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Jogging-Point

Kurs auf das Ich

Einhand-Törn mit „Klein Ida“ nach Stockholm

Endlich allein; Thomas und „Klein Ida“

Thomas ist gerade 60 geworden. Auf der als E-Mail versandten Geburtstagseinladung zeigt ihn das Foto an der Pinne seiner Segelyacht. Er schippert soeben in eine Ostsee-Bucht in Schweden. Glücklich ist er mit „Klein Ida“, so heißt sein Schiff. Vor der kritischen Schnittstelle in das siebente Lebensjahrzehnt wollte er einfach mal zwei Monate ganz allein sein. Sein innerer Blick hatte schon die nahende Pensionierung im Fokus. Einhand ging sein Törn nach Stockholm. Selbstfindung und Neuorientierung standen auf dem ungeschriebenen Programm. Hart am Wind das Loslassen üben, das war die Devise. Wir treffen ihn in einer rietgedeckten Kate nahe der norddeutschen Schlei. Der Berufsmusiker orientiert sich nach acht Wochen Einsamkeit gerade neu in seinem sozialen Netzwerk.

Im Schärengarten

Warum hat er das gemacht? „Es war ein lang von mir gehegter Traum, genau diese Reise zu machen“, schwärmt er. Das Wasser, die schwedischen Buchten, die Landschaft hatten es ihm schon vor 30 Jahren angetan. Damals konnte er nur stundenweise Einsamkeit genießen. Denn Gemeinsamkeit gab es mit Familie und Freunden reichlich – manchmal für ihn zu reichlich. In den wenigen Stunden aber war er ganz nah bei sich. Herbei gesehnt hatte er deshalb immer wieder diesen Tag, an dem er nach seiner Pensionierung frei und mit viel Zeit in Kappeln ablegen konnte. Er schaffte es schon vor dem Ruhestand: „Dass ich das wirklich gepackt habe,  ist das größte Glück.“

Mulmiges Gefühl im Kappelner Hafen

Einsamkeit in den Schauerböen

Die Augen von Thomas glänzen. Am Tisch lauschen auch Frauen seinen Geschichten. Sie wollen ihn beim nächsten Törn begleiten, denn so einsam, das sei doch nichts. Thomas schluckt. Diesen Spaß kann er nicht so recht verdauen. War es ihm doch das Wichtigste, eben genau diese Einsamkeit ungestört zu erleben. Für ihn war es ein Stück Aufarbeitung von „gesundheitlich und beruflich ziemlich schlimmen Phasen in den letzten 20 Jahren“. Aber auch Vorbereitung auf den baldigen Rentenschnitt sollte es sein. Warnung war ihm auch, was Vater und Mutter erlebt hatten, denn bei ihnen war es im Alter „mit der Gesundheit so eine Sache“. Bei ihm aber passte einfach alles: Er hatte reichlich angesparten Urlaub, Unabhängigkeit, das Geld reichte und die Yacht war schon sein Eigen. Nach fünf kleineren Törns zuvor war er auch gut in Übung. Und die Wetterprognosen setzten das Sahnehäubchen auf seinem Plan.

Wird es einem denn nicht kurz vor dem Auslaufen etwas mulmig? „Ja, in den drei Vorbereitungstagen im Kappelner Hafen wurde ich ganz schön zaghaft. Und eigentlich bin ich auch eher ein vorsichtiger, wenn nicht sogar ängstlicher Typ“, verrät der Berliner Oboist. Schon hier hat er das mit dem Loslassen probiert: „Ich dachte, wenn du eben wieder nur bis Dänemark segelst, dann ist das auch schön. Setz´ dich mal nicht unter Druck“. Mutig gemacht hat ihn ein Spruch, den er im Hafengebäude gelesen hatte. Die Botschaft war: Um heraus zu finden, ob eine Sache klappt oder nicht, nützt es nichts, darüber nachzudenken. Man muss es ausprobieren. Thomas lacht schwelgend in sich rein. Er hat das als Motto in sein Tagebuch geschrieben. Es hat ihn beflügelt. Und mit einem Klaps auf den eigenen Hinterkopf hat er sich gepusht: „So, jetzt geht’s los“. Ein Zurück war ausgeschlossen.

Köstlicher Kaffee aus dänischer Stempelkanne

„Klein Ida“ auf dem Weg in die offene See

Die ersten zehn Kilometer auf der Schlei waren noch Heimspiel. Vorbei am schönen Leuchtturm bei Schleimünde ging es in die offene See. „Das habe ich als riesige Befreiung erlebt“, erinnert sich der Kapitän auf dem Kurs zu sich selbst. Für Angst fehlte einfach die Zeit: „Du bist ständig mit irgendeiner Aufgabe beschäftigt. Die Schot ziehen oder das Segel, so ganz ursprünglich eben. Das ist das, was ich am Segeln schätze“. Wie kann man das aber zwei Monate nur schön finden? Thomas schränkt ein: „Hauptsächlich ist es für mich das Naturerlebnis. Das finde ich am frühen Morgen und am Abend am schönsten. Deshalb stehe ich immer sehr früh auf, kurz nach fünf.“ Meist wabert dann noch ein wenig Dunst über dem Wasser.

Ganz langsam – und das dehnt Thomas bewusst – zelebriert er dann das Ritual des Kaffeekochens. Der uralte Petroleumkocher wird mit Spiritus vorgeheizt, dann ist Pumpen für den nötigen Druck angesagt – und Flamme entzünden. Flötenkessel drauf. „Wenn der flötet, finde ich das romantisch.“ Der Kaffee kommt gegen sechs Uhr in eine kleine dänische Stempelkanne. „Der erste Schluck im Cockpit, das ist einfach genial“, schwärmt Thomas von seinem täglichen koffeinhaltigen Start-up. Und er ergänzt: „Ein weiterer schöner Moment ist, wenn die Milch mal wieder nicht sauer geworden ist“. Nach anschließendem Tee kochen, Frühstücken und Abhören des Wetterberichtes geht’s meistens so gegen halb zehn Uhr los. Alles in Ruhe, selten länger als 30 Seemeilen, also so sechs bis sieben Stunden. Entschleunigung pur. Der Motor bleibt meist aus. Mehr als 15 Liter Diesel hat er deshalb in der ganzen Zeit auch nicht verbraucht.

Die Kreideklippen von Möns Klint

Und draußen auf dem Meer die pure Einsamkeit! „Es ist genau das, was ich suche“. Der bekannte deutsche Einhandsegler Wilfried Erdmann beschreibt diese vielleicht auch langweilige Einsamkeit als göttlich. Für Thomas ist das „eine sehr interessante und auch beglückende Situation. Du kommst wirklich sehr nah zu dir selbst.“ Er unterscheidet zwischen der männlichen und der weiblichen Einsamkeit. Erstere ist, wenn er bei schwerem Wetter eine Situation gemeistert hat. Also ein Stück „Alter Mann und das Meer“ im hemingwayschen Sinne. Wenn es aber so einfach vor sich hinfließt, nichts um ihn herum passiert – auch ganz wenig in sich selbst, dann ist das für ihn eher ein femininer Zustand. Er hat sich das so zu Recht gelegt.

Mit „Auszeit“ auf den Lofoten

Mit dem Blick auf seinen Alltag zu Hause: Dort fühlt er sich „ständig getrieben von irgendwelchen Aufgaben, die man vielleicht gar nicht gerne gestellt bekommt.“ An Bord dagegen erfüllt er nur selbst gestellte Aufgaben. Er stöhnt gedehnt und wohlig: „Wenn mal Flaute ist, wenn der Horizont nur noch wenig da ist und alles verschwimmt. Wenn dann deine Seele so mit reinfließt in diese Situation, dann wirst du so richtig eins mit deiner ganzen Umgebung. Ich möchte das so ganz unmittelbar und nicht verbal aufnehmen“, grenzt er sich nochmals gegen das Ansinnen der Damen am Tisch ab.

Traum des Schärenseglers, allein am Felsen

Seine Dame ist ihm da lieber – Klein Ida, sein Schiff eben. Die schweigt. Ist ihm aber immer treu ergeben. Und hält auch eine Menge aus. Der ja eigentlich leblose Schiffskörper ist „schon ein wenig eine Persönlichkeit“, sinniert der Segler. Und Thomas gesteht auch: „Ich rede mit der – ehrlich gesagt. Ich lobe sie, ich lobe auch den Motor, wenn er angesprungen ist!“ Er lacht herzlich befreit ein Stück über sich selbst. „Zwei Monate sind ja eine ganz schön lange Zeit. Aber für einen Mann ist das eine traumhafte Art zu leben. So ein bisschen vagabundieren. Die ganzen Urinstinkte, die wir da mit uns rumschleppen.“ Thomas ist jetzt völlig weggetaucht ins Nachdenken, was das Durch-das-Wasser-Gleiten mit ihm gemacht hat: „Wenn ich auf mein ganzes Leben ziele, dann hat sich da was getan“, sagt er sehr nachdenklich. „Ich bin nicht mehr in einer schlimmen Krise. Aber ein bisschen berufsmüde schon.“ Das macht ihm noch Kummer. Sein Gesicht hellt sich aber schnell wieder auf: „Ich habe jetzt ein so schönes Erlebnis in mich getankt. Ich bin so bereichert dadurch. Und ich glaube, dass die Wichtigkeit des Berufes für mein Wohlbefinden so ein paar Stufen runter gesackt ist. Das ist auch ein gutes Ergebnis. Da habe ich mir ein paar Therapiestunden gespart.“ Thomas lacht und trinkt einen kräftigen Schluck Flensburger Bier – aus der Flasche natürlich.

Malerische Buchten mit den bunten Holzhäusern

In den zumeist kleinen Häfen traf er hier und da auch auf ähnliche „Männer-Schicksale“. Ein viel jüngerer Mann als er mit einem noch kleineren Schiff als er hat, mit einer noch viel größeren Reise als er wollte und konnte…Ein Software-Entwickler hatte lange Zeit immer wieder durchgearbeitet und konnte nun vier Monate Urlaub am Stück nehmen. „Auszeit“ hieß bezeichnenderweise sein Schiffchen. Thomas schmunzelt: „Der hatte noch nicht mal einen kleinen Kocher an Bord. Also warme Mahlzeiten, einen heißen Tee oder so: Fehlanzeige. Wir sind eine Woche parallel gesegelt – und er hat immer bei mir gefrühstückt – mit Kaffee, natürlich.“ Oder Hans und Karin, das Ehepaar aus Neubrandenburg. Beide so Mitte 70. Sie waren schon auf den Lofoten, ganz oben bei Haparanda im Finnischen Meerbusen und die gesamte baltische Küste hoch. Thomas wird sie zu Hause besuchen. Sie wird, das hat sie ihm gestanden, ihrem Mann zu Hause klar machen, dass sie nun nicht mehr segeln will. „Das wird hart für ihn“, bemerkt Thomas nachdenklich. Gern erinnert er sich an diese Gespräche, gern entflieht er aber auch immer wieder in die Einsamkeit auf See.

Dann die Ankunft im Hafen der schwedischen Hauptstadt. „Das war für mich schon ein großer Moment. Es einfach geschafft zu haben.“ Ulf, der zweimal geschiedene Musiker-Freund verharrte am Kai in seiner Understatement-Art. Thomas hatte ihn kurz vorher angerufen. „Ich kam einfach an und er saß einfach da. Wir sind uns in die Arme gefallen.“ Diese Rührung steigt jetzt bei Thomas wieder hoch: „Am Ziel anzukommen und nicht alleine zu sein, das war ganz toll. Die Freude teilen zu können. Nach zwei Monaten habe ich mich viel mehr nach Bekannten, Verwandten und Freunden gesehnt.“

In Stockholm holte er feierlich die Flagge ein. Wehmut ließ er zu. Auch jetzt. Thomas schweigt. Wir alle sind ein bisschen gerührt. „Nu macht ma nich son Jesicht“, berlinert er uns hinterher. „Ich bin nicht mehr auf Kollisionskurs mit meinem Leben und schon gar nicht mit meiner ersehnten Pension. `Klein-Ida´ hat mich therapiert.“ Wir nehmen es ihm ab.

Dieter Buchholtz

Klein Ida und ihre Daten

  • ·         Baujahr: 1978 (GFK Klassiker)
  • ·         Länge: 26 Fuß (7,95 m)
  • ·         Rumpf: GFK (Glasfaser verstärkter Kunststoff)
  • ·         Aufbau: Mahagoni
  • ·         Segelfläche: ca. 40 qm
  • ·         Motor: 1-Zylinder-Volvo-Diesel mit 7,5 PS
  • ·         Werft: Nordborg (auf der dänischen Insel Aalst)

Die Route

750 Meilen (ca. 1.300 Kilometer)


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