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Mit 65 Jahren…und dann?

…geht das Leben munter weiter. „Rentenschnitt“ für die Meisten kein Horror

Endlich Reisen und Segeln, der Traum im neuen Lebensabschnitt ©sepp spiegl

Endlich Reisen und Segeln, der Traum im neuen Lebensabschnitt
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Als Werner Korb (Name geändert) 65 Jahre alt wurde, schien – nach seinen eigenen Worten – wirklich „alles paletti“: Bekannter Rundfunk-Journalist, Miterfinder eines politischen Magazins, lange Zeit Auslandskorrespondent, großzügiges Haus, Segelschiff, wirtschaftlich und finanziell mit der Familie hervorragend abgesichert. „Ich freue mich auf  den neuen Lebensabschnitt“, pflegte er (oft genug auch ungefragt) zu sagen. „Dann kann ich endlich nach Herzenslust reisen, segeln und ausgiebig lesen“. Später tauchte Korb immer mal bei Terminen auf, die er früher beruflich wahrgenommen hatte und wurde jedes Mal von den Ex-Kollegen herzlich begrüßt. Eines Tages jedoch hieß es: „Habt Ihr schon gehört? Werner ist tot. Herzinfarkt beim Fitness-Training“. Später erfuhr man, dass im nach-beruflichen Leben von Werner Korb überhaupt nichts „paletti“ war. Im Verhältnis zum alten Sender – Funkstille; kaum einer der alten Mitstreiter rief  an. Und auch das Segeln bereitete keine rechte Freude mehr, seit der Sohn – vorher viele Jahre sein Vorschotmanneinen Job in Australien angenommen hatte. Lesen? Auch das konnte die innere Leere des vorher so aktiven Mannes  nicht ausfüllen! Korb hatte ganz einfach den Übergang in den – wie sagt man so gern? – Ruhestand nicht verkraftet. Seelisch nicht. Und deshalb streikte am Ende wohl auch das Herz.

Der Rentenschnitt

Der Rentenschnitt
© sepp spiegl

Geschichten wie diese sind häufig zu hören, wenn vom „Rentenschnitt“ die Rede ist. Meistens freilich werden damit die finanziellen Folgen beschrieben, die mit dem Ende der klassischen Erwerbstätigkeit verbunden sind – also mit dem Erreichen des Renten- bzw. des Pensionsalters. Doch Fachleute wissen, dass die psychologischen Wirkungen des Ausscheidens aus dem Berufsleben für viele Menschen noch bedeutend gravierender sind. Besonders für solche, denen „die Arbeit“ hauptsächliche Erfüllung und Stütze des persönlichen Wertgefühls war. Das Gefühl, „nicht mehr gebraucht“ zu werden, lässt manches seelische Gebäude jäh einstürzen. So wie bei Werner Korb. Sigi Clarenbach kennt viele solche Leute. Als Sozialpädagogin an der Evangelischen Akademie Tutzing versucht sie, angehende Ruheständler auf das „neue“ Leben mit seinen meist tief greifenden Veränderungen einzustimmen, damit sie nicht in das berüchtigte „Loch“ fallen. Eine ihrer Faustregeln: Die Vorbereitung darauf sollte am besten schon zehn, auf jeden Fall aber fünf Jahre vor dem „Tag X“ beginnen. Werner Korb hatte nie ernsthaft darüber nachgedacht, dass auch er ersetzbar sei. Umso erbarmungsloser schlugen dann die Erkenntnis und die Enttäuschung zu.

1,5 Millionen neue Rentner pro Jahr

Gegenwärtig gehen in der Bundesrepublik jedes Jahr rund 1,5 Millionen Menschen in den Ruhestand. Ihre Situation ist so günstig wie noch nie in der deutschen Geschichte. Natürlich nicht für alle, wohl aber für die Masse. Das wird  wahrscheinlich niemals wieder so sein, was der Mehrzahl auch durchaus bewusst ist. Nicht umsonst lässt man sich daher von der Werbung gern als „best agers“ oder „goldene Generation“ umschmeicheln. Hinzu kommt, dass die meisten Ruheständler bei ihrem Ausscheiden erst Anfang 60 und – nach den Beobachtungen der Tutzinger Expertin – „fitter, gesünder und mobiler als ihre Vorgänger“ sind. Einer umfassenden, auf repräsentativen Umfragen basierenden, Altersstudie des Demoskopischen Instituts Allensbach zufolge, fühlen sich die weitaus meisten 65- bis 85-Jährigen mindestens zehn (nach Erhebungen des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung sogar 13) Jahre jünger als es ihrem Alter entspricht. Allerdings wurden dabei ausschließlich Menschen in Privathaushalten berücksichtigt, nicht jedoch die rund 335 000 alten Pflegebedürftigen in Heimen. Alles in Allem, indes, enthüllt die im Auftrag des Zukunftsfonds der Generali-Versicherung duchgeführten Untersuchung (www.generali-altersstudie.de) ein überraschend vielschichtiges, buntes und positives Bild dieser Generation in Deutschland. Sie ist in ihrer überwiegenden Mehrheit mit dem Leben hoch zufrieden (7,4 Punkte im Schnitt auf einer Werteskala von 1 – 10), aktiv, mobil sowie sozial und ehrenamtlich auf vielfältige Weise engagiert.

Für Prof. Renate Köcher, Chefin des Allensbacher Instituts, ist nicht zuletzt das „starke Unabhängigkeitsstreben dieser Generation sehr eindrucksvoll“. Im Durchschnitt, ergab die Studie, sind die 65- bis 85-Jährigen an fünf Tagen der Woche außer Haus unterwegs, mehr als zwei Drittel besitzen und nutzen ein Auto, vor allem ältere Frauen setzen sich deutlich häufiger hinter das Lenkrad als es noch Mitte der 80er Jahre der Fall war. Kein Wunder, dass sich weit mehr als die Hälfte (58 Prozent) der Befragten 65- bis 85-Jährigen und sogar 67 Prozent zwischen 65 und 74 Jahren  nicht als „alt“ ansehen. Das weist auch das, im Vergleich zu früher, wesentlich stärkere Körperbewusstsein aus; heute verwendet zum Beispiel jede zweite Frau in diesem Lebensabschnitt einen Lippenstift. Vor etwa 30 Jahren war es nur jede vierte. Damals interessierte sich die Rentnergeneration kaum für Informationen über Haut- und Körperpflege. Mittlerweile ist das Interesse dafür ähnlich hoch wie bei jüngeren Menschen.

Der Gesellschaft verantwortlich

Einsamkeit im Alter

Einsamkeit im Alter
©sepp spiegl

Neun von zehn der Befragten informieren sich täglich in den Medien über das Zeitgeschehen – wobei bisher allerdings nur sechs Prozent dafür das Internet nutzen. Was freilich nicht bedeutet, dass sie nicht trotzdem gut vernetzt wären: Nur vier Prozent klagen über häufige Einsamkeit. Vier Fünftel pflegen, nach eigenen Aussagen, langjährige Freundschaften, die weitaus meisten haben engen Kontakt zu den Kindern und Enkeln, denen sie mit Rat und häufig genug (38 Prozent) auch mit Tat zur Seite stehen. Nämlich mit einer regelmäßigen finanziellen Unterstützung in Höhe von durchschnittlich 157 Euro im Monat.  Klar, befindet sich die Mehrzahl der Ruheständler doch  in einer durchaus finanziell komfortablen Lage: Das Nettohaushaltseinkommen beträgt im Schnitt 2200 Euro. Nach Abzug von laufenden Kosten wie Miete, Kleidung und Nahrung bleibt ihnen häufig mehr Geld zur freien Verfügung als vielen unter 65-Jährigen. 63 Prozent bewerten die eigene wirtschaftliche Situation als gut oder sogar sehr gut; nur ein Prozent bezeichnet sie als schlecht.

Besonders bemerkenswert erscheinen die Ergebnisse über die hohe Bereitschaft der gegenwärtigen Rentner und  Pensionäre zum bürgerschaftlichen Engagement – mehr als die Hälfte sieht sich in der Verantwortung für die Gesellschaft, in Sonderheit für die Jungen. Und fast die Hälfte (45 Prozent) engagiert sich ehrenamtlich im kirchlichen Umfeld sowie in Freizeit-,  Sport- und Kultureinrichtungen – und leistet dabei enorm viel. Bei durchschnittlich vier Stunden die Woche, und diese hochgerechnet auf die Gesamtheit der 65-bis 85-jährigen Deutschen, ergibt das einen zeitlichen Umfang von etwa 1,48 Milliarden Arbeitsstunden pro Jahr, was einer Arbeitszeit von circa 870 000 Vollzeitbeschäftigten entspricht. „Es ist zwar nicht zu bestreiten, dass der demografische Wandel mit seiner schrumpfenden Zahl junger Menschen wachsende Anforderungen an die sozialen Sicherungssysteme stellt“, meint in diesem Zusammenhang Prof. Andreas Kruse, Direktor des Instituts für Gerontologie (Alternsforschung) der Uni Heidelberg. „Doch ebenso wenig ist zu bestreiten, dass ältere Menschen mit ihren geistigen, emotionalen, zeitlichen und vielfach auch materiellen Ressourcen eine beachtliche Unterstützung der nachfolgenden Generationen leisten“.

SES-Senior Experte Dr. Horst Eichler in China

SES-Senior Experte Dr. Horst Eichler in China

Ein Beispiel aus vielen für ein sinnvolles und beiderseitig erfüllendes ehrenamtliches Engagement von Menschen im Rentenalter ist der in Bonn beheimatete Senioren Experten Service (SES). Als Stiftung der Deutschen Wirtschaft für internationale Zusammenarbeit organisiert, hat sich der SES im In- und Ausland längst einen hervorragenden Ruf erworben. Hier sind ehemalige, jetzt im Ruhestand befindliche Fach- und Führungskräfte wie Handwerksmeister, Mittelständler, Verwaltungsexperten, Steuerfachleute, Mediziner usw. am Werk, um zum Beispiel in Drittwelt-Ländern beim Aufbau kleiner und mittlerer Betriebe, medizinischer Zentren und anderem mehr zu beraten und zu helfen. „Hilfe zur Selbsthilfe“ heißt dabei die Devise. Aber auch in Deutschland selbst ist man aktiv. Eine spezielle Initiative mit der Bezeichnung VerA (Verhinderung von Ausbildungsabbrüchen) hat sich zum Ziel gesetzt, Jugendliche davor zu bewahren, ihre Lehre zu „schmeißen“. In der Regel kümmert sich (Tandem-Modell) jeweils ein ehrenamtlicher Ausbildungsbegleiter um einen einzigen Jugendlichen. Die Erfolgsquote: In den etwas mehr als vier Jahren ihres Bestehens hat VerA über 2000 jungen Menschen geholfen, ihre berufliche Zukunft anzusteuern. Und die „Alten“ sind dabei selbst „jung“ geblieben. Sie sehen sich gebraucht, werden geschätzt, und der Erfolg ist direkt sichtbar. Übrigens: Der Senioren Experten Service (www.ses-bonn.de) sucht ständig Fachleute beiderlei Geschlechts – für Einsätze rund um den Globus und auch für VerA.

Als „goldene Generation“ in Erinnerung

Die Rente reicht nicht mehr für eine Reise ©sepp spiegl

Die Rente reicht nicht mehr für eine Reise
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Allerdings sind (mit 11 Prozent) auch jenseits des Ehrenamtes überraschend viele Menschen im Rentenalter noch richtig erwerbstätig. Ohnehin freut sich, der Studie zufolge,  nur jeder zweite „aktive“ Ruheständler darüber, nicht mehr arbeiten zu müssen. Die längere Lebensarbeitszeit, indessen, dürfte mit hoher Wahrscheinlichkeit in gar nicht allzu langer Zeit Normalität werden. Denn ein großer Teil der heute noch unter 65-Jährigen kann, aller Voraussicht nach, keine Rente erwarten, die über dem Existenzminimum liegt. Das beträgt zurzeit 364 Euro monatlich für Alleinstehende und 656 Euro für Ehepaare. Und das untere Drittel der Jüngeren hat zudem kaum verfügbares Einkommen, das sie für das Alter ansparen könnten. Eine Erklärung dafür lautet „‚demografischer Faktor“. Einfach ausgedrückt bedeutet das: Die Zahl der älteren und alten Menschen in Deutschland nimmt immer mehr zu, während die der jüngeren und jungen durch die starken Geburten-Rückgänge immer kleiner wird. Nach dem gegenwärtigen Rentensystem werden jedoch mit deren Beiträgen die Ruhestandsbezüge der „Altvorderen“ finanziert. Wie dramatisch die längst erfolgte Umkehrung der so genannten Alterspyramide ist, belegen eindrucksvolle Zahlen der renommierten Alternsforscherin und  früheren Bundesfamilienministerin Prof. Ursula Lehr (s. rantlos-Interview): Während 1959 noch 35 Jüngere einem über 75-Jährigen gegenüber standen, werden es 2040 (wenn die heute 42-Jährigen dann selbst 75 Jahre alt sind) statistisch nur noch 4,4 zahlende Personen sein. Für Lehr heißt das: Es führt überhaupt kein Weg vorbei an der Rente mit 67 und nicht mehr mit 65 Jahren oder sogar darunter. Die „goldene Generation“ wird es dann also nur noch als Erinnerung geben.

Schreckensbegriff: Altersarmut

Schreckensbegriff: Altersarmut
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Stattdessen macht schon jetzt ein Schreckensbegriff die Runde: Altersarmut. Tatsächlich leben – ungeachtet der oben angeführten positiven Zahlen – ohne Frage zahlreiche Rentner am oder gar unter dem Existenzminimum und kommen nur noch mit einem Nebenjob über die Runden. Rund 400 000 Menschen über 65 beantragten und erhielten, einem Bericht des Bundesarbeitsministeriums zufolge, 2009 die staatliche Grundsicherung im Alter – ein Zuwachs von 55 Prozent gegenüber 2003, als es nur 258 000 waren. Trotzdem machen diese 400 000 noch immer nur zwei Prozent der insgesamt etwa 20 Millionen Ruheständler in Deutschland aus. Aber wer heute vor der Zukunft warnt, ist nicht notwendigerweise ein notorischer Schwarzseher. Genau wie die Konsequenzen der umgekehrten Alterspyramide unschwer berechnet werden können, sind auch die Folgen von Arbeitslosigkeit (3,16 Millionen), Teilzeitbeschäftigung (11,8 Millionen), Geringverdienst (6,5 Millionen) mit lediglich 4 bis 6 Euro die Stunde oder Minijobs für die Renten kein Geheimnis  Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB ) spricht sogar bereits von einer „dramatischen Entwicklung und prophezeit, dass 2030 jeder dritte Rentner von Altersarmut bedroht sei.

Kassandra muss nicht Recht behalten

Doch muss Kassandra auch Recht behalten? So unbestreitbar die pessimistischen Berechnungen für sich genommen sind, so lassen sie doch außer Acht, dass ein Gegensteuern durchaus möglich ist – politisch wie auch über gesellschaftlich  verändertes Vorsorgeverhalten. Das eine ist die Heraufsetzung des Rentenalters (also die Verlängerung der Lebensarbeitszeit), warum nicht auch die Erlaubnis zum freiwilligen Arbeiten sogar darüber hinaus wie zum Beispiel im ganz gewiss nicht unsozialen Norwegen. Das andere sind Eigeninitiativen einer Jugend, die – allerdings entsprechende Bildung, Informiert- und Offenheit vorausgesetzt – sich längst nicht mehr nur auf die traditionelle, staatliche Altersvorsorge verlässt. Denn auch die heute ins Arbeitsleben Eintretenden  werden mit Sicherheit irgendwann einmal ähnliche Träume haben wie ihre Eltern und Großeltern – nämlich eines Tages etwas ganz Besonders zu verwirklichen. Wie zum Beispiel (s. rantlos) ein halbes Jahr allein mit einem Planwagen durch Frankreich zu kutschieren, oder mit dem Motorrad durch Patagonien bis Feuerland zu brausen.

Gisbert Kuhn

 

 

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