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Erste Staatskrise

51 Jahre danach wird jetzt die „Spiegel-Affäre“ für das Fernsehen verfilmt

Francis Fulton-Smith (r.) als Franz-Josef Strauß (l.) für die Verfilmung der „Spiegel“-Affäre

Francis Fulton-Smith (r.) als Franz-Josef Strauß (l.) für die Verfilmung der „Spiegel“-Affäre

Vor einem halben Jahrhundert wurde die noch junge Bundesrepublik Deutschland bis aufs Mark erschüttert. Der Anlass: die so genannte „Spiegel-Affäre“. Was damals, im Oktober 1962, mit einer Aktion von Staatsanwaltschaft und Polizei gegen das Hamburger Magazin begann, trieb in der Folge hunderttausende von Bürgern jeden Alters mit Protesten für Pressefreiheit und gegen politische Willkür auf die Straße und führte schließlich in eine regelrechte Regierungs- und Staatskrise. Nicht nur der seinerzeitige Verteidigungsminister, Franz-Josef Strauß (CSU), musste zurücktreten. Die Ereignisse bedeuteten auch den Anfang vom Ende der Epoche Adenauer. Ja, im Grunde veränderte sich im Zuge der Affäre die Einstellung weiter Bevölkerungskreise zum Obrigkeitsstaat, und die Republik bekam ein neues Gesicht. Jetzt, erstaunlich genug erst 51 Jahre danach, wird der bis dahin größte Politkrimi im westlichen Nachkriegsdeutschland für die ARD verfilmt. Die Aufnahmen nach einem Drehbuch von Johannes W. Betz („Der Tunnel“, „Hindenburg“) unter Mitarbeit von Gabriela Sperl („Mogadischu“) und Ex-Spiegel-Chefredakteur Stefan Aust in Bayern, Berlin und Hamburg sollen bis Mai dauern. Die Ausstrahlung des Streifens ist für 2014 geplant. Der Hamburger Theaterstar Sebastian Rudolph spielt den Spiegel-Chef Rudolf Augstein, dessen Gegenspieler – Franz-Josef Strauß – wird von Francis Fulton-Smith dargestellt. Glaubt man den Ankündigungen der Produktionsgesellschaft, dann könnte hier ein politischer Thriller allererster Güte entstehen. Die damals handelnden Personen und die seinerzeitige Weltlage böten jedenfalls den Rahmen dafür.

Am Rande des Atomkrieges

Die „Spiegel“- Ausgabe vom 8. Oktober 1962

Löste die Affäre aus: Die „Spiegel“- Ausgabe vom 8. Oktober 1962. Auf dem Titel: Friedrich Foertsch, zu jener Zeit Generalinspekteur der Bundeswehr

Für die meisten der heutigen Bundesbürger dürfte es schwer sein, sich die explosive Situation am Ende der fünfziger und zu Beginn der sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts vorzustellen. Im Innern des Landes tobte noch immer die Auseinandersetzung um die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik. Außenpolitisch war der Kalte Krieg zwischen Ost und West in vollem Gange. Mehr noch – im Herbst 1962 trieb der Machtpoker der beiden Supermächte und ihre jeweiligen Militärblöcke die Welt an den Rand einer atomaren Katastrophe. Die Sowjetunion unter Ministerpräsident Nikita Chruschtschow hatte begonnen, nuklear bestückte Mittelstreckenraketen auf Kuba zu stationieren. Also praktisch vor der Haustür der USA. Deren Präsident, John F. Kennedy, verhängte daraufhin eine Seeblockade um die Karibikinsel. Das sowjetische Einlenken und amerikanische Gegenleistungen in der Türkei verhinderten das Inferno quasi in letzter Sekunde.

Ausriss des Artikels " Bedingt abwehrbereit"

Ausriss des Artikels “ Bedingt abwehrbereit“

Zur selben Zeit lief an der Bundesrepublik die militärisch-politische Stabsrahmenübung mit dem Kürzel Fallex (Fall Exercise = Herbstmanöver) ab. Ihr nüchternes Ergebnis: Im Falle eines Angriffs des Warschauer Pakts könne Westdeutschland mit konventionellen Waffen nicht verteidigt werden – nicht am Rhein und schon gar nicht bereits an der Elbe. Ein Einsatz selbst nur taktischer A-Waffen aber würde die Zerstörung ganz Mitteleuropas bedeuten. Am 8. Oktober 1962 erschien die Spiegel-Nummer 41/1962 mit der Titelgeschichte „Bedingt abwehrbereit“, mit Einzelheiten aus der geheimen Fallex-Studie. Die Details waren den Autoren Konrad (Conny“) Ahlers und Hans Schmelz von Oberst Alfred Martin zugesteckt worden, damals im Bundesverteidigungsministerium Leiter des Führungsreferats im Führungsstab des Heeres. Diese Veröffentlichung löste dann jene Kollision zwischen drei unversöhnlichen Machtmenschen aus, die sich nun in dem Begriff  „Spiegel-Affäre“ entlud; nämlich zwischen dem hoch intelligenten, aber nicht selten unkontrolliert temperamentvollen CSU-Politiker Franz-Josef Strauß, dem intellektuell brillanten, aber gleichzeitig von eigenem historischen Sendungsbewusstsein durchdrungenen Spiegel-Chef Rudolf Augstein, und Bundeskanzler Konrad Adenauer, dem das unbotmäßige Hamburger Magazin seit langem schon ein Dorn im Auge war.

Bei Nacht und Nebel

Polizisten geleiten Augstein am 9. Januar 1963 ins Gerichtsgebäude

Polizisten geleiten Augstein am 9. Januar 1963 ins Gerichtsgebäude (l.), „Spiegel“-Titel vom 7. November 1962 mit Bild von Augsteins Verhaftung (r.).

Der Schlag der Staatsmacht erfolgte am 26. Oktober um 21 Uhr. Unter Leitung des späteren (am 10. April 1977 von  RAF-Terroristen ermordeten) Generalbundesanwalts Siegfried Buback, stürmten Beamte des Bundeskriminalamts sowie Polizeibeamte aus Hamburg und Nordrhein-Westfalen die Redaktionsräume des Nachrichtenmagazins. Im Verlauf der nächsten Tage wurden zahlreiche leitende Spiegel-Leute in Haft genommen und sogar ein Ermittlungsverfahren gegen den Hamburger Innensenator Helmut Schmidt (SPD) eröffnet. Diesem, dem späteren Bundeskanzler, hatten die Spiegel-Autoren vor der Drucklegung das Manuskript zur Begutachtung gezeigt. Besonders dramatisch verlief die Festnahme von Konrad Ahlers, der zu jener Zeit gerade in Spanien Urlaub machte. Er wurde um 3 Uhr früh von spanischen Polizisten aus dem Bett geholt – initiiert von Franz-Josef Strauß, der seinem Militär-Attaché in Madrid, Oberst Achim Oster, eine entsprechende – angebliche – Weisung Konrad Adenauers übermittelt hatte. Strauß leugnete das später gegenüber dem Bundestag und musste nicht zuletzt wegen dieser Lüge  zurücktreten. Vor diesem Hintergrund, aber auch schon zuvor, spielte sich ein erbitterter Kampf zwischen den Machtmenschen Strauß und Augstein ab – eine Fehde, die gleichermaßen von gegensätzlichen politischen Ansichten als auch von persönlichen Abneigungen geprägt war. Bereits seit dem Aufstellungsbeginn der Bundeswehr tobte dieser Streit – pikanterweise um das selbe Ziel, nämlich nie wieder Krieg. Für Strauß war klar, dass Westeuropa konventionell gegen die östliche Mlitärmasse nicht zu verteidigen war und Deutschland im Zweifel zum politischen Spielball der Supermächte werden würde. Um das zu verhindern, wollte er ein atomares Gleichgewicht des Schreckens – eben um Krieg für alle Zeiten auszuschließen. Nach Augsteins Auffassung hingegen musste jeder Rüstungswettlauf unweigerlich zu einem neuen Krieg führen. Darüber hinaus unterstellte er dem Bayer, aus puren Machtgelüsten die Verfügung über eigene, deutsche Kernwaffen anzustreben. Der Hamburger Blattmacher ging sogar so weit, den Spiegel zum „Sturmgeschütz der Demokratie“ zu stilisieren. Jahre später schränkte er immerhin ein, das Geschütz habe mitunter schon sehr „enge Sehschlitze“ gehabt.

Spiegel-Chefredakteur Rudolf Augstein (links) verlässt im Februar 1963 in Begleitung seines stellvertretenden Chefredakteurs Conrad Ahlers Karlsruhe

Spiegel-Chefredakteur Rudolf Augstein (links) verlässt im Februar 1963 in Begleitung seines stellvertretenden Chefredakteurs Conrad Ahlers Karlsruhe

Bis schließlich ein Schlussstrich unter die Affäre gezogen wurde, verging noch geraume Zeit. Erst im Mai 1965 verkündete der Bundesgerichtshof in Karlsruhe, dass kein Hauptverfahren gegen den Spiegel eröffnet werde. Dazwischen aber veränderte sich – fraglos – das Innengefüge der Republik. Hunderttausende von Bürgern jeglichen Alters waren auf die Straßen gegangen, um für die Freiheit der Presse (und damit für Bürgerrechte und Demokratie) zu demonstrieren. Die Deutschen zeigten, dass sie nun endgültig gebrochen hatten mit dem auf bloßen Gehorsam pochenden Obrigkeitsstaat. Konrad Adenauer hatte dem Spiegel den Garaus machen wollen – und bescherte dem Blatt stattdessen bis dahin nie gekannte Auflagenhöhen. Heute erscheint es unvorstellbar, dass ein einziges Medium (ja sogar die Presse als Ganzes) einen solchen Einfluss ausüben könnte.

Geburtsstunde der „68-er“

Bundeskanzler Konrad Adenauer stürzte über die Spiegel-Affäre

Bundeskanzler Konrad Adenauer stürzte über die Spiegel-Affäre

Die These ist gewiss nicht zu weit hergeholt, dass in jenen Monaten der „Spiegel-Affäre“ der Grundstein zu dem gelegt wurde, was man später als die „68-er-Bewegung“ bezeichnete. Rückwirkend betrachtet, lag in den Demonstrationen vom Herbst 1962 in der Tat bereits die Wurzel des Aufstands gegen das Althergebrachte, gegen „das Establishment“. Im Grunde war das Gefühl der Protestierer wahrscheinlich dem der aktiven Politik damals schon beträchtlich voraus. Denn Adenauers Rücktritt war seinerzeit nicht von der SPD-Opposition im Parlament betrieben worden, sondern vom Unions-Koalitionspartner FDP. Die Sozialdemokraten mit Fraktionschef Herbert Wehner voran hingegen planten zu der Zeit bereits, über eine Große Koalition mit CDU/CSU an die Macht zu gelangen – und schonten die in Not geratene Regierung. Und, tatsächlich, die Sache ging auf: Im Herbst 1966 scheiterte Konrad Adenauers Nachfolger Ludwig Erhard, und es kam das schwarz-rote Bündnis. Es wurde begleitet von machtvollen Studenten-Demos (wer weiß heute noch etwas von der Notstandsgesetzgebung?), aber auch von bedeutsamen Beispielen innerer Aussöhnung. Kanzler Kurt Kiesinger (CDU), einst NSDAP-Mitglied, hatte zum Stellvertreter den ehemaligen Emigranten Willy Brandt und musste als innerdeutschen Minister den zum Sozialdemokraten gewandelten Ex-Kommunisten Herbert Wehner akzeptieren. Franz-Josef Strauß, der Spiegel-Feind, wurde Finanzminister. Und der Regierungssprecher hieß Konrad Ahlers, nur wenige Jahre zuvor von Adenauer noch als abgrundtiefer Landesverräter tituliert. Man sieht, Stoff für einen spannenden Fernsehfilm ist genügend vorhanden. Hoffentlich kann man sich auch darauf freuen.

Gisbert Kuhn


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