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Zeit ist das, was wir am meisten anbieten können

rantlos-Interview mit dem Diplomtheologen Hermann Butkus zur Klinikseelsorge

Hermann Butkus

Menschen zur Seite stehen, sie bei der Hand nehmen und begleiten. Besonders wenn sie in Not sind. In innerer, seelischer Not. Sie verursacht mit unter größeren Schmerz als eine äußere Wunde. Hermann Butkus ist seit 2002 im Auftrag des Bistums Fulda als Klinikseelsorger am Universitätsklinikum Marburg tätig. Zugleich fungiert er als Sprecher der Arbeitsgemeinschaft “Klinikseelsorge im Bistum Fulda”. Seine Schwerpunktbereiche: Psychiatrische Abteilungen ( Kinder, Jugendliche und Erwachsene); Mitarbeiterseelsorge; Palliativstation und Netzwerkarbeit. Butkus ist  57 Jahre alt, geboren im Ruhrgebiet, hat 3 Kinder (23/25/27) und wohnt in Gemünden/Wohra ( Hessen). (Das folgende Interview verzichtet aus sprachlichen Gründen auf gender-modische und Geschlechtsbetonungen. Selbstvertändlich ist bei Personen- und Berufsbezeichnungen die Femininform automatisch inbegriffen).

rantlos: “Sie arbeiten seit 16 Jahren als katholischer Klinikseelsorger am Universitätsklinikum auf den Lahnbergen in Marburg. Von Hause aus sind sie ausgebildeter Diplomtheologe. Wie  treten Patienten mit Ihnen in Kontakt, und wie sieht Ihr Alltag aus? Können nur Patienten zum Klinikseelsorger kommen oder auch Angehörige?

Butkus: Nein, auch Angehörige, Klinik- Mitarbeitende aller Funktionen, Dienste und Aufgaben. Ich bin Krankenhausseelsorger und nicht nur Krankenseelsorger. Ich arbeite im System Klinik/Krankenhaus, das schließt alle mit ein.

 rantlos: Muss man einer Kirche angehören, um Ihre Hilfe in Anspruch nehmen zu können?

Ob jemand zu einer Kirche gehört, ist kein Kriterium und darf auch keines sein. Wenn ein Mensch Hilfe braucht, muss er sich vorbehaltslos an uns Seelsorger und Seelsorgerinnen wenden können.

rantlos: Was geschieht, wenn jemand stirbt? Kümmern Sie sich dann auch noch um die Angehörigen?

Die Begleitung hört nicht automatisch mit dem Tod  auf. Auf Wunsch der Angehörigen begleiten wir die Hinterbliebenen weiter; die Begleitung wird in diesem Fall zur Trauerarbeit, die dann auch länger dauern kann.

rantlos: Wie steht es um die Bestattung?

Die Bestattung nimmt das jeweilige Bestattungsunternehmen vor und setzt sich mit dem  Ortspfarrer oder einem Trauerredner in Verbindung, der dann die Trauerfeier hält. Ich bin als Klinikseelsorger auch schon gefragt worden, so eine Trauerrede zu halten und habe das dann sehr gerne übernommen. Bei einem plötzlich verstorbenen Mitarbeiter wurde ich von den Angehörigen gefragt, ob ich die Trauerfeier im Friedwald halten könne. Das war für uns alle ein intensives Abschiednehmen.

rantlos: Hat ein Klinikseelsorger so eine Ausbildung wie ein Psychologe?

Die Ausbildung eines Klinikseelsorgers kann man mit der eines Psychologen nicht vergleichen. Die Grundvoraussetzung ist eine theologische Ausbildung(Studium). Hinzukommen Qualifizierungen in (pastoraler) Gesprächsführung und die klassische „Klinische Seelsorgeausbildung“ (KSA), in der es um Selbstreflexion im Kontext des eigenen Praxisfeldes geht. Wir arbeiten unter der Grundvoraussetzung der Verschwiegenheit. Diese Vertrauensgrundlage ist wichtige Basis unserer Tätigkeit.

Hermann Butkus im Dialog mit einem Patienten

rantlos: Erzählen Sie uns doch bitte eine Begebenheit, die sie besonders berührt hat, und die uns die Aufgaben des Klinikseelsorgers verstehen lässt.

An eine erinnere ich mich besonders, die ich in den Anfängen meiner Tätigkeit erlebt habe: Ich will einen bestimmten Patienten besuchen, betrete nach dem Anklopfen das Zimmer, begrüße den Patienten und stelle mich als Klinikseelsorger vor. Seine erste Reaktion:“Wenn Sie mich missionieren wollen, können Sie sofort wieder gehen“. Ich konnte den Mann überzeugen, dass ich keinerlei Absicht habe, ihn zu „missionieren“, sondern nur hören wolle, wie es ihm gehe und ob er in irgendeiner Art und Weise Hilfe oder ein offenes Ohr brauche.Wir hatten dann ein langes Gespräch, und der Patient erzählte mir von dem, was ihn belaste, ihn in die Klinik gebracht hat und dass er mit seiner Parkinson-Erkrankung nicht zurechtkommt. Zuhören, ernstnehmen, Verständnis zeigen, Gefühle wahrnehmen und sie rückmelden – das ist, kurz gesagt,  was der Seelsorger in der Situation tun sollte.

 rantlos: Ersetzt der Klinikseelsorger auch einen Pfarrer und gibt es in der Klinik richtige Gottesdienste?

Klinikseelsorger ist der Oberbegriff für die verschiedensten Berufe, die es in der Klinikseelsorge gibt: es gibt den Priester/Pfarrer, den Pastoralreferenten, den Gemeindereferenten, den Diakon, den Diplomtheologen, die alle für die Seelsorge an und für die Menschen zuständig sind. Der Pfarrer/Priester darf kraft Amtes nur allein die Sakramente wie Krankensalbung und das Bußsakrament spenden. Daher können die anderen Seelsorger und Seelsorgerinnen den Pfarrer/Priester nicht ersetzen.Zum zweiten Teil der Frage: Auch in der Klinik werden „richtige“, also ganz normale Gottesdienste angeboten wie Wortgottesdienste, Andachten, Abendmahlsfeiern, Heilige Messen. Diese finden entweder in der jeweiligen Kapelle oder in Aufenthaltsräumen stattfinden.

rantlos: Zu welchen Zeiten kann ich um einen Seelsorger bitten und was bietet er alles an?

Butkus: Als Klinikseelsorger sind wir eigentlich rundum die Uhr erreichbar – das heißt am 365 Tagen 24 Stunden. Aber in vielen Kliniken kann dieser Rundumdienst aufgrund von fehlendem Personal nicht immer aufrecht erhalten werden können.

Was bietet ein Klinikseelsorger alles an? Maßgeblich ist zunächst natürlich das, was der Patient nach seinen eigenen Worten benötigt. Und da ist Zeit das, was wir am meisten anbieten können. Ohne diese Grundvoraussetzungen kann Seelsorge in Kliniken nicht gelingen. Unsere Angebotspalette reicht von Gesprächen, Begleitung in Krisensituationen, Sterbebegleitung, Gebet, Segen, Gottesdienste über Krankenkommunion bis hin zur Aussegnung, dasheißt bis zur  Verabschiedungsfeier nach dem Versterben.

 rantlos: Gibt es in jedem Krankenhaus einen Klinikseelsorger?

Hermann Butkus. Klinikseelsorger

 Butkus: Es gibt in fast allen Krankenhäusern bzw. Kliniken Klinikseelsorge. Das sind Stellen, die von den beiden großen Kirchen  eingerichtet wurden. Einige, meist kleinere, Krankenhäuser werden allerdings oft von den umliegenden Kirchengemeinden durch Besuchsdienste, durch Pfarrer oder andere Hauptamtliche im pastoralen Dienst mitbetreut.

 rantlos: Arbeiten die Seelsorger ökumenisch?

Butkus: Ja, wenn es in dem jeweiligen Krankenhaus auch Mitarbeitende der anderen Konfession gibt, arbeiten wir selbstverständlich ökumenisch zusammen.

rantlos: Wenn Sie ihre Arbeit unter ein Motto stellen könnten, was wäre das?

Butkus: Mein Leitwort ist: Einander im Blick haben, damit keiner verloren geht.

rantlos: Was wünschen Sie sich als Klinikseelsorger von den Patienten?

Butkus: Dass sie den Mut haben, um ihrer selbst willen den Dienst der Klinikseelsorge in Anspruch zu nehmen, wenn sie merken, ich schaffe das hier nicht alleine und brauche seelsorgliche Begleitung. Schon bei der Aufnahme kann der Patient den Wunsch nach Seelsorge bekunden. Auch bei einem Krankenhausaufenthalt braucht der Patient nicht auf seine religiösen Bedürfnisse zu verzichten und sollte diese ruhig „einfordern“.  

rantlos: Und welchen Wunsch hätten Sie an die Mitarbeiter im Klinikum?

Butkus: An die Mitarbeiter hätte ich zwei Wünsche. Erstens: Auch sie sind Adressaten von Seelsorge. Daher kann ich sie nur ermuntern, auch für sich den Dienst der Klinikseelsorge in Anspruch zu nehmen, wenn irgendwo „der Schuh drückt“. Der zweite Wunsch ist eine professionelle Begegnung auf Augenhöhe im gemeinsamen Dienst für die Patienten.

 rantlos: Und als dritten Wunsch, was wünschen Sie sich von den Kirchen?

Butkus: Beide Kirchen sollten weiterhin Seelsorge in Kliniken und Krankenhäusern als eine Kernaufgabe kirchlichen Handelns sehen und alles tun bzw. nach Lösungen suchen, dass dieser Dienst, auch in ökumenischer Verantwortung, weiterhin gewährleistet werden kann. Um der Menschen willen.

 rantlos: Wenn Leser Fragen an Sie hätten, wären Sie bereit diese zu beantworten?

Butkus: Aber natürlich,  sehr gerne!   

Die Fragen stellten Birgit, Franziska und Katharina Steffani.

Kontakt: hermann.butkus@pastoral.bistum-fulda.de




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