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Mit der Dauphine fing es an

Vaters Wagen war als erster Schrott

Lloyd Bus

Lloyd-Bus LT 600, Bj. 1960

Im Januar 1965 wurde der Wehrsold für wehrpflichtige Bundeswehrsoldaten von 2,30 Mark auf unglaubliche 2,70 DM erhöht. Nicht pro Stunde, nein, pro Tag. Auch das sollte entscheidende Bedeutung für den Erwerb meines ersten Autos bekommen.

Mit einem Lloyd-Bus (LT 600, Bj 1960) und darin ein altes und sehr großes Grammephon aus den 20-er Jahren sowie ungezählten Schellackschätzchen fuhren wir in dieser Zeit als Unter-und Oberprimaner häufig zu Rennen auf dem Nürburgring – als Zuschauer. Den notwendigen Führerschein besaß ein Kumpel, der zwei Schulklassen wiederholt hatte, also schon sehr reif an automobiler Lebenserfahrung war.

Meine eigene und sehr kurze Fahrpraxis hatte bereits eine massive Beule bekommen. Denn kaum hatte ich mit 18 Jahren den „Lappen“ in der Tasche, fuhr ich den Wagen meines Vaters auf einer Kreuzung zu Schrott. Für die Familie war das ein böser finanzieller Einschnitt.

Sozusagen über das anschließende betreute Fahren – mein Vater als nachgeschobener Privat-Fahrlehrer – wurde ich als Heißsporn und Führerschein-Neuling durch klare Anweisungen zum etwas bedächtigeren Fahren gezwungen – und auch ein Stück erzogen. Die Ruhe meines Vaters unmittelbar nach dem Unfall bewundere ich noch heute.

Mit Vaters dunkelgrünem Renault R4 lernte ich – über viele Monate verteilt – ein Stück französischer Autobauerphilosophie kennen: 4 Türen plus Heckklappe, Revolverschaltung, butterweiche Federung und bankähnliches, aber schwingend-gemütliches Sitzen. Entgegen vieler deutscher Autobauerkonzepte war hier eher entschleunigtes Soft-Cruisen angesagt.

Topangebot eines Rennfahrers für den Führerscheinanfänger

Diese Erlebnisfetzen aus einer lang vergangenen Zeit erscheinen  nebensächlich,  ja vielleicht auch zusammenhanglos. Alle aber haben sie etwas mit meinem heiß herbei gesehnten ersten eigenen Auto zu tun.

Renault-Dauphine-R-1093

Rallye-Dauphine R-1093

Der erste Schritt dazu geschah rein zufällig: Ein Freund unserer Familie fuhr mit einer Rallye-Dauphine (R 1093) von Renault regelmäßig Rennen – auch auf dem Nürburgring. Ich bewunderte ihn, wenn er mit 55 PS im Rücken und Spitzengeschwindigkeiten von 140 Stundenkilometern durch die Höllen-Kurven der grünen Eifelstrecke raste.

Kurz zuvor waren wir mal wieder mit unserem LLoyd-Bus und viel lauter Grammephon-Musik zum Ring gedüst. Wenige Tage nach einem solchen Event fuhr „unser“ Rennfahrer bei uns zu Hause sehr geräuschvoll mit einer türkisfarbenen Renault-Dauphine vor, der Standardversion dieses erfolgreichen 4-Türers. So ein Türluxus bei einem Kleinwagen war damals eher die deutsche Ausnahme für einen PKW.

Wie zufällig ließ er beim nachmittäglichen Kaffeetrinken – es gab von Mutter gebackenen Tortenboden mit Pfirsichen aus der Dose und reichlich Sahne – einige interessante Bemerkungen fallen. Beispielsweise deutete er an, dass dieses französische Schmuckstück vom berühmten italienischen Designerbüro Ghia mit entworfen worden sei. Schnell kam er auf den eigentlichen Punkt: Er hatte den gut erhaltene Wagen aus dem Jahre 1960 mit nur 46.000 Kilometer drauf für mich günstig durch seine Rennfahrer-Kontakte erstanden. Ihm waren zuvor meine sehnsuchtsvollen Blicke auf seine Dauphine nicht entgangen: Ich könnte den Wagen zu einem moderaten Preis haben. Wenn nicht, dann bekäme er dieses super Angebot noch am selben Abend anderweitig verkauft.

Mit Kredit in eine mobile Zukunft

Ich war sofort Feuer und Flamme. Es mussten aus dem Stand etliche “Hunnis” aufgebracht werden. Meine Mutter war nach einiger Überredung bereit, für einen erforderlichen Kredit zu bürgen. Ich dagegen versprach, dass ich mich für zwei Jahre als Zeitsoldat mit monatlich gut  400 DM bei der Bundeswehr verpflichten würde. Denn mit 2,70 DM Wehrsold pro Tag als Wehrpflichtiger hätte ich diesen Einstieg in meine motorisierte Mobilität nie stemmen können.

Ab sofort begann mit dem Dauphine für mich eine neue Zeit. Obwohl der Wagen ausgesprochen gepflegt war, unterzog ich ihn einer gründlichen Tiefenreinigung. Irgendwie erschien mir das wie ein angeborenes Ritual einer unwiderruflichen Inbesitzname. Besondere Aufmerksamkeit dabei galt den Weißwandreifen. Sie sollten wieder hell strahlen.

Lederlenkrad

Der Lederschlauch machte das Lenkrad griffiger

Und dann die vielfältigen Chromteile. Sie wurden mit mehreren Tuben Paste so blank gerieben, dass ich mich – immer etwas verzerrt – darin spiegeln konnte. Das eierschalenfarbene Plastik-Lenkrad umwickelte ich mit einem Lederschlauch. Das wirkte sportlicher und war auch griffiger. Denn wenn ich richtig gut drauf war, zog ich auch noch mit Löchern durchbrochene Lederhandschuhe an. Auch das hob das Rennfahrergefühl. Schließlich wurden bei manchen Fahrten und Situationen noch meine Hände feucht.

Letztes Serienmodell läuft vom Band

Erst durch das pflegerische Polieren der gefälligen vielfach gerundeten Außenhaut (Pontonform nennen das die Fachleute) meines Kompakt-Renault erfasste ich Stück für Stück die Besonderheiten dieses eleganten und gleichzeitig größer wirkenden Kleinwagens. Besonders durch eine kurze Zeitungsmeldung wurde mein Interesse für Details dieses Erfolgsmodells noch gesteigert: Bei Renault war das letzte Dauphine-Serienmodell vom Band gelaufen.

Schlagartig erschien mir mein Dauphine-Schätzchen noch wertvoller. Auffällig für den damaligen Durchschnittsgeschmack war der Polsterstoff. Musterung und Farbgebung hatte die Künstlerin Paule Marrot entworfen. Sie war Professorin an der Ecole des Décorafis. Unter ihrer Leitung entstanden fröhliche Lackierungen wie „Rouge Montijo“, Bleu Hoggar“ oder Jaune Bahamas“. Und das Dauphine-Logo auf dem Kofferaumdeckel vorne stammte auch von ihr.

Dauphine schluckt ungewöhnlich wenig Benzin

Neben den modernen Gestaltungselementen, einer hervorragenden Fahreigenschaft, einem mit 9,1 Metern geringen Wendekreis, einer butterweichen Dreigangschaltung über einen winzigen Mittelschalthebel, konnte die Dauphine außerdem noch mit ihrer Sparsamkeit im Benzinverbrauch trumpfen: „Wer einen Dauphine fährt, hat immer 5 DM mehr in der Tasche.“ So lautete damals eine Renault-Werbung. Meinen damaligen finanziellen Möglichkeiten als freiwilliger Soldat für zwei Jahre kam das sehr entgegen.

Ach ja, es gab noch einen flotten Spruch: Die Liebe geht durch den Wagen. Mein stolzes Glück mit dem geliebten Dauphine nach Dienst die herrlichen Landschaften und Einkehrmöglichkeiten an der Tauber kennen zu lernen, wurde durch meine Liebe getopt. Auf keinen Fall war es so, dass ich meine Freundin wegen des Autos kennengelernt habe. Das würde sie noch heute weit von sich weisen. Wir hatten aber beide die Leidenschaft, die Umgebung von meinem Bundeswehr-Standort und ihrem Wohnort kennen zu lernen. So tourten wir in unserer Freizeit hunderte von Kilometern und lernten eine der schönsten Regionen Deutschlands kennen – Wein und Brotzeit inbegriffen. So hatten wir den Picknick-Korb stets auf der Rückbank – leicht durch die Hintertüren zu erreichen.

Immer noch ein Gefühl wie damals

Noch heute empfinden meine Freundin von damals und seit 45 Jahren Ehefrau und ich diese Zeit mit der Dauphine als eine unserer glücklichsten Mobilitäten, denen weitere mit unterschiedlichsten anderen Automarken folgten. Wir setzen uns immer noch oft ins Auto und fahren ab ins Blaue. Meist taucht schnell so ein Stück Gefühl von damals auf. Einfach schön.

Nachtragen muss ich, was aus der geliebten Dauphine geworden ist. Wir mussten uns 1967 schmerzlich von ihr trennen. Vorausgegangen war ein von mir verursachter Überschlag, den ich trotz fehlender Sicherheitseinrichtungen nahezu unverletzt überlebte. Der anschließende Reparaturversuch einer Hinterhofwerkstatt bescherte mir eine lädierte Dauphine mit einem hinten seitlich verschobenen Fahrgestell. Ihrer so klassischen Schönheit war das höchst abträglich. Genauer ausgedrückt: Die hintere Reifenspur war um etwa 15 Zentimeter gegenüber der vorderen versetzt. Das konnte nicht gut gehen.

Dieter-01

Der Autor heute mit seinem geliebten Fiat 500

Die Trennung tat richtig weh

Schon bald fing unsere Dauphine bei unterschiedlichen Geschwindigkeiten und unangemeldet an zu blockieren. Solche Bockigkeiten schleuderten meine Freundin und mich immer mit großer Kraft Richtung Windschutzscheibe. Sicherheitsgurte hatten wir ja als freie Bürger noch nicht. Es war also inzwischen in der Dauphine richtig gefährlich geworden.

Und die Autos hinter uns hatten immer weniger Chancen, bei plötzlichen, aber ungewollten Bremsungen ohne Bremsleuchten noch rechtzeitig zu reagieren. Ein gefährlicher Auffahrunfall war also programmiert. Schweren Herzens nahmen meine Freundin und ich wenig später auf einem Schrottplatz Abschied von unserer geliebten Dauphine. Das Geräusch der Schrottpresse wollten wir uns nicht antun. Die Trennung tat richtig weh, aber die Erinnerung blieb süß – voller schöner Bilder mit unserer Dauphine.

Dieter Buchholtz

 

Info

Dauphine bedeutet Thronfolgerin. Gemeint war damit die Nachfolge des 4CV in Europa. Im Artikel wird bewusst zwischen dem männlichen und weiblichen Artikel gewechselt.

 

Technische Daten des Renault Dauphine

Kompaktklasse (Pontonkarrosserie)

Wassergekühlter Heckmotor (Benzin)

3 Vorwärtsgänge, 1 Rückwärtsgang

4 Zylinder

845 cm3

27 PS

38 l Tankinhalt

114 km/h Höchstgeschwindigkeit

3937 mm Länge

1524 mm Breite

1441 mm Höhe

2267 mm Radstand

630 kg Leergewicht




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