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„Der Lebenswille ist oft viel stärker“

Interview mit der Schmerz-Medizinerin Dr. Marion Peschek

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Dr. Marion Peschek

Der Tod ist anonym geworden in unserer Gesellschaft. Sterben, wie früher üblich im Kreise der Familie,  findet nur noch selten statt.  Zumeist „erwartet“ den Menschen am Ende seines Lebens ein unpersönlich-kahles Krankenhauszimmer. Und Begleiter dabei sind nicht mehr Angehörige oder gute Freunde; es ist vielmehr in allerRegel ein Arzt oder eine Ärztin. Wir freuen uns, einerseits, über die deutlich gestiegene Lebenserwartung. Aber wir blenden, andererseits, zugleich häufig die simple Tatsache aus, dass die irdische Existenz trotz aller medizinischen Fortschritte eines Tages unausweichlich endet und hohes Alter sehr oft auch mit schweren Krankheiten und schlimmen Schmerzen verbunden ist.  Umso mehr zeigt die gegenwärtige Diskussion in Politik und Öffentlichkeit über die so genannte Sterbehilfe, dass das Problem drängend ist. Wir reden vom „Sterben in Würde“ – was ist darunter eigentlich zu verstehen? Wir fordern die Selbstbestimmung über das eigene Leben – soll dieses Recht auch die Selbsttötung umfassen? Vielleicht sogar den Anspruch, für einen Freitod ärztliche oder andere Hilfe zu bekommen? rantlos sprach darüber – sowie über Möglichkeiten und Grenzen der Medizin im Dienst am Menschen gegen Ende seines Lebens – mit der Remagener Fachärztin für Palliativmedizin und Schmerztherapie, Dr. Marion Peschek ( www.schmerztherapie-remagen.de).

„Alles ist heilbar“

rantlos: Über Jahrtausende war den Menschen klar, dass das Sterben natürlicher Teil des Lebens ist – also mit der Geburt sozusagen schon das Ende begonnen hat. Haben wir dieses Wissen in unserer modernen Gesellschaft ausgeblendet?

Peschek: Wir haben das Sterben sozusagen „ausgelagert“. Und zwar physisch wie auch gedanklich. Die Orte sind oft genug die Intensivstationen der Krankenhäuser, manchmal eigens zum Sterben vorgesehene Seitenzimmer. Und was die gedankliche Beschäftigung mit dem Lebensende anbelangt –  es ist in unserer Gesellschaft einfach die Vorstellung weit verbreitet, dass der Medizin mittlerweile so gut wie Alles zur Heilung möglich ist und am Menschen praktisch sämtliche Teile ersetzbar sind. Der Tod wird gern verdrängt…

rantlos: Früher war es üblich, Verstorbene daheim so lang aufzubahren, bis die Angehörigen und Freunde, in den Dörfern auch die anderen Bewohner, Abschied genommen haben…

Peschek: Das Aufbahren ist auch heute noch immer möglich. Wenn der Mensch zu Hause stirbt, ist die Familie keineswegs verpflichtet, den Toten sofort von einem Beerdigungs-Institut abholen zu lassen. Man könnte sich also durchaus, wie Sie sagen, gebührend verabschieden.

Die Kehrseite des Fortschritts

rantlos: Die Menschen bei uns werden heute beträchtlich älter als etwa noch vor 50 Jahren. Keine Frage, ein toller Fortschritt. Aber es gibt auch eine Kehrseite – zum Beispiel lang andauernde, oft von fürchterlichen Schmerzen begleitete Krebserkrankungen, die früher entweder unbekannt waren oder an denen man rasch starb. Ist solches Leiden unabwendbar? Was ist zum Beispiel erlaubt, um einem Todkranken beim Sterben zu helfen?

Peschek:  Erlaubt ist im Prinzip alles, was im Rahmen der sogenannten Palliativmedizin möglich ist. Also wo es nicht mehr um die Heilung Schwerstkranker geht, sondern um die Linderung des Leidens, das Mindern von Schmerz, von Atemnot, von Angst. Aber ganz wichtig ist: Keine der Maßnahmen darf in der Absicht erfolgen, dadurch den schnelleren Tod des Patienten herbeizuführen. Das vordringliche Ziel der Behandlung muss vielmehr sein, dem unheilbaren Patienten zum Beispiel durch die Verabreichung eines Beruhigungsmittels Erleichterung zu verschaffen – auch wenn in der Folge das Leben dadurch rascher beendet würde. Genau genommen, ist das sogar eine besonders intensive Form der Sterbebegleitung. Wer einmal erlebt hat, wie furchtbar in einer solchen letzten Lebensphase Angst, wie schrecklich Atemnot sein kann, der wird nachvollziehen können, wenn man als Arzt sagt, solche Entscheidungen dürfen nur im Team gefällt werden.

rantlos: Im Team…?

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Dr. Marion Peschek

Peschek: Ja, im Team. Dazu sollten Ärzte gehören, Psychologen, wenn gewünscht auch Pfarrer und – nicht zu vergessen – Angehörige. Natürlich wäre es am besten, wenn auch noch eine Patientenverfügung mit der Maßgabe des Betroffenen vorläge, keine künstlichen (etwa „maschinellen“) lebensverlängernden Maßnahmen, sondern allenfalls beruhigende und schmerzmindernde Medikamente zu wollen. Aber noch einmal – ganz wichtig sind die Anwesenheit und das Einverständnis der Angehörigen. Denn die Entscheidung muss im Einzelfall meistens sehr schnell fallen.

Überforderte Angehörige

rantlos: Wenn die Krankheitssymptome so schlimm sind, die Schmerzen so unerträglich und die Ängste so groß – möchten die Betroffenen dann nicht nur noch die Erlösung davon?

Peschek: Oh, Sie würden sich wundern, wie oft Patienten, die bei ihrer Einlieferung in die Palliativstation den Tod herbei wünschen, ihre Meinung ändern, wenn sie Linderung erfahren haben. Der Lebenswille kann sehr stark sein. Andererseits erleben wir viele Fälle, vor allem Krebserkrankungen, die so schlimm sind, dass sie die Angehörigen bei der Pflege und auch Sterbebegleitung zu Hause ganz einfach überfordern. Die Situation muss für Alle aushaltbar sein.

rantlos: Sind wir in Deutschland auf diese Situationen, die ja unmittelbar mit dem Älterwerden der Gesellschaft zusammenhängt, genügend vorbereitet?

Peschek: Eindeutig nein. Es gibt in Deutschland definitiv zu wenige Palliativ-Einrichtungen. Wobei das Land Nordrhein-Westfalen noch relativ gut dasteht. Hier wurde aus Mitteln der Mildred-Scheel-Stiftung die erste Station gegründet, und in Köln gibt es einen speziellen Lehrstuhl. In anderen Bundesländern – wie etwa in Niedersachsen – sieht es dagegen anders aus. Dazu kommt noch verschärfend die schlechte Bezahlung der ambulanten Pflege. Für eine solche Entlohnung würde nicht einmal der Schlüsseldienst ausrücken…

Genügend Nachwuchs

rantlos: Wir stellen uns vor, dass der Umgang mit Sterbenden, deren Begleitung auf dem letzten Weg, das Erleben von so viel Leid ungemein belastend ist. Deshalb – wie ist es denn um den Nachwuchs bestellt? Ist der „barmherzige Samariter“ noch eine Leitfigur?

Peschek: Es mag erstaunen. Aber wir haben in der Palliativmedizin keine Nachwuchssorgen. Wir sind selbst verblüfft, wie viele junge Leute dem Palliativgedanken anhängen. Was immer die Motive im Einzelnen sein mögen – die Jungen wollen helfen. Das ist sehr schön.

rantlos: Bei der Diskussion um Sterbehilfe taucht neben der Palliativmedizin, also dem Bemühen um die Linderung von Schmerz und körperlichem Leid, immer auch der Begriff „Hospiz-Bewegung“ auf…

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Dr. Marion Peschek

Peschek: Beides dient dem Ziel, Menschen den Abschied vom Leben zu erleichtern. Hier geht es nicht mehr ums Heilen. Die Hospizbewegung ist noch ziemlich jung; sie entstand Ende der 60-er Jahre in Großbritannien und breitete sich von dort aus. Wenn Sie so wollen, ist es die Antwort auf eine Gesellschaft, die das Sterben immer mehr an den Rand, in die Anonymität, drängte. Deshalb ist das Hauptziel von Hospiz, das menschliche Sterben wieder als Teil des Lebens ins Bewusstsein zu rücken und so den Schwerstkranken – möglichst im Kreise ihrer Angehörigen – ein würdevolles Dasein bis zuletzt zu ermöglichen.

Gemeinnützige Einrichtungen

Inzwischen haben  in Deutschland auch schon einige Kliniken Hospizabteilungen angeschlossen. In der Regel aber sind Hospize gemeinnützige Einrichtungen, getragen von gemeinnützigen Vereinen, aber auch den Kirchen, caritativen Organisationen, Stiftungen. Es sind zumeist freundliche Orte, wo Patienten bis um Lebensende begleitet werden von Angehörigen, von Ärzten, Psychologen, auf Wunsch auch Theologen, aber auch von freiwilligen Helfern. Und selbstverständlich findet auch dort die schmerzlindernde Medizin Anwendung. Allerdings: Obwohl hier mittlerweile die Kassen auch Kosten übernehmen, ist – anders als die Palliativmedizin – der Hospiz-Bereich noch nicht Teil der allgemeinen medizinischen Versorgung.

rantlos: Um Palliativarzt zu sein, reicht es ja vermutlich nicht, nur Medikamente zu verschreiben oder zu verabreichen. Ist eine entsprechende Ausbildung heute schon Standard?

Peschek: Nein, das bloße Verschreiben und Dosieren reicht natürlich wirklich nicht. Da gehört schon noch etliches mehr dazu – nicht zuletzt sind profunde Kenntnisse in Psychologie gefragt. Und erneut nein: Die notwendige Zusatzausbildung gehört leider noch nicht zum Standard des Medizinstudiums.

Das jetzige Recht reicht aus

rantlos: Also führt die aktuelle Auseinandersetzung um etwaige neue rechtliche Rahmen für „Sterbehilfe“ (welcher Art auch immer) an der tatsächlichen Problematik vorbei?

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Dr. Marion Peschek

Peschek: Zum Teil bestimmt.  Was wir, nach meiner festen Überzeugung, auf keinen Fall brauchen, ist die so genannte aktive Sterbehilfe; auch kein Töten auf ausdrückliches Verlangen eines Schwerstkranken. Das könnte man doch auch rechtlich gar nicht fassen! Soll denn, zum Beispiel, ein Arzt zum Töten gezwungen werden? Undenkbar! Was wir hingegen dringend benötigen, ist der Ausbau der Palliativbehandlung. Unsere Gesellschaft wird nun einmal älter. Das ist ja auch schön. Aber es hat, wie bereits erwähnt, eben auch eine Kehrseite. Wir müssen, zum Beispiel, endlich umdenken, müssen wegkommen von dem Machbarkeitsglauben, dass alles reparabel und ersetzbar sei. Auch am menschlichen Körper. Das ist es nicht! Der Körper wie der Geist – also der Mensch – haben ein Recht, am Ende so gut es geht von Schmerz, Leid und Angst befreit zu sein.

Die entscheidenden Fragen

Dazu brauchen wir, um von meinem Beruf zu sprechen, nicht neue juristische Regelungen. Die jetzigen Möglichkeiten der Sterbebegleitung und –erleichterung sind ausreichend. Woran es dagegen mangelt, sind die Voraussetzungen, um bei Bedarf schnell und unbürokratisch Teams bilden zu können, die dann ohne größeren Zeitverlust schwierige Entscheidungen treffen. Dazu gehören außer den Medizinern auch Psychologen, vielleicht ein Pfarrer, im Idealfall enge Angehörige des Patienten. Denn da müssen Antworten gegeben werden auf Fragen wie:

–          Sollen wir den totkranken Menschen in diesem Zustand wirklich noch einmal reanimieren?

–          Ist eine Fortsetzung der künstlichen Ernährung überhaupt noch zumutbar?

–          Ist es nicht vernünftig, ein Mittel zur Leidensverminderung zu verabreichen, selbst wenn die Gefahr besteht, dass der Lebensfunke dadurch ein wenig eher erlischt?

Dazu benötigt man ein Team, und zwar ein erfahrenes. Nicht zuletzt auch zur Absicherung des behandelnden Arztes. Was meinen Sie, wie oft sich Ärzte heftigsten Vorwürfen von Angehörigen ausgesetzt sehen, sie hätten nicht genügend getan, um das Leben des Verstorbenen zu retten oder doch wenigstens zu verlängern. Da wird auch schnell mal nach dem Staatsanwalt gerufen…

Die Fragen stellte Gisbert Kuhn

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    Ein Wort bewegt Deutschland - "Sterbehilfe". Die Kernfrage: Wie weit geht das Recht auf freie Selbtbestimmung? Bis zum Tod? Das immer Älterwerden schafft neue Probleme.
    Tags: für, so, tod, leben, über, sterben, sterbehilfe, einmal, um, würde




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