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Nein zu TTiP – Ja zu Solawi

Bäuerliche Strukturen und die Zwänge des Marktes

kurz vorweg

Ostendorff

Friedrich Ostendorff: „Landwirtschaft muss authentisch sein“

Das TTiP (Freihandelsabkommen) bedroht bäuerliche Strukturen. Gentechnik wird grundlegend abgelehnt. Im Rahmen der Solidarischen Landwirtschaft (Solawi) können interessante Verbindungen zwischen Hersteller und Verbraucher entstehen. Klare Aussagen des Grünen-Politikers Friedrich Ostendorff (61).

rantlos-Leser erinnern sich vielleicht noch an einen Bestseller aus den 1970er Jahren. Gemeint ist „Das große Buch vom Leben auf dem Lande “ von John Seymour. Es ist ein Handbuch für Realisten und Träumer. Beschrieben wird die Idee der Selbstversorgung von ökologischer Landwirtschaft bis hin zur hauseigenen Windkraft- und Biogasanlage. Schöne Zeichnungen unterstreichen dieses Konzept.

Solche Modelle sind bis heute in viele landwirtschaftliche Bereiche eingezogen. Ein langer, aber sicherlich auch lohnenswerter Weg zu immer größeren ökologischen Inseln. Aber neue Herausforderungen im Rahmen der Globalisierung drohen das Erreichte zu beschädigen.

Derzeit beispielsweise stehen wir vor einem möglichen Freihandelsabkommen mit den USA, TTiP genannt. Damit wollen die USA ihre eigene Landwirtschaft und ihre Verwendung von genmanipuliertem Saatgut fördern.

Hierzu ist in Deutschland ein heftiger Kampf um das Pro und Contra zu TTiP entstanden. rantlos befragte vor diesem Hintergrund den Sprecher für Agrarpolitik der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen, Friedrich Ostendorff (61).

Einsatz für eine grundsätzliche Agrarwende

rantlos: Welche Rolle spielt die Landwirtschaft für Ihre Partei? Ist sie nach wie vor ein Kernelement grüner Politik?

Ostendorff: Selbstverständlich! Das muss ich allein schon als Biolandwirt sagen, der vor über 30 Jahren u.a. den grünen Kreisverband und den Biolandverband mitgegründet hat. Im Bundestag habe ich mich intensiv für die Interessen der bäuerlichen Landwirtschaft und für eine grundsätzliche Agrarwende eingesetzt.

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Landwirt Ostendorff: „Ich halte den ökologischen Landbau für wegweisend“

Landwirtschaft ist vor allem deshalb eine Grüne Kernfrage, weil Landwirtschaft über die Herstellung unserer elementarsten Lebensgrundlage – unser Essen – die Frage nach dem guten Leben stellt. Gleichzeitig ist die Erhaltung unserer Lebensgrundlage – unsere Umwelt – eine zwingende Voraussetzung für zukünftige Generationen. Die Bedeutung der Landwirtschaft für die Gesellschaft kann deshalb nicht hoch genug bewertet werden.

Die letzten Wahlen haben erneut gezeigt, dass die Grünen gerade im ländlichen Raum eine breite Basis haben. Und außerdem wird uns eine hohe Agrarkompetenz zugeschrieben.

 TTiP: Stärkerer Einfluss von industriellen Lobbygruppen

 rantlos: Wie stehen Sie zum Freihandelsabkommen TTiP?

Ostendorff: TTIP bedroht vor allem bäuerliche Strukturen. Nicht nur hier in Europa sondern genauso in Nordamerika. Das sollte nicht vergessen werden.

TTIP dient vor allem dazu Investitions- und Handelsfreiheit für die großen Konzerne zu ermöglichen. Davon werden die Gentechnik-, die Pflanzenschutzindustrie, die industrielle Fleischerzeugung und die Agrarkonzerne profitieren. Das verstärkt den Agrarstrukturwandel und führt zum weiteren Verlust von Höfen, von handwerklichen Produzenten und von der Attraktivität des ländlichen Raumes. Ein Teufelskreis.

Durch sein Demokratiedefizit und seine Intransparenz bedroht TTiP außerdem demokratische Grundprinzipien und ermöglicht dadurch den stärkeren Einfluss von industriellen Lobbygruppen. Das muss immer wieder und sehr deutlich gesagt werden.

rantlos: Wie ist die Position der Grünen zur Gentechnik?genfood3

Ostendorff: Eine klare und grundsätzliche Ablehnung!

„Landwirtschaft muss authentisch sein und bleiben“

rantlos: Ist Biologische Landwirtschaft nur eine romantische Vorstellung oder kann sie Richtlinie und Ziel für alle Landwirte sein?

Ostendorff: Landwirtschaft ist vielfältig – und das ist auch gut so! Als Biolandwirt halte ich den ökologischen Landbau für wegweisend. Für mich ist er die hohe Schule einer guten fachlichen Praxis.

Dennoch ist es wichtig, keine romantischen Vorstellungen von der Landwirtschaft zu erzeugen. Landwirtschaft muss authentisch sein und bleiben. Darin liegt ihr ursprünglicher Charakter.

Wichtig ist, dass wir eine Vielfalt landwirtschaftlicher Strukturen erhalten. Die Unabhängigkeit der Bauern, ihren Betrieb frei zu gestalten, ist dafür besonders wichtig. Auch ein familiär geführter und konventionell wirtschaftender Betrieb hat seine gute Berechtigung. Das Problem liegt vielmehr in der Größenordnung der Betriebe. Größere Betriebe stehen eher unter dem ständigen Druck, noch weiter zu wachsen, um zu überleben.

„Zum guten Essen gehört nicht automatisch Fleisch“

rantlos: Machen Sie selbst einen Veggie Day, wie es die Grünen vor der letzten Bundestagswahl empfohlen haben ?

Ostendorff: Diese Diskussion hängt uns immer noch nach. Ich denke, es gab da ein grundsätzliches Missverständnis. Wir haben niemandem empfohlen oder gar vorgeschrieben, wie er sich zu ernähren hat. Wir empfehlen nur, dass sich jeder bewusst mit Ernährung und gutem Essen auseinandersetzt.

Für mich gehört zu gutem Essen nicht automatisch Fleisch. Im Gegenteil. Es gibt so viele gute Dinge, auf die ich vielleicht verzichten müsste, wenn ich jeden Tag Fleisch essen würde. Das wäre ein Verlust. Ein gutes frisch gebackenes Brot oder ein Tomatensalat im Sommer, frisch aus dem Garten, das sind Dinge, die beispielsweise dazu gehören.

rantlos: Der Fraktionschef der Grünen, Anton Hofreiter, isst lieber Schweinebraten. Ist das aus Ihrer Sicht okay?

Ostendorff: Ja, unbedingt! Ein guter Schweinebraten ist eine Angelegenheit, die nicht zu unterschätzen ist.

Solidarische Landwirtschaft – Ein Erfolgsmodell?

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Solidarische Landwirtschaft – sich die Ernte teilen

Beim neuen Konzept der Solidarischen Landwirtschaft (Solawi) kaufen Verbraucher Anteile der Ernte eines Betriebes. Dafür werden sie von diesem Betrieb wöchentlich mit geernteten Produkten versorgt.

Die Idee stammt ursprünglich aus den USA und heißt dort CSA (Community-supported agriculture). Auch in Europa werden zunehmend CSA-Höfe gegründet bzw. auf CSA umgestellt. Es gibt immer mehr Verbraucher, die Ernteanteile von CSA-Höfen kaufen. Sie gehen dabei u.a. das Risiko ein, dass sie in schlechten Erntejahren weniger für ihr Geld bekommen. Dafür kennen sie die Erzeuger und haben ein gewisses Mitspracherecht bei der Auswahl der Produkte, die angebaut werden.

Dieses Konzept basiert auf einer Win-Win-Situation für Verbraucher und Erzeuger. Die Verbraucher können sich gesund und vollwertig ernähren. Die Erzeuger haben Planungssicherheit für ein ganzes Jahr und sind vor Totalverlust geschützt. Ihre Produkte werden für faire Preise abgesetzt und es können auch alte schmackhafte Sorten angebaut werden. Hier fördern Bürger tatsächlich die biologische und die regionale Landwirtschaft.

„Solawi ist tatsächlich ein sehr interessanter Ansatz“

rantlos: Was halten sie von der Solidarischen Landwirtschaft? Soll das gefördert werden?

Ostendorff: Dieser Ansatz ist tatsächlich sehr interessant. Es ist immer gut, wenn Verbraucher und Erzeuger sich zusammenschließen, um eine Landwirtschaft zu gestalten, die allen hilft.

Es braucht angesichts der Lage der Landwirtschaft dringend neue Betriebsformen und neue Ideen. Landwirtschaft ist ja nicht nur konservativ, sondern sie hat sich immer wieder durch neue Entwicklungen an gesellschaftliche Entwicklungen angepasst.

Wenn Menschen ihre Geschicke selbst in die Hand nehmen und zusammen etwas gestalten, dann ist das sehr gut. Deshalb stehe ich dem grundsätzlich sehr aufgeschlossen gegenüber. Dass landwirtschaftliche Erzeugung dadurch eine neue Wertschätzung erfährt und Betriebe mehr Planungssicherheit bekommen, ist dabei sehr wichtig.

rantlos: Was kann speziell die Politik für diesen Ansatz tun?

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„In den letzten zehn Jahren musste ein Drittel der landwirtschaftlichen Betriebe aufgeben“

Ostendorff: Aufgabe der Politik ist es, erst einmal die Rahmenbedingungen zu schaffen, damit sich Gesellschaft im positiven Sinne entwickeln kann. Die augenblickliche Situation stellt eine enorme Herausforderung dar. Dabei kann der CSA-Ansatz vielleicht eine Möglichkeit zur Lösung sein. Deshalb müssen wir Instrumente entwickeln, um positive Ansätze zu unterstützen. Das sollte auch neue Betriebsformen wie beispielsweise Solidarische Landwirtschaft mit einschließen.

rantlos: Gibt es parallel zur Energiewende auch bald eine Agronomiewende?

Ostendorff: Ja, das hoffe ich und dafür arbeite ich! Wobei ich doch lieber von der Agrarwende sprechen würde, denn Agronomie ist ja sehr technisch-wissenschaftlich.

rantlos: Wie sieht konkret die Situation der Betriebe in Deutschland aus?

Ostendorff: Die globale Situation und der Agrarstrukturwandel in Deutschland sprechen für sich. In den letzten zehn Jahren musste ein Drittel der Betriebe aufgeben. Das ist ein herber Verlust für die ländliche Struktur und Kultur. Das globale Agrar- und Ernährungssystem ist mit Hunger, Umweltzerstörung, gesundheitlichen Problemen und Armut verbunden.

Das können wir nicht weiter akzeptieren, sondern wir brauchen eine grundsätzliche Wende.

rantlos: Wie kann denn der Verbraucher zu einer Wende beitragen?

Ostendorff: Dazu muss natürlich jeder an seinem Platz beitragen. Die genannten Beispiele zeigen ja, dass das durchaus mit einem Gewinn an Lebensqualität einhergehen kann. Es muss nicht einen Verlust bedeuten.

„Menschen unterstützen, die dahinter stehen“

Bauern

Einkaufen – direkt vom Bauern

rantlos: Bitte geben sie uns noch einen Grünen Ratschlag, wie wir unser Leben im Sinne des Mottos „Gesund essen – gesunde Natur – gesundes Leben“ verändern können und sollten.

Ostendorff: Der bewusste Bezug von guten Lebensmitteln, von Höfen, oder Produzenten, die ich kenne, ist für mich einer der besten Wege, diese drei Aspekte zu verbinden. Die Bedingungen der Herstellung der Produkte zu kennen und sich dafür zu entscheiden, mit einem Produkt die Menschen zu unterstützen, die dahinter stehen, halte ich für einen wichtigen Schritt. Das schafft auch eine Verbindung zu Menschen, die über das eigentliche Produkt hinausgeht.

 

Die Fragen stellte Birgit Steffani in Zusammenarbeit mit Bernd Adam

 

 

Info

Friedrich Ostendorff (*12.01.1953) war von 2002 bis 2005 und ist wiederum seit 2009 Bundestagsabgeordneter der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen. Ostendorff versteht sich als Biobauer. Seine Meisterprüfung zum Landwirt machte er 1974. 1978 übernahm er den elterlichen Hof in Bergkamen-Weddinghofen. Seit 2006 ist Ostendorff Mitglied im BUND-Landesvorstand und dessen Bundesagrarsprecher. Im Bundestag ist er u.a. Mitglied und Obmann im Ausschuss für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft.

 


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