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Und was machen Sie so nach Ihrem Tod?

Millowitsch

Grab der Familie Millowitsch auf dem Melaten-Friedhof in Köln

Mit diesem saloppen Spruch, welcher der Facebook-Sprache entsprungen zu sein scheint, warb das Bonner Münster im November dieses Jahres auf einem großen schwarzen Banner bei den Passanten, sich mit den Themen Tod und Trauer auseinanderzusetzen. Für die Kirchen selbst wird es aber mit dieser flotten Sprache nicht getan sein, denn auch für sie ist es eine große Herausforderung, sich im digitalen Zeitalter mit dem Tod und veränderten Trauerritualen auseinanderzusetzen.
Die Sterbekultur, also der Umgang mit dem Tod, die Art, wie Menschen gedenken, haben sich zum Teil völlig gewandelt. Es scheint, als habe der herkömmliche Friedhof seine Bedeutung als Ort der Trauer und des Gedenkens eingebüßt. Seit Computer und Internet die digitale Revolution ausgelöst haben, wurden jahrhundertealte Rituale verdrängt, die lange von den Kirchen bestimmt waren.

Facebook für Tote

Digi-FriedhofDas Internet bietet die digitale Unsterblichkeit und verändert den Umgang mit der eigenen Vergänglichkeit. Zahlreiche Portale bieten die Möglichkeit für ein digitales Nachleben – eine Art Facebook für Tote. Hunderte Videos sind auf YouTube zu finden, in denen verstorbener Personen gedacht wird. Freilich ist die Kommentarfunktiont meistens nicht gesperrt, falsches Beileid, voyeuristische oder hämische Beiträge sind daher keine Seltenheit.

Virtuelle Friedhöfe, wie strassederbesten.de sind nur durch einen Klick erreichbar. Auch wenn eine Portion Technikgläubigkeit und Science-Fiction-Begeisterung dazugehören mag, bleibt die digitale Verewigung ein neues Geschäft mit einem uralten Traum: dem Verlangen nach Unsterblichkeit.


Einmal auf Facebook – immer auf Facebook?

Facebook

Facebook versetzt das Profil beim Tod eines Nutzers in den Gedenkzustand. Es ist dann nur für Freunde sichtbar.

Ewiges Leben – im Internet kann es Wirklichkeit werden. Unbestritten ist, dass Menschen, die sich einen großen Teil ihres Lebens in virtuellen Räumen bewegen, dort auch ihre Trauer ausleben wollen. Zahlreiche Facebook-Nutzer verewigen sich schon jetzt über den eigenen Tod hinaus mit einem Profil auf der Internetplattform. Doch was passiert eigentlich mit den digitalen Daten, wenn eine Person stirbt? Was geschieht mit dem Account des Verstorbenen?

Das Netzwerk bietet Angehörigen die Möglichkeit, die Löschung zu beantragen oder es in den so genannten Gedenkzustand versetzen zu lassen. Den Wechsel in den Gedenkzustand bekommen alle Facebook-Freunde des Verstorbenen als Status-Update mitgeteilt und erfahren spätestens dann von seinem Tod. Einmal in diesem Status, kann sich niemand mehr in das Profil einloggen, und nur noch Freunde und Familie können posten. Wer den Toten „entfreundet“, kann die Verbindung nie wieder herstellen. Facebook schafft mit dem Gedenkzustand einen Raum, in dem Trauer und Andenken stattfinden können, einen „Schrein“, in dem der Verstorbene nicht vergessen wird.

Neue Fragen an die Theologen

An all diesen neuen Phänomenen der Trauer kommen auch die Kirchen nicht vorbei. Bereits jetzt gibt es bei beiden großen Kirchen Konzepte für virtuelle Friedhöfe. „Wenn wir virtuelle Friedhöfe anbieten, müssen wir höchste Seriosität, Verlässlichkeit und Datensicherheit bieten“, so der Internetbeauftragte der Evangelischen Kirche in Baden, Oliver Weidermann, in einem Interview mit der WELT. Aber auch andere grundsätzliche Fragen, die vor Jahren als völlig abwegig gegolten hätten,  kommen heute auf die Theologen zu: Ist ein Toter, der viele Klicks verzeichnet, mehr wert als einer, der nur wenige Reaktionen hervorruft? Ist Trauer im Internet überhaupt vergänglich? Denn das Vergessen gibt den Trauernden Freiheit für ein neues Leben. Was aber passiert, wenn der Verlust auf ewig festgehalten wird?

Digitale Nachlassverwalter

Semno

Diplom-Theologin Birgit Aurelia Janetzky und der Informatiker Marc Zielenski, Gründer der Firma Semno

Daten sind unsterblich. Der moderne Mensch dokumentiert sein Leben im Internet. Und das weit über seinen Tod hinaus, denn er hinterlässt Spuren, die ihn überleben. Diese Frage hat die Diplom-Theologin Birgit Aurelia Janetzky vor einigen Jahren dazu veranlasst, zusammen mit dem Informatiker Marc Zielenski die Firma „Semno“ zu gründen. Im Zentrum der Geschäftsidee steht der würdevolle Umgang mit der verstorbenen Person und mit dem Regeln des digitalen Nachlasses, den diese im Internet hinterlassen hat. Von Interesse können dabei persönliche Erinnerungsobjekte sein, wie Fotos, Videos oder Notizen, aber auch Verbindungen, die der Verstorbene über seinen Computer mit der Außenwelt hatte. Dabei sind auch gelegentlich unangenehme Informationen nicht auszuschließen, die nicht unbedingt für die Angehörigen gedacht sind. Daher rät die Theologin dazu, sich bereits zu Lebzeiten über die eigenen Internet-Daten Gedanken zu machen und zu dokumentieren, welche Plattformen man nutzt oder was mit der Webseite passieren soll. Kaum einer denkt daran, mal aufzuräumen, damit nach seinem Tod nur noch das „digitale Erbe“ übrig bleibt, das wirklich als Vermächtnis gewollt ist.

Auch wenn uns vieles, das im Bereich der digitalen Erinnerungs- und Gedenkkultur entstanden ist, skurril,  abwegig und nicht nachvollziehbar erscheinen mag, so ist doch unbestritten, dass das digitale Leben auch die Toten auf eine völlig neue Weise in unser Leben mit einbezieht.

Es wird eine andere Gegenwart der Verstorbenen in der Welt der Lebenden geben!

Quelle: u. a. SWR-Wissen vom 04.11.2013

Ursa Kaumans


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