- Anzeige -
Jogging-Point

Anfang schwer, Ende gut

Hat der Übergang vom Berufsleben in den so genannten Ruhestand ihr Leben verändert?  Haben jene, denen dieser Einschnitt noch bevorsteht, Sorge, vielleicht sogar Angst davor? Oder schaut der eine oder die Andere möglicherweise auch mit gespannter Erwartung auf das „Abenteuer Rente“? rantlos hat ganz unterschiedliche Menschen mit ganz unterschiedlichen Lebensläufen gefragt. Die Antworten sind entsprechend verschieden ausgefallen. Wir veröffentlichen sie in zeitliche kurzen Abständen.

Marlena Voiss (Jg. 1945)  und Joachim Bröring (Jg. 1949)

Marlena Voiss

Werdegang:

Als Tochter eines Rheinländers und einer Münchnerin wuchs Marlene Voiss mit ihrer älteren Schwester im Rheinland und teils in Bayern auf. Nach Abschluss der Jugendleiterinnenausbildung (heute Sozialpädagogin) und Qualifizierung zur Montessori-Dozentin an der Uni Münster absolvierte sie die Ausbildung zur Gestalttherapeutin für Kinder und Jugendliche. Während ihrer langjährigen Berufsausübung arbeitete sie in verschiedenen sozialen Berufsgruppen überwiegend in leitender Funktion.

Marlena Voiss und Joachim Bröring
©seppspiegl

Joachim Bröring

Werdegang:

Joachim Bröring wuchs im kleinen Dorf Dinklage in Niedersachsen mit sieben Geschwistern auf und absolvierte seine Ausbildung zum promovierten Physiker in Bonn. Nach Mitarbeit beim Alfred-Wegener-Institut für Polarforschung arbeitete er als Projektmanager in der Industrie; zuletzt bei der Deutschen Bahn AG.

 

rantlos: Hat sich der Übergang aus dem Berufsleben in den so genannten Ruhestand bei Ihnen „klassisch“ (also mit Erreichen der Altersgrenze) vollzogen, oder sind Sie – gesundheitsbedingt oder selbstbestimmt z. B. über Altersteilzeit – vorzeitig gegangen?

M. Voiss: Ich bin erst mit 65,5 Jahren in den Ruhestand getreten, denn als Mitarbeiterin der Offenen Gesamtschule wollte ich die uns anvertrauten Kinder noch bis zum Beginn ihrer Sommerferien begleiten. Die geliebte Arbeit zu verlassen, fiel mir schwer. Allerdings waren auch die Umstände im letzten halben Jahr für mich unschön. Obwohl ich an unserer Schule die einzige ausgebildete Jugendleiterin (heute entspricht das dem Beruf  der Sozialpädagogin) war, wurde ich von jungen Kolleginnen gedrängt, früher auszuscheiden; sie erhielten dann mehr Stunden. Außerdem wirkte sich die berufliche Erfahrung und Professionalität einer „alten“ Fachfrau (wie ich eine bin) häufig im engen sozialen Umfeld der Kinderarbeit belastend für junge Mitarbeiterinnen aus, da diese Arbeit oft Konkurrenz erzeugt. Auf diesen seelischen Stress reagierte ich mit einem Hörsturz und Bandscheibenvorfällen. So hatte ich mir das Ausscheiden aus dem Beruf nicht vorgestellt. 
 
J. Bröring: Gegen meinen Ausstieg habe ich mich nicht gewehrt, sondern bin mit 63 Jahren über die Altersteilzeit-Regelung aus dem Dienst ausgeschieden. Nach eingehender Überlegung war ich zu der Entscheidung gekommen, es sei gut, jetzt aufzuhören. Und darum hatte ich auch schon einige Zeit vorher meine Aufgaben als Projektmanager an jüngere Mitarbeiter übergeben. Meine vielfältigen Erfahrungen habe ich dann in die Rolle eines fachlichen Beraters eingebracht. Das funktionierte auch deshalb ganz gut, weil ich in meinen Teams immer Mitarbeiter herangezogen habe, die in meine Leitungsfunktion einsteigen konnten.  
 

rantlos: Hatten Sie Sorgen vor dem neuen Lebensabschnitt? Etwa Angst vor dem   „schwarzen Loch“ oder die Befürchtung, nicht mehr gebraucht und zum „alten Eisen“ geworfen zu werden?

M. Voiss: Also, ich war schon zwiegespalten. Einerseits habe ich mich davor gefürchtet, in das berüchtigte „Loch“ zu fallen und nicht mehr gebraucht zu werden, denn ich hatte ja eine Menge Herzblut in meinen Beruf investiert.  Aber, auf der anderen Seite, habe ich mich auch auf den neuen Lebensabschnitt gefreut. Jetzt, seit ungefähr eineinhalb Jahren, ist alles gut so, wie es ist.
 
J. Bröring: Ich hatte kein Problem mit dem Ausscheiden. Obwohl ich natürlich auch Zeit benötigte, um erst einmal Abstand zu bekommen. Jetzt bin ich dabei, alte „Leidenschaften“ aufleben zu lassen – z. B. das Schreinern – und mich gesellschaftspolitisch zu engagieren.
 

rantlos: Haben sich die Sorgen bewahrheitet, oder haben Sie – im Gegenteil – neue Freiheiten und bis dahin ungekannte Möglichkeiten erfahren?

 
M. Voiss:  Ich habe eindeutig neue Freiheiten entdeckt. Die wichtigste: Ich laufe nicht mehr in einem“Hamsterrad“. Allerdings mussten wir beide auch erst einmal wieder lernen, dauernd zusammen zu leben. Denn mein Mann hatte als Projektmanager bei der Deutschen Bahn die Woche über in Frankfurt gearbeitet und war nur am Wochenende daheim. Wir führten über viele Jahre eine  Wochenend-Ehe. Aber das Miteinander im Alltagsleben funktioniert inzwischen wunderbar. Wir nehmen uns, beispielsweise, die Freiheit, nicht unbedingt alles gemeinsam zu unternehmen. Jeder von uns respektiert die Hobbies und unterschiedlichen Interessen des Anderen,  zusammen machen wir sehr gerne kleine und große Reisen.
 
J. Bröring: Ich merke, dass ich zunehmend neugierig bin auf neue Menschen und neue Kontakte.
 

rantlos: Hatten Sie sich gezielt auf die bevorstehenden Veränderungen vorbereitet? Wenn ja – allein, mit der Familie, mit Freunden oder professionellen Beratern?

Beide: Wir haben vor allem viel mit Freunden geredet. Nein, professionelle Berater haben wir nicht gebraucht.
 

rantlos: Welchen Stellenwert hatte „die Arbeit“ früher in Ihrem Leben eingenommen?

M. Voiss: Einen sehr großen. Ich wollte mit beruflichem Erfolg meinen Eltern zeigen, was in mir steckt (aber das weiß ich erst heute). Denn ich durfte, aus finanziellen Gründen, nicht studieren. Außerdem sollten Mädchen heiraten und nicht allzu viel in ihre Bildung stecken. Deshalb schloss ich mich viele Jahre der Emanzipationsbewegung an und arbeitete sozialpolitisch.
 
J. Bröring: Auch bei mir spielt das Elternhaus eine wichtige Rolle. Mir wurde mein etwas älterer Bruder immer als Vorbild hingestellt. Daraufhin habe ich unheimlich viel in Bildung investiert. Ich wollte immer besser sein als mein Bruder – und war das auch. Sowohl in der Schule als auch beim  Studium.
 

rantlos: Hatten Sie vielleicht einen Lebenstraum, den Sie sich jetzt erfüllen konnten?

M. Voiss: Ja, ich hatte immer schon Lust, über den eigenen Tellerrand hinaus zu schauen. Ich träume tatsächlich davon, einmal einige Monate in einem anderen Land zu leben – vielleicht in Großbritannien oder Spanien, warum nicht gar in China, fremde Kulturen besser kennen zu lernen und Sprachen besser zu verstehen und zu sprechen. Alte Werte und Fakten schätze ich jetzt mit viel mehr Gelassenheit und Distanz ein
 
J. Bröring: Einen Traum haben wir uns bereits erfüllt. Das war eine lange Reise nach Hongkong, Neuseeland, Australien und Singapur. Aber ich verbinde mit „Lebenstraum“ auch etwas anderes: Ich wollte immer möglichst viel wissen und die Fähigkeit entwickeln, Dinge zu erfassen. Dieser Wunsch hat sich erfüllt.
 

rantlos: War der Eintritt in den Ruhestand mit – möglicherweise sogar deutlichen – finanziellen Einbußen verbunden?

Beide: Ja natürlich. Im Vergleich zur „aktiven“ Zeit verzeichnen wir schon spürbare Einbußen.  
 

 rantlos: Ohne Zahlen zu nennen – wie setzen sich strukturell Ihre jetzigen Einkünfte zusammen? Z. B.: Rente/Pension, Immobilienbesitz, Mieteinnahmen, Aktien und Anlagen…

 M. Voiss: Im Wesentlichen aus den beiden Renten und Kapitalerträgen. Außerdem haben wir seit ungefähr 20 Jahren immer etwas Geld zurückgelegt.
 
J. Bröring: Aber wir werden in den nächsten Tagen mal einen richtigen Kassensturz machen, um einen genauen Überblick zu kommen.
 

rantlos: Wie schätzen Sie Ihre jetzige Lebens-Situation ein? Sehr gut, gut, ausreichend, schlecht?

Beide (nach kurzem Nachdenken): Sehr gut.
 

rantlos:  Was erwarten Sie, mit Blick auf die Zukunft, von „der Politik“?

J. Bröring: Verantwortungsbewusste Entscheidungen. Wir sind uns bewusst, dass wir auf der Sonnenseite leben.
 
M. Voiss  (nickt): …und mehr Respekt vor dem Leben. Nicht nur der Materialismus sollte die „Mächtigen“ dieser Welt leiten, wir hinterlassen schließlich unsere Welt den Nachkommen…
 

Ku

mehr zu dem Thema:

  • 32
    "Niemand ist unersetzbar". Diese (frühzeitige) Erkenntnis hat Prof. Reinhold Viehoff den Übergang aus dem Berufsleben in den Ruhestand relativ leicht gemacht. Dazu kam die Möglichkeit, auch weiterhin wissenschaft- lich zu arbeiten - und dies auch noch ohne täglichen Druck. Zu den Zukunftsplänen gehören zudem politisches und bürgerliches 'Engagement.
    Tags: rantlos, so, habe, für, hat, mich, war, gut, ganz, sehr


Diesen Artkel versenden Diesen Artkel versenden