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Arbeit ist kein Fluch

rantlos-Interview mit der Alternsforscherin Prof. Dr. Ursula Lehr

Eine Neufassung des Arbeitsrechts in Deutschland ist nach Überzeugung von Prof. Dr. Ursula Lehr längst überfällig. In einem rantlos-Interview sagt die renommierte Alterns-Forscherin und ehemalige Bundesfamilienministerin voraus, angesichts der drastisch wachsenden Zahl älterer Menschen bei sinkendem Anteil Jüngerer werde die Finanzierbarkeit der Sozialsysteme bald an die Grenzen stoßen.

 

rantlos: Aus der Sicht der Alternsforscherin – wie steht unsere Gesellschaft heute da?

Prof. Dr. Ursula Lehr: „Die Rente ab 67 ist eine absolute Notwendigket“

Nicht gut, wenn man die Situation unter dem Blickwinkel der Finanz-, Sozial- und Gesellschaftspolitik betrachtet. Die Zahl der alten – und gesunden – Menschen nimmt immer mehr zu. Worüber wir ja eigentlich uns freuen sollten. Aber zugleich sinkt eben der Anteil der Jungen, die ja die Alterssicherung bezahlen müssen, dramatisch. Da muss dringend etwas geschehen.

rantlos: Das heißt, man kann heute schon ausrechnen, wann die Grenzen der Belastung der Finanzierbarkeit und damit des bestehenden Rentensystems erreicht sind?

Lehr: Lassen Sie einfach ein paar Zahlen auf sich wirken. 1890 kamen in Deutschland auf einen 75-jährigen Menschen 79 jüngere, davon 36 bis 20 Jahre, 23 im Alter von 20 bis 40 Jahren un d 15 im Alter von 40 bis 60 Jahren. 1959 waren es schon nur noch 35 Jüngere, die einem über 75-Jährigen gegenüber standen, und im Jahr 2010 – statistisch gesehen – ganze 9,88.   Wenn das so weiter geht, kommen wir 2040, wenn unsere heutigen 42-Jährigen dann selbst 75 Jahre alt sind, auf insgesamt nur 4.4 Personen, die jünger als 75 Jahre sind. Dann stehen einem 75-Jährigen bloß noch 2,5 Personen im Alter von 20 bis 60 Jahren gegenüber. Wer soll dann die Renten erarbeiten. Wie soll von de Jungnen die Belastung genommen werden?

Immer mehr Hundertjährige und Warnungen der Politik vor Altersarmut

rantlos: Und auf der anderen Seite steigt sogar die Zahl de 100-Jährigen und darüber…

Lehr: Auch da kann ich mit eindrucksvollen Daten dienen. 1991 konnten in Deutschla nd 1745 Menschen ihren 100. Geburtstag feiern. 2011 waren es 5917. Das ist eine ordentliche Steigerungsrate.

rantlos: Ist die Politik, ist aber auch die Gesellschaft darauf vorbereitet?

Lehr: Natürlich sind sich die verantwortlichen Politiker und die Kassen der Lage bewusst und machen sich ernsthaft Gedanken. Ein Beispiel dafür sind ja die Warnungen von Arbeits- und Sozialministerin Ursula von der Leyen vor einer drohenden Altersarmut und ihre Vorschläge hinsichtlich staatlicher Zuschüsse. Die Rente ab 67 ist eine weitere absolute Notwendigket, und ganz gewiss werden auch Rentner und Pensionäre in  Zukunft noch Abstriche machen müssen.

Wirtschaft und Handel stellen sich auf die „Goldene Generation“ ein

rantlos: Dennoch geht es heute einem Großteil der älteren Mitbürger gut – so gut, wie eigentlich noch nie zuvor dieser Altersgruppe. Ist das eine Art „goldene Generation“? Auch die Wirtschaft scheint sie ja mittlerweile als potente Konsumenten wahrgenommen zu haben. Nach Angaben von Tourismus-Unternehmen hat sich die Zahl der über 55-jährigen Urlaubsreisenden in den vergangenen drei Jahren praktisch verdoppelt…

Lehr: „Die überwiegende Mehrheit unserer Bürger begreift Arbeit als Segen und Gewinn.“

Lehr: Es stimmt, vielen Rentnern und Pensionären geht es heute – noch! – gut bis sehr gut.  Wirtschaft und Handel haben sich nach unseren Beobachtungen bislang unterschiedlich gut auf sie als Konsumenten eingestellt. Der Kaufhof etwa ist einer der Musterbetriebe, die auf die ältere Kundschaft ausgerichtet ist. Man überlegt dort zum Beispiel, welchen Alters die Verkäuferinnen und Verkäufer in welchen Abteilungen sein sollten, ob die Einrichtung bequeme Sitzgelegenheiten bereit hält, breite Gänge, gut lesbare, übersichtliche Informationen und Preisauszeichnungen, Wegweiser zum WC u. a. m. Eigentlich sollte ja der einfache Grundsatz gelten: seniorengerecht,  ist menschengerecht.

rantlos: Das Statistische Bundesamt sagt, dass hierzulande rund 760 000 Menschen im Rentenalter weiter arbeiten. Geschieht das mehrheitlich aus der Notwendigkeit heraus, weil sonst das Auskommen nicht gesichert ist? Oder wollen diese Bürger zeigen, dass sie eben noch nicht zum alten Eisen gehören?

Lehr: Dazu liegen uns keine genauen Zahlen vor. Aber ganz sicher geschieht das aus beiden Gründen. Tatsache ist, dass Viele gern weiter arbeiten möchten – vielleicht in reduzierter Form oder auch nur gelegentlich. Doch gewiss gibt es auch einen beträchtlichen Prozentsatz, der wegen des Geldes weiter arbeiten muss. Was morgen übrigens selbstverständlich sein wird. À propos „muss“. Ist es denn nicht nachvollziehbar, wenn jemand bei guter Gesundheit und Fitness noch seine Hände und den Kopf bewegt, obwohl er auch ohne das sein Auskommen hätte, aber sich und seiner Familie etwas Besonderes gönnen möchte?

Starre Altersgrenzen sind nicht mehr zeitgemäß – Flexibilisierung ist gefordert

rantlos: Vor diesem Hintergrund: Ist unser Arbeitsrecht überhaupt noch zeitgemäß?

Lehr: Nein, das ist es nicht! Wir haben von Seiten der Wissenschaft ja schon 1968 eine Flexibilisierung der Altersgrenze gefordert. Damals stand sogar der seinerzeitige Arbeitsminister Hans Katzer dahinter. Flexibilisierung konnte, nach diesen Überlegungen, durchaus auch nach unten gehen. Also auf weniger als 65/66 Arbeitsjahre. Doch die Haupttendenz war eine Forderung nach einer möglichen Erhöhung der Altersgrenze auf freiwilliger Basis. Nachdem erkannt wurde, dass die Anzahl der Lebensjahre wenig aussagt über Erleben und Verhalten, über die Leistungfähigkeit, war das die logische Konsequenz: Weg mit den starren Altersgrenzen!

rantlos: Woran liegt es, dass man sich in Deutschland so schwer tut,  solche störenden Korsetts aufzuschnüren und sie längst eingetretenen Notwendigkeiten anzupassen?

„Die Mehrheit unserer Bürger begreift Arbeit als Segen und Gewinn“

Lehr: Weil man – oder besser gesagt, weil immer noch ein zu großer Teil im Lande – die Auffassung vertritt, Arbeit sei ein Fluch. Ich bin dagegen der Überzeugung, dass die überwiegende Mehrheit unserer Bürger Arbeit als Segen und Gewinn begreift. Und das keineswegs allein unter finanziellen Aspekten. Da spielt zum Beispiel der Faktor „Sozialkontakt“ eine wichtige Rolle, also der Austausch mit Kollegen und Freunden in den Betrieben. Dazu Stolz auf das Geschaffene. Zufriedenheit wäre ein weiteres Stichwort. Das hört doch nicht auf, bloß weil ein bestimmter Stichtag erreicht ist.

Der „ewige Dachdecker“ könnte im Alter auch planen oder ausbilden

rantlos: In Norwegen, bestimmt kein unsoziales Land, wird schon seit geraumer Zeit ernsthaft über eine Renten- und Pensionsgrenze von 72 Jahren diskutiert…

Lehr: Es stimmt, die Norweger sind uns da eindeutig voraus. Zwar taucht, wie bei uns, auch dort immer wieder der berühmte „Dachdecker“ auf, der doch mit über 60 nicht mehr hoch hinauf solle. Doch dieser Dachdecker kann, wenn er es denn möchte, ebenso gut vom Büro aus planen oder die Ausbildung leiten. Auch die Krankenschwester müsste ja mit 60 nicht mehr schwer schleppen, sondern könnte Hospizarbeit leisten. Mit anderen Worten, es gibt ganz viele Möglichkeiten, auch innerhalb der einzelnen Berufsgruppen flexibler zu sein als jetzt.

rantlos: Die von Ihnen erwähnte Ministerin Ursula von der Leyen hat einmal gesagt: Die Jüngeren können zwar schneller rennen. Aber die Älteren kennen die Abkürzungen und sind deshalb oft eher am Ziel…

Lehr: Das ist doch eine wunderbare Umschreibung der Tatsache, dass Erfahrung und über Jahrzehnte erworbenes Wissen wertvoll, ja eigentlich unverzichtbar sind.

Berufseinsteiger im Europavergleich viel zu spät auf der Karriereschiene

rantlos: Wir sprechen bisher immer nur von den älteren Menschen. Wie ist das eigentlich bei den Jungen? Kommen die, mitunter ja erst mit etwa 30 Jahren, nicht viel zu spät in den Beruf, wodurch sich die Sozialbeitrags-Problematik noch  zusätzlich verschärft?

Lehr: Wir Deutschen haben die ältesten Studierenden. Wenn die ihren Abschluss machen, sind ihre Altersgenossen in England, Frankreich oder Italien schon längst auf der Karriereschiene. Auch das können wir uns eigentlich schon lange nicht mehr leisten.

Prof.Dr.Dr.Ursula Lehr im Interview mit Gisbert Kuhn

Prof.Dr.Dr.Ursula Lehr im Interview mit Gisbert Kuhn: „Eine Tätigkeit im Alter muss sein.“

rantlos:Abschließend gefragt: Sind Sie, trotz all der geschilderten Probleme und Schwachstellen, optimistisch, dass sie ohne gesellschaftliche Brüche gemeistert werden können?

Lehr: Wissen Sie, der Optimist macht aus jedem Problem eine Aufgabe, die es zu lösen gilt. Und der Pessimist macht aus jeder Aufgabe ein Problem, vor dem er dann hilflos steht. Deshalb sollten wir uns im privaten wie auch im staatlichen Bereich nicht an dem ausrichten, was wir nicht mehr können, sondern daran, was wir noch zu leisten vermögen. Damit komme ich auf unseren Ausgangspunkt zurück. Eine Tätigkeit im Alter muss sein. Aber nicht zwangsläufig im früheren Beruf. Eine Beschäftigung im Ehrenamt kann genau so erfüllend sein.

Gisbert Kuhn

 

 

 

Zur Person

Prof. Dr. Dr. Ursula Lehr, geb. 5. Juni 1930 in Frankfurt a. M., ist eine führende Wissenschaftlerin auf dem Gebiet der Erforschung und Gestaltung des Alterns. Von 1988 bis 1991 war sie in der Regierung Kohl/Genscher Bundesministerin für Jugend, Familie, Frauen und Gesundheit. 1986 gründete sie im Auftrag der baden-württembergischen Landesregierung in Heidelberg das Institut für Gerontologie. Sie ist Vorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren-Organisationen (BAGSO; www-bagso.de) und lebt in Bonn-Bad Godesberg.

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