Die AfD, Donald Trump, Recep Tayyip Erdoğan: Seit einiger Zeit behaupten immer häufiger Politiker Unwahres, nehmen es zurück und verkünden neue Halb- oder Unwahrheiten und werden trotzdem gewählt oder gewinnen neue Anhänger. Man spricht von einem postfaktischen Zeitalter. Stimmt das oder ist das nur so ein „Gefühl“?

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Postfaktische Politiker projizieren sich die Wirklichkeit so zusammen, wie es ihnen gefällt.

Leider gibt die Rede vom postfaktischen Zeitalter nicht nur ein diffuses Gefühl wieder, sie beruht vielmehr ihrerseits auf Fakten. Und sie gibt in jedem Wortsinne zu denken. Da es einen entscheidenden Unterschied macht, ob man glaubt, etwas zu wissen, oder ob man weiß, dass man etwas glaubt, gilt es zu bedenken, dass es Projektionen und Träume, das nur Scheinhafte und die Fata Morgana wirklich gibt, nicht aber das, was da geträumt, projiziert oder halluziniert wird. Es ist eine Tatsache, dass Gefühle zunehmend die Wahrnehmung vieler stärker prägen als Fakten und Daten, gerade auch in politischen Kontexten. Und es ist ein Faktum, dass man weiterhin zwischen wahren und falschen Sätzen unterscheiden kann – und dass zunehmend mehr Leute, einschließlich internationale Spitzenpolitiker, genau dies nicht mehr tun oder nicht mehr tun wollen.

Es ist nicht neu, dass Politiker Gefühle ansprechen, vor allem bei Populisten ist es das tägliche Geschäft. Was ist also neu?

Neu ist – und das ist keine aufregende, aber eine in ihrer Selbstverständlichkeit stets erneut bedenkenswerte Feststellung – neu ist die medientechnische Infrastruktur populistischer Gefühlspolitik, sprich: das Internet. Selbstverständlich hat der Typus des Politikers, der sich nicht um Fakten schert und sich mit hochemotionalen Äußerungen Gefolgschaft sichert, eine lange Geschichte, von deren Abgründen etwa Shakespeares oder Schillers historische Dramen Zeugnis ablegen. Deutschland hat mit Hitler die bislang monströseste Variante dieses Typs geliefert.

Neu ist der Umstand, dass im Internet falsche Behauptungen weiter massenhaft und unbeirrt durchgehalten werden.

Neu ist jedoch der Umstand, dass im Internet falsche Behauptungen weiter massenhaft und unbeirrt durchgehalten werden, auch wenn sich die, die sie geäußert haben, in sachlicher Hinsicht nach Strich und Faden blamiert haben. Um nur ein konkretes Beispiel zu nennen: Die sogenannten Protokolle der Weisen von Zion sind eine plumpe Fälschung hasserfüllter Antisemiten. Dass sie eine Fälschung sind, musste und muss jeder Historiker, der das Handwerk der Quellenkritik beherrscht, zugeben, selbst, wenn ihm antisemtische Einstellungen nicht fremd sind. Diese fachwissenschaftliche Sachautorität beeindruckt aber viele Internetnutzer nicht; das Internet ist antiautoritär, und das ist grundsätzlich auch gut so, – aber eben auch deshalb extrem missbrauchsanfällig. Es kennt anders als das Mediensystem vor dem Internet-Zeitalter keine gewichtigen gatekeeper wie Lektorensysteme für Bücher, Berufsqualifikation für Journalisten, Redakteure, professionelle Nachrichtenagenturen usw. Um es salopp auszudrücken: Es darf im Internet jeder noch so durchgeknallte Kopf ungestraft mitreden und dafür Aufmerksamkeit erwarten.

Wen würden Sie als postfaktischen Politiker bezeichnen und warum?

Es herrscht kein Mangel an Beispielen, Ross und Reiter lassen sich benennen: Der Medienindustrielle Silvio Berlusconi eröffnete die neue Typen-Reihe; George W. Bush, der faktenwidrig behauptete, es gebe Massenvernichtungswaffen im Irak und deshalb einen verhängnisvollen Krieg anzettelte; Wladimir Putin, Recep Tayyip Erdoğan, Viktor Orbán, Jarosław Kaczyński, Donald Trump, zahlreiche Islamisten und in Deutschland gleich mehrere AfD- bzw. Pegida-Leute folgten. Eben dies ist ja das Gespenstische, dass sich in unterschiedlichen Ländern und Kulturen dieser Politikertypus zunehmend erfolgreich durchsetzt. Die Genannten haben bei aller Unterschiedlichkeit die gespenstische Gemeinsamkeit, sich die Wirklichkeit unbeirrt von Fakten und Daten so zusammenzuprojizieren, wie es ihnen und leider auch vielen Gefolgsleuten gefällt. Wenn sie durch Faktenchecks diskreditiert werden, verfügen sie über die medialen Mittel und die Gelder, die man braucht, um systematisch für Desinformation zu sorgen. Postfaktische Politiker müssen aber nicht prominent sein. Ein bizarres Beispiel sind die sogenannten Reichsbürger, die die Bundesrepublik für inexistent, das „Rechtssystem“ von Deutschland in den Grenzen von 1937 hingegen für gültig erklären und dann blutige Fakten schaffen – nämlich auf Polizisten schießen.

 Ist die Demokratie in Gefahr?

Ja. Denn Demokratie ist nicht besonders sexy und gefühlsbetont. Sie lebt von der Einsicht „we agree to disagree“ und davon, diesen Satz auf sachlich unstrittige Konstellationen und Daten zu beziehen. Zum Beispiel: So ist die demographische Entwicklung, so funktioniert das Rentensystem, daran können wir diese oder jene feine oder große Neujustierung vornehmen. Max Webers vor hundert Jahren gesprochenes und zu recht vielzitiertes Wort, Politik sei die Kunst, dicke Bretter zu bohren, hat nichts von seiner Gültigkeit verloren.

In einem Zeitalter der postfaktischen Re-Ideologisierung von Politik gerät die Demokratie als solche in Gefahr.

In einem Zeitalter der postfaktischen Re-Ideologisierung von Politik gerät die Demokratie als solche in Gefahr. Nur zwei Beispiele: Die US-Republikaner haben seit Jahren eine unsinnige, postfaktische und extrem ideologielastige Politik betrieben und sich damit nun einen grotesken Präsidentschaftskandidaten mit dem Namen und der Funktionsweise einer Comic-Figur eingehandelt. Es ist zu hoffen, dass dies ein Problem dieser Partei bleibt. Zweites Beispiel: Im Zeichen des Internets gewinnen alte paranoische Universalerklärungen für alles Problematische erneut an Attraktivität. Die üblichen Verdächtigen  – die Juden, die Bolschewisten, der Westen, die Freimaurer, die Kreuzfahrer, die Wallstreet usw. – sind schuld an allem. Postfaktische Politik geht mit solchen großen Unheilserzählungen eine unheilige Allianz ein. Sie macht Köpfen, die Angst vor oder kognitive Probleme mit komplexen Konstellationen haben  – Wer kämpft in Syrien warum und wie mit wem gegen wen? – ein Angebot, das sie nicht ablehnen zu können glauben. Diese Köpfe, und wenn‘s schief läuft, wir alle, werden deshalb dran glauben müssen.

ipg-logo-Kopie1-150x92Die Fragen stellte Anja Papenfuß.

 

 

hoerischProf. Dr. Jochen Hörisch lehrt seit 1988 Literatur- und Medienwissenschaften an der Universität Mannheim. Im Rahmen seiner wissenschaftlichen und publizistischen Tätigkeit veröffentlichte er bereits zahlreiche Werke zu kultur- und medienanalytischen Themen. Zuletzt erschien von ihm Man muss dran glauben – Die Theologie der Märkte.