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Zwischen Krisen und Frieden

Das Wirken der UN vor Ort erleben

Täglich erleben wir über die Medien Schreckensbilder aus Krisenregionen. An vielen Schnittstellen werden UN-Hilfsmaßnahmen oder Aktivitäten der Weltorganisation zur Friedenserhaltung oder auch Friedenserzwingung sichtbar. In Deutschland vermittelt die Deutsche Gesellschaft für die Vereinten Nationen e.V. (DGVN) Wissen und Erfahrungen zu den Vereinten Nationen. rantlos sprach mit Ekkehard Griep, dem Stellvertretenden Vorsitzenden der DGVN. Er führt seit Jahren Reisende durch Krisengebiete.

rantlos: Wie kam es zu Ihrem Engagement für die Vereinten Nationen?

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Ekkehard Griep: „Die UN vor Ort kennen lernen“. ©DGVN

Griep: Ausschlaggebend war meine dreijährige Tätigkeit im UN-Sekretariat in New York. Dort habe ich täglich erlebt, was die Vereinten Nationen ausmacht: Menschen aus aller Welt arbeiten zusammen – im Kleinen als Team, im Großen als Organisation –, um einen Beitrag dafür zu leisten, dass unsere Welt etwas besser wird: Frieden und Sicherheit, Entwicklung, Menschenrechte, internationale Gerichtsbarkeit, um einige wichtige Handlungsfelder zu nennen. Schon nach kurzer Zeit fühlte ich mich auch als Teil der großen UN-Familie. Natürlich gibt es Abstufungen bei den Dingen, die man dort erlebt. Aber im Großen und Ganzen bin ich auf positive Weise vom „UN-Bazillus“ infiziert worden, glücklicherweise.

rantlos: Wie hat Sie die Zeit in New York verändert?

Griep: Als ich nach Deutschland zurückkam, war für mich klar, dass ich das Kapitel „Vereinte Nationen“ in meinem Leben auf keinen Fall beenden wollte. Ich wollte die Themen und Entscheidungen weiter verfolgen, Menschen treffen, einfach am Ball bleiben. Denn es gibt auf der Welt keine vergleichbare Organisation, die ein Forum für alle bietet. Keine Organisation sonst ist mit dieser universalen Legitimität ausgestattet. Das wird dringend gebraucht. Denn wir leben in einer Zeit, in der die Herausforderungen längst nicht mehr von einzelnen Staaten allein gelöst werden können. Das gelingt zwar teils auf regionaler Ebene, häufig, besonders bei global relevanten Themen, aber eben nur im globalen Maßstab. Beispiele hierfür sind der Klimawandel, Flüchtlingsfragen oder die Fragilität von Staaten mit Folgen, die weit über die Ursprungsregion hinausreichen können.

VN stärker als Handlungsfeld nutzen

rantlos: Wie können wir uns Ihr Engagement konkret vorstellen?

Griep: Der Schritt zur DGVN war nicht weit. Die Gesellschaft versteht sich als Anlaufstelle für alle in Deutschland, die sich für die Vereinten Nationen interessieren. Es gibt dort interessante Veranstaltungen zu Themen, die bei den Vereinten Nationen auf der Agenda stehen.
rantlos: Gibt es Schnittstellen zur deutschen UN-Politik?

Griep: Wir begleiten die deutsche UN-Politik in konstruktiv-kritischer Weise, z.B. durch UN-politische Forderungs-/ Empfehlungskataloge an Bundesregierung und Parlament. Und wir möchten darauf hinwirken, dass die Vereinten Nationen von Deutschland noch stärker als Handlungsfeld genutzt werden.

rantlos: Sie führen auch Reisegruppen in ehemalige Krisengebiete. Wie passt sich das in die Arbeit der DGVN ein?

Griep: Wir wollen durch Studienreisen die Vereinten Nationen erlebbar machen, also bei der konkreten Arbeit vor Ort kennenlernen. Diese Reisen führen daher oft in Länder bzw. Krisenregionen, in denen die Vereinten Nationen vor Ort tätig sind, z.B. mit Friedensmissionen, mit Entwicklungsprojekten oder auf andere Weise. So waren wir in den vergangenen Jahren etwa in der Westsahara, in der Côte d’Ivoire (Elfenbeinküste), im Sudan, im Libanon oder in Timor-Leste.

Beobachtungen zwischen Welthungerhilfe und Friedensmissionen

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„Wir haben in Liberia erfahren, mit welchen Schwierigkeiten internationale Unterstützung konfrontiert ist“

rantlos: Welche Reise hat Sie besonders beeindruckt?

Griep: In besonderer Erinnerung bleibt mir die Studienreise nach Liberia 2007. Im Land hatte man erst einige Jahre zuvor durch ein Friedensabkommen einen blutigen, zerstörerischen Bürgerkrieg beendet.  Aber die Menschen waren von den Schrecken des Krieges noch traumatisiert. Erst allmählich und unter großen Schwierigkeiten begann der Wiederaufbau. In dieser Phase haben wir die dort tätige UN-Friedensmission besucht. Wir haben vor Ort mit deren Leiter und militärischen, polizeilichen und zivilen Angehörigen gesprochen und erfahren, mit welchen Schwierigkeiten solche internationale Unterstützung konfrontiert ist. Wir haben Entwicklungsprojekte etwa der Welthungerhilfe besucht und gesehen, wie in Kautschukplantagen wieder ein gewisses Wirtschaftsleben einzog. Oder wie Kinder mitten im Land im Schulfach „Frieden“ unterrichtet wurden. Das sind Dinge, die muss man gesehen und erlebt haben.

rantlos: Planen Sie weitere Reisen und gibt es für rantlos-Leser die Möglichkeit mitzufahren?

Griep: Für die Teilnahme an solchen DGVN-Studienreisen ist die einzige Voraussetzung, dass man Mitglied der DGVN ist. Dafür bekommt man z.B. das Angebot solcher Studienreisen oder auch alle zwei Monate eine Fachzeitschrift zu UN-bezogenen Themen. Eines der jüngeren Hefte hatte sich mit dem Schwerpunktthema Ruanda beschäftigt. Dort waren wir übrigens Anfang September 2014 im Rahmen einer solchen Studienreise.

Zwanzig Jahre nach dem Völkermord von 1994 erschien es uns wichtig, vor Ort zu sehen, wie sich das Land entwickelt hat. Heute verfügt Ruanda in Afrika mit über die höchsten wirtschaftlichen Wachstumsraten. Wie sind die Perspektiven für Staat, Wirtschaft und Gesellschaft? Gibt es eine tragfähige Versöhnung zwischen Hutu und Tutsi, zwischen den Tätern und Opfern des Genozids? Welche Rolle hat die strafrechtliche Aufarbeitung der Verbrechen gespielt, im nationalen wie im internationalen Bereich? Eine ganze Reihe von Fragen, auf die wir während der Reise neue Erkenntnisse gewinnen konnten. So hat es etwa auf Dorfebene landesweit Gerichtsverhandlungen gegeben, bei denen Täter und überlebende Opfer des Völkermordes gegenübergestellt wurden (sog. Gacaca-System). Nach Abschluss der Befragungen, Anhörungen, etc. haben dann die Vertreter der Dorfgemeinschaft ein Urteil gesprochen, z.B. Freispruch oder Gefängnisstrafe. So wurden im ganzen Land Hunderttausende von Fällen gerichtlich behandelt – eine enorme Entlastung der nationalen Justiz.

Ohne Wille zum Frieden geht es nicht

rantlos: Sehen Sie in den aktuellen Krisen im Irak und Israel/Gaza Erfolge in der Planung und Koordinierung von Hilfe auch auf regionaler Ebene?

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Ekkehard Griep dankt dem UNDP Resident Coordinator für Ruanda und dem UN Country Team Foto: R. Gröschel

Griep: Diese aktuellen Krisen sind durch ein hohes Maß an Komplexität gekennzeichnet. Die Anzahl der Akteure aus dem jeweils näheren oder ferneren regionalen Umfeld ist häufig unübersichtlich. Das bedeutet, dass einfache Lösungen nicht zu erwarten sind, schon gar nicht kurzfristig. Wenn Länder in einer gemeinsamen Region keine gemeinsamen Interessen verfolgen, sondern untereinander aufgesplittert sind, wenn dazu noch Akteure aus dem Hintergrund einwirken, die Konflikte eher anheizen anstatt sie auszutrocknen, dann sind das keine günstigen Voraussetzungen für wirksame Hilfsmaßnahmen, die auch über den Tag hinausreichen.

rantlos: Wie können Krisenregionen stablisiert werden?

Griep: Jede Art von Hilfe, die das Leben der Menschen erträglicher macht, kann man nur begrüßen. Doch bittere Realität ist auch, dass dadurch allein die Konflikte nicht beendet werden. Entscheidend für eine längerfristige Stabilisierung in solchen Krisenregionen wird es sein, dass sich Konfliktparteien politisch aufeinander zu bewegen und einen Ausgleich suchen. Entsprechende Vereinbarungen können durch internationale Mediatoren gefördert und gegebenenfalls auch abgesichert werden. Regionale Vereinbarungen könenn dabei genauso hilfreich sein wie maßgeschneiderte Unterstützung durch die Vereinten Nationen oder auch bilaterale Unterstützung. Am Ende aber muss der Wille zum Frieden von den Konfliktparteien selbst kommen.
Die Fragen stellte Birgit Steffani

 

Info

Dr. Ekkehard Griep…
…wurde 1960 in Hamburg geboren. Der Politikwissenschaftler ist Oberstleutnant i.G. . Im internationalen Bereich hatte er Tätigkeiten bei der NATO in Brüssel, er war OSZE-Wahlbeobachter im Kosovo und in Afghanistan, EU-Wahlbeobachter im Kongo und tätig beim SFOR Hauptquartier in Sarajevo. Von 1995 bis 1998 arbeitete er als Referent des Beigeordneten UN-Generalsekretärs für die Planung und Unterstützung der UN-Friedensmissionen im UN-Sekretariat/Department of Peacekeeping Operations in New York. Von 2005 bis 2009 war er Referent im Auswärtigen Amt. In der Bundeswehr hatte er verschiedene Führungs- und Stabsfunktionen, u.a. Einheitsführer und Bataillonskommandeur.

Mehr über Dr. Ekkehard Griep

 

Im Mittelpunkt die Vereinten Nationen

Die Deutsche Gesellschaft für die Vereinten Nationen wurde 1952 als eingetragener gemeinnütziger Verein gegründet und ist seit 1966 Mitglied des Weltverbands der Gesellschaften für die Vereinten Nationen (WFUNA). Die DGVN verfolgt die Aufgabe, die deutsche Öffentlichkeit über die Ziele, die Institutionen und die Aktivitäten der Vereinten Nationen zu informieren.

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