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So geht Unfallhilfe

Unfall auf der A2 bei Magdeburg. Mehrere PKW krachen zusammen, schleudern über alle drei Fahrspuren. Schwerstverletzte in und außerhalb der Unfallfahrzeuge. Die Autobahn ist von jetzt auf gleich blockiert. Nur der Standstreifen ist noch frei. Und etliche fahren an der Unfallstelle vorbei ohne zu helfen. Passiert immer wieder. Passiert immer häufiger ist von der Polizei zu hören.

Erste Hilfe / Deutscher Verkehrssicherheitsrat

Wer weiß, wie man einen Patienten in die stabile Seitenlage bekommt und die Notrufnummer 112 kennt, kann schon viel für den Verletzten tun. ©Deutscher Verkehrssicherheitsrat

Unterlassene Hilfeleistung
Das Strafgesetzbuch verpflichtet jeden zur Ersten Hilfe am Unfallort, § 323c StGB: „Wer bei Unglücksfällen oder gemeiner Gefahr oder Not nicht Hilfe leistet, obwohl dies erforderlich und ihm den Umständen nach zuzumuten, insbesondere ohne erhebliche eigene Gefahr und ohne Verletzung anderer wichtiger Pflichten möglich ist, wird mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe bestraft“. Alles klar? Wohl kaum. Wie so oft: der Gesetzestext hilft dem Rechtslaien nicht weiter, ist so ohne weiteres nicht leicht verständlich. Was ist ihm denn möglich, was ihm „den Umständen nach“ zumutbar, fragt er sich. Und was sind andere wichtige eigene Pflichten. Der Mensch am Unfallort ist verunsichert, konstatiert eine Studie der DEKRA. Wie weit darf ich gehen mit meiner Hilfe, was kann ich eventuell falsch machen und werde dann wohlmöglich deswegen zur Verantwortung gezogen, obwohl ich nicht weiter gefahren bin und mich bemüht habe. Der letzte (der einzige) Erste-Hilfe-Kurs liegt im Zweifel Jahrzehnte zurück…

Angst vor dem „Was Falschmachen“
Böser Wille ist nach Erkenntnissen der DEKRA deswegen nicht das Kernproblem, wenn Autofahrer sich bei einem aktuellen Unfallgeschehen „vom Acker machen“. Das gilt umso mehr, wenn das Geschehen dramatisch ist. Mindestens 45 Prozent der unterlassenen Hilfeleistungen bei Verkehrsunfällen gehen schlichtweg auf Verunsicherung der Verkehrsteilnehmer zurück, so die Studie. Also letztlich die Frage, was mache ich eventuell falsch, wenn ich helfe obwohl ich es eigentlich muss und auch will. Rat ist also gefragt für den Kraftfahrer im Sinne der Antwort auf die Frage: Wie verhalte ich mich richtig, wenn ich an einen solchen Unfallort komme. Und dann gibt es doch auch immer noch die Gefahr, dass ein Unfallfahrzeug bei schwerem Unfall explodiert…Kann ich mich darüber hinaus durch falsches Handeln strafbar machen?

Unfallhilfe

Viele Deutsche trauen sich die Erste Hilfe am Unfallort nicht zu © ADAC

So helfe ich richtig – und mache auch nichts falsch
Sie müssen anhalten, insbesondere wenn Sie sehen, dass Sie der Erste am Unfallort sind. Versuchen Sie die Situation nüchtern zu beurteilen. Sichern Sie als erstes die Unfallstelle ab. Warnweste anziehen. Warndreieck 50-100 Meter vor der Unfallstelle platzieren. Gehen Sie bis dorthin hinter der Leitplanke.
Auf dem Weg dahin am besten (und zur eigenen Sicherheit) mit den Armen und dem Warndreieck winken, Taschenlampe vielleicht zusätzlich, um ankommende Fahrzeuge zu warnen.
Helfen Sie persönlich, wenn Sie es sich selber zutrauen. Wichtig bei schweren Karambolagen: riecht es nirgendwo nach ausgelaufenem Benzin, brauchen Sie auch keine Angst vor explodierenden Fahrzeugen zu haben. Das passiert eigentlich fast nur im Film. Und die Benzintanks in den Fahrzeugen heute sind sehr crash-sicher.
Wenn Sie sich eigene Hilfeleistung am Menschen nicht zutrauen: Rufen Sie den Notruf, 110 oder 112 und fordern Hilfe an. Geben Sie den Unfallort an. Die Ortsangabe finden Sie auf Autobahnen und Bundestrassen spätestens alle 500 Meter auf den schwarz-weißen Begrenzungspfählen. Das geht immer und ein Handy hat heute auch jeder dabei.
Fordern Sie andere zur Mithilfe auf. Schon, wenn Sie diese einfachen Schritte befolgt haben, haben Sie nichts falsch gemacht. Da gibt es keine Strafandrohung.

Hilfsbereitschaft zählt
Sie werden nicht nachträglich darüber vernommen werden, ob Sie nicht doch versäumt haben, bei einem Schwerverletzten die stabile Seitenlage hergestellt zu haben, die Mund-zu-Mund (Mund-zu-Nase)-Beatmung angewendet, die Herzmassage versucht haben. Was zählt ist allein: Anhalten, versuchen die Unfallstelle zu sichern und weitere Hilfe zu organisieren, wenn Sie sich selber überfordert fühlen. Nur: fahren Sie nicht einfach weiter. Nichts nur der Strafdrohung wegen, wenn Sie dabei erwischt werden. Denn: Sie möchten doch auch, dass Ihnen Hilfe zu Teil wird, wenn Sie selber verunglücken?

Über diejenigen, die bei dem Unfall auf der A2 bei Magdeburg dann auch anhielten, jedoch keine Hilfe leisteten sondern private Fotos von dem schrecklichen Geschehen mit Fahrzeugwracks und schwerstverletzten Menschen schossen und diese dann auch noch posteten, sollte hier am besten der Mantel verachtenden Schweigens gebreitet werden.

Dietrich Kantel


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