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Malawi statt Mallorca

Senior Experten Service: Deutsche Rentner als Helfer weltweit heiß begehrt

Eine Lobrede des Chefs. Aufmunterndes Schulterklopfen durch die bisherige Kollegenschaft. Umtrunk. Schluss aus. In den so genannten Ruhestand entlassen. Nach vierzig, fünfzig Jahren Berufstätigkeit. Von sofort an der Kategorie „Senioren“ zugeordnet. Bange Gefühle beim Gedanken an die Zukunft. Wird man wohl noch irgendwie gebraucht? Fühlt man sich selber noch zu irgend etwas nütze? Oder werden womöglich allein Rasenmähen, Fernsehen oder gar nur noch das Beobachten und Füttern von Eichhörnchen von der Parkbank aus die Tage bestimmen? Fast in jeder Familie tauchen diese Probleme auf, für Psychotherapeuten sind sie an der Tagesordnung. Der „Rentenschnitt“ – also das Ende der beruflichen Erwerbstätigkeit – ist eben nicht nur (vielleicht nicht einmal in erster Linie) ein finanzieller und wirtschaftlicher Einschnitt, sondern auch eine mitunter radikale Umkehrung des gewohnten Lebens-Rhythmus´. Bei Vielen folgt der berüchtigte „Sturz in das Loch“, die gefährliche Zeit der Sinnkrise.

In über 160 Ländern tätig

Auslandseinsätze 2011/2012

Auslandseinsätze 2011/2012

Für den Bäcker und Konditor Ulrich Rabener, den Produktions- und Vertriebs-Spezialisten Eckhard Hornberg, die Berufsschullehrerin Christa Naujack oder den Diplomingenieur Wilfried Bayer stellen sich solche Fragen nicht. Gewiss, sie sind sämtlich auch Rentner. Aber sie erleben, wie begehrt man sein kann, wenn man bereit ist, sein über Jahrzehnte erworbenes Fachwissen weiter zu geben. Und zwar weltweit. Damit sind sie keineswegs allein, sondern gehören zu den mittlerweile rund 11 000 „Ruheständlern“, die rund um den Globus lehrend, beratend, anregend und weiterbildend tätig sein wollen. Ehrenamtlich! Sie möchten die Hände nicht in den Schoß legen, sondern haben angeheuert beim SES. Hinter diesem Kürzel steht der in Bonn ansässige  „Senior Experten Service“. Vor dreißig Jahren gegründet, ist der SES heute die führende deutsche Organisation zur Entsendung von eigentlich im Ruhestand befindlichen Fach- und Führungskräften.

Im Gespräch mit rantlos erläutert Bettina Hartmann, Leiterin der Abteilung „Experten“ beim SES, welche Bewandtnis es mit dieser außergewöhnlichen Organisationhat, wer sie trägt, aus welchen Kreisen sich das „Personal“ rekrutiert und wie  die Einsätze der „Rentner-Profis“ ablaufen.

Bettina Hartmann

Bettina Hartmann

rantlos: Was ist, auf einen kurzen Nenner gebracht, der Senior Expert Service – abgekürzt SES?

Hartmann: Nüchtern ausgedrückt, ist der SES eine Einrichtung, die von den Spitzenverbänden der deutschen Wirtschaft getragen und von der öfffentlichen Hand unterstützt wird. Er bietet interessierten und mit profundem Fachwissen ausgestatteten Ruheständlern die Möglichkeit, ihre während des langen Arbeitslebens erworbenen Kenntnisse im Ausland, aber auch daheim weiterzugeben. Weniger bürokratisch  gesagt: Wir bieten all denen eine Plattform, die ihre beruflichen Erfahrungen mit Erreichen des Rentenalters nicht verpuffen lassen wollen, sondern dieses Können dort einsetzen möchten, wo es dringend benötigt wird. Da dies in erster Linie in Entwicklungs- und so genannten Schwellenländern der Fall ist, sollte logischerweise auch eine Portion Mut, Abenteuerlust und die Bereitschaft vorhanden sein, für eine gewisse Zeit auf den gewohnten Komfort zu verzichten.

rantlos: Also Malawi statt Mallorca, Hütte statt Hotel, Wassereimer statt Whirlpool?

Bettina Hartmann

Bettina Hartmann

Hartmann: Das trifft es ziemlich genau. Und dazu ist diese Tätigkeit auch noch ehrenamtlich. Wenn unsere Senior-Experten – immer nur auf Anforderung – hinaus geschickt werden, übernimmt der jeweilige Auftraggeber die Kosten für Reise, Unterbringung und Verpflegung. Hinzu kommt ein, nach den örtlichen Gegebenheiten bemessenes, kleines Taschengeld von ein paar Euro täglich. Selbstverständlich sind die Senior-Experten für die Dauer ihres Einsatzes über die Gruppenversicherung des SES versichert. Im Übrigen gilt grundsätzlich: Wer für den SES hinaus geht, darf damit weder für sich noch für Dritte einen kommerziellen Nutzen verfolgen und muss sich jeglicher politischer Tätigkeit enthalten.

rantlos: Wie ist denn Ihre Personalsituation? Können Sie sich vor rüstigen jungen alten Rentnern nicht retten, die nicht möchten, dass ihre Kompetenzen verloren gehen? Oder ist es mühsam, Experten aus ihrem Ruhestand heraus zu rekrutieren?

Hartmann: Als wir 1983 begannen, konnten wir gerade mal 22 Senior-Fachleute entsenden. Seitdem blicken wir auf fast 30 000 Einsätze zurück, davon auf 2 806 allein im vergangenen Jahr. Und das seit 1983 in 161 Ländern, von Afghanistan bis Zypern. Seit der Gründung haben sich mehr als 20 000 hilfsbereite Personen bei uns registrieren lassen. Zurzeit Umfasst unser Register die Namen von rund 11 000 Senior Experten.  Sie sehen, wir können uns nicht beklagen. Was freilich nicht heißt, dass der SES nicht ständig weiter Frauen und Männer mit langjährigen Erfahrungen in allen Berufen suchen würde. Denn auch die Breite der begehrten Berufe reicht von A bis Z – vom Arzt bis zum Fachmann für Zellstoff.

rantlos: Beschreiben Sie doch einmal das Anforderungsprofil an einen Bewerber.

Bettina Hartmann

Bettina Hartmann

Hartmann: Zunächst: Hinsichtlich der fachlichen Ausrichtung gibt es praktisch keine Grenzen. Wir benötigen, ganz klar, Kompetenz aus Handwerk und Technik, aber auch aus Handel und Vertrieb. Bei Bildung und Ausbildung besteht ebenfalls großer Bedarf. Dasselbe gilt für das Gesundheits- und Sozialwesen, nicht minder für Helfer beim Aufbau von Verwaltung und Wissenschaft. Was sollte ein Bewerber mitbringen? Dass er – oder natürlich auch sie – umfassende Berufserfahrung besitzt, ist eine Grundvoraussetzung. Von großem Vorteil sind, darüber hinaus, Fähigkeiten im Umgang mit oder zur Führung von Menschen und das Eingehenkönnen auf fremde Mentalitäten und Kulturen. Das erfordert Neugier auf Neues, ein wenig Abenteuerlust auch noch im fortgeschrittenen Alter und nicht selten eine gehörige Portion Improvisationstalent. Na, und die Beherrschung von Fremdsprachen hat bekanntlich noch niemandem geschadet. Auch hier können wir mit Positivem aufwarten – unser Register verzeichnet mittlerweile Fachleute aus über 50 Branchen, von denen etwa 40 Prozent mehrere Sprachen beherrschen.

rantlos: Wie geht so eine Entsendung vor sich und wie lange dauert in der Regel ein Einsatz?

Hartmann: Grundsätzlich wird der SES nur auf Anforderung tätig. Das können kleine und mittlere Betriebe sein, zum Beispiel eine Bäckerei in der Republik Moldau, die „deutsches Brot“ herstellen möchte. Oder eine Kleinstadt in Honduras, die mit der Verwaltung nicht klar kommt. Oder in Rumänien oder Bulgarien möchte man am praktischen Beispiel das bei uns erfolgreich praktizierte duale Ausbildungssystem im Handwerk nahegebracht bekommen. Oder man braucht fachliche Beratung und Hilfe beim Bau eines medizinischen Zentrums in Uganda. Ich könnte Ihnen endlos Beispiele bringen. Wenn derartige Anfragen bei uns eintreffen, stimmen wir uns mit dem Auftraggeber ab und suchen anschließend in unserer Datenbank nach dem für diesen Job möglichst passgenau geeigneten Experten. Zur Einsatzdauer im Ausland: Das sind in der Regel vier bis sechs Wochen; in besonderen Ausnahmefällen können es auch mal sechs Monate sein. Unsere Leute sollen ja schließlich nur Hilfestellung leisten, Anleitungen erteilen, ihre Erfahrungen weiter geben. Aber nicht vor Ort Arbeitsplätze besetzen oder sich gar als Gratis-Langzeithelfer missbrauchen lassen. Denn auch solche Versuche hat es natürlich schon gegeben. Im Vordergrund steht vielmehr Hilfe zur Selbsthilfe mit den Schwerpunkten Qualifizierung, Aus- und Weiterbildung von Personal, Verbesserung der Qualität von Produkten und Dienstleistungen sowie Schaffung und Sicherung von Arbeitsplätzen. Übrigens: Wir halten uns völlig raus aus den Bereichen Rüstung, Hochtechnologie und fortgeschrittene Chemie (High-Chem).

rantlos: Der SES ist aber nicht nur in Entwicklungs- und Schwellenländern aktiv, sondern – überraschend vielleicht – auch in Deutschland…

TOP 10 der Einsatzländer 2012

TOP 10 der Einsatzländer 2012

Expertenrregister des SES

Expertenrregister des SES

Hartmann: Ja, unsere ersten Einsätze hier erfolgten bereits im Zusammenhang mit der deutschen Einheit. Genauer: Sogar noch vor der Wiedervereinigung. Die Einführung der Sozialen Marktwirtschaft hatte bei ostdeutschen Unternehmen zu einer starken Nachfrage nach Expertenwissen geführt, zum Beispiel im kaufmännischen Bereich. Der SES erlebte seinerzeit einen regelrechten Anfrageboom. Das weitete sich bald auch auf kleine und mittlere Unternehmen in Westdeutschland aus. Seit 2006 allerdings gilt unser Engagement vor allem jungen Menschen in Schule und Ausbildung. Die Zahlen sind schließlich alarmierend: Jeder vierte Lehrling in Deutschland bricht seine Ausbildung ab, oft schon im ersten Lehrjahr. Und jeder zehnte Schüler erreicht die neunte Klasse nicht. Das können sich ein Land und eine Gesellschaft wie die unsere doch nicht leisten! Deshalb hat er SES die Initiative VerA zur Verhinderung von Ausbildungsabbrüchen gegründet. Und die hat sich, ich kann es nicht anders bezeichnen, als durchschlagender Erfolg erwiesen. Zusätzlich unterstützen wir mit „coach@school“ Schüler an ausgewählten Schulen in Bremen, Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und Hessen bei der beruflichen Orientierung und verzeichnen auch dort ein riesiges Interesse.

rantlos: Abschließend gefragt, wie hoch ist eigentlich das Durchschnittsalter Ihrer Experten und wie groß der Anteil von Frauen?

Hartmann: Der Durchschnitt beträgt gegenwärtig 67,8 Jahre, und die Frauenquote liegt bei 15 Prozent. Was durchaus schon eine Steigerung bedeutet.

 

Die Fragen stellte Gisbert Kuhn

 

Info

Senior Experten Service (SES)

Buschstraße 2, 53113 Bonn,

Postfach 2262, 53012 Bonn

Tel: 0228 260900

E-Mail: ses@ses-bonn.de

Internet: www. ses-bonn.de

 




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