- Anzeige -

Nie vergessen!

In Auschwitz erfahren Schüler, wie sich Wirklichkeit vom Unterricht unterscheidet

„Ich hab Dein Haar gesehen,

Dein Haar, das gestreichelt wurde, gekämmt, geflochten,

Tag für Tag.

Du trugst ihn mit Stolz,

Deinen langen, schweren Zopf.

Den hab ich gesehen.

Er war grau, eisgrau vom Giftgas,

das Dich tötete in der Gaskammer von Ausschwitz“

(Gedicht der Schriftstellerin Grit Tischer, deren Großmutter in Auschwitz umgebracht wurde)

 

Ministerin Sylvia Löhrmann (2.v.l.) mit den Schülern aus Krefeld passieren das Haupttor

Ministerin Sylvia Löhrmann (2.v.l.) mit den Schülern aus Krefeld passieren das Haupttor

Vor 68 Jahren, am 27. Januar 1945, befreite die Rote Armee das unweit der alten polnischen Königsstadt Krakau gelegene nationalsozialistische KZ Auschwitz  mit dem angegliederten, etwa drei Kilometer entfernten, Vernichtungslager Birkenau. Ein Ort des millionenfachen Tötens und Quälens, ein schreckliches Zeugnis dafür, was Menschen Menschen antun können. Ein Ausrufungszeichen seitdem gegen das Vergessen. Und ein Mahnmal, vor allem, für die nachgewachsenen Generationen, die keine eigene Schuld an den Verbrechen der Vergangenheit trifft, die aber gleichwohl der Verantwortung nicht entgehen können, dass sich so etwas nie wieder ereignen darf – heute nicht und nicht in Zukunft.

Schüler als Botschafter eines neuen Deutschlands

Fabian Dietrich (17) und Corinna Scheuss (17)

Betroffen: Fabian Dietrich (17) und Corinna Scheuss (17)

Unabhängig von den vielen Gedenkveranstaltungen waren an diesem Jahrestag der KZ-Befreiung darum auch Jugendliche aus Deutzschland nach Auschwitz gekommen. Drei Schulklassen mit 67 Schülern aus Krefeld, Nettetal und Kerpen – aus Nordrhein-Westfalen, also. Und mit ihnen – inzwischen zum zweiten Mal schon – die Düsseldorfer Schulministerin Sylvia Löhrmann (55, Grüne).  „Wir werben“, sagt die Ministerin,  „in unseren Schulen für diese Reisen nach Auschwitz. Die jungen Menschen erleben hier nicht nur hautnah Geschichte in ihrer grausamsten Art, sondern begreifen vermutlich außerdem, warum andere Völker uns Deutsche zum Teil noch immer kritisch beobachten. So gesehen sind alle Schüler, die hier waren, auch Botschafter nicht allein für ein politisch gefestigtes und friedfertiges NRW, sondern auch für Deutschland insgesamt“.

Bis auf den Tod gesichert: Elektrozaun um das Lager

Bis auf den Tod gesichert: Elektrozaun um das Lager

Mittlerweile reist fast jede Woche eine Schulklasse aus dem größten deutschen Bundesland nach Auschwitz. Ermöglicht wird das durch eine außergewöhnliche Initiative. 2010 hat das Unternehmer-Ehepaar Roswitha und Erich Bethe aus Bergisch-Gladbach die Stiftung „Erinnern ermöglichen!“ ins Leben gerufen. Diese soll dafür sorgen, dass Fahrten an diese Stätte wenigstens nicht an finanziellen Hemmnissen scheitern. Von den 230 Euro Kosten pro Person übernimmt daher die Stiftung 200, so dass auf die Teilnehmer nur noch je 30 Euroe entfallen. Dadurch haben inwischen bereits 6500 nordrhein-westfälische Jugendliche die Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau erlebt und sich mit dem dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte auseinander gesetzt.

Kälte wie in den Kriegswintern

Ministerin Sylvia Löhrmann blickt über das Vernichtungslager Birkenau

Ministerin Sylvia Löhrmann blickt über das Vernichtungslager Birkenau

Sicher, es war ein Zufall, dass das Thermometer unter minus 10 Grad anzeigte, als Sylvia Löhrmann und die Schüler sich von der eigens eingerichteten Begegnungsstätte im Städtchen Oswiecim (so die polnische Bezeichnung für Auschwitz) auf den etwa zwei Kilometer langen Fußweg zu dem einstigen Stammlager Auschwitz und dem dort angegliederten Areal Birkenau machten, dessen alleiniger Zweck die industriell durchorganisierte Vernichtung menschlichen Lebens war. In der Eiseskälte gefror schier der Atem, dazu hoher Schnee und heftiges Schneetreiben. Es bedurfte wahrhaftig keiner großen Fantasie, um sich die Verhältnisse vorzustellen, denen vor mehr als 60 Jahren die Häftlinge an diesem Ort ausgesetzt waren – in ungeheizten Baracken, nur mangelhaft ernährt, nicht nennenswert bekleidet, häufig genug gar nackt als Objekt medizinischer Versuche am Menschen der Natur ausgesetzt.  Je mehr man sich dem Lager näherte, desto mehr verstummten in der Gruppe die Gespräche.

Das Haupttor. Unfassbar zynisch der unveränderte, schmiedeeiserne Spruch   „Arbeit macht frei“ – Zutritt zu einem Ort, den kein Insasse jemals wieder lebend verlassen sollte und es ja auch nur ganz wenigen vergönnt war. Schockierend gleichermaßen für Schüler wie Erwachsene die Bilder und Eindrücke im Museum: Berge von Haaren (benutzt zum Füllen von Matratzen und Polstern), Schuhen, Töpfen, Rasierpinseln, Koffern mit Namen und Namensschildern. Hinter jedem Stück ein  menschliches  Schicksal! Dort die winzige Hungerzelle, in die der Franziskanerpater Maximilian Kolbe anstelle seines Mithäftlings Franciszek Gajowniczek gegangen war. Dieser – verheiratet und zwei Kinder – sollte hingerichtet werden, Kolbe schlug den Personentausch vor, wurde in die Hungerzelle gesperrt und am 14. August 1941 mit einer Phenolspritze ermordet. Am 10 Oktober 1982 ist Maximilian Kolbe vom polnischen Papst Johannes Paus II. heilig gesprochen worden.

„Ich wollte es mit eigenen Augen sehen“

Waclaw Dlugoborski (87), Zeitzeuge

Waclaw Dlugoborski (87), Zeitzeuge

Obwohl sich die jungen Besucher aus  Nordrhein-Wesfalen vor dem Abflug mit Literatur, Videos und Diskussionen in der Schule gut vorbereitet hatten, erlebten sie die Wirklichkeit doch viel brutaler als vorgestellt. Eine Schülerin aus Krefeld: „In der Schue lernt man Geschichte theoretisch, aber hier ist man voll der Realität ausgesetzt. Ich wollte es mit meinen eigenen Augen sehen, um mir wirklich ein Urteil bilden zu können“. Und ein junger Mann aus Nettetal. „Der Eindruck vor Ort hilft mir, die Geschichte besser zu verstehen. Nach dieser Reise kann ich die Vergangenheit sehr viel besser beurteilen“. Und noch einmal macht sich Betroffenheit breit. Abends beim Gespräch mit dem Zeitzeugen Waclaw Dlugoborski (87). Er gehört zu den wenigen, welche die Hölle von Auschwitz überlebten. Mit zitternder Stimme erzählt er vom Leiden, von der Sklavenarbeit und dem Sterben im Lager. Ob er denn in jenen Jahren im Lager nicht auch einmal etwas Schönes erlebt habe, möchte ein Schüler wissen. „Doch“, antwortet der alte Mann, im Winter, Ende 1944, also wenige Wochen vor der Befreiung, seien sie – die Häftlinge – nicht mehr von der SS gefoltert worden …

Sepp Spiegl

 

Info

Das KZ Auschwitz-Birkenau war das größte Vernichtungslager unter natonalsozialistischer Herrschaft. 1941 gebaut, bestand es aus dem sogenannten Stammlager Ausschwitz I und dem allein zur Tötung und Verbrennung errichteten Arreal Birkenau. Dort endeten die Gleise für die Deportierten-Transporte, dort fanden die „Selektionen“ statt, dort standen die Gaskammern und Krematorien. Insgeamt mehr als 1 Million Menschen wurden hier vergast oder erschossen, oder kamen durch medizinische Menschenversuche (z. B. des berüchtigten, nach dem Krieg nach Südamerika geflüchteten Dr. Josef Mengele aus Günzburg), Krankheit, Misshandlungund Unterernährung ums Leben.

mehr zu dem Thema:

  • 36
    Jemand war im Laufe seines Lebens sehr erfolgreich und hat viel Ged verdient. Und dann spendet er den größten Teil seines Vermögens. Gibt es so etwas? Ja, so etwas gibt es. Das Ehepaar Roswitha und Erich Bethe aus Bergisch-Gladbach hat eine Stiftung gegründet, aus der Schülerreisen in das ehemalige Vernichtungs-KZ…
    Tags: auschwitz, stiftung, für, so, nur, war, nordrhein-westfalen, id="attachment, width, etwas
  • 30
    Jeweils am 27. Januar wird weltweit des Holocaust gedacht. Das Datum erinnert an die Befreiung des größten Nazi-Konzentrationslagers Auschwitz durch russische Truppen am 27. Januar 1945. Seit 1996 gedenken die Deutschen jeweils an diesem Tag der Millionen Opfer des Völkermords. Im November 2005 verabschiedete auch die Vollversammlung der Vereinten Nationen…
    Tags: auschwitz, für, löhrmann, width, id="attachment, caption, ort, align="alignleft, sylvia, macht
  • 30
    Nächstes Jahr jährt sich am 11. November zum 100. Mal der Beginn des 1. Weltkriegs. Als erste deutsche Politikern überhaupt hat soeben Nordrhein-Westfalens Schulministerin Sylvia Löhrmann an einer Gedenkzeremonie im flandrischen Ypern teilgenommen. Sie begleitete zwei Schulklassen, die sich das Aufarbeiten der Weltkriege zur Aufgabe gemacht haben.
    Tags: deutschen, id="attachment, width, caption, sylvia, löhrmann, schüler, war, um, nur




--- ANZEIGE ---

Diesen Artkel versenden Diesen Artkel versenden