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Jogging-Point

Ziemlich bester Sex

Zwischen Scham und Chance

Keiser-Henning

Anika von Keiser (li) und Ann-Marlene Henning (re)

Ab etwa Mitte vierzig ist es wieder soweit. Der Körper befindet sich erneut im Umbruch. Menopause heißt es bei den Frauen, Andropause bei den Männern. Diese zweite Pubertät liefert alle Chancen für eine lustvolle Nachreife. Das passiert aber nicht automatisch. Wer sich auf den Weg zur Neuentdeckung seiner Sexualität in der zweiten Lebenshälfte macht, ist mit dem Ende 2014 erschienenen Buch „Make More Love“ von Ann-Marlene Henning (50) und Anika von Keiser (37) sehr gut bedient. Die gebürtige Dänin und jetzt in Hamburg lebende Sexologin Henning hatte bereits mit dem Vorgänger-Buch „Make Love“ (2012) einen Bestseller-Status erreicht. Diese geballte Aufklärung wurde in acht Sprachen übersetzt und sollte eher Lebensjüngere ansprechen.
Aus vielen Reaktionen erfuhr die Sexualtherapeutin sehr schnell, dass dieser Aufklärungsbedarf auch sehr stark bei Eltern- und Großeltern besteht. Bei denen sind aber oft die Schambarrieren ausgesprochen hoch. Viele glauben, dass Sexualität ausschließlich Privatsache sei. Sie wollen und können nicht oder eben nur schlecht darüber reden. Für Henning dagegen ist „Sex eine Form von Kommunikation, eine sehr wichtige sogar und wohl die intimste, die es gibt.“

Der Penis-Protz darf nicht fehlen

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Lauro, 51, und Tiziana, 51, sind seit drei Jahren ein Paar © Ruth erdt

Deshalb schrieb sie nach eigenen Aussagen das vorliegende zweite Buch. Sie wendet sich an „junge Alte ab Mitte 40, die noch lange Sex haben wollen und an alle anderen, die wissen möchten, was sie früher oder später erwartet.“ Henning hält schon im Vorwort eine entscheidene Botschaft hoch: „Man kann fortwährend dazu- und umlernen, immer gibt es Möglichkeiten zur persönlichen Entwicklung.“ Aber gerade für die Älteren gibt es auch Begrenzungen, die nicht leicht zu überwinden sind: Henning nennt die Gründe: „Emotionale Barrieren wie Schuld und Scham verhindern bis heute einen freien Umgang mit der eigenen Sexualität,“ Die Älteren „mögen etwas stärker davon berührt sein, weil sie diesbezüglich oft sowohl von elterlicher als auch von gesellschaftlicher, insbesondere aber auch von kirchlicher Seite strengere Maßregeln und Moralvorstellungen vermittelt bekommen haben.“
Nach dem programmatischen vierseitigen Vorwort folgen zwölf Kapitel von „Scham-Lippen und Penis-Protz“ über „Erregung“ bis zur „Partnerwahl“. Aufgelockert und strukturiert werden die durchgängig sehr informativen und leicht lesbaren Texte durch zahlreiche Zwischenüberschriften. Eingerückt in die Lauftexte sind Kursivblöcke mit einer Fülle schöner Zitate (Natürlich nimmt Sex im Alter nicht ab, man vergisst ihn nur schneller, Peter Rudl). Dazu kommen in Rahmen gestellte Kompakt-Informationen als hilfreiche Ergänzungen im jeweiligen Kapitel. Besonders gelungen erscheinen die zahlreichen grafischen Darstellungen in Farbe. Sie bewegen sich ausgesprochen lehrreich und oft amüsant zwischen Skandalen um die Sexualmoral, und zum Schluss des Buches stehen Szenen von „Tierischer Liebe“. Hier lernt der wissbegierige Sexualamateur etwa, dass Fruchtfliegenmännchen dem Alkohol verfallen, wenn sie keinen Sex bekommen. Also Schmunzeln ist bei Aufklärung in diesem Buch immer inklusive.

Nackte Ältere in Szenen ihrer Liebe

Make More Love

Olivia, 48, und Daniel, 49, ganz vertraut in ihrem Bett © Marlene Marino

Ja und dann die Fotos: Vorgestellt werden z.B. Olivia (48) und Daniel (49) in ganzseitigen Schwarz/Weiß-Fotos beim Liebespiel im Wasser, im Bett, beim Höhepunkt und beim entspannten Talk down danach bis zum fröhlichen Bekleiden. Es folgen in Farbe Lothar (60) und Klaus Peter (65). Oder Ann (67) und Derek(67) … Alle fünf Fotografen haben etwas Verbindenes in ihre abgelichteten Szenen gelegt: Ganz normale Paare, nicht in aufwändigem Studio-Licht-Orgien geschönt, nicht durch Photoshop glattgebügelt. Hier finden sich Menschen wie du und ich zum entspannten Liebesspiel, hier wird gelacht, ernst genommen, man ist achtsam, nimmt sich Zeit – ist einfach du und ich. Diese Erkenntnis kam aber erst beim zweiten Blick. Die erste hatte sich vorschnell in oberflächlicher Kritik ergossen. Und das ist wohl erst recht bei auch faltiger Haut nicht angebracht. Der Grund ist ganz sicher ein ästhetisch-manirierter Blick. Das Vorurteil mit dem Urteil „Unästhetisch“ war also vorschnell zur Hand. Dieser durch endlos geschönte Fotos fast schon verdorbene Blick wandelt sich schnell ins Gegenteil, wenn man sich ein wenig in die Ernsthaftigkeit dieser spannenden Welt des Lustempfindens einliest.
Die 352 Seiten braucht sich keiner in einem Lese-Erguss antun. Hier ist weniger und das in kleinen Häppchen in jedem Fall mehr. Die Strukturierung der Texte erleichtert dies. Es macht Spaß, sich immer wieder mal ein Kapitel vorzunehmen, vielleicht nach erlebtem oder bevorstehendem Sex: Wie war das noch? Was könnte mal anders laufen? Vielleicht sollten wir vorher mal sprechen – oder eben nachher…? Mit solchen Anstößen könnte in der zweiten Pubertät dauerhaft etwas in Bewegung kommen.

Im Altenheim dann das sexuelle Brachland

Make More Love

Ann, 67, und Derek, 67, sind immer noch experimentierfreudig © Robi Rodriguez

Greifen wir mal rein ins pralle Sexualleben Älterer. Sogleich macht mich das Stichwort „Altenheim“ neugierig. Wir kennen das: Auf dem Weg „heimwärts“ wird beim Start in die neue Lebensphase vom Pflegepersonal alles Mögliche abgefragt. So gut wie nie aber fragt einer nach der Sexualität. Viele vermissen das nicht, weil sie auch vorher nie darüber gesprochen haben. Sprachlosigkeit stellen die Autorinnen in diesem Bereich fest. Deshalb wird in den Einrichtungen anders berührt, gewaschen und gepflegt. „Wer auf den Anblick von steifen Brustwarzen oder Erektionen nicht vorbereitet ist oder ihn als unangenehm empfindet, wird in den meisten Fällen versuchen, sie zu ignorieren oder mit Ablehnung darauf zu agieren.“ Fazit dieser Betrachtung im Buch ist: Bezüglich Sexualität sind wohl die meisten Seniorenheime (fehlende entsprechende Räumlichkeiten oder auch Literatur, angemessene körperliche Nähe…) noch sexualempathisches Brachland.
Oder nehmen wir die erektile Dysfunktion, also die im Alter häufig auftretende Unfähigkeit ein steifes Glied zu bekommen. Männerdiskrimierend wird dann schnell – auch von Frauen – vom „Schlappschwanz“ gesprochen. Oft wird damit dann auch der gesamte Mann in eine mehr oder minder schwer zu ertragende Versagerecke gestellt. Die Autorinnen zitieren in diesem Zusammenhang die dänische Sexologin und Fachärztin für Psychatrie Birgit Dagmar Johansen: „Für den jüngeren Mann ist es ein Problem, wenn er das erste Mal merkt, dass er ein zweites Mal nicht kann. Für den älteren Mann ist es ein Problem, zum zweiten Mal zu merken, dass er das erste Mal nicht kann.“ Auch hier zeigen die Autorinnen auf, wie fatal Männer nach solchen für sie niederschmetternden Ereignissen ihr Selbstwertgefühl weiter beschädigen. Teilweise landen sie sogar in der Depression. Ihr Trost auf dem Weg zu entspannter Selbsterkenntnis: „Den problemfreien Mann, bei dem alles optimal gelaufen ist, gibt es kaum“, sagen die Buchautorinnen.

Es ist nie zu spät für guten Sex

Es besteht auch allgemein die Ansicht, dass zwar im Alter oft mehr Zeit besteht, aber die Lust zum Sex weniger wird. Hier klärt Henning auf: „Ein verliebtes Paar um die sechzig hat mehr Sex als ein gleichaltriges Paar, das schon 20 Jahre Beziehung hinter sich hat. Nicht das Lebensalter, sondern die Dauer der Beziehung scheint den Sex zu bedrohen.“ Und die meisten Studien belegen, dass 56 bis 65-Jährige sexuell reger sind als 18- bis 25-Jährige. Na also, geht doch….
Eine 63jährige frisch verliebte Klientin der Autorin beschrieb ihren neuen Partner wie folgt: „Ein Verrückter, der nach dem Sex nackt auf Inlineskatern durch denmake-more-love102_v-standardBig_zc-3ad1f7a1 Flur fährt, obwohl der Hintern nicht mehr ganz so stramm ist wie früher.“ Warum denn nicht…
Henning und von Keiser beenden auf Seite 343 ihren langen Weg zu allen für den Leser und die Leserin wichtigen Stichworten über Sexualität mit dem liebenswerten Kampfruf: „Es lebe die Liebe. Es lebe der Sex. Make More Love.

Ungetrübte Freude trotz heikler Themen

Das Ziel der Autorinnen war: Das Buch soll Freude machen. Die kommt ungetrübt rüber, weil alles sehr verständlich, sehr direkt und immer mit dem passenden Vokabular geschildert, erklärt wird. Nie fehlt die Empathie in heiklen Situationen. Und immer haben die geschilderten Sachverhalte einen vernünftigen Umfang. Nach dem Lesen eines jeden Teilaspektes fühlt man sich gut und erschöpfend informiert – niemals überfrachtet. Eine Leistung an Selbstdisziplin der beiden Autorinnen.
Nicht zu vergessen der hilfreiche Anhang mit weiterführender Literatur, wissenschaftlichen Veröffentlichungen, Zeitschriften, DVDS, CDS und Internetadressen sowie ein Sach- und Personenregister.
Dieter Buchholtz

Ann-Marlene Henning

MAKE MORE LOVE

Ein Aufklärungsbuch für Erwachsene

Mit Fotos und Infografiken

352 Seiten, Flexcover

22,95 €

ISBN: 978-3-95403-002-6

Rogner & Bernhard

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