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Das Herz der Samstagnacht

Von Sven Heuchert

SIE SASS IN DER KÜCHE, bei ausgeschaltetem Licht. Den Oberkörper leicht über den Tisch gebeugt, die Hände im Schoß gefaltet. Vor ihr stand ein leeres Wasserglas. Beinahe hätte er sie übersehen.
„Was machst Du da?“
„Ich bin müde“, sagte sie endlich. Er hörte auf ihren Atem, der langsam und regelmäßig ging. In der Küche roch es nach Abfall und altem Kaffeesatz. „Sollen wir schlafen gehen?“
Sie schüttelte den Kopf. „Es ist Samstagnacht“, sagte sie und legte die Hände auf die Tischplatte.
„Samstagnacht?“ fragte er.
Sie antwortete nicht.
„Was hast du?“
„Ich weiß es nicht…“, sagte sie und strich über den Rand des Wasserglases.
Er nahm sich einen Stuhl und setzte sich neben sie. Beide sahen schweigend auf die Wand und auf das Gewürzregal.
„Ich will Musik hören“, sagte sie nach einer Weile.
„Musik?“
Sie nickte.
„Was willst Du hören?“ Sie sah ihn an. „Sie muss laut und wild sein.“
„Laut und wild?“, wiederholte er und sie legte eine Hand auf seine Schulter und drückte ihn leicht.
“Und was zu trinken will ich…“.
Er sah sie verwirrt an. „Etwas zu trinken?“
„Ja“, sagte sie und hob ihre Augenbrauen, „du weißt doch noch, was das ist, oder?“
Er antwortete nicht und stand auf. „Was willst du trinken?“
Sie zuckte mit den Achseln. „Was haben wir denn da?“
„Ich sehe nach“, sagte er schließlich, und sie nickte.

Im Wohnzimmerschrank fand er eine ungeöffnete Flasche Campari und eine halb volle Flasche Whisky. Er wog beide in der Hand und hielt sie prüfend gegen das Licht. Laute Geräusche aus dem Badezimmer lenkten ihn ab – er hörte, dass sie mit irgendwas beschäftigt war. Er entschied sich für den Whisky, stellte die Flasche auf den Fußboden und ging zum Regal, in dem die Stereoanlage stand. Das Kabel mit dem Netzstecker lag zusammengerollt auf dem Plattenspieler. Er machte die Anlage funktionsfähig, dann strich er über den Stapel Schallplatten und legte ein Album der Rolling Stones auf.

Als er in die Küche zurückkam, saß sie auf dem Tisch, das Gesicht geschminkt, die Haare toupiert. Sie schnalzte mit der Zunge, und als er näher kam, drückte sie ihm die Fußspitze in seinen Schritt und legte den Kopf schief.
„Was hast Du da?“, sagte sie und zeigte auf die Flasche in seiner Hand. „Whisky“.
„Klingt gut“, antwortete sie, „haben wir was zum Mixen?“
Er nickte. „Ich denke, wir haben Apfelsaft.“
„Apfelsaft ist okay, oder?“ Er nickte erneut. „Ich denke schon.“
„Dann mach´ uns was zu trinken.“
„Ja“, sagte er, „ja, mache ich.“

Die Stones dröhnten aus den Boxen. Er öffnete den Kühlschrank und nahm eine Flasche Apfelsaft heraus. Sie saß immer noch auf dem Tisch, die Füße auf den Kanten. Er nahm das Wasserglas und spülte es sorgfältig aus.
„Was is´ los verdammt?“, fragte sie mit spitzer Stimme.
Er sah sie an und goss Whisky in das Glas. Sie trat nach ihm und erwischte an Kinn und Brust.
„Nicht mal `n Drink mixen kannst du.“
Er antwortete nicht. Er nahm den Apfelsaft und füllte das Glas damit auf. Für einen Moment sahen beide auf die trübe Flüssigkeit. Als sie wieder nach ihm trat, hielt er ihren Fuß fest. Er war nicht grob, er hielt ihn einfach nur fest. „Ich will keinen Ärger“, sagte er. „Du willst nie irgendwas, oder?“

Er ließ ihren Fuß los und setzte sich auf den Stuhl, auf dem sie zuvor gesessen hatte. Da war noch ein wenig ihrer Wärme zu spüren. Er starrte auf die Wand und das Gewürzregal. Dann nahm er das Glas und trank es in einem Zug leer. „Willst du tanzen?“ Er füllte das Glas erneut mit Whisky und Apfelsaft und wiederholte seine Frage. Sie antwortete nicht. „Warum willst Du nicht tanzen?“, fragte er.
„Ich weiß es nicht.“ Sie senkte den Blick und begann, auf ihren Fingernägeln zu kauen.
„Du siehst lächerlich aus“, sagte er, ein wenig Speichel tropfte dabei aus seinem Mund.

Sie griff nach dem Whisky. „Du verstehst das nicht“, sagte sie und diesmal lachte er.
„Nein, ich verstehe das nicht“, wiederholte er, und dann beugte er sich nach vorn und verpasste ihr eine Ohrfeige. Es gab ein Klatschen, aber es war kein sonderlich harter Schlag. Sie schrie nicht, nichts dergleichen. Sie sah ihn nur an und befühlte ihre Wange. Danach schraubte sie den Verschluss von der Flasche und trank. Sie trank schnell und in kleinen Schlucken.

„Warum willst Du tanzen?“, fragte sie und stellte die Flasche zurück auf den Tisch. Er erhob sich und blickte auf sie herab.
„Lass es uns probieren“, sagte er, und seine Hand glitt an ihrer Schulter entlang ins Leere. Ein paar Tränen liefen über ihre Wangen, sie konnte nichts dagegen tun.
„Lass und lieber schlafen gehen“; sagte sie, und er stand da, sah zuerst auf das Gewürzregal und dann in ihr Gesicht. Er konnte nichts darin erkennen, so sehr er sich auch anstrengte.
„Es ist Samstagnacht“, flüsterte er, und sie nahm seine Hand, küsste die Finger, und in diesem Moment dachten sie an rein gar nichts, wenn das überhaupt möglich ist.

ENDE

HeuchertSven Heuchert
Geboren 1977 in der rheinländischen Provinz. 1994 dann Ausbildung, seither in Arbeit. Erste Kurzgeschichte Zinn 40 noch in der Schule. Mit neunzehn Umzug nach Köln. Liebe, Reisen, kleine Niederlagen, großeNiederlagen. Rückkehr in die Provinz. Keine Preise.
Weitere Veröffentlichungen des Autors: Drecksack, Fettliebe, Rogue Nation, Maulhure, Abwärts!, Mosaik, Kettenhund, 54 Stories, Trashpool.

„Das Herz der Samstagnacht“ ist dem Buch „Asche“ entnommen und im Bernstein Verlag, Siegburg erschienen. In 15 Kurzgeschichten schreibt Heuchert in knapper, verdichteter Sprache über Verlierer und Desillusionierte, über Träumer und Vergessene. Und über Wunden, die sich nicht mehr schließen wollen. Eine gedankliche Verwandtschaft zu Charles Bukowski deutet sich an.

Bernstein Verlag: www.bvb-remmel.de

Sven Heuchert: www.sven-heuchert.de

“Das Herz der Samstagnacht” ist dem Kurzgeschichtenband “Asche” entnommen mit freundlicher Genehmigung des Bernstein Verlages https://www.bernstein-verlag.de




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