- Anzeige -

Tage wie wilde Hengste (Teil 3)

Sie war die letzten zwei Tage nicht arbeiten und auch der Georgier hat gefehlt. Da ist etwas im Gange, das spüre ich. Die Frau vom Chef kommt wieder über den Hof stolziert. Sie trägt heute weiße Ledersandalen, und sie war beim Friseur. Sie sieht wirklich lächerlich aus, aber natürlich wird ihr das keiner sagen. Sie ist eine andere Klasse, unantastbar. Ich bin müde, die ganze Zeit schon. Ich hocke im Wagen, der Schweiß rinnt meinen Rücken hinab, und dann passiert etwas ganz Wunderbares: Die Frau vom Chef rutscht aus. Sie rutscht aus, legt sich lang, und bleibt in einer Pfütze aus Dreckwasser liegen. Das einen Moment ruht die Arbeit, wirklich jeder hält inne.

Nichts geschieht. Niemand hilft ihr. Die fetten Weiber tun so, als hätten sie nichts gesehen, und die Jungs aus der Halle drehen sich um und hantieren weiter mit den Hühnchen. Trotzdem gibt es so etwas wie eine Übereinkunft, ein stilles Gefühl des Sieges. Jeder empfindet das so, man weiß es einfach. Ich weiß es auch. Sie rappelt sich wieder auf und geht weiter, als sei nichts geschehen – aber jeder hier wird diesen Moment mitnehmen und ihn genießen, ganz für sich. Ich ziehe die Handschuhe aus und lasse sie gleich hier im Wassereimer liegen. Dann gehe ich rüber ins Büro. Die beiden Schwuchteln sitzen an ihren Tischen und tippen etwas in die Computer ein. Als ich die Tür öffne, sehen mich beide an. Der Ältere räuspert sich.

„Ja?“
Ich lege beide Hände auf den Schreibtisch und sage:„Zahlen sie mich aus, bitte.“ Er sieht mich an und schüttelt den Kopf. „Auszahlen?“
Ich nicke.
„Das geht nicht so einfach“, sagt der andere.
„Ich habe zwei Wochen diesen Monat gearbeitet, das ist ganz einfach.“
Die beiden sehen sich an, keiner sagt etwas.
„Ich will mein Geld.“
„Natürlich“, sagt der Ältere und schiebt sich die Brille auf der Nase zurecht. „Könnten Sie dann morgen Mittag kommen? Ich muss zuerst die Abrechnung machen, das dauert in diesem Fall etwas.“
„Wenn es nicht anders geht“, sage ich, und er presst die Lippen zusammen und sagt: „Ich fürchte, ja.“
„Morgen Mittag“, wiederhole ich, und er nickt.
Ich bin schon halb zur Tür raus, da fragt er mich noch, ob ich denn wiederkommen werde. Arbeiten.
“Nein,” sage ich, “ich komme nicht wieder.”

Selim sagt: „Spanien“, und schüttelt den Kopf. Ich zucke mit den Achseln. Zigaretten. Pfefferminztee.
„Hast du ’n Bier?“, frage ich.
„Ich hab’ Schnaps“, sagt Selim.
„Ich dachte, ihr Muselmänner dürft nicht saufen.“
„Da steht was von Wein im Koran, oder?“, sagt er und lacht, „ich hab’s vergessen.“
Der Schnaps geht gut runter, einer, zwei, und noch eine Zigarette.
„Ich verstehe dich nicht, Zero – du hast doch hier alles.“
„Ach“, sage ich, „es geht um was anderes.“
„Um was denn?“
Ich sehe Selim an „Ich weiß es noch nicht so genau“, sage ich, und das macht mir etwas Angst, denn ich weiß, dass es stimmt: Ich weiß es nicht.
„Alles was ich weiß ist, dass ich nichts weiß“, sagt Selim dann, und ich nicke und sehe aus dem Fenster und sehe sie im Arm von diesem Georgier. Sie gehen eng umschlungen, und ich lasse Selim stehen, renne vor die Tür und rufe: „Natascha!“

Die beiden gehen einfach weiter, als ob sie mich nicht gehört hätten. Ich renne ihr hinterher, und dann kommt mir der Gedanke, dass ich noch nie einer Frau hinterhergelaufen bin, wirklich niemals. Irgendwann habe ich sie eingeholt.

„Was willst du?“, sagt sie und bleibt stehen. Der Georgier hat seinen Arm um ihre Hüften gelegt und raucht eine Zigarette.
„Also?“
Ich weiß nicht, was ich sagen soll, und dann sagt sie etwas auf russisch, und der Georgier lacht, und dann lacht auch sie.
„Lass die einfach in Ruhe“, sagt der Georgier, „deine Eier haben ihren Spaß schon gehabt.“
„Was meinst du?“
„Ich weiß doch Bescheid“, sagt der Georgier und lacht wieder. „Sie ist gleich danach gekommen und hat erzählt, dass sie mit Bon Jovi gefickt hat.“
„Okay“, sage ich, „okay“, und sie grinst und sagt: „Okay!“, aber es klingt höhnisch und fremd. Der Georgier langt ihr an den Arsch und zieht sie weiter, und nach ein paar Metern dreht er sich noch einmal um und sagt: „Fick lieber die besoffenen Putas.”

Selim setzt sich neben mich und legt mir seine Hand auf die Schulter. „Was hast du erwartet von der?“, sagt er.
„Ich weiß es nicht.“
„Die fickt mit jedem.“
„Ja“, sage ich, „ich weiß.“
„Und vor dem Typen da, dem Georgier – Vorsicht!“
„Ich scheiß auf den Georgier.“
„Hat ihr ein Kind gemacht“, sagt Selim.
„Nein, das war ein anderer Russe, der wieder abgehauen is’.“
„Neinnein“, sagt Selim, „das war der Georgier – aber Hundertprozent, mein Freund. Die haben Ankerstraße die Wohnung neben meinem Bruder gehabt. Ich weiß, wovon ich rede.“
„Ist auch nicht mehr wichtig“, sage ich und gieße Schnaps nach, „spielt keine Rolle.“
„Is’ schon eine Granate, die Kleine, oder?“ Selim grinst, dann hebt er die Hände und sagt schnell: „Die steht nicht auf Kanaken wie mich.”
Ich trinke aus und gehe.

In der Küche sitzen Mutter und Schwester. Beide haben geweint, man kann es an ihren roten Augen sehen. Zigaretten glühen im Aschenbecher.
Is’ noch Kaffee da?“, frage ich, und meine Mutter schnalzt mit der Zunge und zischt: „Deine Schwester ist hier. Aus Berlin.“
„Hat ’n blaues Auge“, sage ich und zeige drauf, „auch aus Berlin?“ Meine Schwester fängt wieder an zu weinen.
„Was ist nur los mit dir?“, sagt meine Mutter.
„Nichts“, sage ich, „alles gut.“

(Ende)

HeuchertSven Heuchert
Geboren 1977 in der rheinländischen Provinz. 1994 dann Ausbildung, seither in Arbeit. Erste Kurzgeschichte Zinn 40 noch in der Schule. Mit neunzehn Umzug nach Köln. Liebe, Reisen, kleine Niederlagen, großeNiederlagen. Rückkehr in die Provinz. Keine Preise.
Weitere Veröffentlichungen des Autors: Drecksack, Fettliebe, Rogue Nation, Maulhure, Abwärts!, Mosaik, Kettenhund, 54 Stories, Trashpool.

„Tage wie Wilde Hengste“ ist dem Buch „Asche“ entnommen und im Bernstein Verlag, Siegburg erschienen. In 15 Kurzgeschichten schreibt Heuchert in knapper, verdichteter Sprache über Verlierer und Desillusionierte, über Träumer und Vergessene. Und über Wunden, die sich nicht mehr schließen wollen. Eine gedankliche Verwandtschaft zu Charles Bukowski deutet sich an.

Bernstein Verlag: www.bvb-remmel.de

Sven Heuchert: www.sven-heuchert.de
Asche
Stories
Erscheinungsjahr: 2016, 2. Auflage
Ausstattung: kartoniert, 184 Seiten
ISBN: 978-3-945426-13-5
12,80€




--- ANZEIGE ---

Diesen Artkel versenden Diesen Artkel versenden