- Anzeige -

Wahl-Qual und Plakate

Wahl 2013: Plakate von SPD, CDU, Gruene und FDP

 Nun hängen sie wieder an Masten und Bäumen, stehen – klein- und großformatig – an Straßen und auf Plätzen. Und sie werden von Tag zu Tag mehr. Zumeist sind Köpfe darauf abgebildet, Gesichter lächeln uns an. Manchmal grüßen auch, anscheinend glückliche, Familien in heiler Natur von den papiernen Flächen, nicht selten versprechen ernst dreinblickende Mienen Seriosität und werben um Vertrauen. Kurz – spätestens jetzt merkt zumindest der aufmerksame Zeitgenosse: Es ist Wahlkampfzeit, und ein wichtiger Urnengang steht in Kürze an. So wie am 22. September die Wahl zum nächsten (zum mittlerweile 18.) Deutschen Bundestag. Und – Soziale Netzwerke hin, revolutionierte Informationstechnologie her – die Plakate aus der alten Dampflokzeit gehören für die Parteien und deren professionelle Werbestrategen offensichtlich als unverzichtbare Requisiten immer noch dazu. Obwohl (oder vielleicht gerade weil) das Wahlplakat in der 64-jährigen bundesdeutschen Nachkriegsgeschichte sowohl in seiner grafischen Gestaltung als auch der Aussage massive Wandlungen erfahren hat.

Es ging um die politische Richtung

Der 14. August 1949 war ein ungemütlicher, regnerischer Sonntag. Aber trotzdem ein ganz besonderer Tag wenigstens für die im westlichen Teil des geteilten Landes lebenden Deutschen. Wenige Wochen zuvor, am 23. Mai, war in Bonn das Grundgesetz verkündet worden. Und nun fand – 17 Jahre nach der letzten Reichstagswahl in der Weimarer Republik – die erste freie Wahl auf deutschem Boden statt. Dabei ging es, wie bei den folgenden Wahlentscheidungen in den frühen Jahren der Bundesrepublik, „ums Ganze“ – also um die grundsätzliche Richtung der Politik für Staat, Wirtschaft und Gesellschaft. Denn, nicht zu vergessen, es gab im sowjetischen Besatzungsgebiet (der späteren DDR) ja ein Alternativmodell. Insofern waren die Wähler zu einem Votum aufgerufen, das erst sehr viel später (nämlich 1976) von der CSU in eine heftig umstrittene Kampfparole umgemünzt wurde: Freiheit statt Sozialismus. Es ging 1949 um parteipolitischen Pluralismus statt Diktatur, um soziale Marktentfaltung oder staatlich gelenkte Planwirtschaft.

Wahlplakat der SPD und CDU

Kein Wunder, dass sich zwischen den Parteien – in Sonderheit CDU/CSU, SPD, FDP,sowie der sich als Sachwalter der Millionen von Vertriebenen und Flüchtlingen fühlenden Deutschen Partei (DP) und der kommunistischen KPD – klare Feindbilder auftaten. Auch die beiden herausragenden Persönlichkeiten in dieser Auseinandersetzung, der Christdemokrat Konrad Adenauer und der charismatische, von Nazi-Folter gezeichnete und dennoch ungebeugte Kurt Schumacher (SPD), trennten Welten. Entsprechend kämpferisch die Plakate – neben Radio und Zeitungen seinerzeit die einzigen Kommunikationsmittel für politische Botschaften. Die Union schürte die Angst vor dem Kommunismus unter anderem mit einer Zeichnung, auf der eine mongoloid verzerrte Russenfratze dargestellt ist, deren Hand gierig nach der verbliebenen deutschen Landmasse greift; die Sozialdemokraten wiederum liefen gegen den Kapitalismus Sturm und warben um die „Stimmen der Millionen gegen die CDU-Millionäre“.  Einig waren sich die beiden großen Kampfhähne freilich in einem – in dem Ziel nämlich, dass es wieder ein ganzes Deutschland“ geben müsse. Und das natürlich in den Grenzen von 1937!

Kalter Krieg und Propaganda  

Plakat der FDP 1949

Wahlkampf 1949 – das war nicht nur politische Überzeugungsarbeit inmitten von Ruinen und zerstörten Landschaften. Das war auch schon Positionierung zwischen Kriegsschuld-Aufarbeitung und beginnendem Kalten Krieg. Auf ihrem roten Plakat mit weißer Kursivschrift zeigten sich die Liberalen ungeschminkt als Fürsprecher jener Deutschen, die schlimme Taten am liebsten vergessen machen wollten. Die FDP war in jenen Anfangsjahren – wenigstens in etlichen Landesverbänden, wie dem nordhessischen – ein regelrechtes Auffangbecken für Rechtskonservative bis hin zu alten Nazis. Kein Wunder, dass deren plakative Kernforderung lautete: „“Schlußstrich drunter! Schluss mit Entnazifizierung, Entrechtung, Entmündigung! Schluss mit dem Bürger 2. Klasse!“ Die Partei schreckte nicht einmal davor zurück, beim “Schluss”-S die von der NS-Mördertruppe verwandte Schreibweise zu benutzen. Dagegen wirkte die KPD geradezu zahm: „Ollen-, Aden- Eisenhower machen uns das Leben sauer. Wählt Max Reimann und die KPD“!

Was seinerzeit auf die rund 31 Millionen Wähler an politischer Grafikkunst „losgelassen“ wurde, hatte wirklich gar nichts zu tun mit den heutigen, von Computer gesteuerten und zuvor tausendfach von Werbepsychologen und  Designern getesteten Produkten. Damals waren in der Regel Gebrauchsgrafiker am Werk, mitunter auch Comic-Zeichner.  Nicht selten verrieten die Bilder aber auch, dass ihre Schöpfer das künstlerische Handwerk zu einer früheren Zeit gelernt hatten, als die staatliche Propaganda offen zur Diffamierung und Verfolgung von Minderheiten aufrief. Nun stellte man sein Können halt in den Dienst von Demokraten und deren Appellen, wie etwa den CDU-Aufruf: „Wer nicht wählt, wählt kommunistisch und damit seinen und seines Volkes Untergang“. Übrigens: Die CDU/CSU und Adenauer wurden 1949 mit 31,0 Prozent Stimmenanteil Wahlsieger vor Kurt Schumachers und Erich Ollenhauers SPD (29,2) und FDP (11,9) und bildete mit den Liberalen sowie der Deutschen Partei (DP/4,0 Prozent) die erste Bundesregierung.

Optischer Wandel erst 1957

Wahlplakat der CDU, 1953

Auf diese Form der propagandistischen Hammermethode mochten die westdeutschen Parteien auch vier Jahre später noch nicht verzichten. Schon gar nicht, da im Juni 1953 bei der Niederschlagung des Aufstands in der DDR die Sowjetmacht und deren deutsche  Vasallen sämtliche Freiheitsbestrebungen niedergewalzt hatten. „Nicht gesamtdeutsche Beratungen, sondern FREIE WAHLEN“, verlangte deshalb die SPD. CDU und CSU setzten gleich auf totale optische Abschreckung. Ihr Plakat markierte eine abwechselnd mit roten und grauen Streifen auf die drohenden Augen eines russischen Soldaten zuführende Fläche mit dem Satz: „Alle Wege des Marxismus führen nach Moskau“. Zufall oder nicht – 1976 bemächtigte sich die rechtsradikale NPD desselben Motivs… Scharfe Schüsse gegen die SPD gaben damals auch die Freidemokaten ab: „Wo Ollenhauer pflügt, sät Moskau. Darum FDP“ .

Wollte heute jemand eine Untersuchung darüber anstellen, was in der Bevölkerung noch an Wissen über frühere Wahlkämpfe vorhanden ist, würde sich, außer vielleicht einer Handvoll von Sprüchen, nicht sehr viel zutage fördern lassen. Es sind eben im Kern immer wieder  dieselben Slogans, die – in Verbindung mit den ihnen zugeordneten Personen – selbst in historischen Umbruchzeiten hervorgekramt werden. Ein Grund dafür ist sicher, dass die Zahl der Wörter und Begriffe für eine positive Botschaft an die Bürger ziemlich begrenzt ist: Freiheit, Sicherheit, Frieden, Gerechtigkeit, Wohlstand, Aufschwung, Stabilität, Deutschland, Menschen, sozial, modern… Ähnlich verhält es sich mit Anti-Attributen zur negativen Charakterisierung des politischen Gegners:  Sozialismus, Schulden, reich, rote Socke. Kein Wunder, dass alles irgendwann einmal in dieser oder jener Form wieder auftaucht.

Alles schon mal da gewesen

Wahlplakat der SPD, 1961

Hatte nicht Ludwig Erhard mit seinem Buch „Wohlstand für Alle“ überzeugend für das Konzept der Sozialen Marktwirtschaft geworben? 1961 leuchtete das Konterfei Willy Brandts von den Plakatwänden und der Losung „Wohlstand ist für alle da!“. Ganz besonders gut scheint den sozialdemokratischen Werbern das Versprechen von 1969  gefallen zu haben: „Wir schaffen das moderne Deutschland“. Denn 2002 griff die (von der SPD für viele Millionen Euro engagierte) Werbeagentur KNSK ungeniert darauf zurück: „Für ein modernes Deutschland!“ Jener Wahlkampf (Gerhard Schröder gegen Edmund Stoiber) zeigte aller Welt, wie sehr die moderne Werbung und deren Strategen mittlerweile Stimmungen in der Bevölkerung zu schaffen vermochten, um Stimmen zu gewinnen. Nach Schröders Wahlsieg zeigte sich KNSK mit dem Gewinner auf dem Podium. Eine Premiere in der Zeit moderner Massen-Beeinflussung.

Wie bieder präsentierte sich dagegen Konrad Adenauers Rat an die Deutschen von 1957: „Keine Experimente“. Doch augenscheinlich traf genau das die damalige Volksstimmung. Denn mit 50,3 Prozent Stimmenanteil errang „der Alte“ mit der CDU/CSU die absolute Mehrheit im Bundestag; ein bis heute einmaliger Vorgang. Erfinder des Slogans war der 1993 verstorbene Essener Werbefachmann Hubert Strauf, dessen Rat die Unions-Oberen  eingeholt hatten. Strauf war kein Unbekannter in der „Szene“; auf ihn geht das 1954 geschaffene, erfolgreiche Coca-Cola-Motto zurück „Mach mal Pause“. In der damaligen Beratungsrunde allerdings fand die Sache mit den Experimenten keine Freunde. Bis der „Alte aus Rhöndorf“ kurzerhand entschied: “Nee, nee, meine Damen und Herren. Wenn die Reklamefritzen dat meinen, dann machen wa dat esu“. Adenauer und Strauf hatten offensichtlich ein gutes Näschen… Dabei war, wie sich hinterher herausstellte, der Spruch gar nicht auf dem Mist des Essener Experten gewachsen, sondern hatte schon jahrelang eine Weinbrandsorte (Jacobi 1880) beworben.

Wahllokomotive Kanzler

Auch wenn es damals kaum so empfunden wurde, so kann die Kampagne von 1957 durchaus als ein Wendepunkt in der Gestaltung der Wahlplakate gelten. Genau jenes berühmte Adenauer-Konterfei beweist nämlich den Wandel von der bis dahin üblichen „realistischen“ Politiker-Darstellung der traditionellen Grafiker hin zur visuellen Manipulation. Durch entsprechende Retuschen verlieh man dem immerhin schon 81-Jährigen ein deutlich jüngeres Aussehen. Er sollte halt mehr Dynamik ausstrahlen. Sogar noch vier Jahre später vermochte die Union mit ihrem „Senior“ noch Staat zu machen. Ein Plakat zeigt eine Flasche Wein vom Jahrgang 1876 und das Motte: „Der Kenner wählt den Alten“. Von dem christdemokratischen Große-Koalition-Kanzler Kurt-Georg Kiesinger dürfte vermutlich nur noch wenig in Erinnerung geblieben sein  – aber wer von den Älteren erinnert sich nicht an seinen plakatierten Wahlspruch „Auf den Kanzler kommt es an!“. Damit blieb Kiesinger in der Wahlnacht nur ganz knapp unter der absoluten Mehrheit. Es folgte die sozialliberale Koalition aus SPD und FDP.

Wahlplakat der SPD und CDU, 1976

1976 (inzwischen war die „Willy-wählen“-Euphorie verrauscht, Brandt in der Folge der Guillaume-Spionage-Affäre zurückgetreten und Helmut Schmidt Regierungschef in Bonn) besannen sich die Sozialdemokraten auf das Kiesinger-Plakat und forderten. „Der bessere Mann muss Kanzler bleiben“. Er blieb es auch, wenngleich sein damaliger Herausforderer, der junge Mainzer Ministerpräsident Helmut Kohl ein (für heutige Maßstäbe) sensationelles Ergebnis mit 48,6 Prozent erzielte.  Zusammen mit seinem Partei-Generalsekretär Prof. Kurt Biedenkopf schaffte es Kohl, den bis dahin eher behäbigen Honoratioren-Verein CDU/CSU zu einer modernen Mitgliederpartei zu machen. Äußeres Zeichen dafür war das freche, leicht erotisch angehauchte Plakat mit dem hübschen blonden Mädchen in Box-Handschuhen und der Aufforderung „Komm raus aus Deiner linken Ecke“.  Später wurde es eher eine Spezialität der Grünen, mit frechen Bildern und kessen Sprüche auf sich aufmerksam zu machen.

Die „Rache“ des Volkes

Franz-Josef Strauß, verunstaltet

Wahlplakate sind freilich nicht nur „Augenfänger“. Sie waren und sind auch immer ein gern genutztes Mittel „des Volkes“, um seinen Politik-Frust loszuwerden. Kohl mit Lippenstift, Schröder mit Clownnase – keineswegs alle Verfremdungen sind freilich witzig. Zum Beispiel, wenn Menschen (wie etwa Franz-Josef Strauß) zu Adolf Hitler „umgestaltet“ werden. Für Plakat-„Verschönerungen“ gibt es keine besonderen Konjunkturen. Sie finden statt in Zeiten großer Auseinandersetzungen und Entscheidungen (Wiederbewaffnung, Ostpolitik, Konstruktives Misstrauensvotum), aber auch in Jahren der „Normalität“. Als ein Zeichner der Satire-Zeitschrift „Titanic“ einer Birne mit Stiel die Gesichtszüge Helmut Kohls verlieh, fanden sich tausende von Nachahmern. Das Wahlkampfposter von 1994 mit der kurzfristigen SPD-„Troika“ Gerhard Schröder, Rudolf Scharping und Oskar Lafontaine reizte einen Witzbold zu der Unterschrift „Kohl II“, „Loser“, „Versager“. Doch nicht alle Politiker animierten die Schmierer. Helmut Schmidt war fast immer tabu.

Hat sich das Wahlplakat, angesichts der neuen Medien, überholt? Es gibt nicht Wenige, die das prophezeien. Frank Stauss glaubt das nicht. Stauss ist erfahrener Wahlkampf-Fahrensmann. Weit über 20 Kampagnen hat er bereits bestritten; unter anderem für Gerhard Schröder, Hannelore Kraft und Klaus Wowereit. Gewiss, auch er kritisiert: Die derzeitigen Plakate unterfordern die Menschen intellektuell. Da bleibt nichts hängen“. Andererseits hat er allerdings festgestellt, dass selbst Social-Media-Freaks und Online-Hippies wie die „Piraten“augenscheinlich  ohne das bunt bedruckte Poster nicht auskommen. „Plakate“ – so Stauss – „erreichen eben Alle. Auch der Computer-Hocker geht halt irgendwann mal auf die Straße…“

Gisbert Kuhn

a title=”Franz-Josef Strauß, verunstaltet” href=”http://www.rantlos.de/wp-content/uploads/2013/08/Strauß.jpg”




--- ANZEIGE ---