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Wer wird denn schon Altenpfleger?

Kaum ein anderer Beruf ist unter Heranwachsenden so wenig angesehen wie der des Altenpflegers. Das schlechte Image und der Stress schrecken die meisten jungen Leute ab, imarbeitsmoeglichkeiten[1] Altenheim zu arbeiten. Nur 3,4 Prozent der Schüler an Gymnasien können sich laut einer Umfrage der Universität Bremen überhaupt vorstellen, später in einem Pflegeberuf zu tätig zu sein. Unter den Realschülern sind es ebenfalls klägliche 5,3 Prozent.

Denn Altenpflege ist Knochenarbeit: Arbeit im Schichtdienst, mal früh morgens, mal spät nachts. Sich beim ständigen Heben und Bücken den Rücken kaputt machen. Den Tod sehen. Sich von Alzheimerpatienten beschimpfen lassen. Und das alles für ein Einstiegsgehalt von gerade mal 1.800 Euro brutto im Monat.

Kaum einer schafft es bis zur Rente

Die Landesregierung in Nordrhein-Westfalen ließ genaue Zahlen in 730 Einrichtungen ermitteln. Ergebnis: 30 Prozent der Altenpfleger und Altenpflegerinnen sind zwischen 41 und 50 Jahre alt. Aber nur noch fünf Prozent über 60. Viele hören mit Ende 50 auf, müssen dann aber finanzielle Einbußen in Kauf nehmen. Noch gibt es keine Lösung, wie ältere Pflegende im Beruf gehalten werden können. Denn wenn Ältere entlastet werden, müssen Jüngere mehr arbeiten. Das Problem ist, dass es durch die starken körperlichen Belastungen kaum ein Altenpfleger schafft, bis zum Rentenalter durchzuhalten und so wird der Pflegermangel noch weiter verschärft.

Immer mehr Pflegebedürftige

Aber das Problem ist dringend, denn die Zahl der pflegebedürftigen Alten wächst rasant: 2030 wird es 3,4 Millionen pflegebedürftige alte Menschen geben, so eine Prognose des Statistischen Bundesamts. Derzeit sind es 2,1 Millionen. Der Arbeitgeberverband Pflege warnt, dass im Jahr 2020 rund 300.000 Altenpfleger fehlen werden und aktuelle Studien gehen davon aus, dass wir 2030 bis zu 500.000 Menschen insgesamt für die Versorgung in Deutschland mehr brauchen.

Glückliches Paar Senioren spielt PuzzleLaut der Bundesanstalt für Arbeit sind Altenpfleger heute die meistgesuchten Arbeitnehmer in Deutschland. Schon seit Jahren suchen Altenheime und mobile Pflegedienste händeringend nach Fachkräften, um die fünfzig Prozentquote zwischen Pflegehilfskräften und ausgebildeten Altenpflegerinnen und Altenpflegern zu halten. Gut Ausgebildete können sich bereits heute in manchen Regionen Deutschlands ihre Stelle aus vielen Angeboten aussuchen.

Ärgernis Schulgeld

Der akute Fachkräftemangel in der Pflege in Deutschland ist u. a. auch darauf zurück zu führen, dass die Ausbildung in manchen Bundesländern bezahlt werden muss. 50 bis 300 Euro monatlich müssen Auszubildende bezahlen, um Altenpfleger oder Altenpflegerin zu werden. Seit zumindest manche Bundesländer das Schulgeld abgeschafft haben, steigt das Interesse an diesem Beruf wieder.

Zum positiven Image des Berufs passen jedoch die Rahmenbedingungen, unter denen die Beschäftigten arbeiten müssen, gar nicht. Eine Pflegefachkraft verdient im Monat ca. 2.200 Euro brutto. Davon müssen noch Steuern und Sozialabgaben bezahlt werden. Lokführer und Lokführerinnen rechtfertigen ihre Lohnforderungen immer damit, sie hätten Verantwortung für das Leben anderer Menschen. Die haben Altenpfleger und Altenpflegerinnen aber auch. Immerhin muss ab 2015 ein Mindestlohn von 9 Euro 40 gezahlt werden, ab 2017 soll er auf 10 Euro 20 pro Stunde steigen.

Deutschland – unattraktiv für ausländische Pflegekräfte

Miese Arbeitsbedingungen und schlechte Bezahlung halten auch ausländische Altenpfleger und Altenpflegerinnen davon ab, nach Deutschland zu kommen. Zwar wird immer wieder davon gesprochen, Pflegerinnen und Pfleger in Polen, Rumänien oder Asien anzuwerben, jedoch gehen diese lieber in andere Länder, beispielsweise nach Skandinavien, Großbritannien oder in die USA.

Zuviel Bürokratie

Gegenwärtig verbraucht die schriftliche Dokumentation der Arbeit oft mehr Zeit als die eigentliche Pflege, denn heute muss alles niedergeschrieben werden: die Pflegeplanung, Berichte, Vitalzeichen, Ernährungspläne, Einfuhrpläne. Das ist auch der Politik bekannt. Daher setzt sich Staatssekretär Karl-Josef Laumann dafür ein, dass die Dokumentation wieder vereinfacht wird. Er schlägt ein Modell vor, bei dem nicht mehr aufgeschrieben wird, was normal ist, sondern nur besondere Vorkommnisse. Nach Schätzung von Pflegeexperten könnten so 30 – 40 % der Zeit eingespart werden.

Zu diesem Thema äußert sich auch ein junger Mann im Internet:
„Aus meiner Zeit als Zivildienstleistender in einer Pflegeeinrichtung und von den Erzählungen einer Bekannten, die seit über 20 Jahren in der Pflege arbeitet, stellt sich mir die Situation 4331badc1dfolgendermaßen dar:
Während früher von einem 8-Stunden-Arbeitstag 7 Stunden für die Pflege und 1 Stunde für den „Schreibkram“ aufgewendet wurden, ist es heute eher so, dass 2 – 4 Stunden für die Buchführung draufgehen und der Rest dann Schnell-Schnell-Hop-Hop gepflegt werden muss bzw die Pflegekräfte den Alten zuliebe Überstunden schieben.
Hat ein Pflegebedürftiger trockene Hände, dann darf nicht einfach vom nächsten Drogeriemarkt eine Handcreme aufgetragen werden, sondern ein Arzt muss die „medizinische Notwendigkeit“ feststellen und verschreiben und jedesmal wenn der Patient seine Hände eingecremt haben möchte, müssen die Pflegekräfte dies schriftlich protokollieren. Die Liste der Dinge, die haarklein dokumentiert werden müssen, ließe sich unendlich fortführen und die Pflegekräfte verzweifeln selbst daran, dass sie ihre Arbeitszeit nicht für die Patienten sondern für die Aktenlage der Krankenkassen einsetzen müssen.
Dadurch entsteht die absurde Situation, dass Pflege zwar schweineteuer ist, die Pflegekräfte jedoch unterbezahlt und überarbeitet und dementsprechend überfordert sind.
Meiner Meinung nach sollten die Löhne der Pflegekräfte drastisch steigen, mitfinanziert durch den Abbau von Bürokratie und es müssten mehr Pflegekräfte eingestellt werden.“

Solidarität ist gefragt

Doch wie soll das gehen angesichts der leeren Pflegekassen? Schon jetzt reichen die Zuschüsse, die ein alter Mensch für das Leben in einem Heim oder die Versorgung durch einen ambulanten Pflegedienst von der Kasse bekommt, nur für einen Bruchteil der Gesamtkosten. Gleichzeitig ist kaum ein Erwerbstätiger bereit, mehr als die derzeit knapp zwei Prozent seines Bruttoeinkommens an die Pflegeversicherung zu zahlen.

Experten warnen schon seit Jahren: Sollte sich nicht etwas Grundlegendes ändern an der Einstellung der Beitragszahler – und der Politiker, die für die Höhe dieser Beiträge verantwortlich sind – steuert Deutschland auf ein Desaster zu. Massen von Greisen würden bald viel zu wenigen Pflegern gegenüber stehen, die sie versorgen sollen

In dem Job geht es um Respekt

Es scheint, als fühlten sich die Altenpfleger als Mitglieder einer kleinen, eingeschworenen Gemeinschaft, die an sich selbst höhere moralische Ansprüche stellt als der Rest der Gesellschaft – und darauf zu Recht stolz ist. Warum entscheiden sich trotz aller Nachteile immer noch junge Menschen für diesen Berufsweg? Eine Schülerin sagt: „Man lernt in diesem Beruf ziemlich viel über Respekt, man lernt, mit dem Ende des Lebens umzugehen. Und man bekommt ganz viel Dankbarkeit zurück.“

Ursa Kaumans

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    Tags: deutschland, für, man, so, über, prozent, statistisches, bundesamt


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