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Der Mensch ist frei – auch zum Selbsttod?

“Sterbehilfe” – ein Problembegriff bewegt Deutschland

Spritze Kopie

Paragraph 216 verbietet in Deutschland die Sterbehilfe

Manchmal reicht ein bloßes Wort, um Menschen in Aufregung zu versetzen, um unterschiedliche – religiös, philosophisch, auch humanistisch geprägte – Vorstellungen aufeinander prallen zu lassen, oder vielleicht auch nur Nachdenklichkeit hervorzurufen. Ein solcher Begriff (keineswegs neu, aber wieder einmal höchst aktuell) ist –  „Sterbehilfe“. Er bewegt das Land, seit Hermann Gröhe (CDU), Bundesminister für Gesundheit und Pflege in der Berliner Großen Koalition, vor kurzem eine Initiative im Deutschen Bundestag für ein Verbot nicht nur der „erwerbsmäßigen, also eines besonders verwerflichen  Geschäftemachens mit der Lebensnot von Menschen, sondern  jeder Form der organisierten Selbsttötung“ ankündigte. Noch in diesem Jahr vermutlich werde das Parlament über das Problem entscheiden.

Logische Folge des Älterwerdens

Seither vergeht kaum ein Tag, an dem sich nicht irgendeine Talkshow (mehr oder weniger seriös) des Themas annimmt. Es beherrscht die Leserbriefseiten der Zeitungen und wird (wiederum mehr oder weniger seriös) von Tag zu Tag prägender in den so genannten sozialen Netzen des Internets. Keine Frage, hier geht es – zumindest in den allermeisten Fällen – nicht um oberflächlichen Streit und auch nicht um die in der Politik wie auch der zivilen Öffentlichkeit so gern betriebene Rechthaberei. Was Gröhe angesprochen hat, löst deswegen so starke Emotionen aus, weil darin, erstens, unverhüllt die logischen Folgen für eine zunehmend älter werdende  Gesellschaft sichtbar werden und, zweitens, die so gern verdrängte Unausweichlichkeit im menschlichen Leben – nämlich der Tod –  in seiner mitunter grausamsten Weise in den Vordergrund tritt.

Eine neue Serie

rantlos.de wird das Thema Sterbehilfe als Serie in zahlreichen Facetten beleuchten – juristisch, theologisch, aus ärztlicher Sicht, moraltheoretisch, politisch, als Fall-Schilderung, im Vergleich mit anderen Ländern. Wir werden weder nach der einen oder anderen Seite Stellung beziehen, noch etwa Ratschläge beziehungsweise gar Handlungsanweisungen geben. Wer die engagierte, ernsthaft geführte Diskussion seit der Minister-Ankündigung verfolgt hat, wird mehr als einmal und vielleicht sogar zur eigenen Überraschung festgestellt haben, dass er (oder sie) gar nicht einer scheinbar festgefügten Richtung folgen kann, weil irgendwie und irgendwann jede Denk- und Glaubensweise irgendwo Recht hat.

Das war nicht Hilfe, sondern Mord

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“Auch der Sterbende hat Anspruch auf Respekt”

Für eine in Deutschland leider noch immer anzutreffende Doktrin  – und da legt sich rantlos.de dann doch fest – sollte diese Toleranz freilich  nicht gelten. Für die These nämlich, die da lautet: Sterbehilfe (mithin Euthanasie), in welcher Ausgestaltung auch immer, dürfe „wegen unserer Vergangenheit“ nicht einmal angedacht werden. Wer so argumentiert, verrät entweder geschichtliche Unkenntnis oder versucht, mit einem simplen Totschlagbegriff eine seriöse Debatte von vornherein zu tropedieren. Denn: Was die Nazis in deutschen Heil- und Pflegeanstalten taten, hatte mit Euthanasie (also Hilfe beim Sterben) nichts, aber auch gar nichts zu tun. Es war ganz einfach Mord. Es war die Exekution ihres unglaublichen Anspruchs und Wahns, als „nordische Herrenrasse“ darüber bestimmen zu dürfen, was „wertes und was unwertes Leben“ sei. Euthanasie heißt in Wirklichkeit “guter Tod” oder auch “schöner Tod” – ist also ein Synonym für menschliche Zuwendung.

Anspruch auch auf fremde Assistenz?

Grob unterschieden gibt es zur Zeit in Deutschland zwei Denkschulen. Die eine beruft sich auf die Errungenschaften der Aufklärung und fordert ein selbst bestimmtes Leben, einschließlich der Eigenentscheidung über die Art des Sterbens. Konkret: Auch das Recht, aus welchen Gründen auch immer (unerträgliche Schmerzen, Verzweiflung, Einsamkeit, Scham) den Freitod zu wählen und dafür auch die Unterstützung Dritter in Anspruch nehmen zu dürfen. Dieser, so allgemein formulierte, Anspruch findet – laut Meinungsumfragen – bei rund 70 Prozent der Bundesbürger Zustimmung. Namhafte Verfechter sind aktuell der (seit einem Unfall 1966 querschnittgelähmte) frühere Intendant des Mitteldeutschen Rundfunks (MDR), Udo Reiter (69), und der langjährige Feuilletonchef der „Zeit“, Fritz J. Raddatz (82). Warum, fragt Reiter, müssen sich jährlich rund 10 000 “Lebenssatte” vor den Zug werfen? Warum erlaubt ihnen das Gesetz nicht, einen ärztlich verschriebenen “Cocktail” zu nehmen?

Erbitterter Widerspruch

Jauch

Franz Müntefering (li) und Udo Reiter (re) bei Günther Jauch

Nicht zuletzt der frühere MD-Chef hatte mit einem Beitrag in der „Süddeutschen Zeitung“ die aktuelle Debatte über Sterbehilfe angeheizt, in dem er schrieb, er wolle lieber “in Würde” sterben, denn als Pflegefall zu enden. Sein Postulat: Das Recht auf Selbstbestimmung gelte nicht nur für das Leben, sondern auch für den Tod. Mit dieser, von der Bevölkerungsmehrheit offensichtlich gestützten, Auffassung trifft Reiter freilich auf den erbitterten Widerspruch eines (sollen wir ihn Speerspitze der Minderheit nennen?) ebenfalls prominenten Zeitzeugen, Franz Müntefering (74). Der ehemalige SPD-Vorsitzende, mehrfache Bundesminister und Katholik aus dem Sauerland hat, wie der Ex-Intendant, seine Erfahrungen mit dem Tod gemacht; beide haben ihre Ehefrauen durch Krebserkrankungen verloren. Für ihn ist die Aussage Reiters, er wolle lieber sterben als ein Pflegefall zu sein, „gefährlich“. Sie lege die „Geringschätzung von Menschen nahe, die hilflos sind“. Das klinge schnell nach „Nützlichkeitserwägungen“. Müntefering sagt, mit Blick auf seine eigenen Erlebnisse: „Ich weiß, sterben kann schwer sein. Auch wir haben mal geheult und gezagt. Aber es ist auch eine gute Zeit gewesen; der Tod ist nun einmal Teil des Lebens“

“Sterben ist Teil des Lebens”

Franz Müntefering steht damit gleichsam stellvertretend für die Haltung der allermeisten Ärzte (auf jeden Fall deren Standesvertretungen), einer (vermuteten) Majorität der Psychologen und Psychiater sowie beider großen christlichen Konfessionen. So meint zum Beispiel Frank Ulrich Montgomery, Präsident der Bundesärztekammer: “Es ist nicht ganz und gar nicht würdig, weggespritzt zu werden. Würde ist nicht die schnelle Exekution. Vielmehr bedeutet Würde, sein Leben zu Ende zu leben. Denn das Sterben ist unmittelbarer Teil des Lebens”. Und der Sprecher der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Reinhard Mawick, gibt zu bedenken: “Eine intensive und liebevolle Begleitung von Menschen auf ihrer letzten Wegstrecke verscheucht nicht selten den Gedanken an den Freitod”.

Auch Gemeinsamkeiten

sterben_pillen_imago1Dabei sind die beiden „Lager“ über weite Strecken gar nicht einmal weit voneinander entfernt  – sieht man von dem (zugegeben zentralen) Verlangen nach totaler Selbstbestimmung über sein Leben und auch seinen Tod ab. So gibt es etwa keinen Widerspruch bei der positiven Würdigung der bereits erreichten Fortschritte in der Palliativmedizin und deren schmerzlindernden Wirkung. Und alle sind des Lobes voll über die segensreichen Hospiz-Einrichtungen, in denen Sterbenskranke – meist liebevoll gepflegt – in Würde dem Leben Ade sagen können. Aber gerade für den Hospizbereich gilt eben auch: Es gibt noch zu wenig davon. Nach Darstellung der Andernacher Ärztin für Schmerztherapie, Dr. Marion Peschek, sind die Hospiz-Einrichtungen in Deutschland sehr unterschiedlich verteilt: „In Nordrhein-Westfalen sieht es ganz gut aus, im Gegensatz zu den meisten Flächenländern“. Für Peschek sind Erfolge hier viel wichtiger als Streitigkeiten um die Frage nach totaler Selbstbestimmung.

Gisbert Kuhn




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