- Anzeige -

Wie hat er das nur überlebt..?

Auf den Spuren des Großvaters bei der Schlacht um Ypern im 1. Weltkrieg

NRZ Maruhn Ypern Foto

Erich Teschke (1897 – 1966), Groflvater des Autors, k‰mpfte vor genau 100 Jahren bei Ypern in der Flandern-Schlacht. Er war damals 17 Jahre alt. Foto: Privat

Was hat er an diesem Tag gefühlt? War er stolz, endlich an der Front zu sein? Oder hatte er Angst? Hat er sich mit „Hurra“ in den Kampf gestürzt? Oder bekam er eine Ahnung davon, jetzt Augenzeuge einer der größten Katastrophen der Menschheit zu werden? Was hat er gedacht, der große Junge, das halbe Kind, gerade 17 Jahre alt? Ich stehe vor der Stadt Ypern in Belgien, und das auf den Tag genau 100 Jahre, nachdem mein Großvater Erich Teschke hier stand, oder weglief, oder Deckung suchte, oder auch schoss. Ich weiß so wenig. Ich weiß nur, dass er überlebte. Die Schlacht und den Krieg.
Ich war einfach noch zu klein, als Opa 1966 starb. Neun. Zwar hatte er mir viel über den 1. Weltkrieg erzählt, aber das hatte er kindgerecht aufgearbeitet, etwa wie er später in Russland auf einem Pferdeschlitten den Wölfen entkommen war – so was, nichts vom Sterben, nichts vom Töten. Nur seine eigenen Narben hat er mir gezeigt, das Hosenbein hochgekrempelt und beiläufig gemurmelt: Fersendurchschuss, Chavignon, oder eben auch: Streifschuss, Ypern.
Diese Geschichten immerhin sind nachprüfbar. In seinem Militärpass finde ich die wichtigsten Daten. 31. August 1914 Kriegsfreiwilliger, 11. November dem Feld-Regiment überwiesen, bereits am 11. Dezember „verwundet bei Ypern“. Nach der vierten Verwundung erhält er eine Auszeichnung. Und dabei hat er Schwein gehabt. Frontsoldaten überlebten hier im Schnitt nur drei bis vier Wochen.

„Für die Freiheit zu kämpfen ist es wert“

JPG_5170.jpg

KMK-Präsidentin Sylvia Löhrmann (mitte) mit Schülern des Peter-Paul-Rubens-Gymnasium aus Siegen, auf dem Soldatenfriedhof Vladslo zwischen den Figuren „Steinernes Leid“ von Käthe Kollwitz

Ich muss kurz unterbrechen. Die Ministerin kommt mir im „Dodengang“ entgegen, im „Totengang“, wie sie den Schützengraben hier nennen. Sylvia Löhrmann, NRW-Schulministerin und derzeit Präsidentin der Kultusministerkonferenz besucht eine Schülergruppe aus Siegen, 19 Jungen und Mädchen zwischen 15 und 18, die an einem Austauschprogramm teilhaben und am Ort des schrecklichen Geschehens lernen, was den Ururgroßvätern widerfuhr. Löhrmann ist ein großer Fan dieser Programme, die unter dem Stichwort „Erinnerungskultur“ vom Ministerium unterstützt werden.: „Das hier Erlebte hat doch Auswirkungen auf den Geschichts-, den Religions- und den Politik-Unterricht.“ Viel mehr kann Schule nicht bieten.
Und die jungen Leute sind tief im Thema. Ich erzähle ihnen von Opa. Und dass er so alt war wie sie jetzt. Ob sie sich denn auch selbst als Soldaten vorstellen können? Nein, sagt der Erste, gut, dass die Wehrpflicht abgeschafft wurde. Aber gibt es denn keine Werte, für die sich der Kampf lohnt? Einer wirft ein: „Für den Frieden würde ich kämpfen.“ „Das ist paradox“, sagt ein anderer. „Vielleicht gegen die IS, oder gegen Nazis, auf jeden Fall muss es für die richtige Sache sein.“ Sein Kumpel schüttelt den Kopf: „Für die richtige Sache. Das haben die Toten hier doch damals alle gedacht.“ Dann finden sie einen Kompromiss: „Für die Freiheit zu kämpfen, ist es wert. Aber man sollte den Krieg zuvor mit allen Mitteln vermeiden. Das haben die damals nicht versucht.“
Mit Ministerin und Schülern gehts weiter nach Vladslo, deutscher Soldatenfriedhof, 25 644 deiner Kameraden liegen hier, lieber Großvater selig. Freunde von dir darunter? Hast du um sie geweint? Ich komme darauf, weil hier die berühmte Skulptur „Trauernde Eltern“ steht. Ein erstarrter Vater, eine gebeugte Mutter. Käthe Kollwitz schlug ihre und ihres Mannes Trauer um Peter, den Sohn, in Stein. 18 ist der Junge nur geworden, ihr wart alle so verdammt jung, der jüngste deutsche Tote hieß Paul Mauk, 14, aus der Obertertia weggelaufen.
Es ist dunkel geworden, die Schüler zünden Fackeln an, sie singen „Sag mir wo die Blumen sind“ von Pete Seeger. Was ist geschehen? Dann ist es still und das Gedenken wahr.

Stahlhelme aus Schokolade

_DSC0552.jpg

Namen von 54 896 vermissten britischen Soldaten im Menentor

Der nächste Tag, zurück in Ypern. Ihr habt die Stadt damals mit der Artillerie zu Staub geschossen. Jahrzehnte Wiederaufbau, jetzt strahlt sie wieder nebst Gewandhaus. Der große Platz davor ist rappelvoll. Tausende sind da, um ans Ende des Krieges vor 96 Jahren zu erinnern. Ryan Tarry (82) aus England kommt seit 40 Jahren her. „Mein Großvater hat hier gekämpft, 1922 ist er gestorben, Folgen des Gases.“ Ich erzähle ihm von meinem Opa, er scheint überrascht, denn nur wenige Deutsche zieht es zum Gedenktag nach Ypern. Obwohl der Tag für alle ist. Für alle rund 610 000 Tote, die in Flandern ihr Leben ließen.
Bis zum Menen-Tor gehen wir hinauf, vorbei an Geschäften, die Mumpitz verkaufen, Erinnerungs-Bier, kleine Schokoladen-Stahlhelme, verrostete Seitengewehre. Erst das Tor macht wieder stumm. Die Namen von 54 896 vermissten britischen Soldaten sind eingraviert. Und ich komme um die Frage nicht umhin, für wie viele der Gravuren mein Großvater verantwortlich ist. Zu meinem Glück wohl werde ich es nie erfahren.
Sylvia Löhrmann legt mit dem deutschen Botschafter einen Kranz nieder, ein Chor singt verhalten, Kapellen spielen Tschingderassabum, doch die Trompeter blasen mit dem Signal Last Post wieder tiefere Trauer unter das Tor… die folgende Schweigeminute ist wirklich eine.

Und ich stehe da und denke an ihn. Hundert Jahre später.

Matthias Maruhn, NRZ

mehr zu dem Thema:

  • 48
    Nächstes Jahr jährt sich am 11. November zum 100. Mal der Beginn des 1. Weltkriegs. Als erste deutsche Politikern überhaupt hat soeben Nordrhein-Westfalens Schulministerin Sylvia Löhrmann an einer Gedenkzeremonie im flandrischen Ypern teilgenommen. Sie begleitete zwei Schulklassen, die sich das Aufarbeiten der Weltkriege zur Aufgabe gemacht haben.
    Tags: ypern, id="attachment, width, caption, jahre, sylvia, britischen, löhrmann, war, belgien
  • 41
    Die Erste Flandernschlacht oder auch Ypernschlacht (englisch First battle of Ypres, französisch première bataille d' Ypres) fand vom 20. Oktober bis zum 18. November 1914 zwischen deutschen und alliierten Truppen im Raum der belgischen Kanalküste in Westflandern statt. Trotz schwerster Verluste an Menschenleben auf beiden Seiten konnte die Absicht der…
    Tags: löhrmann, ypern, für, belgien, so, vier, soldatenfriedhof, britischen, sylvia, war
  • 34
    Trauer und Schmerz.. Käthe Kollwitz verdichtete in ihrer Kunst menschliche Dramen. Zu den ersten Opfern im Ersten Weltkrieg gehörte ihr Sohn Peter. Ihr Leiden gestaltete sie in Stein: "Trauernde Eltern" dokumentiert die innere Erstarrung auf dem Soldatenfriedhof Vladslo in Belgien. Die zwei sind ein einziges Bild unendlicher Trauer, ein trauerndes…
    Tags: vladslo, nur, käthe, so, hat, war, deutsche, soldatenfriedhof, trauer, mehr




--- ANZEIGE ---

Diesen Artkel versenden Diesen Artkel versenden