingenommen?

Viehoff: Ich arbeite seit langen Jahren, eigentlich seit 1981, immer an Universitäten: Zuerst in Siegen, dann in Halle – neben anderen Gastaufenthalten. Das hat dazu geführt, dass meine „Arbeit“ immer an drei, vier oder fünf Tagen mit diesen Orten verbunden war, ich also viel Zeit dort hatte, um viel zu tun. Die Familie war derweil in Bonn. Niemand in der Familie würde allerdings zustimmen, wenn ich damit sagen wollte, ich wäre dann am Wochenende völlig ohne „Arbeit“ gewesen, auch wenn ich mir das gerne selbst eingeredet habe. Also, diese Arbeit, die ich hatte, war schon sehr schön und spannend, ausfüllend und zufriedenstellendmeistens jedenfalls.

rantlos:  Hatten Sie vielleicht einen Lebenstraum, den Sie sich jetzt erfüllen konnten?

Viehoff: Einen Lebenstraum, also so etwas ganz Emphatisches, völlig Neues, etwas was ich immer vermisst habe und jetzt endlich machen kann und will? Nein, das ist die falsche Frage für mich. Meinen Lebenstraum habe ich eben bisher  – mit den Abstrichen, die der Alltag mit sich bringt – in meinem Beruf und mit meiner Familie verwirklicht. Aber vielleicht führt ja die „neue Zeit“ dazu, dass auch neue Träume aufkommen? Das kann man nicht ausschließen.

rantlos: War der Eintritt in den Ruhestand mit – möglicherweise sogar deutlichen – finanziellen Einbußen verbunden?

Viehoff: Ja, das ist wohl bei den Meisten so. Allerdings fallen für mich jetzt auch Kosten weg, doppelter Wohnsitz, viele Dienstreisen etc. Um mit Herrn Steinbrück zu klagen: So viel wie ein Sparkassendirektor wohl hat, habe ich nicht. Aber die Einschnitte lassen sich zur Zeit noch verkraften.

rantlos:  Ohne Zahlen zu nennen – wie setzen sich strukturell Ihre jetzigen Einkünfte zusammen? Z. B.: Rente/Pension, Immobilienbesitz, Mieteinnahmen, Aktien und Anlagen…

Viehoff: Etwa 80 Prozent Rente/Pension, ca. 20 Prozent Mieteinnahmen, Anlagen.

rantlos:  Wie schätzen Sie Ihre jetzige Lebens-Situation ein? Sehr gut, gut, ausreichend, schlecht?

Viehoff: Sehr gut bis gut.

rantlos: Was erwarten Sie, mit Blick auf die Zukunft, von „der Politik“?

Viehoff: Ich glaube, dass ich mich wohl politisch wieder mehr engagieren muss, das ist in den letzten drei Jahrzehnten zu kurz gekommen. Ich denke, dass dieses Gefühl, wenn ich die Bilder von Stuttgart 21 so vor mir sehe, generationstypisch ist. Die „baby boomer“ und 68er, die jetzt Rentner und Pensionäre sind, haben ja irgendwelche Erfahrungen damit gemacht, dass man durch Protest und Widerstand, durch bürgerschaftliches Engagement und Verwertung der eigenen Erfahrungen schon mal etwas sozialen Wandel bewirken konnte. Ich nehme an, wenn ich so denke, denken wahrscheinlich viele andere das auch. Mal sehen, ob das gute Erfahrungen werden.

Ku.

 

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    Den Übergang von langer Hand vorbereitet. Axel Stadler hat sich in Abstimmung mit der Familie sorgfältig auf den neuen Lebensabschnitt vorbereitet. Trotz Einbußen in der Altersvorsorge gute Lebensumstände. Von der Politik erwartet er auch mal Mut zum absetzen geplanter Maßnahmen.
    Tags: rantlos, war, ruhestand, hat, übergang, habe, gut, sorgen, haben, familie
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    Nicht allen fällt der Übergang in den "Ruhestand" so leicht wie Joachim Bröring. Seine Frau, Marlena Voiss, ist ein Beispiel dafür. Inzwischen ist es für beide "gut so, wie es ist".
    Tags: rantlos, gut, haben, habe, war, so, immer, mich, mehr, für


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