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Es gibt ihn doch?

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Es gibt ihn doch?

Es ist wieder die Zeit der schmucken oder geschmückten Mails. Global huschen digitale Rentiere über das weltweite Netz. Zielsicher treffen kleine Trickfilme bei Familien, Alleinlebenden, Geschäftsfreunden und Kunden ein. Es braucht keinen Stall, um die Rentiere und ihren Schlitten aufzunehmen. Ein Laptop oder ein Tablet reicht. Wenn es zufällig in der Nähe eines Wärme spendenden Kamins aufgeklappt ist – umso besser.

Ein Klick aus tausenden Kilometern Entfernung. Sekunden später baut sich in lustigen kleinen Schritten die Ankunft vom Nikolaus im hell erleuchteten Display von Papas tragbarem Büro auf. Nicola sitzt auf dem Schoß ihres geliebten Papas. Mit roten Backen starrt sie auf das Computerbild. Jede einzelne Szene saugt sie mit unruhigen Blicken gierig auf. Sie ist gefesselt von der schwungvollen Ankunft des Sinta Claas, wie er auf dem schneebedeckten Dach landet.

Durch die gelblichen Fenster entdeckt sie eine Familie vor dem Kamin. Kinder springen aufgeregt durch das Wohnzimmer. Dann verlöschen die Lichter im Haus. Sternenklarer Himmel. Wolkenlos rieselt der animierte Schnee in 3D auf die kitschig aufgeräumte Winterlandschaft.

Sinta Claas wühlt in den Geschenken auf seinem Schlitten. Etwas hat er den Überblick verloren. Jetzt ist er ganz Mann. Fluchend reißt er den großen Leinensack auf. Päckchen fliegen auf das Dach. Endlich: Die Geschenke für die Familie, die unter dem Dach im tiefen Schlaf schlummert. Nikolaus verstaut die Pakete unter seinem weiten Mantel. Niemals hätte ihm einer diese Gelenkigkeit zugetraut.

Nikolaus-01Mit einem Griff rafft er seinen schweren Mantel wie zu einer großen Tüte zusammen. Jetzt wirkt er nur noch halb so mächtig, fast schon schmächtig. Vom digitalen Zeichner auf schlank getrimmt, hüpft er auf den Rand des Schornsteins, wirft einen prüfenden Blick in das schwarze Loch und – weg ist er.

Nicola entdeckt ihn durch das kleine Wohnzimmerfenster im schneekalten fahlen Licht. Das Rot seines Mantels durchwärmt das Nachtlicht. Undeutlich erkennt sie, wie kleine Pakete den Kamin einrahmen. Und fast im selben Moment, schwupp, spuckt der Schornstein den Nikolaus wieder aus. Ganz ruhig entfaltet er sich wieder zu gewohnter Größe und Breite. Er besteigt seinen Schlitten. Schwerelos hebt das Gefährt vom Dach ab. Das Gespann löst sich in dunkler Ferne in einem kleinen Lichtschweif auf.

Nikolaus zwischen Laptop und Kamin

„Papaa…!“ so dehnt Nicola ihren Vater immer, wenn sie was ganz Wichtiges von ihm erklärt wissen will. „Papaa.., heute kommt doch der Nikolaus auch wieder zu uns!?“

Papa ist etwas müde. Vor der Antwort gähnt er völlig unpädagogisch, streichelt ihr über das blond gekräuselte Haar und beruhigt sein Töchterchen: „Sicher, mein Schatz. Morgen liegen wieder kleine Geschenke an unserem Kamin.“ „Und wie kommen die dahin, Papaa?“, setzt Nicola nach. „Na, Liebes, das hast Du doch soeben gesehen.“

„Und bei uns macht der Nikolaus das ganz genau so?“, gibt die Kleine nicht auf. „Ganz genau so!“, antwortet der schon leicht genervte Papa. „Aber bei uns liegt doch gar kein Schnee.“, quengelt der Blondschopf und verliert für den Vater gerade etwas von seinem Engelhaften.

Papa geht nun etwas gereizter in die Offensive: „Das stört den Nikolaus überhaupt nicht. Du hast es ja gesehen, der reitet mit seinen Rentieren auch durch die Luft.“

„Ja, das finde ich toll“, unterstreicht die Tochter begeistert. Und sie geht beim Papa jetzt an die Grenze: „Aber, wir haben doch seit ein paar Tagen in unserem Kamin ein umweltfreundliches Stahlrohr. So dünn ist der Nikolaus doch wirklich nicht. Meinst Du, er schafft das?“

„Na klar, Kleines. Das schafft er. Der kommt überall rein, ganz besonders, wenn er den Kindern eine Freude machen will“, erklärt der Vater schon mit einem Nachdruck, der nicht mehr viel Raum für weitere Fragen lassen möchte. „So, nun ist es aber Zeit ins Bett zu gehen“, lässt sich Papa vernehmen. Er selbst kann seine Augen kaum noch aufhalten.

Es gibt ihn nicht!

„Aber Papaa…!“ ruft Nicola in das gereizte Gesprächsklima hinein.

„Was ist denn nun noch?“ bricht es nun richtig ungeduldig aus Vaters Mund.

„Aber Papaa…, die Kati, meine Freundin, hat heute in der Schule gesagt, es gibt gar keinen Nikolaus, schon gar nicht solche, die durch jeden Schornstein kommen“, gibt seine Tochter zurunning_santa bedenken.

“Papperlapapp“, fährt Papa unwirsch dazwischen. „Das weiß ich doch wohl besser. Und nun ab ins Bett.“

„O.K., Papa“, schnurrt Nicola. „Bin gleich weg. Aber vorher möchte ich noch meinen Kasettenrecorder am Kamin aufstellen.“

„Wozu denn das?“ will der gesichtsblasse Mann im Ohrensessel wissen.

„Ich will Kati beweisen, dass zu uns ein richtiger Nikolaus gekommen ist. Der muss doch Geräusche machen, wenn er durch den Kamin gerutscht kommt.“

„Mm“, meint Papa vielsagend und gleichermaßen sprachlos. „Na, dann hol´ mal das Gerät.“ Dicker Schmatz für Papa, dicker Schmatz für Mama.

Und dann will Papa noch schnell die E-Mail-Flut abarbeiten. So ganz nebenbei hört er, wie seine Frau fragt, was denn der Kinderrecorder am Kamin soll. Keine Antwort. Für ihn ist die Sache erledigt. Nicht aber für Carola. Sie stört nun ihren Mann systematisch bei der Arbeit – so empfindet er das zumindest.

Ohne Stimme – Die Katastrophe

 Wenn er gerade mit seiner Arbeit loslegen will, kommen ihre Fragen wie kleine Spitzen in sein sowieso schon angekratztes Nervenkostüm. „Was will Nicola denn da aufnehmen?“ In wenigen, unwilligen Sätzen beschreibt der genervte Vater und Ehemann das Vorhaben seiner Tochter.

„Ach, Du lieber Gott“, entfährt es seiner Frau. „Das ist ja die reine Katastrophe, wenn morgen gar nichts, aber auch echt gar nichts auf dem Gerät ist. Das Kind blamiert sich doch bis auf die Knochen. Und wir verlieren unsere Glaubwürdigkeit. Da muss was geschehen.“ Die Stimme seiner Frau überschlägt sich fast.

„Ja, vielleicht spricht der Herr Nikolaus ja einen Kommentar drauf oder wendet sich mit einer Grußbotschaft an die Familie, wenn er das Gerät sieht“, spottet der erneut gähnende Vater.

 „Für solche Witzeleien habe ich jetzt keinen Sinn. Du weißt ganz genau, dass ich heute einen sehr anstrengenden Tag hatte“, mosert seine Frau zurück.

Und der Ehemann traut sich jetzt natürlich nicht mehr einzuwerfen, dass auch er ziemlich fertig ist von diesem 5. Dezember. Sein Computerladen war heute ganztägig brechend voll. Offensichtlich digitalisiert sich jetzt auch noch komplett die Adventszeit. Ihm kann es ja recht sein. Die Kasse klingelt. Aber anstrengend ist das für ihn eben auch.

„Wir müssen da was drauf sprechen“, drängt Carola. „Was denn? Wer denn?“ wehrt er sich mit letzter Kraft. „Na wir, vor allen Dingen du. Oder ist der Nikolaus neuerdings eine Frau? Müssen wir das jetzt auch noch für euch erledigen?“ Nun nähert sie sich dem sattsam bekannten Emanzipationskarussel. Der Ausgang ist immer gleich, die Kreisgeschwindigkeit aber beliebig steigerbar.

Zwischen A-Karte, E-Mail-Stau und Klischee-Trick-Kiste

Nikolaus-03Ihm ist klar: Ausflüchte gibt es nicht mehr. Er hat nun die zu diesem Anlass so gar nicht passende A-Karte. Und mit E-Mail- Arbeiten ist auch nichts mehr.

Jetzt heißt es, mit künstlerischer Phantasie ein Hör- und Geräuschstück in vorweihnachtlicher Virtualität zu inszenieren. Er greift in die Trickkiste aller Klischees, die ihm so einfallen, von HoHo, Kaminrutschgeräuschen, Fluchen eines Mannes, der hart auf dem Kaminboden landet, über das Stöhnen, um im Kamin wieder aufwärts zum Dach zu kommen, bis zum leiser werdenden Zischen des abgleitenden Schlittens.

Das Geschenk liegt glücklicherweise schon eingepackt bereit. Kurz nach Mitternacht fallen die beiden Akteure völlig erschöpft in das gemeinsame Bett. Sie haben nicht vergessen, den Aufnahmeknopf gedrückt zu lassen, so wie es ihre Tochter eingestellt hatte.

Ein ohrenbetäubendes Rattern, ein durchdringendes schrilles Piepgeräusch von der anderen Seite. Die Zeiger beider Uhren stehen auf sechs Uhr. Das Ehepaar springt synchron aus dem Bett. Ohne es abgestimmt zu haben, rennen beide um die Wette ins Wohnzimmer. Wie angewurzelt bleiben sie mitten im Zimmer stehen.

Vor dem Kamin hockt ihre Tochter. Die Backen sind immer noch oder schon wieder rot. Sie bedeutet ihren Eltern, dass sie keinen Mucks von sich geben. Dicht am Ohr hat sie den Kassettenrecorder. Sie saugt die Geräusche, die Stimme in sich auf. Das kleine Geschenk liegt unbeachtet und nicht ausgepackt neben ihr.

Wahrheitsbeweis auf dem Schulhof

Die Eltern lauschen nun auch: „HoHo“, schallt es etwas krächzend aus dem kleinen Lautsprecher. Obwohl sich die Eltern zulächeln, fühlen sie sich in ihrer Haut nicht so recht wohl.

Dann geht alles sehr schnell. Ihre Tochter frühstückt hastig mit ihnen, packt so ganz nebenbei das Geschenk aus, springt auf und rennt mit Schultasche und Recorder aus dem Haus.

Zurück bleiben sprachlose Eltern, die erstmals vergessen haben, sich gegenseitig etwas in die Schuhe zu legen – nicht zu schieben. Carola holt das kurz vor Mittag nach.

Kaum liegt die Tafel dunkler Schokolade mit den schwarzen Herrensocken in den Schuhen ihres Mannes, klingelt es Sturm.

Nicola rennt sie förmlich um, hastet zum Kamin und schreit in das Kaminloch: „Danke lieber Nikolaus!“ Dann plumpst sie erschöpft auf die Stufe vor dem Feuerloch und plappert los: „Das war super, Mami. Auf dem Schulhof hab´ ich´s der Kati vorgespielt. Die hat sich erst lustig gemacht. Dann haben aber einige meiner Freundinnen gesagt, dass sich der Besuch des Nikolaus´ bei uns richtig echt anhört. Sie haben dann alle auf Kati eingeredet. Zum Schluss hat sie es eingesehen: Es gibt den Nikolaus, er kommt mit dem Schlitten und er schafft es durch jeden Kamin.

„Was haben Sie sich denn dabei gedacht?“

Carola lobt etwas halbherzig die tolle Idee ihrer Tochter mit dem Kassettenrecorder. Sie möchte mit dem Hinweis auf das kalt werdende Mittagessen die Fahrt etwas aus der BerichterstattungNikolaus-04 ihrer Tochter herausnehmen. Die lässt sich aber nicht bremsen. Immer wieder erzählt sie, was in der Schule vorgefallen ist.

Als sie die zigste Version startet, wird die Mutter durch das Klingeln an der Haustür erlöst. Es ist Frau Meiger. Hinter ihr mit verweinten Augen Kati, ihre Tochter. Spannung liegt in der Luft.

Carola bietet an, dass die beiden Mädchen in Nicolas Kinderzimmer spielen. Frau Meiger ist einverstanden und kommt gleich zum Thema: „Frau Pitzer, was haben Sie sich denn dabei gedacht? Dem Kind ein solches Märchen vorzuspielen! Das sind doch Erziehungsmethoden von vorgestern. Nach meiner Beziehung zu meinem Ex-Mann habe ich mir geschworen, nie mehr zu lügen, und ich will auch nicht belogen werden.“ Kurze Atempause. „Und ich möchte auch nicht, dass mein Kind belogen wird.“ Die Ansage ist an Deutlichkeit nicht zu übertreffen.

Carola macht zunächst eine hilflose Geste. Dann kommt ihr aber eine Fähigkeit zur Hilfe, mit der sie sich im Laufe des Lebens schon oft aus unangenehmen Situationen hatte retten können. In aller Freundlichkeit bleibt sie bei der Wahrheit, erzählt sehr lebendig, wie der gestrige Abend bei ihnen zu Hause war und gibt schlussendlich zu, dass auch sie und ihr Mann mit der vorweihnachtlichen Lüge in eine Falle geraten seien. Sie hätten sich keinen anderen Rat gewusst.

Ein paar Tränen und das laute HoHo…

Und Frau Meiger bekommt nun bei reichlich Kaffee und selbst gebackenen Keksen die Gelegenheit vom Los als alleinerziehende Mutter zu erzählen. Sie ist zu oft belogen und betrogen worden. Das wollte sie nun ihrem Kind ersparen.

Beide Mütter gewinnen in der kurzen Zeit ihrer wortreichen Begegnung so etwas wie gegenseitige Sympathie. Am Ende knabbern sie beide erschöpft, aber lustvoll die leckeren Keksvariationen. Und fast gleichzeitig bricht es aus ihnen heraus: „Und was machen wir jetzt?“ Sie entwickelten einen einfachen, aber sehr wirksamen Plan. Sie wollen ihren beiden Töchtern genau das erzählen, was sie soeben voneinander erfahren haben.

Im Kinderzimmer durchleben die Kinder mit viel Zeit, ein paar Kerzenlichtern und etwas mehr Weihnachtsgebäck als sonst, was ihre beiden Mütter so bewegte. Am Ende haben beide Kinder rote Backen. Sie drücken ihre Mütter, die eine oder andere Träne fließt. Geboren ist eine Tradition, die jedes Jahr wiederholt werden soll. Und so kommt der Nikolaus jetzt in beide Wohnungen mit dem Schlitten über das Dach in den Kamin. Aber in beiden Wohnungen wissen die Kinder auch, dass es eben nur eine schöne Geschichte ist, die Kindern und Erwachsenen einfachFreude bereitet. „HoHo, HoHo“!

 

Dieter Buchholtz

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