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Inklusive Wohngemeinschaft sucht Retter

Von Dietrich Kantel

Cornelius Fischer, Leo Lülsdorf und Corinna Edringer beim Kartenspiel am Abend

Die Bonner Wohngemeinschaft „Brücke-Krücke“, ein bundesweit einzigartiges Inklusionsprojekt für ein gemeinsames Leben von behinderten und nicht behinderten Menschen, steht vor dem Aus. Bereits zum 31. März erhielten die zehn Bewohner von ihrem Vermieter, der gemeinnützigen Katholischen Jugendagentur Bonn gGmbH, die Kündigung. Seither wehren sich die Bewohner geschlossen gegen ihren Rausschmiss, inzwischen mit anwaltlicher Hilfe vor dem Amtsgericht Bonn.

Die Wohngemeinschaft, die seit Jahren im Caritas-betriebenen Madeleine-Debrel-Haus im Bonner Stadtteil Poppelsdorf untergebracht ist, wurde 1991 durch den Verein „Brücke-Krücke e.V.“ unter damaliger Leitung des bekannten Arztes (Leiter des Alexianer-Krankenhauses in Köln-Porz), Psychiaters, Theologen, Buchautors und Kabarettisten Professor Manfred Lütz gegründet. Seither organisieren vier Behinderte und sechs nicht behinderte Mitbewohner ihr alltägliches Zusammenleben völlig selbständig; das heißt auch: ohne teure professionelle Betreuung.

Zu der ausgesprochenen Kündigung gibt die Katholische Jugendagentur an, sie habe ihrerseits die Kündigung durch den Hauptvermieter erhalten. Hauptvermieter ist die Caritas, genauer: der Caritasverband für die Stadt Bonn e.V.. Zur Begründung für die Kündigung führen beide, Hauptvermieter wie Vermieter angebliches „Fehlverhalten von Mitgliedern der WG gegenüber der unmittelbaren Nachbarschaft“ ins Feld. Außerdem habe sich „das Betreuungskonzept in letzter Zeit nicht mehr weiterentwickelt und das Zusammenleben nicht gefördert“. Deswegen wurden auch die Fördermittel entzogen.

Beide Argumente weisen die Sprecher der WG, Cornelius Fischer, 27, beruflich als Kundenberater bei einem Telekommunikationsunternehmen tätig und Torsten Poppel, 33, von Beruf Anlagenmechatroniker im Gespräch mit rantlos als konstruiert, nicht der Wirklichkeit entsprechend zurück.

Konstruierte Kündigungsgründe

Markus Pacanda und Torsten Poppel-Rößle beim gemeinsamen Kochen

Tatsächlich habe es in der Vergangenheit wiederholt Beschwerden nur einer einzigen Wohnungsnachbarin im Hause gegeben, erläutern Fischer und Poppel. Diese habe für ihre beständigen Meldungen an die Hausverwaltung allerdings kleinste Anlässe gesucht, etwa wenn der Fernseher der WG bei hochsommerlichen Temperaturen in Zimmerlautstärke bei geöffnetem Fenster lief.
Den Beschwerden dieser einzelnen Person stehe entgegen, dass sich zehn weitere Wohnungsnachbarn in einer Unterschriftenaktion mit den WG-Bewohnern gegenüber den Vermietern solidarisch erklärten. Das Solidaritätsschreiben an die Katholische Jugendagentur Bonn gGmbH liegt rantlos vor. Darin erklären die Unterzeichner, dass die Brücke-Krücke-WG „in den zurückliegenden Jahren in Harmonie mit den restlichen Bewohnern“ des Hauses gelebt hat“. Ausdrücklich sprechen sich die Unterzeichner in dieser Solidaritätsadresse für einen Verbleib der Wohngemeinschaft im Hause aus.

Interessant: Die einzige Beschwerdeführerin wohnt längst nicht mehr in dem Haus. Trotzdem bleibt die Kündigung vermieterseitig ausfrechterhalten.

Auch den weiteren Vorwurf „mangelnder Weiterentwicklung“ und „fehlender Förderung des Zusammenlebens“ weisen die WG-Sprecher zurück. Das sei seitens des bisherigen Trägervereins und Vermieters weder konkret belegt worden, noch könne man das inhaltlich nachvollziehen. Was solle auch fortentwickelt werden, wenn das Zusammenleben stabil sei, einzelne Behinderte in der Vergangenheit immer wieder in ein selbstbestimmtes Leben entlassen werden konnten und für andere als einzige Alternative zur inklusiven WG nur die Unterbringung in eine betreute Wohn- oder Pflegeeinrichtung bleibe und sie damit wieder in die Unselbständigkeit zurückfallen..

Caritas oder Profitdenken ?

Christopher Mann, Marek Plisch und Sarah Spitz möchten gerne zusammen wohnen bleiben

Dem Verfasser drängt sich nach dem Gespräch mit den WG-Sprechern der Verdacht auf, dass die Kündigungsgründe von Caritas und Katholischer Jugendagentur vorgeschoben sein könnten. Sind diesen Einrichtungen der Sozialindustrie – beide in der Trägerschaft der Katholischen Kirche – die Erträge nicht mehr hoch genug? Lässt sich durch anderweitige Nutzung der Räumlichkeiten und dann möglicherweise mit dem Einsatz professioneller Betreuer besser Rendite erzielen? Und bei allem stellt sich die Frage: Wo bleibt angesichts der unnachgiebig aufrechterhaltenen Kündigung eigentlich der christlich-caritative Anspruch dieser Institutionen ?

Christlich-caritativ: Anspruch und Wirklichkeit

Bemerkenswert: Ursprünglicher Träger der „Brücke-Krücke-WG“ – seinerzeit noch in einem anderen Wohnobjekt in der Bonner Nordstadt – war der Verein „Brücke-Krücke e.V.“ Dessen Vorsitzender war in den vergangen Jahren in ehrenamtlicher Funktion ein gewisser Rainer Braun-Pfaffhausen. Mit der Brücke-Krücke-WG als Paradepferd der sozialen Vereinsprojekte schmückte er über lange Jahre das Profil des Vereins in der Außendarstellung und wohl auch sein persönliches Profil.

Vom früheren Aushängeschild des beispielhaften Inklusionsprojektes der Brücke-Krücke-WG will er heute offenbar nichts mehr wissen: Braun-Pfaffhausen ist jetzt hauptamtlicher Geschäftsführer der Katholischen Jugendagentur Bonn gGmbH. Die gemeinnützige GmbH verfügt über rund 50 Mitarbeiter. Unter der Rubrik „Inklusion“ findet sich auf der Website der Agentur folgende Erklärung:

Inklusion bedeutet für uns die gleichberechtigte Teilnahme von jungen Menschen mit und ohne Behinderung. Jeder soll mit seinen Möglichkeiten an den Angeboten der Katholischen Jugendagentur Bonn gGmbH teilnehmen und sich einbringen können“.

Anspruch und Wirklichkeit klaffen da wohl weit auseinander …

Hilfe willkommen

Nun sucht die inklusive Wohngemeinschaft dringend nach einem neuen Träger und eine neue Unterkunft im Bonner Raum. Die Unterkunft sollte genügend Platz für 10 Personen bieten und bezahlbar sein. Dafür ist der WG Unterstützung in jeder Hinsicht hoch willkommen.

Youtube bietet ein kurzes Portrait der Brücke-Krücke-WG:

Erster Kontakt zur Brücke-Krücke-WG kann wie folgt aufgenommen werden:

corn.fischer@gmail.com (Sprecher der WG)

dietrich.kantel@gmx.de (Autor dieses Beitrages)

Titelfoto: v.l.n.r.: Corinna Edringer, Cornelius Fischer, Leo Lülsdorf, Markus Pacanda, Torsten Poppel-Rößle, Christopher Mann, Marek Plisch, Sarah Spitz




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