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Als die Bücher brannten

Vor 80 Jahren: Auf den Scheiterhaufen wurde Deutschlands  Geist zerstört

Bücherverbrennung am 10.Mai auf dem Opernplatz in Berlin

Bücherverbrennung am 10.Mai auf dem Opernplatz in Berlin
©bundesarchiv

Berlin, Bücherverbrennung

Studenten sammeln Bücher in Berlin,um sie auf dem Opernplatz zu verbrennen
©bundesarchiv

Am 10. Mai 1933 loderten in 22 deutschen Universitätsstädten Scheiterhaufen. Innerhalb weniger Tage verdoppelte sich deren Zahl sogar auf mehr als 50. Die Flammen wurden gespeist mit Büchern von Schriftstellern, Philosophen, Wissenschaftlern, Romanciers und politischen Autoren, über die von den kurz zuvor an die Macht gekommenen Nationalsozialisten der Bann verhängt worden war. Es waren mehr als 500 Namen. Heinrich Mann gehörte dazu, Erich  Kästner, Erich Maria Remarque, Arnold Zweig, Alfred Kerr, Egon Erwin Kisch… Nur ein paar Jahre später erfüllte sich in Deutschland die düstere Prophezeiung, die bereits 113 Jahre zuvor Heinrich Heine vor einem ähnlichen Hintergrund in dem Trauerspiel “Almansor” niedergeschrieben hatte: “Das war ein Vorspiel nur. Dort, wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen”. Heine hatte sich in senem Text 1820 auf das Wartburgfest von 1817 bezogen, bei dem von Studenten in nationalistischem Überschwang ebenfalls Schriften unliebsamer Denker und Schreiber in die Flammen geworfen worden waren. Das Feuer von Eisenach war tatsächlich nur ein Vorspiel von dem, was sich dann – nach dem Fanal vor 80 Jahren – hierzulande ereignen sollte. In den Gluten auf den Plätzen von Königsberg bis Göttingen, von Kiel bis Konstanz, von Bonn bis München wurden zuerst die geistigen Fähigkeiten eines Volkes zu selbständig-kritischem Denken, zu Toleranz und Offenheit zerstört und anschließend auch noch seine Tugenden wie Mitmenschlichkeit, Brüderlichkeit und – durchaus im Wortsinn – Mitleid gebrochen.

Der 10. Mai war, keine Frage, der Höhepunkt jener gespenstischen Aktionen. Tatsächlich aber hatten diese schon am 1. April in Wuppertal begonnen. Und sie dauerten dann noch bis zum 9. Oktober 1933 (Rendsburg). Heute erinnern in gerade einmal sieben Städten Denkmale mit mehr oder weniger kleinen Texttafeln an die Geschehnisse, die vom US-Nachrichtenmagazin “Newsweek” seinerzeit geradezu seherisch als “Holocaust of Books” beschrieben wurden: Berlin, Bremen, Düsseldorf, Erlangen, Essen, Göttingen und Hamburg. Jetzt reiht auch Bonn sich ein. Auf dem einstigen “Tatort”, dem Marktplatz, einen Steinwurf nur entfernt von der Universität, sollen 60 in das Marktpflaster eingelassene bronzene “Lesezeichen” an die Untat von damals erinnern. Keine Frage, eine an sich höchst lobenswerte Aktion. Einer der Initiatoren war ein Bonner namens Wolfgang Deuling. Und Deuling könnte sich zu Recht wegen seines Einsatzes zugunsten der von den Nazis verbannten und verbrannten Dichter rühmen lassen – gäbe es da nicht einige deutlich weniger ehrenvolle Begleitumstände. Hätte es, zum Beispiel, im Zuge der “Wiedergutmachung” nicht auch nahe gelegen, sich in ähnlicher Weise den missliebigen und verfolgten DDR-Schriftstellern zuzuwenden? Jurek Becker, etwa, oder Sarah Kirsch, Erich Loest oder Stephan Heym. Sicher, im SED-Staat sind keine Bücher verbracnnt worden; wer unangepasst war, durfte halt gar nicht erst publizieren, wurde dennoch drangsaliert, nicht selten ausgewiesen. In ihrer Intoleranz unterschieden sich Deutschlands Kommunisten nicht fundamental von den Nationalsozialisten.

Wer auf die Frage eine Antwort sucht, braucht nur in das weltweite Internet-Lexikon Wikipedia zu schauen. Dort ist über den einstmals wichtigen Mitarbeiter im SPD-Parteivorstand (Deuling war u. a. persönlicher Referent von Hans-Jürgen Wischnewski) unwidersprochen zu lesen, er sei bekannt geworden, als er und seine Frau Barbara als “drittwichtigste Stasi-Quelle in der SPD” enttarnt wurden und beide anschließend gegen die Nennung ihrer richtigen Namen in Verbindung mit den Deckbezeichnungen “IM Bob” und “IM Petra” klagten. Herausgefunden und publiziert hatte dies der renommierte, bei der Bundesstelle zur Aufarbeitung der Stasi-Unterlagen tätige Wissenschaftler Helmut Müller-Enbergs, auf den auch die Enttarnung des West-Berliner Polizisten (und Todesschützen auf den Studenten Benno Ohnesorge), Karl-Heinz- Kurras, als Stasi-Mitarbeiter zurückgeht. Tatsächlich erwirkten die Deulings vor dem Hamburger Oberlandesgericht (OLG) jedoch die Forderung an die Berliner Behörde auf Unterlassung der Namensnennung in Verbindung mit den Tarnnamen “Bob” und “Petra”. Und, erstaunlich genug, deren oberster Chef, der einstmals selbst verfolgte DDR-Bürgerrechtler Roland Jahn, unterschrieb die Verzichtserklärung. Müller-Enbergs hingegen weigerte sich, so dass er (im Gegensatz zu seinem Vorgesetzten) das Ergebnis seiner Deuling-Recherchen weiter verbreiten darf – und dies auch tut. Zu den Kuriositäten dieser Facette der jüngsten deutschen Geschichte und dem dazu passenden OLG-Richterspruch gehört auch, dass das Ehepaar Deuling behaupten darf, “zu keiner Zeit gewollt oder bewusst mit der Stasi zusammengearbeitet” und auch keine hohen DDR-Orden erhalten zu haben. Und dies, obwohl kein Zweifel an einem Treffen mit hohen Stasi-Offizieren Ende der 80-er Jahre in Athen besteht und, darüber hinaus, detaillierte Aussagen der Agentenführer über die Rolle der beiden “Friedens-Kundschafter” innerhalb der SPD vorliegen. Deutsche Vergangenheit und deutsche Richtersprüche sind, wie man sieht, in vielfacher Weise merkwürdig.

Es waren nicht nur die Nazis

Buchrücken im Pflasterstein: das Mahnmal des Künstlers Andreas Knitz auf dem Bonner Rathausplatz (©knitz.net)

Buchrücken im Pflasterstein: das Mahnmal des Künstlers Andreas Knitz auf dem Bonner Rathausplatz
(©knitz.net)

Die erwähnten Erinnerungstafeln an die Schandfeuer vom 10. Mai 1933 in den sieben Städten sind – typisch für die geschichtliche Aufarbeitung in Deutschland? – keineswegs prominent angebracht. Im Gegenteil, sie sind sogar nur ziemlich schwer zu finden. Und – ebenfalls wieder typisch? – alle sind unkorrekt beschriftet. Denn sie weisen sämtlich fälschlicherweise die Verantwortung für Organisation und Teilnahme an den Bücherverbrennungen allein “den Nazis” zu. Welch eine Vereinfachung der Tatsachen! und welch eine (gewollte?) Reinwaschung der übrigen Gesellschaft! In Wirklichkeit waren die Bücherverbrennungen wochenlang, geradezu generalstabsmäßig, vorbereitet worden. Sofort nach dem 30. Januar 1933, dem “Tag der Machtergreifung”, hatten die Nazis begonnen, sich auch die Universitäten zu unterwerfen mit der Parole: “Der Staat ist erobert! Die Hochschule noch nicht! Die geistige SA rückt ein. Die Fahne hoch!” Am 2. April, abermals nur einen Tag nach dem landesweiten Boykottaufruf gegen jüdische Geschäfte, wurden an den Unis detailierte Ablaufpläne für die Verbrennungen entworfen, zwölf Tage später erfolgten in nahezu allen Hochschulen des Reichs Plakatanschläge mit zwölf gleich lautenden “Thesen wider den undeutschen Geist” – mit heutigen Augen gelesen ein krauses Gemisch antisemitischer Hassparolen und simpler Deutschtümelei, vor 80 Jahren jedoch reinster Sprengstoff.

Heinrich Mann (1906) ©bundesarchiv

Heinrich Mann (1906)
©bundesarchiv

Zumal dort, wo ja eigentlich der frische und freie Geist wehen sollte, an den Universitäten und Hochschulen also, offensichtlich der Boden längst gedüngt war, um die von den Nazis ausgebrachten giftigen Saaten sprießen zu lassen. Sicher, es waren in erster Linie die Studentenschaften (und zwar keineswegs nur die nationalsozialistischen), die notfalls gewaltsam die übrigen Studierenden “auf Kurs” brachten, die öffentliche Bibliotheken und private Buchhändler davon “überzeugten”, dass es besser sei, sich von “undeutschem” Druckwerk zu trennen. Und es waren in der Tat jeweils ausgesuchte Studenten, die bei den überall identisch ablaufenden Ritualen der Bücherverbrennung mit verteilten Rollen die neun “Feuersprüche” deklamierten, mit denen die Bücher dann in die Flammen geworfen wurden. Als Beispiel sei hier der zweite Rufer mit dem an allen Orten gleich lautenden Text zitiert: “Gegen Dekadenz und moralischen Verfall! Für Zucht und Sitte in Familie und Staat! Ich übergebe der Flamme die Schriften von Heinrich Mann, Ernst Glaeser und Erich Kästner”. Übrigens waren Kästner in Berlin und Glaeser in Bonn Augenzeugen, wie ihre Werke verbrannt wurden. Einer der Antreiber war der Kieler Psychologie-Student Paul Karl Schmidt, Speerspitze des dortigen “Kampfausschusses wider den undeutschen Geist”. Er brachte es später bis zum SS-Obersturmbannführer und als Ministerialdirektor zum Pressechef des Reichsaußenministeriums.  Nach dem Krieg wurde Schmidt unter dem Pseudonym Paul Carell als Autor von Kriegsbüchern (“Unternehmen Barbarossa”) bekannt, hoch geachtet und wohlhabend. Er schrieb u. a. für den Spiegel, den Stern, die Zeit und die Welt und fungierte bis zu dessen Tod als persönlicher Sicherheitsbeauftragter von Axel Springer…

Die Rolle der Professoren

Sicher, die Brandstifter des Ungeistes waren die Nazis. Aber sie hatten genügend Helfershelfer, auch wenn diese sich  nicht direkt an den Ausschreitungen beteiligten. 70 000 “Zuschauer” ließen sich, zum Beispiel, am 10. Mai in Berlin das Spektakel nicht entgehen, als auf dem Opernplatz geschätzt 20 000 “undeutsche” Druckwerke zu Opfern der Flammen gemacht wurden. Und 50 000 schauten in München zu, etwa 20 000 in Frankfurt auf de  Römer. Kurt Tucholsky notierte dazu: “In Frankfurt haben sie unsere Bücher auf einem Ochsenkarren zum Richtplatz geschleift. Wie ein Trachtenverein von Oberlehrern.” Und die Elite der Hochschulen? Die Professoren? Sie standen dabei – mit schamvoll gesenkten Köpfen die einen, applaudierend genügend andere. Klar, es wurden ja auch interessante Stellen frei, wenn die Universitäten “entjudet” waren. Nicht wenige meldeten sich zudem direkt zu Wort. So wie der Bonner Germanist Prof. Hans Naumann am 10 Mai 1933 auf dem Marktplatz der späteren Bundeshauptstadt: “So verbrenne denn, akademische Jugend deutscher Nation, heute zur mitternächtlichen Stunde an allen Universitäten des Reichs – verbrenne, was du gewiss bisher nicht angebetet hast, aber was doch auch dich wie uns alle verführen konnte und bedrohte. Wo Not an den Mann geht und Gefahr in Verzug ist, muss gehandelt werden ohne große Bedenken. Fliegt ein Buch heute Nacht zuviel ins Feuer, so schadet das nicht so sehr, wie wenn eines zu wenig in die Flammen flöge. Was gesund ist, steht schon von allein wieder auf…”. Der “Bonner General Anzeiger” kommentierte tags drauf: “Flamme empor”.

In das Pflaster des Römerberges vor dem Rathaus Römer eingelassene Gedenktafel zur Bücherverbrennung 1933, in Frankfurt am Main

In das Pflaster des Römerberges vor dem Rathaus Römer eingelassene Gedenktafel zur Bücherverbrennung 1933, in Frankfurt am Main

War die Elite der Nation denn blind geworden? Im Koblenzer Bundesarchiv liegt ein (wenn auch nicht veröffentlichter) Aufsatz, in dem der erste Nachkriegs-Bundespräsident, Prof. Theodor Heuss, für die Vossische Zeitung die Bücherverbrennungen des Jahres 1933 ebenfalls in der Tradition des Wartburgfests von 1817 sah und diese “nicht zu tragisch” nannte. Und das, obwohl er doch selbst mit drei Werken auf den Nazi-Index gesetzt worden war. Heuss kommentierte: “Einige der Leute, die auf der Liste stehen, sind ja menschlich keine schlechte Nachbarschaft. Aber daneben findet sich auch das entwurzelte jüdische Literatentum, gegen das ich durch all die Jahre gekämpft habe…”.

Helle Lichter in der Finsternis

Trotz allem – es gab in Deutschland auch damals helle Lichter. Vereinzelt zwar nur, doch umso heller strahlten sie in der Dunkelheit. Als am 14. April 1933 an allen deutschen Unis und Hochschulen die berüchtigten “Thesen wider den undeutschen Geist” angeschlagen wurden, kündigte der Rektor der Berliner Universität, Eduard Kohlrausch, seinen Rücktritt an, sollte das Pamphlet nicht unverzüglich entfernt werden – und tat das auch. Und der württembergische Landesführer des Nationalsozialistischen (!) Studentenbunds, Gerhard Schumann, untersagte für seinen Bereich die Plakataktion, ließ sich auch vom Druck aus Berlin nicht umstimmen und wurde dabei unterstützt vom Ministerpräsidenten und Kultusminister Prof. Mergenthaler.

Gisbert Kuhn

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