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Elefanten und ein Käfer

Uschi-Hochzeit

Ursa und Rolf, glücklich verheiratet

Es war das Jahr 1967. Ich war gerade zwanzig, also nach damaligem Gesetz noch nicht großjährig, und hatte gerade – mit Genehmigung meiner Eltern – geheiratet. Mein Mann, 32, sollte nach den Sommerferien seine erste Stelle als Studienassessor (Deutsch und Englisch) am Gymnasium antreten.

Wir beschlossen, unsere Hochzeits- und erste gemeinsame Auslandsreise nach Italien, genauer gesagt an die italienische Riviera – Diano Marina hieß der Ort, zu machen. Unser erstes Auto war ein gebraucht gekaufter zwei Jahre alter Vw-Käfer, eierschalfarben, wunderschön, unser ganzer Stolz. Ein Pappschild „Just married“ an der Heckscheibe versprach uns auf der Autobahn Richtung Süden volle Aufmerksamkeit: Hupen, Winken, Lachen während der ganzen Fahrt. Ich habe das alles sehr genossen und war einfach nur glücklich; meinem Mann war es eher peinlich.

Die Katastrophen

Die Pension an der Riviera erwies sich als ziemlich bescheiden, aber wir waren jung und hatten kaum Geld. Also fuhren wir erst einmal an den Strand. Einmal die Füße ins azurblaue Wasser stecken, das Gefühl des sonnigen Südens genießen und dann passierte Katastrophe Nr. 1: Mein frisch angetrauter Gatte beugte sich nach vorne, um sich an dem klaren Wasser zu erfreuen; aber dann rutschte ihm seine Brille von der Nase und verschwand. Verzweifeltes Suchen, Stochern im Wasser, ungläubiges „das kann doch nicht wahr sein“, aber die Brille war einfach weg. Dazu muss ich sagen, dass mein Mann extrem kurzsichtig war, und Ersatz hatte er auch nicht dabei. Der nächste Optiker saß in Alassio, einem Nachbarort. Einen Führerschein besaß ich zu der Zeit noch nicht. Es blieb also keine Wahl: wir mussten unbedingt zu diesem Optiker und so fuhren wir an der befahrenen Küstenstraße – rechts Felsen, links Abgrund – nach Alassio. Mein fast blinder Mann am Steuer und ich daneben als lebender Navi: „rechts, ein Stück geradeaus, jetzt links, Vorsicht, da kommt einer entgegen!“ Erstaunlicherweise kamen wir zwar schweißgebadet aber unbeschadet an und der Optiker half mit einer einigermaßen brauchbaren Ersatzbrille.

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Unterwegs nach Italien

Auf dem Rückweg in unsere Pension und froh, dass alles glimpflich verlaufen war – passierten wir eine Kreuzung, an der der Verkehr von einem Halbgott im weißen Anzug und Helm geregelt wurde. Katstrophe Nr. 2: Ein Einheimischer fuhr auf unseren geliebten Käfer. Die Stoßstange fiel ab und war verbeult. Er war nicht versichert, wie zu der Zeit viele italienische Zeitgenossen. Großes Geschrei, Wut, kein Italienisch, und dann drückte er uns eine kleine Summe Lire in die Hand und verschwand. Den Halbgott in Weiß  interessierte diese „Bagatelle“ überhaupt nicht. Da waren wir ganz schön bedient und wollten einfach nur weg und wieder nach Hause. Aber wir gaben trotzdem nicht auf: eine Vertragswerkstatt von VW wurde ausfindig gemacht und reparierte den Schaden; unser honey moon spielte sich dann über längere Zeit dort ab.

Ich will es kurz machen: unser frisch hergerichteter Käfer wurde in der folgenden Woche noch zweimal erwischt – immer an derselben Kreuzug, immer mit demselben Halbgott in Weiß. In meiner Naivität habe ich sogar versucht, ihn dazu zu bringen, den Unfall aufzunehmen, ein Ansinnen, das – wie ich seiner Mimik entnahm – ihm fast wie Majestätsbeleidigung vorgekommen sein muss. Einer unserer Kontrahenten empfahl uns gar, den Schaden doch mit Klebstoff zu reparieren, und spätestens dann war der Unterschied zwischen Italienern und Deutschen klar. Auch war er nicht versichert und die angegebene Adresse falsch. Unsere Nerven lagen blank. Der Besitzer der Vertragswerkstatt hingegen rieb sich die Hände und begrüßte uns nach ein paar Tagen herzlich wie alte Freunde. Wenigstens war der dritte Kontrahent versichert, und wir bekamen doch tatsächlich nach unserer Rückkehr in Deutschland die Reparaturkosten ersetzt.

Das Finale furioso

Nach Katastrophe Nr. 3 beschlossen wir das Auto stehen zu lassen und erst wieder zu bewegen, wenn wir nach vierzehn Tagen diesen gastlichen Ort verlassen würden. Doch dann kam der letzte Abend. Ein schönes Essen in einem Restaurant am Meer wollten wir uns dann doch noch gönnen. Also fuhren wir mit unserem wieder hergestellten Käfer dorthin, genossen den traumhaften Sonnenuntergang, die leckeren Spagettis und den köstlichen Wein. Gegen Mitternacht fuhren wir zufrieden mit uns und der Welt zurück. Eigentlich war doch alles ganz gut gelaufen und ein bisschen Zeit für den honey moon war ja auch noch drin gewesen.

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Ursa Kaumanns, 2014

Spätestens jetzt muss erwähnt werden, dass unsere Pension neben einem größeren Dorfsplatz lag, auf dem ein Wanderzirkus gastierte. Jeden Abend hatten wir akustisch den vollen Anschluss an das Programm, wir wußten wann die Tiere, der Clown und all die anderen Artisten auftraten und wann das Publikum lachte und applaudierte. Um Mitternacht gab es dann immer noch den Marsch aus Verdis „Aida“ und dann war endlich Ruhe. So auch an diesem Abend. Aber es war der letzte Abend für den Zirkus! Nach Ende der Vorstellung wurde alles abgebaut und die Tiere mußten zum Bahnhof gebracht werden.

Nun muss man sich die folgende Szene vorstellen: wir kamen mit unserem Käfer durch eine sehr, sehr enge italienische Gasse, rechts parkende Autos und für den Verkehr nur äußerst wenig Platz. Und dann kamen sie uns entgegen: die Elefanten, nervös, müde und gereizt. Wir erwischten gerade noch eine kleine Parklücke, rechts direkt die Häuserwand; es gab kein Entrinnen. Die Zirkusleute versuchten mit Schreien und Peitschen die Herde einigermaßen zügig voranzutreiben. Aber das war für die Tiere zu viel. Einer der Elefanten trat aus und das zweite parkende Auto vor unserem wurde mit voller Wucht an die Wand gedrückt. Daraufhin setzte sich der nächste Elefant auf einen kleinen Fiat, der direkt vor unserem Auto parkte und wie durch eine Autopresse zusammengefaltet wurde. Panik war bei uns beiden angesagt. Ich sah schon die Schlagzeilen: „Junges Paar aus Deutschland auf der Hochzeitsreise in Italien von Elefanten zerquetscht.“ Einfach surreal, so zu sterben! Die großen faltigen grauen Leiber schoben sich an unserem Käfer entlang, wir hielten den Atem an – und dann war es vorbei! Wir hatten überlebt!

Ich kann mich nicht mehr erinnern, wie viel Rotwein wir danach an diesem Abend noch getrunken haben, aber sicher war es eine nicht unerhebliche Menge. Die Hochzeitsreise war zu Ende, der Käfer wieder repariert und hielt nach diesem schlechten Start noch viele, viele Jahre. Die Ehe leider nicht!

Ursa Kaumans




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