- Anzeige -

Karriere ist nicht alles

coachingDas ungute Gefühl im Bauch steigt von Jahr zu Jahr: Beruflich kann das doch nicht alles gewesen sein. Klar, der Job ist nicht schlecht, das Arbeitsklima auch O.K. Manchmal nervt der Chef. Also alles nicht so wirklich schlimm. Und dennoch: Der Alltagstrott zerrt an den Nerven, die Routine reißt einen nicht mehr vom Hocker. Ein schaler Geschmack legt sich über die berufliche Wirklichkeit. Ach ja, die persönliche Karriere war eigentlich auch nicht schlecht. Irgendwie ist das aber schon vergessen. Eigentlich zu Unrecht, denn es war eine deutliche Statusverbesserung. Und das Konto bekommt seither monatlich auch einen kräftigen Schluck. Schleichend war das aber schon bald kein Thema mehr. Nur der Stress, der Leistungsdruck, die überbordende Verantwortung gruben sich immer tiefer in die Psyche ein.

Dass der Wunsch nach Beförderung genau in eine solche Leidensgeschichte münden kann, hat eine umfangreiche Studie der University of Melbourne belegt. Befragt hatten die Forscher 2681 australische Angestelle zwischen 18 und 64 Jahren. Eine der Kernerkenntnisse ist, dass die Aufstiegseuphorie höchstens drei Jahre andauert. Dann fällt der „Ausgezeichnete“ wieder auf das Niveau vor dem Sprung nach oben zurück. Erfreulich: auf lange Sicht veränderten sich die körperliche Gesundheit und die Lebenszufriedenheit nicht. Salopp kann als Ergebnis der australischen Forschung festgehalten werden, dass der Kick nach oben häufig der Psyche einen Kick nach unten verpasst. Die Gründe dafür sind die gestiegenen Belastungen wie mehr Überstunden und die daraus entstehende Nervosität und Unruhe.

Reaktionen in Chat-Foren bestätigen dies: „Nach 13 Wochen in der Psychosomatik hatte ich vor neun Jahren eines wirklich gelernt: Für meine berufliche Karriere werde ich ganz sicher nie wieder meine seelische und körperliche Gesundheit opfern. Keine Gehaltserhöhung ist das wert“, berichtet ein Betroffener.

Alarm durch “Fehlzeiten-Report” der AOK

Aufstieg bedeutet oft den Umstieg zu mehr Mobilität. Auch dies ist im Übermaß ein Gesundheitskiller. Denn wenn sich die zeitliche und räumliche Flexibilisierung der Arbeitswelt plötzlich zusammen mit mehr Verantwortung und ständiger Erreichbarkeit ausdehnen, dann werden schnell Belastbarkeitsgrenzen überschritten. Lange Anfahrtswege und wechselnde Arbeitsorte verursachen häufig insbesondere psychische Beschwerden. In einer repräsentativen Befragung hat dies das Wissenschaftliche Institut der AOK (WIdO) für den veröffentlichten „Fehlzeiten-Report 2012“ herausgefunden. Danach sind 40 Prozent der Berufstätigen zirkulär oder residenziell mobil. Sie sind Wochenendpendler oder pendeln täglich mindestens eine Stunde zur Arbeit. Für Arbeitnehmer kann eine solche Entgrenzung der Arbeit durchaus vorteilhaft sein, weil sie dadurch Arbeitslosigkeit vermeiden oder Aufstiegschancen an anderen Orten nutzen. “Im Grunde ist es gut für die Gesundheit, wenn Beschäftigte ihre Arbeit räumlich und zeitlich an die eigenen Bedürfnisse anpassen können. Aber diese Flexibilität braucht ihre Grenzen”, unterstreicht Helmut Schröder, Herausgeber des Fehlzeiten-Reports und stellvertretender Geschäftsführer des WIdO.

Massives Indiz aber für die negativen Auswirkungen der Entgrenzung sind steigende Fehlzeiten. So haben die 7,5 Millionen bei der AOK versicherten Beschäftigten, wenn sie bis zu 30 km zur Arbeit fahren, 12 Millionen Fehltage. Der Grund sind psychische Erkrankungen. Tendenz steigend. “Hier gilt es, die Innovationen bei den modernen Kommunikationsmedien zu nutzen. So können Unternehmen und Beschäftigte Flexibilitätsanforderungen und gesundes Arbeiten besser miteinander in Einklang bringen”, schlägt Schröder vor. Bei solchen Entwicklungen und Erkenntnissen sollten sich der Aufstiegsbereite, der Umsteigebereite, der Reduzierungswillige und -fähige genau überlegen, zu welchem Preis und mit welchen voraussichtlichen Folgen er Veränderungen für sich einkaufen kann. Weitreichendes Abwägen und eine pingelige Folgenanalyse sind sicherlich angeraten. Nur die Lust an der Veränderung ist ein schlechter Berater für die eigene Zukunftsplanung.

Offensichtlich gibt es im Leben vieler Menschen diese Schnittstelle, wenn die Seele nach einer Neuorientierung ruft. In der Verbindung von Berufs- und Privatleben passieren über Jahre Erosionen. Manches hat sich nicht so erfüllt, wie es mal gedacht und erhofft war. Manches ist geschafft, was neue Kräfte freisetzt. Manches stellt sich im neuen Lebensabschnitt anders dar, weil sich die Verhältnisse geändert haben. Eine Neuorientierung steht ins Haus. Statistiken geben Auskunft darüber, dass sich in dieser Zeit Scheidungen häufen, dass Menschen etwas ganz anderes beginnen, dass Menschen Jugend- oder sogar Lebensträume verwirklichen, das Ruder nochmals ganz umlegen.

60 Prozent der Arbeitnehmer lieben ihren Job nicht

Einen besonderen Drive bekommt diese Stimmung durch die demografische Entwicklung. Ja, wir werden fitter älter. Segen und Belastung zugleich. Denn vor dem Hintergrund einer längeren Wartezeit auf die Rente, der Gefahr einer durch die Gesellschaft wabernden Altersarmut müssen wir aus eigenem Antrieb Alternativen für die zweite Halbzeit des Lebens entwicklen. Leichter gesagt als getan. Natürlich ist es als 50jähriger schwer einen neuen Job zu finden und dann noch finanziell gut aufgestellt zu bleiben. Dennoch ist es lohnenswert, auf allgemeine Ratschläge von Personalberatern zu schauen. Die hierbei häufig vermittelten Grundraster lassen sich mit aller Vorsicht und Zurückhaltung auch – teilweise in abgewandelter Form – auf eine Neuorientierung um die 50 übertragen. Über allem aber muss in dieser sensiblen Lebenssituation stehen: Keine Leichtfertigkeit. Schließlich geht es um etwas, um die Zukunft des eigenen Lebens.

Treibsatz für solche Überlegungen ist, dass 60 Prozent aller Arbeitnehmer keinen Spaß an ihrem Job haben. 67 Prozent vermissen die Akzeptanz ihres Chefs und bei 80 Prozent leidet das Privatleben. Dennoch haben die meisten Angst einen Neuanfang zu riskieren. Personalberater aber machen Mut für einen Erfolg, wenn die Betroffenen wissen, was sie können und wonach sie suchen. Hier hilft auch eine realistische Selbstanalyse zu den eigenen Fähigkeiten und Wünschen. Frei nach dem amerikanischen Karriereberater Richard Bolles kann es sehr helfen, mal die eigene Berufsbezeichnung zu vergessen. Er rät, sich als Mensch zu definieren, der dieses und jenes kann. Im Mittelpunkt stehen dann weniger die fachlichen Kenntnisse, sondern eher: wie kann ich analysieren, andere motivieren, etwas organisieren oder auch unterschiedliche Menschen beraten. Mit dem Profil dieser Fähigkeiten sollten dann berufliche Ziele formuliert werden. Treffer werden dann erzielt, wenn die „Augen zu leuchten beginnen“, sagt Bolles. Solch ein selbst gewählter, selbst erarbeiteter, eigenständig gewagter Leuchtturm kann mit seiner Strahlraft und der damit gesunderhaltenen Sinnstiftung weit in das sogenannte Rentenalter reichen. Auch das ist Altersvorsorge.

Dieter Buchholtz

 




--- ANZEIGE ---

Diesen Artkel versenden Diesen Artkel versenden