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Jogging-Point

Aber bitte mit Curry

Klar liebe ich die kulinarische Inszenierung im mediterranen Outdoor-Restaurant, bei meinem Italiener, meinem Spanier. Klar achte ich auf gesunde und leichte Ernährung. Und ganz klar bestelle ich meinen Pino Grigio, den Modewein eben. Noch aber wage ich es nicht, schlicht von italienischem Grauburgunder zu sprechen, der er ja eigentlich ist. Meistens trinke ich dazu ein herrlich klares Wasser. Einfach gesünder so, habe ich gelesen. Das alles muss sein, weil das Alter bereits in der Bauchgegend ungefragt Schwellringe setzt. Also bis dahin alles noch im grünen Bereich.

Curry-Wurst mit Fritten und Mayo

Aber dieser gedankliche und absolut nicht kulinarisch korrekte Vorstoß mit dem italienischen Grauburgunder hätte mich deutlich warnen müssen. Bahnt sich hier ein Retro-Gen seinen Weg zurück in die Provinzkocherei? Ungeahnte Möglichkeiten eröffnet damit vielleicht ungewollt die Neue deutsche Küche. Ebenso, dass immer mehr Gourmets – auch die sich nur dafür halten –  verhältnismäßig ungestraft die regionale Küche doppeldeutig in den Mund nehmen dürfen. An der medialen Kochfront löst das schon lange kein schüttelndes Erdbeben mehr aus. Bei mir dagegen schon, aber eben aus anderen Gründen. Durch nichts erklärbar, bricht plötzlich und unbeherrschbar das Currywurst-Pommes-Bier-Fieber vehement aus. Diese rustikale Gaumenlust produziert schwallartig Pfützen in meiner Mundhöhle. In diesen anfallartigen Momenten fühle ich mich völlig allein gelassen mit meiner unkalkulierbaren Lust. Ich ahne schon missbilligende Blicke von Freunden und Freundinnen: Wie kann man nur…

Kürzlich, nach unserem traditionellen Herbsturlaub in der touristisch deutlich reduzierten Toskana, war es wieder so weit. Voraus ging ein langer Spaziergang über kilometerlange einheimische Waldwege. Sehr gesund. Etwas erschöpft erreichen wir einen Biergarten, herrlich romantisch an einem kleinen Bahnhof gelegen. Weltbekannt ist dieses Fachwerkhaus als Bausatz bei Modelleisenbahnern. Unschlüssig verharrt die Gruppe am Eingang zu diesem Kleinod deutscher Gasthaus-Kultur. Tendenz der Damen: Rückmarsch, weil hier deftige Hausmannskost vorherrscht. Tendenz bei mir: Nichts wie rein und mein geliebtes Kultgericht mit herrlichen Gold-Pommes bestellen. Jetzt ist für dieses Ziel normalerweise etwas zwischengeschlechtliche Diplomatie gefragt.

XXL-Portion Currywurst mit Haufenschichtung Pommes

Zögerlich, aber gut hörbar, nuschele ich mir meine Sehnsucht in den Bart. Da meldet sich der zweite Mann in der frauendominierten Freizeit-Spontan-Gruppe: „Ich geh´mit.“ Das sagt er einfach so und mit fester Stimme. In einem Anfall von in solchen Zusammenhängen ungewohnter Selbstbestimmung folgen wir beide mit schnellen Schritten unserem Sucht-Navi. Die Frauen verharren weiter vor der Speisekarte draußen, machen Anstalten, den Rückweg zu finden, diskutieren deutlich erregter, kehren um und betreten dann mit leicht missmutigen Gesichtern den ziemlich vollen Biergarten. Der spätherbstlichen Sonne sei Dank. In der Nähe des von uns in schneller Wahllosigkeit gewählten Tisches bemäkeln sie ersteinmal deutlich vernehmbar die unmögliche Platzwahl der beiden Männer. Sie beginnen mit ungeheurer Schwarmintelligenz andere Gäste mit dem freundlichsten Lächeln der Welt davon zu überzeugen, dass ihre Zeit zum Gehen eigentlich schon längst gekommen ist. Ein großer Tisch mit Gästen gibt auf, die Damen besetzen die Biertische und winken uns zu sich. Unser Blick sagt: O.K., wenn das der Preis für unseren Currywurst-Pommes-Anfall ist, dann bitte schön. Schweigend verabschieden wir uns durch bedeutungsvolles Kopfnicken von unseren kurzfristigen Tischnachbarn. An unserem Damentisch signalisieren wir sofort, wie hervorragend diese Platzwahl ist. Die Damen: „Geht doch. Warum nicht gleich so?“ Mit diesem beiderseitigen Schachzug ist nunmehr der Weg frei, je einen großen Teller dieser Wurst aller Würste zu genießen. Dazu ein helles Weizen. Traumhaft.

Die eine oder andere Salatvariation wird von den Damen bestellt. Eine Flasche Wasser soll sich gegen Weizenbier behaupten. Eine Dame wagt sogar kühn einen Radler. Wir dagegen bestellen zwei Kalorienhämmer, die XXL-Portion Currywurst mit der wunderbaren Haufenschichtung an Pommes frites. Dann plötzlich die Bemerkung einer der Frauen: „Wisst ihr eigentlich…“. Ach Du lieber Gott, ist unsere Befürchtung, jetzt kommt die Arie mit den Kalorien, den Fetten und wie fürchterlich die Massentierhaltung ist… So zucken wir Männer zusammen, noch die Schaumreste des Weizenbieres in den Bärten. Weit gefehlt. Nichts von diesen spaßbremsenden Sticheleien kommt über die wettergegerbten Gartentischplatten.

Der Vorstoß schält sich aus der Tiefe weiblich kultureller Ansprüche, wie wir völlig schutzlos und unvorbereitet bemerken. Wir wollten uns – einfach nur über unser Stammhirn (hat nichts mit Stammessen zu tun) gesteuert – einer wortlosen Nahrungsaufnahme der niederen Art hingeben. Intuitiv setzen nun die Frauen ihre epigenetisch besser ausgeprägte Kommunikationsfähigkeit ein und bringen uns in Zugzwang, diesen Essens-Fauxpas durch kulturelle Gegengewichte auszugleichen. Sie meinen: Wenn wir schon derartig provozierende Basisgerichte vertilgen wollen, sollten wir doch wenigstens wissen, was wir da tun, woher dieser offensichtlich eher männerdominierte Wurst-Kult denn überhaupt kommt usw. usw.

Herta Heuwer und die Geburt der Kultwurst im Rotlichtviertel

Herta Heuwer

Herta Heuwer

Leicht spaßgebremst wischen wir uns fast synchron den zweiten Schaum aus den Bärten und ziehen in paralleler Verzweiflung unser Smart-Phone aus der Tasche. Die Damen stöhnen auf. Hätten sie sich ja denken können, dass wir eigentlich nicht so recht wissen, was wir tun. Gehofft hatten sie auf einen unterhaltsamen Small Talk rund um die kleingeschnibbelte Wurst und ihrem curryverschärften Erstickungstod in Ketchup-Sauce. Raus kommt jetzt aber ein Vorlesungswettbewerb der beiden Männer aus Wikipedia und Co. Der vortraggewohnte Professor läuft zur Höchstform auf, weil er sogleich über seine Flatrate im Internet fündig wird. Trotz der Abgelegenheit dieses romantischen Nebenstrecken-Bahnhofs ist der notwendige www-Empfang gut. Ein Glück. Wir haben den richtigen Provider.

Gedenktafel Kantstr 101 Herta_Heuwer

seit 2003 erinnert eine Gedenktafel an Herta Heuwer © OTFW, Berlin

Fest im Hinterkopf hat der Universitätsmann die hoffentlich bald nahende und nahrhafte Portion. Deshalb referiert er im Stakkato gegen die sofort einsetzende Langeweile bei den Damen: „Erfunden hat die Urmutter dieser deutschen Fast Food-Bewegung eine Berlinerin,“ liest er vom kleinen Farbdisplay ab. „Am 4. September 1949 bot Herta Heuwer erstmalig dieses bis dahin unbekannte Gericht an. Ihr Imbisstand hatte sie an der Kaiser-Friedrichstraße in Berlin-Charlottenburg. In der Nähe des damaligen Busbahnhofs- und Rotlichtviertels des Stuttgarter Platzes. Tag und Nacht war somit auch die Imbisshalle geöffnet. Sie wurde zur festen Institution. Das Geschäft brummte. Die Ketchup-Firma Kraft wollte das Rezept haben. Herta Heuwer ließ sie abblitzen.“ Der Vorleser legt seinen elektronischen Spickzettel auf den Biertisch und lehnt sich teilentspannt zurück.

Wir Männer finden diesen Wissenszuwachs noch vor dem Curry-Ketchup-Erlebnis hoch interessant. Die Damen aber dokumentieren durch anschwellende Parallelgespräche erlahmende Aufmerksamkeit. Überraschend kann ich nun mit dem Hinweis kurz punkten, dass diese spezielle Wurst, auf die wir immer noch warten, ein deutsches Kulturgut sei. Die Damen lächeln sich gegenseitig mitleidig und missbilligend an: „Na toll, das ist doch lächerlich…Kulturgut. Da hat sich wohl einer einen Scherz erlaubt. Vermutlich ein Mann.“ Ich lasse mich aber in Erwartung des kommenden Hochgenusses nicht abspeisen und setze nach: „Immerhin schrieb Uwe Timms 2003 die Novelle „Die Entdeckung der Currywurst“. Darin schreibt er fiktiv die Erfindung der Currywurst einer Lena Brücker in 1947 zu. Der Schriftsteller positionierte Brücker stellvertretend als „einer dieser wunderbaren Frauen, von denen es viele gab. Die haben den Großteil des Wiederaufbaus gestemmt, die waren sehr präsent damals. Ja, und verfilmt wurde dieser Stoff mit Barbara Sukowa dann auch.“ Mit diesen frauenorientierten historischen Ausflügen kommt erneut konzentriertes Leben in die Damengruppe. Und der Nachklapp, als schon die beiden Würste am Biergartenhorizont erscheinen, kommt noch gerade so eben rüber: „Es gibt seit 2009 auch das einmalige Deutsche Currywurst-Museum in Berlin-Mitte. Immerhin ist dort eine Weltkarte zu finden, die zeigt, wie sich dieses deutsche Nachkriegsschmankerl global verbreitet hat, noch vor dem US-Hamburger und dem türkischen Döner. Wir Männer verbuchen jetzt einen kaum erhofften Achtungserfolg. Das Niveau wurde soeben um einige Grade gehoben.

Von Grönemeyer über die Weihnachts-Currywurst zum Wurstfestival

„Bitte schön, zweimal die XXL-Currywurst.“ Von der Figur her scheint die weibliche Bedienung öfter mal ein solches Gericht für sich abgezweigt zu haben. Egal. Wir Männer wünschen uns kurz und knapp einen guten Appetit und legen los. In harmonischer Dosierung gilt es nun, die Wurstteile in der roten Tunke ausfindig zu machen. Nach jedem erfolgreichen Gabelstich müssen reichlich Pommes nachgeführt werden. Die Frauen ergänzen mit: „Na, dann stopft mal schön! Da hat die Heuwer ja wirklich ne tolle Erfindung gemacht.“ Oder: „Ein paar von den Fettkartoffel-Stäbchen kannst Du mir doch abgeben, oder?“ Ach, denken wir, jetzt auf einmal. Sagen wollen wir lieber nichts. Wir bleiben leicht autistisch dicht mit Nase und Augen beim oder schon besser im Tellergericht. Es würde uns ja durchaus auch ohne Unterhaltung schmecken. Um die Stimmung aber nicht durch rote Bärte, kleine roten Flecken auf dem frischen Hemd und Fettflecken von Pommesstäbchen auf der Hose zu sehr zu belasten, legen wir noch ein bisschen Wiki-Wissen sozusagen als geistiges Dessert für die Damen nach:

„Immerhin hat Herbert Grönemeyer, der Ruhrpott-Barde, diesem gekrümmten in Darm gezwängten und klein gemahlenen Schweine- oder Rindfleisch ein Song-Denkmal gesetzt: „Gehse inne Stadt, wat macht dich da satt, ´ne Currywurst“ und so weiter.“ Eine der Damen summt sogleich die Melodie: „Ja, ja, der Grönemeyer“, unterbricht sie ihr melodisches Gesäusel. Wir sind nicht sicher, ob damit das Eis für die Currywurst gebrochen ist oder die Dame ganz was anderes aus tiefer Seelensehnsucht ersummt. Schnell können wir noch zusammen mit den Resten der roten Leckerei unterbringen, dass unter „chefkoch.de“ wunderbare Variationen bis hin zur Weihnachts-Currywurst zu finden sind. Umgehend kommt die empörte Damen-Reaktion: „Wollt ihr uns damit unterwuchten, dass wir angesichts des Weihnachtsbaums anstatt des Festbratens nun so eine Fettwurst essen sollen?“ Wir machen deutlich, dass dies absolut nicht unsere Absicht war. Es soll auf jeden Fall und wegen der rituellen Tradition alles bleiben wie es immer war. Aber verkneifen können wir es uns nicht, dass wir gerne vom 1. bis 3. Februar 2013 das Festival der Currywurst in Neuwied am Rhein besuchen wollen. Die Damen stöhnen über unsere Unbelehrbarkeit. Sie lassen aber – wohl durch die kulturelle Einbindung der Currywurst – durchblicken, dass dann ja die Weihnachtsmärkte Vergangenheit sind. Und ein Abstecher in die Abgründe ungesunder Küchenkultur sei besser als keine Unternehmung. Und eine Shopping-Chance weniger mache den Februar auch nicht gerade gemütlicher. Uns überzeugen diese Argumente in ihrer kulturellen Ausgewogenheit.

Geadelt durch eine Briefmarke und millionenfach bei VW

Currywurst auf einer deutschen Briefmarke von 2011

Currywurst auf einer deutschen Briefmarke von 2011

Wir Männer sind nun eine Wurtslänge weiter und bestellen zwei weitere Weizen. Die Damen wollen doch noch wissen, wieviel Kalorien wir denn verschluckt hätten. Wir schlucken nochmals ins Leere und unser Professor rettet elegant die Situation: „Wusstet ihr, dass es 2001 eine ganz besondere Briefmarke der deutschen Post gab. Mittelpunkt der Darstellung war sie, unsere Currywurst. Damit wurde sie Teil der Serie `In Deutschland zu Hause: Einfallsreichtum – Deutsche Erfindungen´“. Ein gewisser Stolz ist dabei nicht zu überhören. Ich unterstütze meinen Curry-Bruder und nicke so bedeutungsvoll, wie es in dieser ja nicht gerade paritätisch besetzten Runde gerade noch verträglich ist.

Ich kann es mir auch nicht verkneifen, mit einem Clou den Schlusspunkt unter dieses Freiluft- und Freizeit-Event zu setzen: „2011 produzierte die Fleischerei von VW (Kein Scherz!) 4,8 Millionen Currywürste. Diese Volkswagenwürste sind den Werkkantinen in Wolfsburg entwachsen. Sie haben deutlich weniger Fett, enthalten keine Phosphate, kein Milcheiweis oder Glutamat. Der Autorhersteller punktet hiermit seit Jahren.“

Diese gesündere Mitessperspektive begeistert die Damen am Ende dann doch. Dennoch winken sie weitere Erklärungsvorträge ab. Sie sind satt von dieser Art der Heiligsprechung eines verführerischen Angriffs auf die Gesundheit. Abmarsch an den heimischen Herd ist angesagt. Uns Männern fällt das Aufstehen jetzt etwas schwerer, die ersten Kilometer im Wald auch. Schön aber war es, mal wieder nicht mediterran zu essen.

Dieter Buchholtz

 

Mehr über die Currywurst

Currywurst-Festival in Neuwied

Wem jetzt die Currywurst noch nicht wurscht ist, der sollte sich auf dem 7. Neuwieder Festival der Currywurst vom 1. bis 3. Februar 2013 mal so richtig satt sehen und satt essen. Rund 20 Stände bieten 100 unterschiedliche Saucen von scharf bis süß an. Dieser Themenmarkt ist wohl einmalig in Deutschland. Anreiz für Kauflustige: Verkaufsoffener Sonntag ist inbegriffen.

www.neuwied.de/currywurst

 

Currywurst-Museum in Berlin

Die Wiege der Currywurst steht wohl unbestritten in Berlin. Wen wundert es, wenn dieses bananenkrumme Kultfleisch in einem Museum gewürdigt wird. Die interaktive Dauerausstellung beherbergt beispielsweise eine echte Imbissbude, eine Gewürzkammer, die Experimentierküche. Ein Zeitstrahl veranschaulicht, dass „Essen to go“ schon seit 5000 Jahren in der Menschheitsgeschichte nachweisbar ist. Genüsslich sind auch die Film- und TV-Stücke zu sehen, in denen die Currywurst eine wichtige Nebenrolle spielt.

Führungen sind nach Anmeldung möglich, ein stilechter Imbiss dagegen ohne jegliche Anmeldung innerhalb der Öffnungszeiten von 10 bis 22 Uhr.

Eintritt: Zwischen 7 und 11 €, Kinder unter 6 Jahren haben freien Eintritt in das Currywurst-Paradies.

Anschrift: Deutsches Currywurst-Museum, Schützenstraße 70, 10117 Berlin.

Web: www.currywurstmuseum.de

 

68 Rezepte bei chefkoch.de

Wer mal zu Hause Variationen der Currywurst nachkochen will, ist auf dieser Website gut aufgehoben. Mit Bildern und Bewertungen zeigt die Curry-Fleisch-Community, was alles zusammen mit der obligatorischen Wurst auf den Teller gebracht werden kann. Unangefochtener Hit in der Bewertungsskala ist die „Original saarländische Currywurst“. Sie kann in 20 Minuten die Gaumen erfreuen und hat den Schwierigkeitsgrad „normal“.

Web: www.chefkoch.de


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