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Schmeichelgröße 40!

Der Einzelhandel „entdeckt“ die Senioren

Es ist wahrlich keine neue Erkenntnis: Deutschland wird immer älter. Bereits heute ist jeder fünfte Bundesbürger 65 Jahre oder darüber und schon 2030 wird – den Statistikern zufolge – Deutschland mit einem Rentneranteil von fast 50 Prozent die älteste Bevölkerung Europas haben.

Schlechtes Zeugnis für Supermärkte

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Kostenlose Hilfe beim Einkauf für Senioren ©Stadt Dormagen

Langsam aber sicher wird diese Tatsache auch vom Einzelhandel entdeckt, aber da gibt es noch sehr viel zu tun: Eine Umfrage der Verbraucherzentralen und der Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren-Organisationen kam zu dem Ergebnis, dass sich 61 Prozent der Seniorinnen und Senioren beim Einkauf im Supermarkt alleingelassen fühlen. Sie wünschen sich ausgebildetes und hilfsbereites Personal, das sie berät und unterstützt. Über die Hälfe (55 Prozent) der Befragten bemängeln zudem, dass es an Kundentoiletten sowie einfach zu lenkenden Einkaufswagen (52 Prozent) fehlt. Erschwerend käme hinzu, dass Waren im Regal (47 Prozent) zu hoch gestapelt würden, es kaum Sitzplätze (43 Prozent) gebe und Preisauszeichnungen (42 Prozent) oftmals unleserlich und zu kleinteilig seien.

Es geht auch anders!

Ein gutes Beispiel für mehr Seniorenfreundlichkeit im Einzelhandel ist die mittelfränkische Kleinstadt Gunzenhausen: Eine Buchhandlung gehört dazu, ein Friseur, eine Metzgerei und eine Apotheke, ein Edeka-Markt und eine Fußpflege-Praxis, die Stadtwerke und die Sparkasse. Schon 16 Betriebe machen mit bei der Aktion des Seniorenbeirats und ließen sich vor rund drei Jahren testen. Alle Firmen, die mitmachen wollten, wurden von Mitgliedern des Seniorenbeirats auf bestimmte Kriterien überprüft: dazu zählt neben einer guten Begehbarkeit und einem Handlauf bei Stufen und Treppen unter anderem auch die Beleuchtung, gut lesbare Preisschilder, ausreichende Sitzgelegenheiten und eine gute Bewegungsfreiheit im Geschäft. Geachtet wird obendrein auf Hinweisschilder für behindertengerechte Kundentoiletten.Und ganz besonderer Wert wird auf einen seniorenfreundlichen Service gelegt. Dazu zählt die Hilfsbereitschaft der Mitarbeiter genauso wie eine fachliche und freundliche Kundenberatung. Das Zertifikat “Stark für Senioren – seniorenfreundliches Unternehmen in Gunzenhausen” wird von den getesteten Unternehmen gern entgegennehmen, denn es läßt sich in Zukunft gut zu Werbezwecken einsetzen.

Konsumfreudige Senioren

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In manchen Geschäften und Märkten erleichtern Lupen Sehschwachen den Einkauf. Quelle: Dorndorf

Bislang bleibt das Marketing noch allzu oft auf die vermeintlich werberelevante Zielgruppe von 14 bis 49 Jahren konzentriert – obwohl Ältere eine wichtige und bald die entscheidende Käuferschicht bilden. Doch hier ist Fingerspitzengefühl gefragt: Egal ob “Winning Generation” oder “Best Ager“,”Silver Generation” oder “60Plus” – die Werbung kann es mit noch so smarten Begriffen schönreden: dazugehören oder so genannt werden, will eigentlich niemand und das ist eine echte Herauforderung für Kaufhaus- und Supermarktstrategen.

Denn Tatsache ist, dass ältere Menschen gern Geld ausgeben, wenn sie beim Einkauf gut bedient werden. Sie haben nicht nur mehr Geld für Konsum in der Tasche als junge Menschen, sondern sind auch bereit, für qualitativ hochwertige Produkte und Dienstleistungen mehr zu zahlen. Während die privaten Haushalte nach Angaben des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) insgesamt etwa 75 Prozent ihres verfügbaren Einkommens für den Konsum ausgeben, ist die Konsumquote der Haushalte mit Bezugspersonen im Alter von 65 bis unter 75 Jahre mit rund 84 Prozent die höchste aller Altersgruppen.

Vor allem für die Gesundheitspflege und Haushaltsdienstleistungen gibt die “Generation 55+” überdurchschnittlich viel Geld aus. Doch auch weniger nahe liegende Produkte fragen die “neuen Alten” stark nach: Schon heute ist knapp jeder zweite Neuwagenkäufer älter als 50 – ein Trend, der sich auch in den Käuferstatistiken von Premiumherstellern wie Mercedes oder Porsche niederschlägt. Das Lebensalter allein sagt also über Konsumneigungen immer weniger aus.

Elektro-Scooter im Baumarkt

Adler-Modemaerkte

Lothar Schäfer, Vorstandsvorsitzender der Adler Modemärkte AG: “Bei Adler gibt es nicht nur Beige und Schwarz” ©alexkraus

Neuerdings wurde das Sortiment bei Discountern und in Baumärkten bemerkenswert erweitert, denn nicht länger sind ausschließlich klassische Sanitätsgeschäfte für den Bedarf von Senioren zuständig. Den Rollator gibt es mittlerweile im Baumarkt, den Gehstock und das Handy mit extragroßen Tasten, Badewannensitze samt Einstiegshilfen beim Discounter. Selbst Elektro-Scooter sind im Angebot. Der Vorteil: Discounter und Baumärkte können oft günstigere Preise anbieten und die Hemmschwelle für ältere Kunden ist geringer als in ein Fachgeschäft zu gehen.

Ein gutes Beispiel für Flexibilität im Einzelhandel ist die Modekette Adler, die sich bewusst auf die reife und loyale Kundenzielgruppe im Alter ab 45 Jahren konzentriert. Und sie hat damit Erfolg. Während der deutsche Textilhandel insgesamt 2014 unter der mangelnden Kauflust der Bundesbürger litt, konnte Adler seinen Umsatz weiter steigern und legte auch beim Gewinn kräftig zu. Um die älteren Kunden zufriedenzustellen, tut das Unternehmen einiges. “Bei uns sind die Umkleidekabinen ein bisschen größer, die Ruheecken etwas ruhiger, die Zahlen auf den Preisschildern etwas größer”, sagte Adler-Chef Lothar Schäfer kürzlich in einem Interview mit der Fachzeitschrift “Der Handel“. Und: “Bei uns ist die Größe 40 eigentlich eine 42. Wir nennen das Schmeichelgrößen”, zitierte das Blatt den Adler-Chef.

Rettung für das gute alte Kaufhaus?

Ferger-Heiter

Demografiebeauftragte Andrea Ferger-Heiter ©Dieter Buchholtz

Große Chancen könnte der Demographiewandel auch für die eigentlich kriselnden Warenhäuser bringen, denn gerade Ältere bevorzugen alles unter einem Dach. Kaufhäuser in den Innenstädten werden wieder wichtig. Die 60- bis 70-Jährigen schätzen die kurzen Wege nicht nur ins Theater, in die Oper, sondern auch in das gute alte Kaufhaus. “Schon heute fällt in den Straßen der Innenstädte eine zunehmende Zahl von Rollatoren auf”, berichtet Andrea Ferger-Heiter. Seit 2008 ist die frühere Warenhaus-Geschäftsführerin beim Kaufhof als Demographiebeauftrage tätig – die erste und einzige im Einzelhandel überhaupt. Mit viel Engagement versucht sie die 138 Filialen der Metrotochter auf die neuen Herausforderungen zu trimmen. (rantlos berichtete darüber!)

Mittlerweile tragen 39 Kaufhof-Warenhäuser das Zertifikat “generationenfreundlich“. Seit 2010 vergibt der Einzelhandelsverband HDE dieses Siegel. “Das ist ein Riesenthema”, betont HDE-Sprecher Kai Falk. Insgesamt seien schon mehr als 700 Unternehmen zertifiziert – darunter auch Einkaufscenter, Supermärkte und Discounter.

Es bleibt zu wünschen, dass sich immer mehr Einzelhandelsunternehmen aktiv mit dem demographischen Wandel auseinandersetzen, daneben aber auch dafür sorgen, den Einkauf für Menschen aller Altersgruppen, Familien ebenso wie Singles, Menschen mit vorübergehenden oder ständigen gesundheitlichen Handicaps so komfortabel und angenehmen wie möglich zu gestalten!

Ursa Kaumans




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