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Ein Juwel hungert

Ludwigshafen - Bodensee

Blick vom Untersee auf den Obersee ©seppspiegl

Der Bodensee, das Schwäbische Meer. Eine Bilderbuch-Idylle, eingebettet in die atemberaubende Kulisse des ostschweizer Säntis-Massivs und der vorarlberger Alpen einerseits und das Wein- und Obstparadies in den flacheren, westlichen Uferregionen. Eine Gegend zum Urlauben und Schwelgen. Zum Beispiel die köstlichen Bodensee-Felchen, eine wirkliche Delikatesse. “Die Fischerin vom Bodensee” hieß in den 50-er Jahren ein filmischer und auf Schallplatten gepresster Kassenfüller. Mit Marianne Hold, Gerhard Riedmann sowie den “Doppelte-Lottchen”-Zwillingen Isa und Jutta Günther. Erinnert sich noch jemand? Mit vielen prachtvollen Bildern, schönen Menschen und zu Herzen gehenden Liebesszenen umrahmt der Streifen ein uraltes Gewerbe – die Fischerei.

Immer weniger Fang in den Netzen

Doch die Wirklichkeit hat mit der filmischen Scheinwelt leider gar nichts zu tun. Tatsächlich liegt die Bodensee-Fischerei, eine Jahrhundere alte Tradition, im Sterben. Der Grund: den Fischen fehlt ganz einfach die Nahrung, und die Berufsfischer haben immer weniger Fang in ihren Netzen. Zugespitzt formuliert – das “Juwel” des Bodensees, der Fischreichtum, hungert.

“rantlos” wollte wissen, wie es dazu kommen konnte und vereinbarte einen Termin bei den Fischerwirtschaftsmeistern und Berufsfischern Anita Koops (47) und Karl-Heinz Liebsch (48) aus Fischbach bei Friedrichshafen.

rantlos: Frau Koops, wie kommt eine junge Frau zum Beruf  Fischerwirt?

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Anita Koops und ihr Partner Karl-Heinz (Charly) Liebsch ©seppspiegl

Koops: „Ich wollte nie in der Stube rumhocken und interessierte mich schon immer für die Natur,  besonders für die Fischerei. So machte ich eine Lehre, 1985 die Gesellenprüfung, 1989 die Meisterprüfung und ging dann nach Schleswig-Holstein, arbeitete dort in der Fischzucht, kam 2004 an den Bodensee zurück um hier als Berufsfischer zu arbeiten“.

rantlos: Und wie war es bei Ihnen, Herr Liebsch?

Liebsch: „Ich machte zur gleichen Zeit wie Anita die Lehre, die Gesellen- und die Meisterprüfung. 1993 machte ich mich selbstständig und bin seitdem als Berufsfischer auf dem Bodensee tätig“.

rantlos: Wie sieht denn so ein Arbeitstag bei Ihnen aus, und wie lange fischen sie im Jahr?

Liebsch: Wir sind jeden Tag auf dem See. Abends ab 17 Uhr lege ich unsere Netze aus und am nächsten Morgen, eine Stunde vor Sonnenaufgang, fahren wir raus um den Fang einzuholen. Es gibt eine gesetzliche Pause von Samstag 12 Uhr bis Sonntag 17 Uhr. Fischfang findet statt vom 10. Januar bis zum 10.November.

Koops: Der Fang wird dann zu Hause ausgenommen, filettiert und ein Teil davon geräuchert. Einmal in der Woche am Donnerstag ist Räuchertag in Fischbach, dort geht dann um 17:00 Uhr der Ofen auf und es gibt frisch gerauchte Felchen und Aale sowie den Frischfisch vom Tagesfang.

Zu geringer Nährstoffgehalt

rantlos: Kann man denn, Frau Koops, vom Fischen leben?

Koops: „ Am Anfang bin ich davon ausgegangen, dass es wirtschaftlich ist. Noch vor zehn Jahren versicherten uns die Wissentschaftler, das der Phosphatgehalt im Bodensee nicht unter 10 Milligramm (mg) pro 1000 Liter fallen würde, heute haben wir 6 mg, was für den Nahrungsaufbau der Fische viel zu wenig ist. Einfach gesagt, das Wasser enthält zu wenig Futter für die Fische. 1997 hatten wir bei 20 mg Phosphatanteil eine Fangqoute von 956 Tonnen Fisch (alle Sorten), 2013 waren es nur noch 296 Tonnen im Jahr bei 6 mg Phosphatgehalt im Wasser“.

rantlos: Wer ist dafür verantwortlich, bei wem können Sie Ihre Sorgen vorbringen?

Liebsch:“Das Landwirtschaftsministerium in Stuttgart ist unser Ansprechpartner. Aber das ist bestrebt, die Fischereipatente zu reduzieren, weil man ja sowieso nicht mehr davon leben könne. Die Philosophie dort lautet, weniger Fischer sollen sich halt den Bestand teilen. Aber diese Rechnung geht nicht auf.

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Schon früh um Sechs auf dem See, um den Fang einzuholen ©seppspiegl

Koops: “Nicht  zuletzt um auch die Kosten zu reduzieren, Boot, Netze usw., haben wir beide 2004 eine Gesellschaft bürgerlichen Rechts (GbR) gegründet und teilen uns jetzt alle Gerätschaften und den Schlachtraum. Auf dem Wasser kann man ebenfalls zu zweit besser arbeiten, Hand in Hand sozusagen, besonders bei schlechtem Wetter wenn das Boot sehr unruhig liegt. Viele unserer Kollegen haben es uns gleichgetan, weil es einfacher vernünftiger ist.

Zur Sicherheit: Umschulung

rantlos: Frau Koops, Sie haben sich vor zwei Jahren umschulen lassen, warum?

Koops: “Erstens bedingt durch einen Bandscheibenvorfall, zweitens weil für mich die Fischerei nicht mehr wirtschaftlich war. So habe ich jetzt ein zweites Standbein, kann vormittags meinem Partner beim Fischen zur Hand gehen, nachmittags gehe ich dann meinem Zweitberuf als Arbeits-Therapeutin im Gemeindepsychiatrischen Zentrum Friedrichtshafen nach.

Liebsch: „Ich habe im vorigen Jahr zusätzlich den LKW-Führerschein gemacht. Wenn in der Fischerei nichts mehr gehen sollte, brauche ich für mich eine Sicherheit, um noch etwas anderes machen zu können“.

rantlos: Sie verarbeiten den Fisch vom Fang selber und verkaufen ihn direkt an ihre Kunden. Warum lohnt es sich nicht mehr, die Fische an einen Großhändler zu verkaufen?

Liebsch:“ Beim Großhändler würde ich für 1 Kilo Fisch 5 Euro bekommen, die Gastronomie bezahlt 9 Euro und privat verdiene ich 11 Euro.

Beten, dass nichts kaputt geht

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Ein kleine Fang Bodensee-Felchen, leider viel zu wenig ©seppspiegl

rantlos: Wie viel Fisch müssten Sie denn fangen, um zu überleben?

Koops:“ Eine Schweizer Studie hat festgestellt, um wirtschaftlich zu überleben, braucht eine Fischerfamilie 6 – 7 Tonnen pro Jahr. Aber wir sind momentan bei 3 Tonnen im Jahr, und wie es jetzt aussieht, wird es 2014 sogar noch weniger. Vom Umsatz her sind wir außerstande, irgendeine Rücklage zu bilden und hoffen jedes Jahr, dass nichts kaputt geht am Schiff , am Motor oder an der Eismaschine. Fischen ist eine Leidenschaft, aber wenn man immer nur zuschießt, muss man irgendwann den Absprung schaffen.

rantlos: Zur Zeit gibt es hier noch 120 Fischereipatente. Wo sehen Sie den Fischfang in 5 oder 10 Jahren?

Liebsch: “Im Moment haben wir noch eine Anzahl alter Fischer, die kurz vor der Rente stehen. Für die wird es ganz sicher keine Nachfolger geben. Aber auch wir Jüngeren können mit Gewissheit sagen, nach uns kommt keiner mehr. Wenn man die Probleme nicht in den Griff bekommt oder den Phosphathaushalt im See nicht reguliert, wird es in Zukunft nur noch eine Handvoll Fischer geben – Hobby- oder Alibifischer, die dann auf ihrem Verkaufsschild Bodenseefisch anbieten, aber zu 80 Prozent auswärtigen verkaufen.

rantlos: Wieso ist es überhaupt zu dieser Entwicklung gekommen?

Koops:“ Das liegt am Nährstoffproblem. Unsere Kläranlagen wurden mit einer dritten chemischen Klärstufe ausgerüstet, d.h. ein abiotisch-chemisches Verfahren bedient sich chemischer Reaktionen wie Oxidation und Fällung ohne Beteiligung von Mikroorganismen. Sie dienen in der kommunalen Abwasserreinigung vor allem der Entfernung von Phosphor. Das Ziel war von 87 mg Phosphor (1979) auf unter 30 mg pro Kubikmeter zu kommen, dann wurde aber sogar die 20er Marke geknackt und es endete bei 10 mg (2004).

Wahre Hungerleider-Fische

Liebsch:“ Der heutige Wert von 6 mg Phosphat reicht bei weitem nicht mehr aus, dass sich im See Mikroalgen bilden. Die sind der Beginn der Nahrungskette. Das wirkt sich auf den Fischertrag aus. Das heißt, es wird auch künftig allenfalls bei den heute anfallenden rund 300 t Fischfang pro Jahr bleiben oder sich sogar noch weiter verringern. Ich hatte schon Fische im Netz, die zwischen Kopf und Schwanz kein Fleisch mehr hatten! Wahre Hungerleider.

rantlos: Wieviel Aufzuchtstationen gibt es am See?

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Anita betäubt den gefangenen Fisch ©seppspiegl

Koops: Auf der deutschen Seite haben wir drei, in der Schweiz zwei und in Österreich eine Station. Gäbe es keine Brutanstalten, müsste damit gerechnet werden, das vor allem der Felchenbestand deutlich weniger werden würde oder ganze Jahrgänge ausfallen. In den Brutanstallten ist es möglich im Gegensatz zur Natur die Felchen etwas später schlüpfen zu lassen so das die Larven dann ausgesetzt werden können, wenn die Chancen größer sind, im See auch Nahrung vorzufinden. Ein Teil der Fische werden vorgestreckt, das heißt sie bekommen im Bruthaus Futter und werden ausgesetzt, wenn sie schon etwas gewachsen sind und über eigene Reserven verfügen, damit sie nicht gleich verhungern, wenn im See keine oder nur wenig Nahrung vorhanden ist.

Bodensee ohne Fische?

rantlos: Welche Auswirkungen hätte ein Bodensee ohne Fische?

Koops: Wir – die Fischer -, die Gastronomie, der Tourismus, alle würden darunter leiden. Viele Touristen besuchen uns ja wegen der hiesigen Produkte. Die Bodenseefelchen sind bei uns ein Markenzeichen, wie in Frankreich oder Italien der Wein. Deswegen haben sich alle Berufsfischer-Verbände vom Bodensee (Deutschland, Österreich, Schweiz) mit den Bodenseewirten, dem Internationalen Bodensee-Fischereiverband und der Organisation Slow Food (Organisation für genussvolles, bewusstes und regionales Essen, d. Red.) in der Gemeinschaftsaktion „Rettet den Bodensee“ zusammengeschlossen. Eine Unterschriftensammlung soll helfen, unser Anliegen bei den zuständigen Stellen und Ministerien wirkungsvoll vorzubringen.

rantlos: Was fordern Sie?

Liebsch: Wir stellen fest und verlangen:
1.) Der Bodensee ist und war immer ein Voralpensee und muss auch so wieder eingestuft und bewirtschaftet werden.
2.) Die kontrollierte Anhebung des Phoshatgehaltes auf den für Voralpenseen zulässigen Wert von 12-14 mg Phosphat pro 1.000 Liter.
3.) Finanzielle Überganglösungen zum Erhalt der Fischereibetriebe
4.) Einheimische wie auch Gäste haben ein Anrecht auf ausreichend regionale Lebensmittel sowie ein artenreiches Naturerlebnis.

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Charly zeigt ein schönes Exemplar eines Bodensee-Felchen ©seppspiegl

Koops: Was noch ganz wichtig ist: Man wirft uns Fischern immer vor, den See als “zu sauber” zu kritisieren. Das stimmt natürlich nicht. Von uns aus könnte er noch sauberer sein, aber eben nicht noch nährstoffärmer. Das ist ein großer Unterschied. Phosphat ist ein natürliches Mineral ohne das kein Leben möglich ist. Der Bodensee ist durch die totale Eliminierung des Phosphats in den Kläranlagen inzwischen extrem nährstoffarm geworden. Das spüren wir nicht nur am Fischertrag, sondern am ganzen Ökosystem. Im Bodensee können bald nur noch wahre Nahrungsspezialisten überleben, es gibt zum Beispiel zu 90 Prozent nur noch eine Wasserpflanzenart die sogenannten Armleuchteralge. Die übrigen Laichkräuter werden davon gänzlich verdrängt. Laichkräuter in den Flachwasserzonen bilden z.B. die Kinderstube für zahlreiche Fischarten, diese fehlt durch den vorherrschenden Bewuchs von bodendeckenden Armleuchteralgen die an extreme Nährstoffarmut angepasst sind (Characeen).

Die Fische des Bodensee-Obersees

Im Bodensee-Obersee leben rund 30 Fischarten. Hierzu zählen auch Flussfischarten, die sich nur zeitweise in den Mündungsbereichen aufhalten und einige nicht heimische Fischarten, wie bspw. der ursprünglich aus Nordamerika eingeschleppte Sonnenbarsch. Fischereilich genutzt, wird etwa die Hälfte der Arten, wobei die mit Abstand größte Bedeutung das Felchen hat, gefolgt vom Barsch, Aal, Saibling, Hecht, Seeforelle. Zander wird nur regional im oberen Obersee (Bregenzerbucht) in nennenswerten Mengen gefangen. Die Weißfische sind am Bodensee wirtschaftlich nicht von Bedeutung, jedoch sehr wichtige Futterfische für Raubfische. Sie stehen als Plantonfresser relativ am Anfang der Nahrungskette. Die Fische im See zeigen im Verlauf eines Jahres ein jahreszeitlich abhängiges Verteilungsmuster. Während sie sich in der warmen Jahreszeit vorwiegend in den obersten Wasserschichten bis etwa 20 m Tiefe aufhalten, ziehen sie sich in den Herbst- und Wintermonaten in größere Wassertiefen zurück. Die meisten Fischarten besiedeln in den Frühjahrs- und Sommermonaten ufernahe Bereiche des Sees, da sie das hier vorherrschende warme Wasser bevorzugen. Fischarten wie Felchen, Seesaibling, Seeforelle oder Trüsche ziehen dagegen die kühleren Wasserschichten des Sees im Sommer vor.

Sepp Spiegl

Internationaler Bodensee-Fischereiverband e.V
Anita Koops Schriftführerin
2. Vorsitzende des Württembergischer Fischereiverein e.V.
http://www.rettet-den-bodensee.net
E-Mail: fischerinkoops@gmx.de

Um Erfolg für ihre Aktionen zu erzielen, sind die Fischerei-Verbände nicht nur auf die Unterstützung aus der Bevölkerung durch Unterschriften angewiesen, sondern auch auf finanzielle Hilfe, um weitere Flyer, Poster, Banner und Aktionen bezahlen zu können.

Spenden bitte an:
Internationaler Bodensee-Fischereiverband e.V
KTO.: SPK-Bodensee
KTO.-Nr.: 24996019
BLZ.:69050001
IBAN: DE40690500010024996019
BIG.SOLADES1KNZ
Kennwort: “Rettet den Bodensee”

 

 

 

 

 

 

 

 




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