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Aufstand für die Freiheit

Am 17. Juni 1953 zerbrach der Aufstand in der DDR an russischen Panzern

Am 17. Juni 1953 demonstrierten in Ostberlin in der Leipzigerstraße über 100’000 Arbeiter gegen die SED-Regierung und die schlechten Arbeitsumstände.

Der 17. Juni 1953, es ist ein Mittwoch. Seit den frühen Morgenstunden strömen die Menschen in das Zentrum Ost-Berlins, den sowjetischen Sektor der viergeteilten ehemaligen Reichshauptstadt. Darunter ganze Belegschaften vor allem der großen, verstaatlichten Betriebe. Sie sind mit Beginn der Frühschicht in den Streik getreten und formieren sich zu Demonstrationszügen. Und dies nicht nur in Berlin. Auch in den anderen traditionellen Industriezentren Mitteldeutschlands vollzieht sich Ähnliches – etwa im Chemiedreieck um Halle, darüber hinaus in Magdeburg, Leipzig, Dresden oder Karl-Marx-Stadt (dem früheren Chemnitz). Die Leute sind einem Aufruf zur Arbeitsniederlegung gefolgt, den am Vorabend Bauarbeiter aus Berlin-Friedrichshain propagierten. Und was niemand (ob Politiker, Militärs oder Geheimdienste in Ost wie West) auch nur im Entferntesten gedacht hätte – binnen weniger Stunden entwickeln sich die ursprünglich aus sozialer Unzufriedenheit entstandenen Protestaktionen zu einem wahren Flächenbrand, der zeitweise sogar die kommunistischen Machthaber hinwegzufegen droht. Die DDR-Regierung flüchtet sich nach Berlin-Karlshorst unter den Schutz der sowjetischen Besatzung. Deren oberster Statthalter in Deutschland, Generalmajor Pawel Dibrowa, verhängt gegen 13 Uhr auf Weisung aus Moskau den Ausnahmezustand und bricht mit dem Einsatz von Panzern bis zum frühen Abend den Widerstand der Demonstranten.

Das doppelte Trauma

Mit Steine gegen sowjetische Panzer

Nicht nur für Walter Ulbricht, Otto Grotewohl und Wilhelm Pieck, die Führungsfiguren der damaligen Sowjetzone, und die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands (SED),  sondern auch für die p0litischen wie militärischen Führer im Kreml und in den Hauptstädten der übrigen osteuropäischen Länder wirkten die Ereignisse dieses 17. Juni  1953 noch viele Jahrzehnte wie ein Trauma nach. Was sich seinerzeit zwischen Elbe und Oder vollzog, war der erste Massenaufstand überhaupt im Machtbereich der Sowjetunion. Besonders niederschmetternd waren die Erlebnisse für die SED und deren Spitze. Hatte ihr doch ausgerechnet der Hauptadressat ihrer Politik das Vertrauen entzogen – die Arbeiterklasse, allen voran die Werktätigen in den Staatsunternehmen. Die Zahl der an den Protesten Beteiligten ist nie wirklich beziffert worden. Sie reicht von 400 000 bis 1,5 Millionen. Wobei die letztere Angabe der Wahrheit vermutlich recht nahe kommt. Denn Streiks, Unruhen, Kundgebungen und Erstürmungen von Partei- oder Polizeizentren kamen keineswegs nur in den  Ballungsräumen vor, sondern in mehr als 700 Orten des Landes. Im thüringischen Gera, zum Beispiel, stürmten – mit Unterstützung von Bergleuten – ungefähr 20 000 Menschen das dortige Stasi-Untersuchungsgefängnis und befreiten Inhaftierte.

Aber nicht weniger tief und lang wirkten die Erfahrungen des gescheiterten Aufstands auch in der Bevölkerung nach. Denn die „Sieger“ kannten kein Erbarmen.  Schon mit der Ausrufung des Ausnahmezustands (das Kriegsrecht wurde erst am 11. Juli wieder aufgehoben) hatte die Sowjetunion offiziell wieder die Regierungsgewalt in ihrem Besatzungsgebiet übernommen. Und sie machte, unterstützt durch ihre deutschen Vasallen, unmissverständlich klar, dass das SED-Regime ein Teil des Moskauer Imperiums war und unter keinen Umständen zur Disposition stehen würde. Nicht zu Unrecht (wie später die Aufstände 1956 in Ungarn und 1968 in der Tschechoslowakei zeigten) befürchtete man ein Abfärben auch auf die anderen „Bruderländer“. Entsprechend schonungslos und brutal wurde zugeschlagen. Allein schon bei der ersten Verhaftungswelle durch Polizei, Stasi und Sowjetarmee wurden rund 6000 „Provokateure“ festgenommen.

Justizministerin Hilde Benjamin

Am 17. Juni und in den Tagen danach starben mindestens 34 Demonstranten und  Zuschauer durch Schüsse von Volkspolizisten und russischen Soldaten. Darüber hinaus wurden nach Todesurteilen von sowjetischen und DDR-Gerichten sieben Menschen hingerichtet. Experten gehen davon aus, dass allein DDR-Gerichte auf Anweisung der berüchtigten Justizministerin Hilde Benjamin (sie kam am 14. Juli für den wegen fehlender Härte bei der Strafverfolgung abgesetzten und danach selber zu acht Jahren Zuchthaus verurteilten Max Fechner auf den Posten) mindestens 1600 Personen hinter Gitter brachten. Hinzu kommen die 19 Todesurteile, die sowjetische Standgerichte zwischen dem 17. und 22. Juni verhängten. Viele Jahre lang war auch die Rede von 20 verurteilten und hingerichteten Rotarmisten, die sich geweigert hätten, auf Demonstranten zu schießen. Neueste Forschungen verweisen diese Meldungen jedoch in den „Phantom“-Bereich; es gebe keinerlei Unterlagen dafür.

Das internationale Echo

Wie war vor 60 Jahren das internationale Echo auf die dramatischen Ereignisse im östlichen Teil des geteilten Deutschlands? Die westlichen Siegermächte hatten keinerlei Interesse an einer Zuspitzung der Situation an der ohnehin heißen Front des „Kalten Krieges“. Die USA waren zudem im Koreakrieg engagiert. Gleichzeitig herrschte diesseits und jenseits des Atlantiks erhebliche Aufregung aufgrund der am 19. Juni 1953 erfolgten Hinrichtung des wegen Atom-Spionage für die Sowjetunion verurteilten amerikanischen Ehepaars Ethel und Julius Rosenberg. Washington beließ es bei einigen diplomatischen Protestnoten. Kritisch – weil den eigenen politischen Zielen zuwider laufend – sah Großbritanniens Premier Winston Churchill den Aufstand, denn er wähnte dadurch seine Initiative für eine Vier-Mächte-Konferenz gefährdet. Churchill erklärte der Sowjetregierung ohne Wenn und Aber, sie sei im Recht gewesen, als sie die Revolte niederschlug.

Trauerfeier für die Opfer des 17. Juni 1953 vor dem Rathaus Schöneberg in West-Berlin (23. Juni 1953)

Interessanterweise kam die harscheste Reaktion ausgerechnet aus einem kommunistischen Staat. Allerdings einem, der sich selbst erst wenige Jahre zuvor aus der Moskauer Umklammerung gelöst hatte – Jugoslawien.  Am 28. Juni 1953 erschien in der Parteizeitung „Borba“ ein Leitartikel des führenden Belgrader Partei-Theoretikers, Edvard Kardelj, in dem der Aufstand in der DDR als „das wichtigste Ereignis nach dem jugoslawischen Widerstand des Jahres 1948“ bezeichnet wurde. Es habe den „Charakter einer echten revolutionären Massenaktion der Arbeiterklasse gegen ein System“ gehabt, „das sich `sozialistisch´und `proletarisch´ nennt“ . Es sei „nicht nur ein Problem der Deutschen gegen eine fremde Besatzung. Nein, es handelt sich hier vor allem um den Klassenprotest des deutschen Arbeiters gegen die staatskapitalistischen Verhältnisse, die ihm von der Besatzung im Namen eines `sozialistischen Messianismus´als `sozialistisch´und proletarisch´ aufgezwungen wurden“.

Wenn auch in den 80-er Jahren die DDR-Geschichtsschreibung im Zusammenhang mit dem 17. Juni zunehmend auf vorangegangene „Fehler“ des Regimes einging, so hielt man im Grundsatz dennoch bis zum Schluss an der These fest, es habe sich um einen „Faschistischen Putschversuch“ gehandelt, um eine „vom Ausland gesteuerte Konterrevolution“. Dass dies keineswegs stimmte, zeigt schon die Tatsache, dass nirgendwo eine zentrale Steuerung vorhanden war, oder es wirkliche Führungsfiguren gegeben hätte. So gesehen trifft der Begriff vom „Volksaufstand“ voll inhaltlich zu. Richtig ist aber sicherlich auch, dass ohne bestimmte äußere Einflüsse der Ablauf kaum in dieser Weise hätte erfolgen können. Das bezieht sich nicht zuletzt auf die seinerzeit ausführliche Berichterstattung und Kommentierung des West-Berliner RIAS. So befand später einmal der damalige Mitarbeiter des Senders (und Willy Brandts späterer ostpolitischer Chef-Unterhändler) Egon Bahr: „Gerade weil es keine Organisation gegeben hatte, war unbestreitbar – der RIAS war, ohne es zu wollen, zum Katalysator des Aufstandes geworden. Ohne den RIAS hätte es den Aufstand so nicht gegeben“.

Die wahren Gründe des Aufstands

Das, freilich, ist nur ein Teil der Wahrheit. Denn der Sender war ganz sicher nicht der Auslöser des explodierenden Volkszorns. Grund war die damalige soziale und wirtschaftliche Situation in der Sowjetzone. Die Zwangskollektivierung der Landwirtschaft hatte schwere Missernten zur Folge. Der Ausbau der „Kasernierten Volkspolizei“  (KVP) als kaum getarnter Vorläufer der Nationalen Volksarmee (NVA) hatte die Militärausgaben auf 8,4 Prozent des Gesamtetats anwachsen lassen. Besatzungskosten und Reparationsleistungen banden einen weiteren großen Teil des Haushalts. Es fehlten dringend Gelder für die Lebensmittel – und Konsumgüter-Industrie, bei Einbruch der Dunkelheit gab es Stromabschaltungen. Im Frühjahr 1953 war die Existenz der DDR durch eine ernste Ernährungskrise bedroht; sofern es überhaupt Waren gab, lagen die Preise der staatlichen Handelsorganisation (HO) deutlich über dem Niveau in Westdeutschland. Vor diesem krisenhaften Hintergrund erfolgte dann der – wie ein Funke in einem Pulverfass wirkende – Beschluss, die Produktivität bei gleichzeitiger Senkung der Kosten zu erhöhen. Konkret: Eine Steigerung der Normen um zehn Prozent bei unverändert bleibenden Löhnen – also ein realer Einkommensverlust. Hier lag die Ursache, die am 16. Juni die Arbeiter an den Großbaustellen in Berlin (Block 40 in der Stalin-Allee und Klinikum Friedrichshain) zu ihrem Marsch veranlasste.

Volksaufstand 1953
©ver.di-Archiv

Was blieb? Durch Gesetz vom 4. August 1953 erklärte der Deutsche Bundestag den 17. Juni zum „Tag der Deutschen Einheit“. Am 11. Juni 1963 erhob ihn der Bundespräsident sogar zum „Nationalen Gedenktag des deutschen Volkes“. Ungeachtet dessen, freilich, rutschte die Erinnerung an jene dramatischen Tage immer weiter in die Tiefen der jüngeren deutschen Geschichte. In Umfragen wurde deutlich, dass immer weniger Menschen in Deutschland mit dem Datum etwas anzufangen wussten. Im Westen Deutschlands freute man sich über einen zusätzlichen freien Tag, und im Osten wurde der Aufstand ohnehin nicht thematisiert. Trotzdem – in historischen Zusammenhängen betrachtet, reiht sich der 17. Juni durchaus ein in eine Kette freiheitlichen Strebens. Dazu zählen die revolutionären Versuche von 1848, Deutschland in einen Verfassungsstaat zu wandeln, oder auch die Ausrufung der Republik am 9. November 1918 durch den Sozialdemokraten Philipp Scheidemann vom Balkon des Berliner Stadtschlosses – jenes Gebäudes also, das ausgerechnet Walter Ulbricht 1950 sprengen ließ.

Zu den Forderungen der Demonstranten am 17. Juni 1953 gehörte zentral der Ruf: „Wir wollen freie Menschen sein!“. Es sollte noch 36 Jahre dauern, bis sich diese Sehnsucht erfüllte.

Gisbert Kuhn


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