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Bühne ist überall

Zwischen Oper, Musical und Kreuzfahrt: Ein Lebenskünstler

Erstmalig gesehen habe ich ihn im Bonner Musical „The Rock’n’Rollator-Show“. Es war ein musikalischer Abend über die Lust und die Schrecken des Alters. Er war der mit den langen grauen Haaren – zum längeren Pferdeschwanz gebunden. Lagerfeld ließ entfernt grüßen. Aufgefallen war mir seine Quirrlichkeit auf der Bühne inmitten anderer Seniorinnen und Senioren. Ich wollte ihn näher kennen lernen.

Christian Pütz in seiner Arbeitsbibliothek
Foto: Dieter Buchholtz

Erster Kontakt Tage später über Telefon. „Klar können Sie für ein Gespräch vorbeikommen“, war seine spontane Antwort. Eine Woche später. Christian Pütz (67) öffnet die Haustür. Im Flur: Baustelle um ihn herum. Wir klettern die Treppe hoch. Er stößt die Tür zu seinem Wohn-Reich auf. Vor uns die lichtdurchflutete Atelierwohnung. Mitten drin eine ausladende Treppe ins nächste Stockwerk. Spontaner Eindruck: Geordnetes Chaos mit ästhetischem Wohlfühlcharakter.

Christian redet mitreißend nahtlos und führt mich durch sein eigenwilliges Lebensbiotop. Nach seiner Pensionierung und einer nervigen Bauphase hat er sich hier eingenistet. Beobachtet wird das Ganze von einer jüngeren Dame, die sich lässig vor einem farbigen Objekt in einem modernen Designer (Klassiker)-Stuhl räkelt. Sie schweigt ihn an, sie schweigt aber auch mich an. Der Mathematiker lächelt in einer Art rheinischer Verschmitztheit: „Ich bin bekennender Single. Die Dame habe ich, damit ich nicht so alleine bin.“ Ich gebe der stillen Beobachterin vorsichtig die Hand. Keine Regung. Sie ist eben nur eine modern gekleidete Schaufensterpuppe.

Als Mathematiker zwischen Medizinern an der Bonner Uni

Immer wieder mahnt er mich aufzupassen und nicht über auf dem Boden liegende Bücher, Papierstapel zu stolpern oder auf übereinander geschichteten Plastikhüllen auszurutschen. Vorbei an seiner überquellenden Bibliothek, dem Modell seines generationsübergreifenden, aber immer noch nicht realisierten Wohnprojektes landen wir am großen runden Esstisch. Er bereitet den Tee. Mich von der Seite beobachtend, errät er die Ratlosigkeit meines Blickes auf die große alte Operations-Lampe über mir. Er lacht: „Vor meiner Pensionierung habe ich als Mathematiker intensiv mit Medizinern in der Bonner Uni zusammengearbeitet. Es ging um Statistik. Die Lampe ist mal bei einer Modernisierung für mich abgefallen.“ Abgefallen ist das schwere Ding in der Wohnung aber glücklicherweise noch nicht.  Die Nachbarn hatten vermutet, dass hier eine Arztpraxis einzieht.

Aufmerksam bietet er mir eine Palette von Möglichkeiten, den frisch eingegossenen Tee meinem Geschmack anzupassen. Beim Füllen seiner Tasse kommt er auf die ihn seit geraumer Zeit begleitende Situation des Übergangs in den so genannten Ruhe- oder auch Unruhestand zu sprechen: „Jeder macht sich ja ab einem gewissen Alter Gedanken, wie das so ist, wenn man pensioniert wird. Irgendwelche Vorstellungen, Fragen, Wünsche müssen dann bewegt werden.“ Ihn hatte der drohende Ausstieg aus dem Beruf nicht sonderlich erschreckt. In den vergangenen zwei Jahren konnte er nun das vor dem Rentenschnitt Gedachte umsetzen. Der Ausstieg aus dem Berufsalltag war für ihn nicht abrupt. Noch heute bietet er in der Uni-Klinik Bonn Seminare an. Neben vielen anderen Plänen und Projekten hat er vor, auf dem Nebengrundstück ein 16-Parteien-Haus für generationsübergreifendes Leben zu bauen. Und Bauen allgemein hat für ihn durchaus Reiz, war doch sein Vater Architekt. „Vielleicht habe ich von dem ein halbes Gen mitbekommen“, vermutet Christian Pütz.

Als Sanitäter in der Oper und als Galerist im Séparée

Beim bewegten Hinübergleiten in den Ruhestand half der in jeder Minute sprühenden rheinischen Frohnatur auch ein ungewöhnlicher Mini-Job: „Ich bin in der Oper Sanitäter.“ Mein erstauntes Gesicht geht in wissendes Lächeln über, als er mir erklärt, dass er vor vielen Jahren an wenigen Wochenenden so eine Art Kompaktausbildung gemacht hat. Als Opernliebhaber konnte er so an vielen Proben und Aufführungen teilnehmen. „Was Schöneres gibt es nicht. Und ich werde über diesen Weg sogar immer mehr Wagner-Liebhaber“, erklärt Christian. Die erste Oper in seiner Nebenfunktion war „La Bohème“. Und sofort schaffte er auch noch den Sprung als Statist auf die Bühne. Er bekam die Rolle eines Galeristen, den es in der Originalfassung der Oper gar nicht gibt. Auf diese Weise durfte er – als Teil der Handlung – mit der Sopranistin Julia Novikova, eine der beiden Hauptdarstellerinnen, in den Kulissen in einem Séparée verschwinden. Ein Foto mit ihnen gemeinsam gegenüber an der Wand erinnert an diese Glanz-Zeit des frisch gebackenen Statisten.

Bonner Inszenierung von „The Rock´n Rollator“

Irgendwann aber war seine Bohème-Karriere vorbei. Er blieb dennoch in der Kartei des Oberstatisten. Und so lernte er auch den musikalischen Leiter der Bonner Oper, Michael Barfuß, kennen. Der hatte einen Generationenchor aus der Taufe gehoben. „Als Sanitäter konnte ich mir ansehen, wie hier fetzige Songs auf die Bühne gebracht wurden. Da wollte ich mitmachen“, erzählt Christian. Es dauerte ein paar Wochen, bis Barfuß sein O.K. gegeben hat. „Ich durfte ins Team, musste aber 15 Liedtexte lernen, die die anderen ja schon gut drauf hatten. Vom Hören ging das relativ leicht, weil wir die Titel ja alle aus unserer Jugend kannten“, erinnert sich Pütz. Verraten hatte er zunächst keinem, dass er in der Schule schon nach zwei Stunden aus dem Schulchor geflogen war. Er wollte damals „lieber Fußball spielen.“ Diese Rock´n´Rollator-Show am Theater Bonn ist richtig gut eingeschlagen, wurde verlängert und auch in die neue Spielzeit aufgenommen. „Alle sind Feuer und Flamme“, berichtet der vitale Junggeselle. Mit im Ensemble spielen und singen sechs junge Damen. „Wenn wir Alten versagen, dann reißen sie die Geschichte wieder raus“ weiß der Chor-Neuling zu berichten.

Und auf Michael Barfuß lässt er nichts kommen: „Wir werden durch seine Professionalität dahin geschubst, wie es auf der Bühne funktioniert.“ Auf der Bühne stehen 30 Leute und die Band. Im Zuschauerraum sitzen die Enkelinnen und Enkel der Kolleginnen und Kollegen. „Wenn jeder seine drei Enkel mitbringt und noch Oma, Opa und Tante, dann ist der Saal voll für drei Abende.“ Nach Aussagen von Christian nehmen sich die Alten alle Zeit der Welt für die Chorarbeit: „Wenn wir nicht wirklich halb tot im Bett liegen mit Hexenschuss oder was, dann sind wir alle da. Das macht einfach Spaß.“ Der Erfolg gibt ihnen recht.

Angeheuert als Eintänzer auf der „Queen Mary 2“

Eine weitere Leidenschaft, die Christian ins Rentnerdasein hinüber retten wollte, ist das Reisen. Eine kleine Kette von Zufällen führte ihn zu einem ähnlich geschickten Schachzug wie die Sache mit dem Sanitäter. „Eigentlich kam das durch meinen Frust an diesem Umbau.“ Er wollte sich einfach mit ein paar vom Baugeld abgezweigten Euro von diesem Stress erholen. Mit seiner Schwester und ihrer Freundin ging es auf Kreuzfahrt in den Pazifik. Das mit Erholung, Sonne und Buch lesen klappte hervorragend. Die beiden Frauen hatten genügend Zeit für ihre Interessen. Und Christian ging ohne Diskussion öfter gemütlich und völlig entspannt ein Bierchen trinken. Genau hierbei lernte er einen so genannten Gentleman Host kennen. „Dessen Job war es, allein reisende Damen auf der Kreuzfahrt zu unterhalten. Dazu gehörte nicht nur Small Talk, sondern vor allen Dingen Tanzen.“ Der Eintänzer gab ihm die Adresse der Agentur, bei der er angeheuert hatte. „Die Telefonnummer blieb“, erinnert sich Christian, „fünf Jahre in meinem Aktenschrank liegen. Beim Umzug ist sie wieder nach oben gerutscht.“

Nach dem Umzug in dieses Haus hat er die Agentur angemailt. Zu seiner Überraschung haben die sofort geantwortet. Die suchten jemanden – heute wohl mehr denn je. Eintänzer sind wieder im Aufwind. „Es gibt wohl nicht so viele alte Herren, die noch tanzen wollen“, vermutet der Eintänzer im Nebenjob. Der eigentliche Nichttänzer Christian rutschte so in eine florierende Marktlücke hinein. Beurteilt wurde er vom Hotelchef und der Entertainment-Chefin des Kreuzfahrtschiffes. Dass er bestanden hat, führt er in aller schmunzelnden Bescheidenheit darauf zurück, „dass die wohl Not haben“. Er habe aber mit seinen Fremdsprachen-Kenntnissen, seiner Lebensgewandheit und als unterhaltsamer Gesprächspartner so schlecht nicht abgeschnitten. „Worüber unterhält man sich denn an Bord in der Bar?“ will ich wissen. „Über alles Mögliche. Wie in der Kneipe. Man lässt beim Tanzen ein Gespräch eher an sich herantragen“, verrät mir der Bord-Jobber. „Was anderes ist es“, sagt der Bonner, „wenn man sich auf dem Sonnendeck, am Pool oder an der Bar trifft. Denn wir sind ja nicht nur zum Tanzen da.“

Pütz heuert immer wieder auf Luxus-Linern als Gentleman Host an

„Sein“ Schiff ist die „Queen Mary 2“. Abends haben die Gentleman Hosts Schicht. Das sind drei, manchmal auch vier Stunden bei Mottobällen. In unmittelbarer Nähe der Tanzfläche sitzen dann so etwa hundert Frauen. Als Besonderheit schmückt sich die „Queen Mary“ immer damit, dass sie den größten Ballsaal auf den Weltmeeren hat. Und manche Damen machen die Reise genau wegen dieses besonderen Ballsaales. Aber auch vormittags müssen die Gentleman Hosts zur Verfügung stehen. Dann geben die Tanzlehrer Unterricht. Sie brauchen Unterstützung für Single-Damen.

Luxus ist Bordalltag – Für Christian bleibt die Mannschaftskabine

Die Gentleman Hosts sind so zwischen 55 und 75 Jahre alt. Auf der Transatlantik-Route sind es überwiegend Engländer. Sie alle sind streng gehalten, nach jedem Tanz die Dame zu wechseln. Christian sieht es – vor allen Dingen am Anfang – als die schwierigste Aufgabe an „genau zu beobachten, mit wem man schon getanzt hat.“ Denn die Damen registrieren das ganz genau. Auf jeder Reise führt das immer wieder zu Stress. Christian sagt: „Auf so einem Kreuzfahrtschiff spiegelt sich genau das wider, was wir hier an Land draußen vor der Tür sehen. Ob Sie zum Bäcker gehen oder auf dem Schiff rumfahren. Es gibt tolle Menschen, es gibt faszinierende Menschen. Genauso gibt es aber Leute, mit denen ich nicht unbedingt ein Bier trinken wollte. Dann sagt man eben: Ich habe keine Zeit.“ Zeit hatte er aber für eine der netteren Damen. Sie war 94 Jahre alt und jeden Abend auf der Tanzfläche. Christian erinnert sich: „Die wollte sogar tanzen, als das Schiff bei Sturm etwas schaukelte. Da war mir schon ein wenig flau. Ihr aber nicht. Da habe ich gesagt: Wir können einen langsamen Walzer tanzen. Und so haben wir es dann auch gemacht.“

Die Passagiere geben teilweise bis zu 100.000 Euro für eine Kreuzfahrt aus. Für sie ist Luxus Bordalltag. Wie luxuriös ist dagegen Christian untergebracht? „In der Mannschaftsdoppelkabine“ antwortet Christian trocken. „Eigentlich bin ja nicht so scharf darauf, jemandem beim Schnarchen zuzuhören. Aber meistens hat sich das in erträglichen Grenzen gehalten.“

Was nimmt er denn jedes Mal mit nach Hause? „Mich faszinieren eigentlich immer die Menschen.“ Am Anfang und Ende fühlt man sich wieder ein bisschen freier. Dieses Wechselspiel findet er schön. „Man kann ja auch zwei Wochen in New York bleiben“, erinnert er sich insbesondere an seine erste Reise vom englischen Southhampton aus. Noch liegt auf seinem Schreibtisch eine nicht eingelöste Eintrittskarte für die Metropolitan Opera. Als Opern-Fan hatte er sich damals von zu Hause aus eine Karte gekauft. Ihm war nicht klar, dass zum Besuch der Met einfach keine Zeit blieb. Der Genuss, die russische Opernsängerin Anna Netrebko zu hören, blieb ihm versagt. „Ich hatte mir also eine teure Karte gekauft, habe die Oper aber nie gesehen“, trauert er dem Verlust heute noch nach.

Der Deal ist fair – Der Weg bleibt das Ziel

Apropos Geld. Ist der Job einigermaßen bezahlt? „Nee, der ist gar nicht bezahlt. Im Gegenteil: Wir müssen noch 30 US-Dollar pro Tag hinlegen. Ansonsten sind aber frei: Anreise, Getränke, Essen. Der Deal ist schon fair“, lässt der Lebensgenießer und –gestalter verlauten.

Mathematiker Pütz vor „seinem“ Familien-Gemälde
Foto: Dieter Buchholtz

Der Tee ist alle. Synchron stehen wir auf. Wir laufen an dem großen Bild vorbei, das Christian aus der Erinnerung und mit Hilfe eines Fotos nachgemalt hat. Es hatte ihn Jahre vorher in einer Ausstellung von körper- und geistig behinderten jungen Menschen sehr beeindruckt. Es zeigt seine Familie. „Und der Kleinste, das bin ich.“ Auch zur Kunst hatte Christian schon immer eine innige Beziehung. „Obwohl ich Mathe- und Physik-Leistungskurs hatte. Die Kunstlehrerin mochte ich. Der habe ich viel zu verdanken. Gemalt habe ich eigentlich immer viel. Leider mache ich das nicht mehr, weil es zu viele andere Ideen gibt.“ Und genau das macht sein Leben so herrlich bunt und vielfältig.

Ich will wissen, wie sein Lebensgefühl ist, wenn er zurück und nach vorne schaut. „Na, Sie stellen Fragen. Der Weg ist doch das Ziel. Ich stelle nicht bestimmte Forderungen an das Leben, nicht Erwartungen, sondern ich lebe im Jetzt und nutze meine Erfahrungen, die ich habe,“ lässt er mich wissen, immer begleitet von seinem tiefgründigen Lächeln. Was lerne ich aus der Jugend? Dass man sich damals viele Gedanken einfach nicht gemacht hat. Deshalb war wohl auch Vieles so schön. Davon kann und will er sich Einiges rüber nehmen. Er hat sich gesagt: „Ich lasse das Leben ein bisschen fließen.“

Seine Philosophie findet er auch immer wieder im Alltag bestätigt: Denn das Besondere seiner Generation sei doch, dass sie teilweise immer mutiger werde und auch an sich selbst denkt. Sie stehe einfach nicht mehr beliebig zur Verfügung. Sie möchte das eigene Leben noch deutlich gestalten – und nicht der Beliebigkeit unterstellen, beispielsweise dem Zeitkalender des Nachwuchses. „Ich finde dies eine gesunde Entwicklung. Die Kinder mögen lieber Leute, die sagen, nö, ich bin jetzt unterwegs…“, zieht Christian einen Schlussstrich unter den gedanklichen Ausflug in das Lebensgefühl dieser aufwachsenden neuen Generation.

Christian Pütz lässt keine Stufe in seinem bunten Pensionärsleben aus
Foto: Dieter Buchholtz

Schnell mache ich ein Foto von ihm auf der Treppe nach oben, dort, wo die Staffelei mit einem Bild steht. Dann stehen wir wieder an der Tür zur Baustelle im Haus. Vorbei geht es an Farbtöpfen, Zementsäcken und Maurerwerkzeug. Die Tür fällt ins Schloss. Christians Kreativität, Lebensfreude, Neugier und das Anpacken von Projekten und Plänen haben mich beeindruckt. Mein stilles Resümee: Er hat den Übergangsschnitt und-schritt vom Arbeitsleben in den Unruhestand elegant hinbekommen. Meine Bewunderung für ihn bleibt stiller Begleiter auf dem Weg nach Hause.

Zu Hause erreicht mich als Nachklapp eine Mail von Christian. Er schreibt nur in Kleinbuchstaben: „In meinem nächsten Leben avanciere ich vom Hobby- zum Berufspiloten, im dritten werde ich Dirigent, auch wenn ich im letzteren Fall verhungern werde…“. So ist er eben: Immer weit in die eigene Zukunft gelehnt. Ein Leben reicht ihm offensichtlich nicht.

Dieter Buchholtz




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