- Anzeige -

Tippelei bis Sansibar

Viel Freiheit und noch mehr Regeln

Jünger als 30, ledig und schuldenfrei. Wichtige Voraussetzungen, um als Handwerksgeselle auf die Walz zu gehen. Und schon hat man bei den heute rund 700 deutschen aktiven Wandergesellen und –gesellinnen daneben gegriffen. Denn „Auf der Walz“ zu sein gilt unter ihnen als Unwort. Und wer eine schwäbische Töpferin als „Hamburger Zimmermann“ anspricht, hat schon vergeigt. Na, und Tippelbrüder sind sie erst recht nicht. Sie nennen ihre im Handwerk traditionelle Wanderschaft „Tippelei“.

Dennoch sind sie nicht von gestern. Sie leben in ihrer Tradition im Heute. Und sie finden täglich einen neuen Rahmen für ihr Tun: Lernen und Reisen in Freiheit. Und das immer ehrenhaft. Ihre Kluft (Zunftkleidung) signalisiert ihre Identifikation mit dem eigenen Beruf. „Presseinterviews werden manchmal geduldet, selten genossen“, so schreibt die knappe Website „tippelei.de“ von „Michi“. Wir haben Glück. In Norddeutschland (nähe Flensburg) sprechen wir einen dieser auffälligen, aber höchst bescheidenen Wanderhandwerker an. In der Tat: Er ist sehr zurückhaltend, aber freundlich. Er öffnet für uns seine freie Welt mit ihren vielen Regeln.

Martin: “Das Gefühl von Freiheit hat mich stark gemacht.”
Foto: Dieter Buchholtz

Als journalistische Handwerker wollen wir vorweg Vorname und Nachname erfragen. Irgendwie ist auch das halbwegs ein Griff daneben. Er belehrt uns: „Der Nachname ist auf der Wanderschaft uninteressant.“ Unser Geselle  heißt einfach Martin. Ist 24 Jahre alt, in Bernau bei Berlin geboren. Dort hat er seine Tischlerlehre in einem Möbel- und Treppenbaubetrieb gemacht. Er sollte dort auch Meister werden. Damals lief aber ganz plötzlich ein Film vor seinen Augen ab: „Dann hat man irgendwann eine Frau und Kinder. Dann baut man ein Haus…“ Das war ihm zu schnell. Er wollte sich erst intensiv die Welt anschauen. Für ihn war die Lösung: Auf Wanderschaft gehen, eine Tradition erhalten, Freiheit leben – Tippelei eben.

Das Ohr am Tisch festgenagelt

David, der Steinmetz, war Vorbild für seinen Entschluss. Der war ein Jahr vor ihm losgegangen. Damit erfüllte er auch die Bedingungen für einen Altgesellen, der Martin in den ersten Monaten auf der Wanderschaft begleiten könnte. Von ihm lernte er alles, was man braucht, um andere Reisende zu treffen. Und wie man die Hilfe der Schächte, der Gesellenbruderschaften, mit ihren festen Orten nutzen kann. Beide haben sich sofort gut verstanden.

David hat ihn dann auch „losgebracht“. Denn so einfach losmarschieren, das geht gar nicht. Es sind damit viele „kleine Traditiönchen“ verbunden. Erster Schritt war das Verlassen seines Heimatortes Lobetal im Kreis Bernau. Vor dem Ortsschild wurde, begleitet von anderen Gesellen, Familienmitgliedern und Freunden, eine Flasche mit guten Wünschen vergraben. Dann musste Martin in seiner Kluft über das Ortsschild klettern. Und auf der linken Ohrseite gibt es den Ring als Zeichen, dass man fremdgeschrieben ist, also sich in Freiheit befindet. „Im Mittelalter war das die Versicherung dafür, dass man ein kirchliches und damit anständiges Begräbnis bekam“, erläutert Martin.

Handgeschmiedeter Nagel vom Altgesellen.
Foto: Dieter Buchholtz

Das Loch im Ohrläppchen war ihm durch David am Abend zuvor geschlagen worden. Er wurde regelrecht am Tisch festgenagelt – mit dem von David für Martin geschmiedeten Nagel. Dann musste er sich loskaufen und ein Versprechen abgeben. Martin hat zugesichert, dass er einen anderen Steingesellen losbringen wird. Außerdem wird er hundert Liter Bier auf einem Fremdentreffen spendieren. Am rechten Ohr hängt sein Zunftzeichen. Das muss nicht sein. Hat er freiwillig gemacht. Für ihn ist das ein „nettes Accessoire“.

Start mit Stenz und Charlottenburger

Zusammen mit David ging es dann aus der 50 Kilometer breiten Bannmeile heraus, teilweise mit der S-Bahn, um aus Berlin rauszukommen. Damit hatte er schon etwas Verpöntes getan. Wandergesellen laufen eben oder trampen. Eigentlich sollte dieses Hinauslaufen in die traditionelle Freiheit langsam gehen, „damit man den Kopf freibekommt“, erinnert sich Martin nachdenklich. Hatte er denn Zweifel am neuen Weg? „Nee, gar nicht. Für mich stand das fest.“ Vor ihm lagen nun drei Jahre und ein Tag eines offenen Lebens in alter Tradition, Gebundenheit und Freiheit zugleich. Reisegeld (zum Losgehen) sind fünf Euro. Mehr ist nicht erlaubt. Und man kommt auch mit nur fünf Euro wieder zurück nach Hause. „In den ersten eineinhalb bis drei Monaten kriegt man vom Altgesellen viel beigebracht, was man auf Wanderschaft wissen muss. Vieles hat mit Ehre zu tun. Und dass man sich in der Fremde anständig verhält. Verantwortlich für mich und mein Tuen ist während dieser Zeit der Altgeselle“, erläutert der Lobetaler ein weiteres Regelwerk.

Eine Verwandte stickt das Monogramm in Martins Hemd.
Foto: Dieter Buchholtz

Erstes Ziel der beiden Handwerker war München. Dort brachten sie einen Schmied los und sind zusammen „richtig schön getippelt. Gelaufen durch Wälder und Wiesen.“ Dann ging es nach Leipzig und durch Deutschland, mal in Sachsen, mal in Thüringen. Gearbeitet haben sie in dieser Zeit nicht. Aber in den ersten Wochen haben sie auch für Reisen und Schlafen nichts ausgeben müssen. Für das Essen beispielsweise spricht man mit einem alten Spruch beim Bäcker vor. Das erforderliche selbstbewusste Auftreten und Bitten musste Martin erst vorher üben. Das kostete ihn eine Menge Überwindung.

Am Ende der gemeinsamen Wochen mit David waren sie sich einig: Martin konnte alleine losgehen. Ab jetzt hatte er nur sich selbst, seine Kluft („Stangenkluft“ aus einem Berufsbekleidungsladen), seinen selbst gesuchten und geschnitzten Stenz (Stock) sowie sein traditionelles Bündel, den Charlottenburger. Nur wenige Schneider in Deutschland haben sich darauf spezialisiert, Maßklüfte herzustellen. Viele Gesellen geben das auf der ersten größeren Arbeitsstelle verdiente Geld für eine neue Kluft (so zwischen 800 und 2.000 €) aus. Grundmaterial ist Cord oder Deutschleder (robustes Atlasgewebe aus Baumwollstoff). „Wichtig“, verrät Martin, „ist der Kragen. Bei mir geht der nach innen. Das heißt: Ich bin freireisend. Normalerweise steht der. Und der oberste Knopf ist zu.“ Martin fügt hinzu: „Wenn ein Typ mit Kluft den Kragen offen hat, dann ist das kein Wandergeselle.“

Seiten: 1 2 3 4 5




--- ANZEIGE ---