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Hilfe, ich bin eine Oma!

von Ingrid Kansy

Auf alles war ich vorbereitet, aber nicht aufs Oma-Sein. Ich bin ein Planer, kein Schicksalsgläubiger. Seit ich eigenständig denken kann, habe ich mein Leben geplant. Oma-Sein kam darin nicht vor. Ins Oma-Sein bin ich gestolpert.

Wenn ich in den Spiegel schau, denke ich: Wer ist die fremde, die alte Frau? Statt braunes, weißes Haar. Statt glatte Haut, Runzeln und Falten. Statt schlank und rank, mollig und knollig. Nur der zweifelnde Blick kommt mir bekannt vor. Wenigstens etwas.

Die Zeiten, wo ich entsetzt war, dass junge Leute mir in Bus oder Bahn ihren Platz anboten, sind endgültig vorbei. Heute wundere ich mich, wenn sie vergnügt sitzenbleiben.

Ich liebe Cocktails. Was für ein Genuss ist es, wenn ich am Morgen den Tag mit einem Cocktail beginne! Heute ist es ein Tablettencocktail.

Und dann die Müdigkeit: Nicht nur Treppensteigen wird zum Kraftakt. Mein Körper will nicht mehr so wie ich will. Mein Leben lang habe ich dem Sprichwort: „In einem gesunden Körper lebt ein gesunder Geist“ nachgestrebt. Als Oma denke ich: „Ein gesunder Geist belebt einen nicht mehr ganz gesunden Körper.“

Und dann die Vergesslichkeit: Statt zum Finder werde ich zum Sucher. Ich suche alles: Schlüssel, Brille, Handy, Bücher, Zettel, Uhr, Hörgeräte, sogar meinen Parkplatz … Deshalb bleibt mir nichts anderes übrig: alles an denselben Ort legen, gleiche Zeiten einhalten, dieselben Wege gehen und immer dieselbe Tasche benutzen. Gut, dass wenigstens mein Hund mir nachläuft! Ihn brauche ich nicht zu suchen, er sucht glücklicherweise mich. Deshalb sind Hunde für Omas so wichtig. Sie sind Wegefinder und treue Wegbegleiter.

Mein ganzes Leben war ich ein Macher. Als Oma degradiere ich zum Dulder: „Nichts sehen, nichts hören, nichts sprechen.“ Diese japanischen Tugenden, dargestellt durch drei Affen, sind mein Leitspruch. Die jungen Leute wollen keine Zuschauer, keine Lauscher und auf keinen Fall Kommentatoren. Da tut ihnen die Natur einen großen Gefallen. Wunschgemäß verlieren Omas gerade diese drei Fähigkeiten. Die Hilfsmittel wie Hörgeräte, Brillen und dritte Zähne verlegen Omas oft.

Im Alter kommt ein Ersatzteil zum anderen: Kniegelenk, Hüftgelenk, Herzschrittmacher, Augenlinsen. Ein Ersatzteillager für Omas (gerechterweise auch für Opas)! Untereinander interviewen wir Omas uns: „Haste Knie, haste Hüfte oder haste grauen Star?“ Oder: „Fährste auch schon E-Bike oder fährste noch richtig Rad?“ Früher bin ich von Wien nach Budapest mit dem Fahrrad gefahren, heute überlege ich mir, ob ich wieder aufs Dreirad umsteigen soll. Dann haben meine jüngste Enkelin und ich wieder etwas gemeinsam.

Nicht mehr gehen können, aber bis 90 Autofahren, das ist auch nicht meine Wunschvorstellung. Da lobe ich mir das Busfahren, denn Zeit besitze ich ja als Oma, und eigentlich wäre das Busfahren auch kommunikativ … wenn nicht alle auf ihr Smartphone starren würden.

Wachsen und verwelken. So ist das Leben: Akzeptiere das endlich, deine Blütezeit ist vorbei, Oma! Doch wenn der Körper erschlafft, muss nicht gleichzeitig der Geist erschlaffen: Die Weisheit des Alters sollte mehr geachtet werden. Oma-Ratschläge, kein Fall für die Mülltonne!

Früher war ich Expertin in Kindererziehung. So manchen hab ich beraten und Probleme gelöst. Vor allem hatte ich Wege gefunden, wie Kinder nicht nur unter Zwang, sondern von sich aus und mit Freude lernten. Doch als Mutter soll ich die konservativste und ängstlichste gewesen sein, die es gab. Heute beobachte ich, dass die jungen Leute noch ängstlicher und konservativer sind. Enkelhüten ist erlaubt, aber nur nach Vorschrift. Von wegen: Heute ist alles anders!

Für Omas gilt: Schweigen, schlucken, schenken. Gerade weil ich meine Enkel liebe, deshalb weigere ich mich, vorgeschriebene Geschenke für die Familie zu geben. Ich will selbst entscheiden, was ich schenke: Statt Fahrrad und Roller lieber Unterrichtsstunden im Tanz, am Instrument, im Sport. Statt das „Haben“ das „Sein“ entwickeln, ist mein Oma-Leitspruch. Hier bin ich eigen und ungebeugt.

Für Omas gilt: Geschenke von der Familie nimmt man an und akzeptiert sie. Als junges Mädchen bekam ich Schmuck geschenkt und freute mich. Als junge Frau bekam ich Haushaltsgeräte geschenkt und freute mich. Als Oma bekomme ich Besuchszeiten geschenkt und freue mich. So ändern sich die Zeiten!

Zeit ist nicht nur ein Geschenk, Zeit ist auch eine Oma-Plage. Ich habe mehr Zeit, aber ich brauche für alle Tätigkeiten auch mehr Zeit als früher, besonders fürs Aufräumen und Ausmisten. Und Ausmisten ist nötig. Denn junge Leute lieben gebrauchte Oma-Sachen nicht, mögen sie noch so wertvoll sein. Ich erinnere mich, dass ich es früher selbst furchtbar fand, wenn meine Oma mich mit ihren Sachen „verwöhnen“ wollte.

Meine Oma stopfte stundenlang die Löcher in den Strümpfen der ganzen Familie. Heute werden Strümpfe mit Löchern weggeschmissen. Meine Oma hatte zwei Weltkriege überstanden … dann werde ich ja wohl den Wohlstand überstehen! Omas Welt früher war geprägt vom Mangel. Omas Welt heute ist geprägt vom Überfluss. Die Oma von früher war bis zum Lebensende eine Sammlerin, die Oma von heute ist eine Wegwerferin. Haben wir Omas eine Wahl? Wir sind zwar Omas, aber trotzdem Kinder unserer Zeit.

Droht mir als Oma das Altersheim? Nein danke. Für mich wäre das ein Albtraum. Ich möchte als Oma in einer altersgemischten, selbstbestimmten Welt leben und mich an dem Wachsen meiner Enkel und der jungen Generation erfreuen oder mich ärgern können. Ich möchte nicht abgeschoben meine Suppe auslöffeln, sondern noch in die Suppe anderer spucken können, wenn mir danach ist. Ich wünsche mir Partner gleichen Lebensalters, mit denen ich verständnisvolle Blicke austauschen oder liebevoll Hände drücken kann, wenn wir uns von einer uns liebgewonnenen Fähigkeit oder Gewohnheit verabschieden müssen.

Mir fehlt eine Oma-Schule, wo Omas auf die Tücken des Oma-Seins vorbereitet werden. Ich wünsche mir eine Schule, wo Omas lernen, wie sie sich in dieser Lebensphase verhalten sollen, wo Omas lernen, selbstbestimmt und doch angepasst zu sein, und wo sie sich individuell entfalten oder zusammenfalten können … wie ein alter Regenschirm, wenn sie das wollen. Dies wünsche ich mir, damit Omas weise zum Greise werden.

Als junges Mädchen stand mir die Welt offen, als Oma verschließt sie sich mir bald. Als junger Mensch wollte ich die Welt verbessern. Als Oma will ich sie mit Würde verlassen.

 

Die Autorin

KansyIngrid Kansy war Lehrerin und schreibt seit ihrer Pensionierung Gedichte, Schulgeschichten, Hundegeschichten und Familiengeschichten.

Sie hat mehrere Hörspiele für den Bonner Bürgerfunk geschrieben, nimmt an Hörspielen für Erwachsene teil und leitet eine Kinderhörspielgruppe.

Ihr Buch ” Hilf mir das Lernen zu lernen “ ist im Geest-Verlag erschienen. Das ist ein Mutmachbuch für Eltern und Lehrer.

Hier geht es zur Homepage von Ingrid Kansy




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