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Anklopfen beim Krauter

Wandergesellen sind in der Bonner Schreinerei gern gesehen

Stefan Hampel ist Krauter. Bei ihm haben schon viele Reisende angeklopft. Krauter sind Meister oder Betriebe, die Gesellen auf ihrer Tippelei aufnehmen. Stefan (53) ist so einer. Ich klopfe bei ihm in seinem Betrieb im Bonner Süden an. Freundlich und völlig unkompliziert steuert er mit mir seinen alternativ anmutenden Garten an. Das Interview soll im Freien stattfinden.

Stefan Hampel: “Wandergesellen haben keine Berührungsängste mit der neuen Technik.”
Foto: Dieter Buchholtz

Vor uns die von Wandergesellen gebaute Blockhaus-Sauna. Davor ein mit Holz beheizbarer Zuber. Hier entspannen sich Hampel, sein Team und die 80jährige Mutter des Schreinermeisters – auch im Winter und bei tiefem Schnee. Hampel, ein im Ursprung bekennender Links-Alternativer, trägt noch lange graue Haare – zu einem Pferdeschwanz gebunden. Er verleugnet seine politische Herkunft nicht, hat sich heute wohl eher in der liberalen Mitte verortet – mit Betrieb und eigenem Haus. Für seinen geliebten Beruf hat er seinerzeit das Chemiestudium geschmissen.

Wenn er unsere Fragen beantwortet, strahlt er ansteckende Begeisterung aus. Man glaubt es ihm sofort: Er ist mit ganzem Herzen Ausbilder und lässt die jungen reisenden Handwerker seinen Betrieb mit formen. Das hat ihn jung gehalten. Meine erste Frage geht fast im Donnern eines direkt am Grundstück vorbeirasenden Zuges unter:

rantlos: Wollten Sie selbst mal auf Tippelei gehen?

Hampel: Ja, am Anfang hatte ich den Gedanken. So ungefähr hatte ich eine Vorstellung davon. Aber von den vielen Traditionen und Riten wusste ich damals nichts. Lieber bin ich sesshaft geblieben.

rantlos: Sie bilden gerne aus. War das von Anfang an so?

Hampel: Ich habe 1992 meinen Meister gemacht und konnte in diese Werkstatt hier reinrutschen, die ich dann vor zehn Jahren gekauft habe. Keine drei Tage hatte ich den Betrieb, da stand auch schon der erste vor der Tür. Der bat mich um Übernahme seines kriselnden Ausbildungsverhältnisses. Es war ein Mädel. Der waren sie im letzten Betrieb an die Wäsche gegangen. Die wusste nicht mehr ein noch aus. Ich habe sie kurzerhand übernommen. Sie hat später als Innungsbeste einen ersten Preis gemacht. Darauf bin ich stolz.

Frauenquote im Betrieb bei 50 Prozent

rantlos: Wie hoch ist denn die Frauenquote?

Hampel: Ich habe eine für das Tischlerhandwerk ungewöhnlich hohe Frauenquote. Im Schnitt sind es 50 Prozent.

rantlos: Nach welchen Kriterien wählen Sie aus?

Hampel: Wir wählen sehr überlegt danach aus, wie gut die Bewerber in das Team passen. Die erforderliche Eignung wird natürlich voraugesetzt.

rantlos: Wann ist denn der Erste bei Ihnen auf Tippelei gegangen?

Hampel: Eine von meinen Gesellinnen ist 2004 auf die Walz gegangen. Sie hatte vorher gezielt Kontakte zu Exportgesellen (Altgesellen) gesucht. Die können andere auf den Weg bringen. Sunna ist inzwischen zurück. Durch sie bin ich zum ersten Mal mit Wandergesellen zusammengekommen. Denn sie hat von unterwegs immer wieder Leute hierin geschickt. Vornehmlich Frauen. Bei den Reisenden liegt der Anteil von Frauen bei insgesamt etwa nur zehn Prozent. Die haben es im Handwerk – wie die Sesshaften – ähnlich schwer, Arbeit zu finden.

rantlos: Kommen nur Tischlerinnen und Tischler?

Hampel: Nein, auch viele Zimmerer oder Gesellen aus anderen Gewerken. Die kamen nur vorbei, weil gerade einer von ihren Freunden hier war. Oder sie wussten, dass ich hier ein Gästezimmer habe, in dem sie für Reiseverhältnisse relativ komfortabel untergebracht werden.

rantlos: Hat Sunna nach ihrer Reisezeit wieder bei Ihnen gearbeitet?

Hampel: Nach viereinhalb Jahren ist Sunna nach Hause gegangen und hat hier ihre Heimgehparty gefeiert. Sie stammt aus der

Auch die Arbeit im kleinen Büro
neben der Werkstatt gehört zum Job.

Foto: Dieter Buchholtz

Nachbarschaft. Sie hat bei mir im Betrieb erst mal als angestellte Gesellin Fuß gefasst. Sie kannte richtig viele Leute und hat von hier aus für noch mehr Zuspruch meines Betriebes in der Szene gesorgt. Heute versucht sie sich als Kabarettistin einen Namen zu machen.

Rückkehrer verwurzeln schwer

rantlos: Ist die Reintegration der Reisenden ein Problem?

Hampel: Die haben, wenn sie nach Hause gehen, schon ein kleines Problem damit, wieder sesshaft zu werden. Das ist nicht zu unterschätzen. Man braucht genauso lange, um sich wieder zu verwurzeln. Hier hat sich eine Gruppe der „Rückkehrer“ gefunden: Die Sunna hatte angefangen, sich einen Bauwagen zu bauen. Sie hat sich ein Fahrgestell gesucht und darauf aus Holz die Hütte komplett selbst gebaut. Eine weitere fragte nach Ende der Reise, ob sie das auch machen könne. Auf einmal standen hier auf der Wiese fünf Bauwagen mit einheimischen Tischlerinnen und Zimmerinnen. Die haben dann eine Art Kommune gegründet. So was ist wie ein Magnet für weitere Reisende.

rantlos: Wem gehört denn dieses Holzhäuschen hinter der Sauna?

Hampel: Da wohnt eine einheimische Zimmerin. Das ist einem Bauwagen nicht mehr so unähnlich. Sunna wohnt im Wendland auch weiter im Bauwagen, eine ihrer Freundinnen ist  beispielweise – auch im Bauwagen – in der Nähe der Fachschule für Gestaltung bei Aachen, eine andere Tischlerin ebenfalls im Bauwagen an der Alanusschule in Alfter (bei Bonn).

rantlos: Wieviel Reisende haben Sie in den letzten Jahren betreut?

Hampel: Ich habe viele Reisende kennengelernt, die inzwischen wieder in ihren jeweiligen Gegenden Einheimische sind. In der aktuellen Szene kenne ich ein knappes Dutzend, die noch unterwegs sind. So alle zwei Jahre sind die Gesichter wieder neu. Und man ist dann auch sehr schnell draußen. Aber es ist nach wie vor so, dass überraschend abends jemand an die Tür klopft. Manche wissen schon, wo der Schlüssel liegt.

rantlos: Steckt diese Tippelei-Szene auch ihre drei Azubis an?

Hampel:Von den aktuellen Lehrlingen sagen alle drei: Das wäre nichts für sie. Die haben andere Pläne.

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