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Jogging-Point

Ding-Dong

Oder: Advent, Advent, der Keller brennt

Ding-Dong. Wenn wir Gäste erwarten, beendet dieser Zweiklang an der Haustür oft das Anzünden der letzten Teelichter. Dieser Ding-Dong-Klingelton ist in unser häusliches Gehör mit kleinen Variationen eingebrannt.Klingel Dennoch: Er ist und bleibt Massenware aus dem Baumarkt. Seine Tonfolge scheppert seit Jahrzehnten aus dem kleinen weißgrauen Kunststoffkasten hoch in einer Ecke unserer Diele. Man könnte diesen Ding-Dong problemlos mit dem von mir laienhaft weiter unten angebrachten Kippschalter zum Schweigen bringen. Das aber wurde nie praktiziert, weil der weibliche Teil unseres Ehe-Biotops in jedem Fall wissen will, wer da draußen Einlass oder Aufmerksamkeit begehrt.

Ich dagegen will oft gar nicht wissen, wer die Absicht hat, das Innere unseres Hauses zu stören. Meine Frau und ich, wir haben deshalb nach deutlich über vierzig Jahren Ehe- und Hausgemeinschaft eine heimliche Meisterschaft darin entwickelt zu unterscheiden, ob vor der Tür unser Sohn, ein enger Verwandter, ein Freund – oder eben ein Fremder steht. Ich würde bei „fremd“ schlichtweg nicht aufmachen. Meine Frau aber will selbst bei feinsten Ding-Dong-Dissonanzen sicher gehen, dass sie in ihrer Diagnose Recht hatte.

Singsang beendet ehelichen Schwelbrand

So hat unser Hausgong schon viele fröhliche, aber auch manch´ traurige Ereignisse eingeläutet. Er kündet zuverlässig an, dass irgendetwas Überraschendes an unsere Haustür pocht. Mit seinem Hoch-Tief-Singsang schleicht er sich in die unterschiedlichsten Aktionen und Situationen ein.
Zuweilen beendet er auch einen ehelichen Schwelbrand wie zum Beispiel über den von mir nicht geleerten Mülleimer. Nach einem harmonischen Abendessen am Dritten Advent diskutierten meine Frau und ich über einen aktuellen Fernsehbericht. Der schilderte die Aufteilung von Hausarbeit zwischen Mann und Frau in Frankreich und Deutschland. Die Männer kamen dabei nicht so richtig gut weg – egal, ob Franzose oder Deutscher. Meine Frau drohte daraus ein nettes zweites Dessert zu basteln. Darauf hatte ich nun wirklich keinen Bock. Nicht an diesem Abend. Der aus meiner Sicht verständliche Grund: Ich war satt.

Weltzeiten und der volle Mülleimer

Gerade wollte ich sicherheitshalber meine Verteidigung aufrüsten…Ding-Dong. Erleichterung durchströmte mich. Das war die Rettung. Denn der Ton war eindeutig fremd! Verlautbarung von mir: „Wer klingelt denn so spät noch bei uns?“ Die protestierende Note erlaubte mir erneut mein Smartphone zu zücken, um die präzise Uhrzeit abzurufen, die in zahlreiche Weltuhren eingebettet war. Das hatte ich vor wenigen Tagen und tief in der Nacht als kostenloses App heruntergeladen. Jetzt konnte ich mich zeitgenau als Wissensbürger aufspielen, Ach ja, und bei uns war es 23:00 Uhr. Meine Frau schaute mich mit fassungslos lauerndem Blick an und dachte: Für so´n Quatsch hat er Zeit, aber den Mülleimer kriegt er nicht runtergeladen. Aus meiner Sicht hatte das touchgescreente digitale Wunderwerk nun absolut nichts mit dem analogen Dreckkram zu tun. Frauen können eben grundlegende Dinge schwer sauber trennen, so dachte ich. Meine über alles geliebte Wutbürgerin stürmte nun mit schnellen kleinen Schritten in Richtung Eingangstür. Ich rief hinterher: „Nicht aufmachen, wer weiß, was da draußen wieder für ein Bettler steht, um dir ein paar Euros abzuschwatzen. Gerade jetzt in der Vorweihnachtszeit!“

Zwischen Milde und Totschlag

Sie scherte sich einen Teufel darum. Aus den Wortfetzen zwischen drinnen und draußen hörte ich heraus, dass aus dem offenen Herzen meines Gut-Weibes wieder Mitleid floss und ein paar Euro die Hände wechselten.
Zurück am Esstisch verkündete sie mit dem rechten Fuß unter dem Tisch aufstampfend: „Ich habe dem Mann großzügig Geld gegeben. Es ist ja schließlich Adventszeit – und bald Weihnachten. Zeit der Milde. Und eigentlich war der mit seinen weißgrauen Haaren ja ganz nett.“ Sie glaubte offensichtlich, dass ich mit der jahreszeitlich bedingten Wirklichkeit nicht so recht vertraut war. Egal. Ich setzte einen vorwurfsvollen und langatmigen Vortrag über die Gefährlichkeit ihres Tuns dagegen. Was so alles hätte passieren können – irgendetwas zwischen gefährlicher Körperverletzung, Mord und Totschlag. Meine Frau zeigte Wirkung. Sie gelobte, in Zukunft besonders dann deutlich vorsichtiger zu sein, wenn unser Tür-Gong nicht den Freundes-Beiklang drauf hat.

Zischen im Schnee und der Fremde vor der Tür

SaunaWir einigten uns darauf, dass es ja gut gegangen sei. Aber Vorsicht müsse eben sein und sei ja auch vernünftig. Unsere Herzen pochten aber je eine andere Sprache. Auf unser konsensorientiertes Vernunftsgerede setzte sich das Gewissen der Barmherzigkeit. Über Tage knabberte es bei uns beiden mächtig an dem erklärten Vorsatz, an der Haustür einen auf soziale Kälte zu machen, wenn der Ding-Dong wieder fremdelt. Ausgesprochen wurden die Zweifel natürlich nicht. Einige Tage waren nun durch das winterliche Land und die präzisen Wetterberichte in den Medien gezogen. Seit vielen Stunden rieselte – wie immer leise – Schnee satt.
Meine Frau nutzte nach dem spätabendlichen Saunagang die dicke cool-weiße Decke im Garten. Ich glaubte ein Zischen zu hören, als sie ihren heißen Körper in die feinen Eiskristalle tauchte. Wir tauschten schmerzlich-wohlige Wortfetzen zwischen Kälteschock und aufgeheizter Haut aus. Plötzlich erstarrte meine bessere Hälfte. „Hast Du gehört?“ Hatte ich nicht. „Was?“ entfuhr es mir in unwilliger Grundstimmung. „Na, Ding-Dong. Da draußen ist auf keinen Fall ein Fremder.“ Woher sie immer diese Sicherheit nimmt, den Hausgong fast wie ein militärisches Freund-Feind-Kennungsgerät einzusetzen?

Dünne Tränen über blasse Backen

Ding-Dong, Ding-Dong…immer schneller wurde der akustische Melder in Gang gesetzt. Ich schleuderte meiner Frau noch hinterher, dass die Bettler wohl immer dreister werden und jetzt schon um Mitternacht den braven Bürger aus seinen wohlverdienten Saunaritualen herausreißen. Sie rief: „Ich sehe nur mal aus dem Badfenster, was da los ist.“ Ihre plötzlich schreiende Bitte durch drei Zimmerwände ließen keine unnötige Diskussion zu: „Mach´ sofort auf. Es sind unsere Nachbarn.“ Schnell noch den Bademantel an. Ich reiße die Eingangstür auf. Die letzten verzweifelten Ding-Dongs schallen über mich hinweg in die schneehelle Vorgartenidylle. Vor mir steht die Mutter, das Gesicht unter Schock, in den Armen ihre Kinder. Sohn und Tochter schützen mit ihren Händen ihre Meerschweinchen. Die Kinder zittern, dünne Tränen rennen über die blassen Backen. Hinter ihnen ihr Vater, das Gesicht eingerußt. Verzweifelt rufen sie: „Unser Haus brennt!“
Der Vater dreht sich um und verschwindet in den schwarzen Rauchschwaden, die aus Haustür und Keller dringen. Beißender Brandgeruch liegt über der Nachtszene.

Verschmorte Teile landen im Schnee

Kinder, Mutter und Meerschweinchen sind schnell in unserem warmen Wohnzimmer versorgt. Die Mutter rennt dann aber – kaum bekleidet – mit nackten Füßen wieder in den Schnee hinaus und schreit nach ihremFeuer Mann. Wir können sie gerade noch davor zurückhalten, auch in den pechschwarzen Giftschwaden zu suchen. Da taucht ihr Mann wieder auf. Er torkelt in den tiefen Schnee. Inzwischen sind die Kinder wieder in der Kälte. Sie beruhigen sich erst, als sie ihren Vater sehen. Fast wie im Film läuft dann die professionelle Rettungskette an. Mehrere Löschzüge der Feuerwehr folgen der Polizei. Wenig später ist die gestörte Familienhaus-Szenerie in gleißendes und kaltes Licht eingetaucht. Routiniert rücken die Feuerbekämpfer mit Atemschutzgeräten und C-Schläuchen dem Brandherd zu Leibe. Sehr schnell haben sie die Lage im Griff. Ein Ladegerät war in Brand geraten. Verschmorte Kunststoff- und Metallteile werden in den weißen Garten geschmissen.

Keine Geschenke zu Weihnachten

In unserem Haus befragt die Kriminalpolizei das Ehepaar. Die Kinder und die Meerschweinchen haben bei uns ihre Schlafstätte gefunden. Wir holen weitere Kleidung für unsere Nachbarn, bieten ihnen Betten an. In ihr Haus können sie in absehbarer Zeit nicht. Es ist jetzt drei Uhr nachts. Unser Nachbar erzählt völlig übermüdet, aber durch die Ereignisse aufgekratzt, was und wie es wohl passiert ist. Seine Frau liegt ermattet, nun deutlich entspannter in seinen Armen. Timo, der elfjährige Sohn, hatte sich sehnlichst einen fernlenkbaren Modellhubschrauber zu Weihnachten gewünscht. Damit das Gerät am Heiligen Abend auch fliegen kann, musste die Batterie aufgeladen werden. Im Keller der nun obdachlosen Familie gibt es einen kleinen Raum, der in der Adventszeit abgeschlossen wird. Hier lagern die Geschenke für die Kinder. Und hier glaubte der Vater auch den besten Ort zu haben, um das Ladegerät in Ruhe und heimlich über Nacht arbeiten zu lassen. Noch wissen die Kinder nicht, dass es an diesem Weihnachten wohl keine Geschenke geben wird.

Von der Katastrophe zur Besinnlichkeit

Am Morgen des Heiligen Abends ist Krisensitzung bei uns am Esstisch. Die Meerschweinchen haben sich an die neue Umgebung gewöhnt. Die Kinder konnten einigermaßen schlafen und beginnen zu verstehen, was nachts passiert ist und dass sie Weihnachten nicht zu Hause feiern werden. Mit viel einfühlsamer Geduld macht die Mutter ihnen klar, was noch hätte passieren können. Wie mutig der selbstlose Einsatz ihres Vaters war, noch die Geschenke zu retten. Wie gefährlich aber auch eine Rauchvergiftung ist. Welch großes Geschenk es sei, dass sie überlebt hätten. Und dass sie nun über die Festtage viel Zeit hätten, miteinander zu sprechen, ganz nah beieinander zu sein, wenig abgelenkt zu werden. Sie beschreibt in liebevollen Worten ihren gemeinsamen Weg von der Katastrophe zur Besinnlichkeit.
Die Kinder lauschen gebannt. Die eine oder andere Träne läuft über die inzwischen leicht geröteten Backen. Gleichzeitig ist deutlich ihre Entspannung zu spüren. Sie lösen sich aus ihrer Sprachlosigkeit. Die zwölfjährige Janika fragt, ob sie denn Weihnachten nachholen werden. Timo will wissen, wann er mal wieder ins Haus darf, um zu sehen, wo die Weihnachtsgeschenke verbrannt sind. Das Geplapper wird lauter. Mutter und Vater schlagen das Frühstücksei an und atmen fast zeitgleich tief durch.

Dann doch ein überraschendes Geschenk

weihnachtsbaum,-geschenkeStunden später: Ding-Dong. Wir erkennen unsere Nachbarn, die nochmals zur Polizei mussten, sofort am freundlichen Zweiklang. Meine Frau stößt mit mir im Türrahmen fast zusammen. Wir wollen beide möglichst schnell aufmachen. Keiner denkt mehr an die moralinsaure Diskussion, ob wir unser Haus öffnen oder nicht. Wir bieten unseren Nachbarn an, bei uns Weihnachten zu feiern. Niemand muss dann Vorträge oder Gedichte zum Besten geben, die den Wert des Festes der Nächstenliebe deutlich machen sollen. Leben oder Überleben zu dürfen, das ist heute allen sehr tief bewusst. Die Meerschweinchen bekommen eine Extraportion Salat vom Feinsten.
Ach ja, da war noch etwas. Beim Einsatz der Feuerwehr hatte ein älterer Mann eine Tüte aus dem Brandschutt genommen. Darin war fast unversehrt ein Weihnachtsgeschenk: Das Vereinstrikot für Timo von seinem Basketballclub – mit Unterschrift von seinem Lieblingsspieler. Keiner hatte gemerkt, dass der weißbärtige Mann das Teil an sich genommen hatte. Noch während des Frühstücks erklingt wieder unser Ding-Dong. Meine Frau posaunt sofort in Richtung Eingangstür: „Das ist jemand, den wir kennen.“ Kaum ausgesprochen, rennt Timo, als sei er bei sich zu Hause, zur Tür und öffnet. Der Fremde reicht Timo das Trikot mit den Worten: „Das habe ich bei Euch vor der Tür gefunden. Es ist sicher ein Geschenk für dich.“
Meine Frau steht hinter Timo und erkennt den Mann wieder, dem sie vor Tagen einige Euro in die Hand gedrückt hat. Sie bittet ihn herein. Auch der nicht mehr so fremde Mann feiert Weihnachten bei uns.

Dieter Buchholtz


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