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Jogging-Point

Mein erstes Auto

Kantel

Dietrich Kantel

Mein erstes Auto war gar nicht „mein“ erstes Auto. Es war „unser“ Auto. Drei Freunde waren wir und ein Jahr vor dem Abitur. Drei Ziele hatten wir damals gemeinsam, und zwar genau in dieser Reihenfolge: Führerschein, eigenes Auto, Abitur. Die Hochschulreife war schon ein wichtiges Ziel. Es war aber nicht unser Oberziel (Abi packen wir sowieso…). Oberziel war eindeutig: Auto. Kein Geld – das hatten wir auch noch gemeinsam. Oder genauer gesagt, nachdem wir den Führerschein jeder weitgehend selber finanziert und unsere erarbeiteten Ersparnisse arg gelitten hatten, war halt nicht mehr viel da. Also berieten wir, was können wir gemeinsam schaffen, um das Oberziel zu erreichen.
Wir kamen zusammen auf 600 DM. Zum Verständnis für die Jüngeren: „DM“ ist spätes Neuhochdeutsch und bedeutet übersetzt „Deutsche Mark“. Die hatten wir damals noch, und der Sprit kostete 58-63 Pfennig pro Liter. Pfennige sind sowas wie heute Cent. Also kostete der Sprit damals umgerechnet so um die 30 Cent/Liter. Geplant getan: drei Freunde, ein Auto, jeder 200 DM, und jeder sollte den zukünftigen Traum im Umlauf für eine Woche zur Verfügung haben. Dass wir das Ding später auch noch versichern mussten, haben wir in der Planung (heute: Businessplan) eher nicht so berücksichtigt. Würde auch schon irgendwie klappen.

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1968 Autobianchi Panoramica

Autobianchi Panorama K
Sträflich wäre es vergessen zu erwähnen, dass die Sache nur mit Freund Nummer Vier laufen konnte. Und das verhielt sich so. Freund Vier war fahrzeugtechnisch vorbelastet, ambitioniert und begabt und – er hatte den elterlichen Karosseriebaubetrieb im Rücken. Selber hatte er natürlich in Bezug auf eigenes Auto Klimmzüge wie wir gar nicht nötig. Aber er war Freund (bis heute), experimentierfreudig, scharf auf´s Schrauben und so stand die Planung schon bald: Verfügbar war nach wirtschaftlichem Totalschaden ein Autobianchi Panorama K. Den konnten wir für einhundert Demark vom Bruder des einen Freundes erwerben. Motor/Technik war intakt, Karosserie platt. The Problem was: Die entscheidende rechte Einstiegstür war am plattesten, irreparabel. War nirgendwo als brauchbares Schrott-Ersatzteil erhältlich, und das fabrikmäßige Ersatzteil sollte wohl – Lieferzeit ungewiss – mindestens drei Trillionen Kreuzer kosten. Für uns jedenfalls unerschwinglich, sternenweit jenseits vom Budget.

Reste

Nach dem Schrauben blieben einige Reste übrig

Techno-Freak 1973
Da kam Freund Vier mit der absolut grandiosen Ingenieursidee: Wozu Türen? Die lassen wir beide ganz weg, flexen in dem Türrahmen die störenden Aufhängungen raus, stellen Zustand Rohkarosserie her, an den fehlenden Türen ziehen wir von unterhalb der Türschweller Bodenbleche hoch, auf Viertelhöhe des vormaligen Türeinstiegs werden standardmäßige Wasserrohre als Barrieren und Verstrebungen eingeschweißt („kann der Ömmes“; Ömmes war Schweißer im elterlichen Betrieb), die Seitenbleche werden darübergezogen und innen wieder festgeschweißt, auf Drittelhöhe Türeingang kommt ´ne schöne Kette. Der Rest bleibt offen, für maßangefertigte Planen fehlt das Geld. Das Ganze habe er dem TÜV zur Einzelabnahme auf technischer Zeichnung vorgestellt, der ist bereit zu genehmigen und dann ist alles gut. Am Ende Farbe auswählen; wir wählten ein helles Mai-Grün, schließlich war gerade Mai. Untenherum gab es noch einen breiten weißen Streifen. Das täuschte eine gewisse Dynamik der ansonsten mehr als biederen Karosserieform vor. Die Farbe erhielt im spätpubertierenden Freundeskreis einen hier nicht mehr zitierbaren Namen, über den jedenfalls die Freudinnen hell entsetzt waren. Sie blieben dennoch bei uns.

Die AbwrackprŠmie

Begräbnis auf dem Schrottplatz

Take Off mit 17,5 PS
So geschah alles. Jedwede Handarbeiten wie Schmirgeln, Schleifen, Scheiben- und Gummiränder Abdecken, Saubermachen und so – natürlich von uns selber. Am Ende: Auto fertig, TÜV-abgenommen, wir glücklich. Das Versicherungsproblem wurde auch noch gelöst: eine Mutter aus dem Dreierfreundeskreis erklärte sich schließlich bereit, das Fahrzeug auf Ihren Namen, aber auf unsere Kosten anzumelden. Die Jungfernfahrt ging morgens an einem herrlichen Frühsommermorgen zum Gymnasium, wo wir auf dem Lehrerparkplatz (!) von unseren Klassenkameraden mit großem Hallo empfangen wurden.
Der Autobianchi Panorama K war praktisch ein Fiat 500 Kombi – die Edelvariante, so zu sagen. Leistung: 17,5 PS aus einem 2-Zylinder-Boxermotor mit zusammen 498 ccm Hubraum. Höchstgeschwindigkeit: 98 km/h; bergab zeigte der Tacho manchmal stolze 120. Verbrauch: wenig, mehr war nicht bekannt und bei den damaligen Sprit-Preisen ohnehin nicht von Bedeutung. Der Wagen war der Hit in unserer Stadt. Er bereitete uns Freunden große Freude und leistete gute Dienste – im Ansehen bei den Mädels. Letzteres vor allem in den Sommermonaten. Im Winter weniger: er hatte ja keine Türen. Wir fuhren trotzdem bei jedem Wetter. Das Wägelchen lebte kein ganzes Jahr. Dann waren die Bremsen hinüber, die Reifen auch und die erforderlichen Mittel fehlten. Wegen der mangelhaften Bremsen wurde der Wagen vom Straßenverkehrsamt zwangsstillgelegt. Das war es leider. Käufer fanden sich nicht. Und so landete der vormalige Totalschaden dann letztlich doch auf dem Schrott.
Mein wirklich echt erstes eigenes Auto war kurz danach ein VW-Käfer, den konnte ich für 150 DM erstehen. Der war fahrbereit und noch 9 Monate TÜV-frei. Aber das ist eine andere Geschichte.

Dietrich Kantel

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