- Anzeige -

Schrecken in Zentimetern

„Schrecklich“ rufe ich in die Workshop-Runde. In der Hand halte ich einen dreizehn Zentimeter langen Papierstreifen – den Rest eines Möbelhaus-Maßbandes; oder auch: Mein Leben. Der Coach ist eine Sie und hatte vorgegeben: Von Null bis zum jeweiligen Lebensalter – abreißen. Von 100 rückwärts die Differenz zum statistischen Lebensalter – abreißen. Dann die Frage: „Wieviel Zeit wollen Sie für eine ganz andere Tätgkeit mit neuer Leidenschaft investieren?“ Kühn habe ich auf meine 68 Jahre neun draufgesetzt. Das restliche Jahr bis zur Erreichung meines statistischen Sterbedatums soll ich abknicken – also nicht abreißen. Nun halte ich eben genau diese neun Zentimeter aktives Restleben in der Hand. Der Blick auf die Teilnehmerinnen und Teilnehmer eines Lebenscoachings neben mir zeigt: Bei denen liegt deutlich weniger gelebtes Leben auf dem Boden.

Am liebsten möchte ich diesen Schnipsel diskret und schnellstens entsorgen. Geht aber nicht. Alle Augen warten darauf, dass ich das „Schrecklich“ erkläre. Ich hätte, lasse ich mich mit belegterStimme vernehmen, immer vermieden, mein Inneres so direkt mit den konkreten Unabänderlichkeiten des Alters und des Alterns zu konfrontieren. Ich möchte heute mehr denn je so leben, wie ich als Kind und Jugendlicher Gegenwart empfunden habe. Damals erschien der Blick in die Zukunft endlos. Das war schön.

Sofort greift die Moderatorin den Strohhalm zur Entkrampfung der Situation auf. Bei der Suche nach der neuen Landkarte der persönlichen Zukunft sei es wichtig, den Kontakt zum inneren Kind wieder zu finden. Von dort können Ideen für einen Neustart entstehen, kann das Feuer der Leidenschaft für etwas entfacht werden. Es wird deutlich, wie wichtig im Leben generell, ganz besonders in Zeiten persönlicher Umorientierung, die Umdeutung von Realität ist. So erscheint es vielen Menschen als bedrückende Wirklichkeit, dass sie keine Zeit mehr haben. Der Blick dagegen in die Vergangenheit über viele Jahrzehnte hinweg zeigt, dass wir so viel formale freie Zeit haben wie noch nie.

Im Konflikt mit dem eigenen Lebensweg

Die Moderatorin empfiehlt einen kleinen Trick: Ersetzen Sie „Zeit“ durch „Leben“. Das hört sich dann so an: Ich habe dafür kein Leben (keine Zeit); mir wird das Leben (die Zeit) zu knapp; kommt Leben (Zeit), kommt Rat; ich muss mein Lebensmanagement (Zeitmanagement) ändern. Schon durch das schlichte Auswechseln des Begriffes wird die Dramatik von Fehlern in diesem Lebensfeld erschreckend deutlich. Die „Coachess“ kennt die typischen Reaktionen von Menschen, wenn sie im Konflikt mit dem eigenen Lebensweg stehen: sie „fliehen“ in die Krankheit (Burn out); andere werden fundamentalistisch und wieder andere fatalistisch.Auch spielerisch zu werden und Kontakt mit der vielleicht verschütteten kindlichen Seite aufzunehmen, gehört zu den Bewältungsstrategien.

Ich frage mich: Was hilft mir von diesen Ratschlägen, den richtigen Weg zum gewünschten Aktivleben im Rentendasein zu finden? Wo und wie kann ich das Feuer der Leidenschaft entfachen? Wenn ich manchmal ungeduldig werde, weil Sachen sich immer wieder wiederholen: Bin ich dann schon fundamentalistisch? Wenn ich bei vielen Dingen die wegkippende Handbewegung rückwärts über die Schulter mache: Bin ich dann schon der vom Rentenschock gezeichnete Fatalist? Unser Coach macht uns Mut: Sie rät zu ein „bisschen Pokern“ mit sich selbst und der Außenwelt. Einfach mal Dinge tun, die nicht unbedingt im Plan liegen, also auch das Paradoxe zulassen. Sich selbst an die Hand nehmen, um den Kontakt zur Leidenschaft zu finden.

Bei diesem wiederholten Stichwort holt die Trainerin eine Landkarte als Navi zur Leidenschaft hervor. Nun bin ich Teil der Teilgruppe. Ratloses Schweigen aller vor dem Ungewohnten. Hier heißt u.a. eine Flußniederung „Chaos“, ein Mittelgebirge „Kreativität“, eine Stadt „Affäre“. Wir besetzen diese Begriffe, weil wir glauben, an diesen Orten die Quellen für unsere Leidenschaft(en) zu finden. Nach wortkargem Brüten in der Tektonik der Gefühle soll noch abschließend der rote Faden gefunden werden. Wir sind uns schnell einig: Alle genannten Begriffe haben etwas mit Aufbrechen zu tun, mit dem Ausbrechen aus gewohnten Bahnen, einfach etwas Neues wagen. Pause.

Ohne Leidenschaft kein Erfolg

Der studierte Theologe neben mir freut sich wie ich an der Quiche und einer zum Abend aufmöbelnden Tasse Kaffee. Er hat Verständnisprobleme, wie ich mich zukünftig als Journalist mit der demografischen Entwicklung der Gesellschaft befassen möchte. Ich spule ein paar Standards ab, u.a. dass ich das Verfassungsgericht mit einer Klage beschäftigen wollte, weil ich es als altersdikriminierend ansehe, wenn man völlig gesund, bei vollen Kräften und hochmotiviert einfach aus Stellung und Beruf geschmissen wird, nur weil man die gesetzte Altersgrenze erreicht hat. Ich tröste ihn, dass ich dies eher scherzhaft geäußert hätte, weil ich keine Lust habe, mich auf den letzten Zentimetern des Lebens mit Grundsatzstreitereien auseinanderzusetzen. Das wäre nun absolut nicht meine Leidenschaft.

Mich interessiere vielmehr, wie eine vitale Schicht von 45- bis 75-Jährigen in diese Gesellschaft Veränderungen einbringt und eine generationsübergreifende Neuorientierung entsteht. Ich finde das unheimlich spannend. Ich möchte bei diesen Veränderungen mitwirken. Mein erfahrener Menschenbeobachter setzt die Kaffeetasse ab und sagt trocken: „Jetzt habe ich Ihre Leidenschaft entdeckt.“ Er hatte übrigens auf der Landkarte den Begriff „Beharrlichkeit“ vermisst. Ich gebe ihm Recht. Denn, wer nur mit kurzem Schwung an Dinge herangeht, wird die Leidenschaft nicht finden und damit wohl auch nicht den Erfolg.

Wer sich auf der Landkarte seiner Zukunft neu orientieren will, für den kann dies, so der Coach, ein erotisierendes, lebendiges Geschäft sein. Sie träfe häufig auf Menschen, die sagen, dass sie ihre Arbeit ordentlich tun; sie führen oft ein ergebnisorentiertes Leben, aber sie kühlen Zug um Zug ab. Sie haben eine kalte Leber – und das ist sogar messbar. In solchen Fällen muss man einfach mal durchheizen können und sich fragen, ob man denn überhaupt am Feuer interessiert und bereit ist, das Neue zu tun?

Der Tipp unserer Beraterin ist, nach den Vorprüfungen auch selbst eine Entscheidung zu treffen. Hierbei sei es sehr bedeutsam, die „Preisschilder“ zu beachten. Wie im richtigen Leben, hat eben alles seinen Preis, natürlich auch, wenn ich meinem Leben einen neuen Impuls, Drall, eine andere Richtung, einen neuen Schwerpunkt geben will. „Und ganz wichtig“, sagt die Moderatorin: „Überprüfen Sie immer wieder, wo sie stehen.“

Grenzen überschreiten auf der Landkarte der Gefühle

„Mein“ Theologe fasst das sehr schön zusammen: Man müsse von den Gedanken zu den authentischen Gefühlen kommen und verinnerlichen, dass das Gegenteil von Glück nicht Unglück sei sondern viel schlimmer: Langeweile. Mit seinen Worten will ich auf der für mich gefühlt langen Strecke der neun Zentimeter versuchen, dem Glück ein Stück den Boden zu bereiten, um die Langeweile wie die Pest zu meiden.

Unser Coach möchte uns unter keinen Umständen in einer solch harmonischen Wünsch-Dir-was-Welle in den späteren Abend entlassen. Sie macht deutlich, dass uns der Leidensdruck irgendwann immer irgendwo anstoßen lässt. Dabei gibt es Anstöße, die aufladen und solche, die entladen. Die innere Bewertung solcher Steine des Anstoßes obliegt meiner eigenen Verantwortung. Damit bin ich auch Handelnder, um einen Umgang mit dem Anstoß zu finden; ich kann und muss meine Beschwerden, meine Lösungsansätze und schlussendlich meine Gefühle selbst in Szene setzen. Ich muss den eigenen Gradmesser finden und dabei liebevoll mit mir selbst umgehen. Hier findet in komplexer Form auch das eingangs zitierte Umdeuten statt.

Bevor uns unsere Begleiterin durch die Landschaften der Gefühle bittet, eine eigene Landkarte der weiteren Zukunft von etwa fünf bis zehn Jahren zu zeichnen, gibt sie uns noch etwas, wie ich meine, Wesentliches auf den schwierigen Weg der Entscheidungen: Der Blick nach vorn sollte auch immer anknüpfen an alte Gefühle, an frühere Leidenschaften. Das ist das Kapital, mit dem man Zukunft neu gestalten könne. Dabei solle man versuchen, immer wieder Grenzen zu überschreiten.

Schlussakkord ist die Präsentation von Zeichnungen der Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die verdichten, was die Zukunft stärker bringen soll, was man verändern will, was einem schwerwiegend erscheint. Zu sehen sind eine große Blume mit der Liebe im Zentrum, der feste Umriss von Afrika (Leidenschaft für diesen Erdteil) mit einer „Affäre“ in der Mitte, ein chaotisch wirkendes Strudelgebilde von saugendem und pressendem Wasser, ein Herz mit Flügeln und vielen erreichten Dingen, ein Haus mit Familie und eine separate Werkstatt mit einer Sonne darüber. Ich halte meine Feuer-Zeichnung hoch. Es nährt sich aus den Holzstücken mit der Aufschrift „Beharrlichkeit“, „Energiekonto“, „Anstoßkraft“ und „Umdeuten“ und flammt in den Begriffen „Liebe“, „Mut“ und „Kreativität“. Das Ganze lodert in einer weiten Schale, die sich mit viel Sauerstoff nähren kann.

Alle sind ein wenig geschafft, aber alle vermitteln auch, dass sie ihren Weg nun etwas klarer sehen. Sie wissen eher, wo sie anpacken müssen, wo die Blockaden sind und dass man daraus Anstöße gewinnen kann, die den Weg in eine neue Landschaft der Zukunft weisen können. Ich hatte zuvor geglaubt, für mich den Weg für die restlichen Zentimeter bereits gefunden zu haben. Ich habe jetzt gelernt, wie notwendig das ständige Controlling bei sich selbst ist, wie wichtig die Leidenschaft ist und dass Umdeuten nichts Verwerfliches ist. Ich werde meinen Weg in größerer Freiheit gehen, aber in Variationen meinem Beruf als Journalist treu bleiben. Mit mehr Unabhängikeit werde ich nunmehr noch sicherer meinen Gefühlen folgen und nur noch Projekte machen, die meiner Leidenschaft gut tun und die Leber warm halten.

Wir verlassen das Jugendstilgebäude. Meine Hand in der Hosentasche fühlt das restliche Zentimetermaß aus knisternd festem Papier. Es fliegt mit wegwerfender Handbewegung in den nächsten Abfallkorb. Und bei mir meldet sich etwas vom Knistern der Jugend zurück.

Dieter Buchholtz




--- ANZEIGE ---

Diesen Artkel versenden Diesen Artkel versenden