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Es geht auch anders

Unter dem Regenbogen auf Augenhöhe

Kurz vorweg

Annette ist begeisterte Lehrerin. Die  58-jährige Grundschul-Leiterin nimmt uns mit in ihren Schulalltag. Wir begleiten sie ab 6:30 Uhr morgens: Fahrt über eine Landesgrenze, fröhlicher Start in den Schulalltag, viele Eindrücke eines mitreißenden Demokratieverständnisses. Alle auf Augenhöhe: Kinder, Eltern und Lehrerinnen. Und alle trauen sich etwas zu, weil es oft auch einfach anders geht…

 

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Das fröhlich-bunte Signet einer besonderen Lerninsel in Rheinland-Pfalz

Wer kennt schon Schalkenbach? Wir sind dort eingeladen. Vor-Recherche im Internet! Wikipedia kennt den kleinen Ort. Er liegt im Vinxtbachtal, gehört zur Gemeinde Ahrweiler. Unter „Kulturdenkmäler“ findet sich das Waldgut Schirmau aus dem 18. Jahrhundert. Heute ist es Seniorenerholungsheim der Stadt Krefeld. Weiter unten im Text unter „Bildung“ entdecken wir: „Die Regenbogen-Grundschule wird von Schülern aus Schalkenbach, Königsfeld und Dedenbach besucht.“ Die Direktorin dieser Schule, Annette Richter-Göckeritz (58), hat uns neugierig auf ihre besondere Schule in Rheinland-Pfalz gemacht.
Bevor wir diese Bildungsreise antreten, doch noch ein Blick auf die Homepage für die Regenbogenkinder und-eltern. Wir sind in der Schule willkommen, heißt es da. Unter fröhlich buntem Signet wird aus der Ottawa-Charta der WHO zitiert: „Gesundheit wird von Menschen in ihrer alltäglichen Umwelt geschaffen und gelebt: Dort wo sie spielen, lernen, arbeiten und lieben.“ Daneben berichten Schüler über eine Kinderuni in Indien oder über die Pflanzaktion „Plant-for-the-planet“. Vorgestellt werden in engagierten Facetten die Werte und Leitgedanken über Aktionen und Projekte bis hin zur Rubrik Menschen bei uns.
Wir schauen nicht via Internet in ein Gymnasium. Nein, hier geht es schlicht und lebendig um eine Grundschule in einem Dorf. Auf dieser Lerninsel mit ihren 75 Kindern ist „Menschlichkeit oberstes Ziel und deshalb“ wird u.a. „die Mitgestaltung der Kinder am Unterricht und Schulleben ernst“ genommen. Die regenbogenfarbene Homepage strahlt so etwas wie einen sicheren Hort mit globalen Perspektiven und Verantwortlichkeiten aus. Ein hoher Anspruch. Hat sich hier die Schulleiterin mit ihren Idealen einfach nur selbst verwirklicht? Oder werden die hohen Ziele auch vor Ort gelebt? Wir heften uns an die Fersen der Vollblut-Pädagogin. Gehen auf Spurensuche ihres nicht erlahmenden Engagements.

„Ich fand Schule immer ganz schrecklich.“

Es ist ein Mittwoch. Um 6:30 Uhr steigen wir in Witterschlick bei Bonn in ein kleines schwarzes Power-Auto. Es ist kühl. Annette startet den Motor. Schnell ist sie im fünften Gang und wir wollen wissen, wie sie als Kind und Jugendliche Schule fand. Mit Blick in den Rückspiegel kommt es kurz und direkt: „Ich fand Schule immer ganz schrecklich.“ Als besonders schlimm erlebte sie, wie Lehrer mit den Schülern umgingen. Schmunzelnd gesteht sie in einer lang gezogenen Kurve: „Ich war keine gute Schülerin.“
Warum ist sie denn ausgerechnet Lehrerin geworden sei, fragen wir, als wir mit relativ hoher Geschwindigkeit in einem Waldstück zwischen Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz fahren. „Mein Motor“, sagt sie und schaltet in einer engen Kurve in den zweiten Gang runter, „war immer die Gewissheit, dass Schule auch anders laufen kann.“ Schließlich gehe es darum, Schüler zu motivieren, lebenslang zu lernen.

Annette startet

Annette startet ihre morgendliche 50-Kilometer-Ralley von Bonn nach Schalkenbach

Jetzt schwindet das bleiernde Morgengefühl aus Annettes Körperhaltung. Ihre Blicke wandern schneller zwischen Straße, Rückspiegel und Beifahrer. Während sie in gebremster Dynamik durch die nächste Ortschaft fährt und gerade Kinder auf einem Zebrastreifen passieren lässt, sprudelt es förmlich aus ihr heraus: „Ich wollte eine Schule schaffen, wo sich alle wohlfühlen, der Lebensraum ist und nicht nur Lernraum.“ Vor diesem Ziel aber war Warten angesagt – genau wie jetzt, wo die Kinder Vorfahrt haben.

„Können sie mich gebrauchen?“

Zehn Jahre hatte sie keinen Job bekommen, weil damals kein Lehrer eingestellt wurde. In der Zeit brachte sie ihre beiden Töchter auf die Welt. Am Ortsausgang gibt Annette wieder gehörig Gas. Sie will immer etwas früher in der Schule sein. Über die hügelige Ackerlandschaft prescht ein Regenschauer. Die Scheibenwischer geben den Blick nach vorne und zurück frei. Ja, erinnert sie sich: „Ich wollte unbedingt in meinem Beruf weiter machen.“ Beherzt rief sie sozusagen grenzüberschreitend aus NRW heraus beim Regierungspräsidenten Rheinland Pfalz an und stellte die schlichte Frage: „Können sie mich gebrauchen?“ Am nächsten Tag hatte sie schon die Antwort: Keine Möglichkeit als Gymnasiallehrerin, aber als Grundschullehrerin.
Es ist ihre Art, schnell zu entscheiden. Trotz finanzieller Abstriche sagte sie O.K. Wir fahren gerade einen Berg hoch und entdecken zum Ende der Straße Annettes Ziel, das sie fast täglich anfährt: Die Regenbogenschule in Schalkenbach. Seit über 20 Jahren ist das ihr beruflicher Lebensraum. Während sie die Handbremse anzieht und der Motor verstummt, strömt klare Landluft in ihren Countryman, wie sie ihren fahrbaren Untersatz (Black Power) fast liebevoll nennt. Während wir die letzten Schritte auf die in herrlich hügeliger Landschaft gelegene Schule gehen, erzählt Annette vom glücklichen Umstand, wie sie in die Aufgabe als Schulleiterin hier hineingewachsen ist.
Unter der damaligen Schulleiterin bekam sie die Möglichkeit, ein bisschen Reformen umzusetzen und an Arbeitsgemeinschaften zu Aufgaben der Schulleitung teilzunehmen. Mit der Pensionierung ihrer Schulleiterin ließ sie sich 2005 von ihren Kolleginnen überreden, die Nachfolge anzutreten. Aus dem Stand heraus hat Annette ihr Programm festgezurrt: „Ich mache nicht alles allein. Wir bilden zusammen eine Mannschaft. Und wir führen ein Log-Buch, wie auf einem Schiff. Die Kinder sind die Kapitäne und wir begleiten sie. Das war unsere Idee. Die Kinder sollen selbstbestimmt lernen. Wir sind Moderatoren, Lernbegleiter.“

„Wir haben unser klar definiertes Lern- und Leistungsverständnis”

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Sich trauen: Selina (1. Klasse)  konzentriert sich in der Holzwerkstatt auf ihre Laubsägearbeit

Wir bleiben vor dem Eingang an einer riesigen Skulptur aus Buntstiften stehen. Annette kramt aus ihrer Handtasche einen dicken Schlüsselbund heraus und erinnert sich an ihren Start: „Wir hatten damals schon viele Puzzle-Teile. Aber ich bin ein Mensch, der Strukturen haben muss. Wir wollten mit unseren Ressourcen Schwerpunkte setzen. Es entstand die Idee, dass ja Gesundheit für die Kinder sehr wichtig ist. Für uns aber auch. Daraus ist dann Stück für Stück ein richtig gutes Gesamtkonzept entstanden.“ Annette drängt uns – immer lächelnd – die Treppe hinauf. Sie muss jetzt einfach in ihre Schule – in das gemeinsame Haus des Lernens.
Eigentlich wollen wir gleich in ihr Büro gehen, um in Ruhe das Gespräch mit ihr zu führen. Aber kaum betreten wir den Flur, fragt schon ein Kind, ob… Annette beugt sich zum 2.-Klässler und….Dann kurzes Gespräch mit einer Kollegin. Wir landen schließlich im Lernbüro. Hier arbeiten die Kinder an ihren Arbeitsplänen mit ihren individuellen Zielen in den Bereichen Deutsch und Mathematik. Anschließend bekommen sie die Arbeitspläne, die auch immer mit den Kindern besprochen werden. Während Annette zusammen mit einer Schülerin in ein Übungsheft schaut, ergänzt sie: „Wir haben unser klar definiertes Lern- und Leistungsverständnis. Wir sagen dann auch: Jetzt musst Du aber mal was machen. Die Kinder sagen selbst: Da habe ich Defizite. Ich nehme mir diese Woche Lesen und Verstehen als Kompetenzziel vor. Und daran arbeiten sie dann.“

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Motivation für ein ruhiges Arbeiten: Lernfortschritte im Team und ohne Druck

Wir wagen kaum zu fragen, wie das mit der Kontrolle ist. Denn die Kinder machen in der Tat den Eindruck, dass sie hier wie fröhliche kleine Kapitäne mitsteuern. Es ist alles sehr transparent. Die Schüler arbeiten an Monats- und Jahresplänen. Sie müssen alle aufeinander aufbauende Kompetenzen durchlaufen. Annette betrachtet lauter kleine Kunstwerke, die ihr die Schülerinnen und Schüler vorstellen. Sie machen das sehr kompetent und konzentriert gelassen. Es ist ganz offensichtlich: Hier wird nicht mit Druck und schon gar nicht mit Angst gearbeitet.

„Du musst voll dahinter stehen“

Annette geht zum nächsten Kunstwerk und erklärt uns: „Wenn sie eine Kompetenz erreicht haben, geben sie uns einen Lernbeweis. Wir kontrollieren das. Das wird immer hinterfragt. Für den Lernbeweis bekommen sie eine Urkunde, also ein Prädikat: Du hast diese oder jene Kompetenz erreicht und kannst nun die nächste Kompetenz in Angriff nehmen. So haben sie immer ein Raster.“ Annette dreht sich nun wieder in unsere Richtung: „Früher hat man einfach gelernt. Man wusste gar nicht, warum man das lernt. Es gab keinen Zusammenhang, es war nichts vernetzt.“
Vorbei am Lehrerzimmer, an einer Klasse, die in kleinen Gruppen Klangmusik für eine spätere Gesamtaufführung probt, und an Schülern, die andere daran erinnern, etwas leiser zu sein, erreichen wir schließlich das Büro der Schulleiterin. Jetzt nimmt sich Annette ausnahmsweise das Recht heraus, auch einmal ungestört mit uns zu sprechen. Die Tür bleibt tatsächlich zu und es ist schon fast ungewohnt leise. Jetzt wird auch uns bewusst, wie groß der Geräuschpegel draußen ist. Obwohl die Schüler eine Aktion mitinitiiert haben, wie die Dezibel runtergeschraubt werden können.

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Kampf dem Schullärm: Die Schüler messen konkret in Dezibel und sind sensibel für Lautstärken

Wir fragen die Schulleiterin, was dieser Job mit ihr gemacht hat. Annette greift anstatt einer Antwort zum klingelnden Telefon. Manche Dinge erlauben eben keinen Aufschub, vor allem, wenn es um die Kinder geht. Der engagierten Bonnerin war auch für ihre eigenen Töchter Gesundheit immer sehr wichtig. Und selbstbewusste Mädchen sind ihr eine Herzensangelegenheit. All das hängt schließlich auch mit gesunder Ernährung zusammen. Das lebt sie privat und authentisch in „ihrer“ Schule. Ihre Erkenntnis: „Du musst voll dahinter stehen. Sonst wirkt es aufgesetzt, plakativ, keiner glaubt dir das. So musst du das den Kindern auch vermitteln.“

„Da muss man immer die Waage finden“

Gekonntes Vermitteln ist aber auch innerhalb des Lehrerkollegiums äußerst wichtig. Mit Annette sind es sechs Frauen, die sehr viel miteinander besprechen – oft auch zwischen Tür und Angel. Andrea ist mit 30 Jahren die Jüngste und Christine mit 60 die Älteste. Für die nächste Projektwoche „Alle Kinder haben Rechte“ sitzen sie wieder vier bis sechs Stunden zusammen und überlegen die Gestaltung. Als Juniorbotschafter von UNICEF wollen die Schüler in einer Wanderausstellung die Kinderrechte und ihre Akzeptanz der Öffentlichkeit bekannt machen und näher bringen. Und in solchen Meetings bläst ihr auch manchmal der Wind entgegen mit der Botschaft: Das ist doch viel zu viel. „Da muss man immer die Waage finden“, erläutert Annette etwas nachdenklich. „Es geht“, sagt sie, „einfach darum, was man Kolleginnen zumuten und was man sich selbst zumuten kann.“

 “Für individualisierte Arbeit brauchen wir Struktur”

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…und schnell noch die Büroarbeit – zwischen Unterricht und Dienstbesprechung

Wenn Annette jetzt kurz aufspringt und auf dem Flur schnell etwas mit einer Kollegin klärt, dann könnte der Beobachter in den Irrtum verfallen, hier regiere nur pädagogisches Bauchgefühl. Sicher spürt man in jeder Pore dieser Schule viel Gefühl für die Kinder. Aber die erfahrene Schulleiterin ist auch für das Konzeptionelle sehr ambitioniert. Struktur ist ihr deshalb sehr wichtig: „Gerade für individualisierte Arbeit brauchen wir die.“ Sie hat sich vor einiger Zeit mal die Rechtschreibung vorgeknöpft. Intuitiv wurde den Schülerinnen und Schülern vermittelt, wann beispielsweise „das“ mit Doppel-S geschrieben wird. Annette befand: „So kann das nicht gehen. Keiner weiß wirklich, warum das so ist.“ Kurz entschlossen hat sie eine Legasthenie-Ausbildung gemacht. Sie selbst hat über diesen Weg erstmal das System verstanden. Ein Schlüsselerlebnis für alle. Dann wurde ein Konzept für den Deutsch- und den Mathe-Unterricht entwickelt. Lehrerinnen und Schüler/innen haben voneinander viel gelernt beim Tiefer-Eindringen in eine komplexe Materie. Also ein nachhaltiger und tiefer gehender Spaßfaktor.

„Wir reden viel“

Schule ist aber nicht zur Bespaßung da, so vernehmen wir kritische Stimmen im Hinterkopf. Außerdem sind heute die Kinder lauter kleine Individualisten – immer schwerer integrierbar. So jedenfalls ist unser mediales Bewusstsein vorgeprägt. Und hier in Schalkenbach? Ländlich, also alles im grünen Bereich? Annette nippt schnell an der Tasse Kaffee und lässt – fast kämpferisch – ihren Botschaften freien Lauf: „Wir können nicht zu den Kindern sagen: Ihr müsst jetzt ruhig sein. Das machen die heutzutage nicht mehr. Dafür sind die nicht mehr autoritär genug erzogen worden.
Besser ist, „wenn man einfach appelliert. Dann kommt es auch eher aus den Schülern selbst heraus. „Es muss deren Wunsch werden, dass es hier nicht mehr so laut ist.“ Jetzt ist uns auch klar, warum ein Schüler uns bei einer Antwort gleich mit auf den Weg gegeben hat, doch etwas leiser zu sprechen, um die anderen im Arbeitsraum nicht zu stören. Und genau das ist Annette in ihrem generationsübergreifenden Ansatz sehr wichtig: „Wir reden viel – alle.“

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Unterschiedliche Jahrgänge als Erfolgskonzept: Musik mit Alltagsmaterialien als freiwilliges Konzert 

Auch der Geräuschpegel an der Regenbogenschule geht durch das Schülerparlament – also Mitbestimmung auf allen Ebenen. So ändert sich Bewusstsein und schließlich auch Verhalten. Annette will solche Fortschritte aber nicht nur in einem lockeren Wahrnehmungsraum stehen lassen. Die Dezibel an der Schule mitten in der ländlichen Ruhe werden regelmäßig gemessen. „Der subjektive Erfolg muss auch objektivierbar sein.“

 

 

„Eltern müssen wissen, was wir in der Schule machen“

Hilfreich bei solchen Prozessen ist auch die praktizierte Jahrgangsdurchmischung. „Wir denken, dass die Älteren von Jüngeren und umgekehrt lernen.“ So ist auch das Lehrerkollegium. Gerne lernen sie von anderen. „Wir hospitieren viel an anderen Schulen.“ Schnell nimmt Annette noch ein Telefongespräch mit Eltern entgegen. Kaum liegt der Hörer wieder, kommt sie regelrecht ins Schwärmen: „Es gibt wirklich super gute Schulen. Den Kindern etwas zutrauen, selbständig und eigenverantwortlich lernen. Da müssen alle Schulen hin. Wenn die hier morgens im Lernbüro sind, alle Türen offen stehen und die draußen arbeiten, da hörst du nichts.“ Die Kinder haben schon das Prinzip Rücksicht sehr verinnerlicht.
Auch die Eltern sind in diesen Lernprozess mit einbezogen. Irgendwie war das auch bei dem gerade geführten Telefongespräch zu spüren. „Die greifen hier und heute deutlich schneller zum Telefon als früher, nicht aber um zu meckern oder mit dem Rechtsanwalt zu drohen. Nein, eher, um sich in die Arbeit mit und in der Schule einzubinden. Annette betont: „Ich lege sehr großen Wert auf Zusammenarbeit. Die Eltern müssen wissen, was wir in der Schule machen.“

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Annette gibt auch mal den Rhythmus vor: Dario (vorne) und Elias versuchen zu folgen

Besonders freut sich die Moderatorin auf dieser bunten pädagogischen Insel, wenn Väter und Mütter etwas davon zu Hause übernehmen. Ernährung ist so ein Beispiel.“Wir haben hier das gesponserte ABC der Lebensmittel. Meine Klasse wird jetzt im dritten Jahr zum Thema Ernährung begleitet. Es wird umgesetzt von der Ernährungsberatung Rheinland-Pfalz an den Dienstleistungszentren Ländlicher Raum (DLR). Das Programm wird in Zusammenarbeit mit hauswirtschaftlich qualifizierten und geschulten Fachkräften durchgeführt. Bei uns kocht Angelika Kröll mit den Kindern. Und ich freue mich immer riesig, wenn ich die Butterbrotdosen der Kinder sehe. Da sind Spieße drin mit Obst und Gemüse. Süßigkeiten sind bei uns nicht mehr erlaubt. Außer an Geburtstagen.“ Annette sieht auch hierin den Erfolg eines zwar im Kern sehr reglementierten Konzeptes, das aber ohne Druck und nur über Einsicht funktioniert.

„Es ist einfach schön, morgens hier anzukommen“

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Freie Entscheidung von Lea (l.) und Johanna: Wir machen Gipsbilder

Und noch etwas gehört zu Annettes Erfolgsrezept. Ihr ist auch die Wirkung nach außen sehr wichtig. Im Laufe der Jahre ist ein breites Netzwerk entstanden. Heute muss sie vielen – auch Sponsoren – nicht mehr mühsam hinterher telefonieren. Die haben gesehen, dass das hier klappt und sind immer wieder gerne dabei. Und einige Auszeichnungen gehören auch zu diesem Erfolg. Die Regenbogenschule Schalkenbach besteht in 2014 stolze 50 Jahre. Zahlreiche Schüler und Schülerinnen haben an diesem Lernort unterschiedlichste pädagogische Kozepte erlebt. Heute steht sie für Gesundheitsförderung, ökologisches und demokratisches Lernen und Handeln. Seit 2005 verfolgt sie einen systematischen und kontinuierlichen Schulentwicklungsprozess, in dem Mitbestimmung, Partizipation und zukunftsfähiges Lernen im Mittelpunkt ihres Schullebens und Unterrichts stehen. Aufbauend auf ihre Arbeit als Modellschule hat die Regenbogenschule die Kinderrechte in ihr Schulprofil integriert. Dieser Erfolg aber muss sich immer wieder auch gegenüber dem zuweilen eher konservativen Kultusministerium Rheinland-Pfalz behaupten.
„Im Ländervergleich der Reformschulen“, sagt Annette, „sind die Berliner und NRWler ziemlich weit.“ Wenn sich aber Schulleiter in Rheinland-Pfalz treffen, dann wird immer wieder deutlich: Schulleitung will keiner machen. Die Lehrerinnen und Lehrer führen ins Feld, dass keine finanziellen Anreize bestehen, dass der Verwaltungsteil mit Statistik, Organisation, Stundenplänen usw. immer größer wird. Im Vordergrund sollte ja eher die Unterrichts- und Schulentwicklung stehen. Das aber gerät immer weiter in den Hintergrund. Ein trauriger Befund vor der tibetanisch vorgetragenen Erkenntnis und Forderung, dass die Kinder unsere Zukunft sind.
Und eins wird zum Schluss unseres Gespräches sehr deutlich. Annette fordert viel von sich und ihren Kolleginnen. Aber das Team – und dazu gehört auch die 48-jährige Sekretärin Heike Breuer- bekommt sehr viel von insbesondere den Kindern zurück. „Es ist einfach schön, morgens hier hinzukommen, es freuen sich alle. Letztendlich kommt jeder gern.“ Das hat aber auch seinen Preis, warnt Annette vor Träumereien: „Wenn du engagiert bist, eine Vision hast, Schule zu entwickeln, dann musst du viel von deiner Freizeit investieren. Ich habe ja auch Unterricht, mache da alles und probiere auch Dinge aus. Dann sitzt man oft am Wochenende und überlegt immer wieder, wie kann ich die Schule noch kindgerechter gestalten und weiterentwickeln.“

„…und dann habe ich mein Lebensprojekt erfüllt“

Und heute ist eben nicht einfach zum Mittag Schluss. Sondern am Nachmittag treffen sich das Kollegium und externe Erzieherinnen zu einem Seminar über Glück. Wir dürfen ebenfalls daran teilnehmen. So aufgetankt mit neuen Anregungen für einen erfolgreichen und vielleicht auch glücklichen Schulalltag steigt Annette am späten Nachmittag in ihren kleinen schwarzen Flitzer. Sie ist etwas blasser als heute Morgen, aber ihre Augen glänzen und mit einem herzlichen Lachen über die eigenen begrenzten Rückfahrkünste schaltet sie die Gänge hoch. Wir tauchen wieder in die herrliche Eifellandschaft ein. Mit dem Ziel vor Augen, wieder bei der Familie zu sein, fährt sie routiniert die kurvige Strecke.
Ohne weitere Nachfrage von uns gelangt so etwas wie ein Resümee über das von ihr entspannt gehaltene Lenkrad zu uns: „Ich denke nicht, dass wir intelligente Kinder aus unserem Schulsystem machen. Intelligenz ist angeboren. Wir versuchen zu stärken, dass die Kinder selbstbewusst aus der Schule gehen. Egal, was es ist…ich schaff´das! Ich kann was bewirken. Dass sie keine Angst vor dem Lernen haben. Kinder müssen aus der Grundschule stabil rauskommen.“

 

Und plötzlich bremst Annette abrupt…

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Nach 50 Kilometer Rückfahrt beginnt für Annette das Privatleben – und Arbeit an einem neuen Modell

Was will Annette in den wenigen Jahren bis zur Pension noch im Beruf erreichen? Sie schaltet gerade kurz vor einer Kurve zwei Gänge runter. Mit der Antwort zögert sie etwas. Dann kommt es fröhlich und selbstbewusst: „Ich möchte mich für unsere Schule noch gerne für den deutschen Schulpreis der Robert-Bosch-Stiftung bewerben. Das ist so wie: Deutschland wählt die beste Schule. Das wird jährlich prämiert. Das mache ich noch. Dann habe ich mein Lebensprojekt erfüllt.“ Spricht es, legt den höchsten Gang ein und sagt zufrieden – nichts mehr. Auch wir hängen in Gedanken diesem tiefen Einblick in eine besondere Schule nach. Plötzlich bremst Annette etwas abrupt: „So, wir sind zu Hause. Jetzt beginnt mein Privatleben.“ Wir verstehen und verabschieden uns. Was sie uns nicht gesagt hat: Sie bastelt zu Hause mit Hilfe ihres Mannes schon wieder an einem Präsentationsmodell für ihre geliebte Regenbogenschule. Sie versteht unter „Privat“ wohl etwas anderes.
Dieter Buchholtz (Text und Fotos)

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