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Alte Liebe kann auch rosten

 Ursachen später Scheidungen und ihre Folgen

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Nur noch jede dritte Ehe wird geschieden

„Die Liebe ist ein seltsames Spiel“. Diesen Song machte Connie Francis 1960 in Deutschland zum Ohrwurm. Das von der US-amerikanischen Popsängerin thematisierte Wechselbad der Liebesgefühle hat sich bis heute nicht geändert. Verändert aber haben sich Einstellungen zur Ehe, dem formellen Hafen der Liebe.
In Deutschland nahmen die Scheidungen zwischen 1993 (156.425) und 2004 (213.691) kontinuierlich und auch zeitweise deutlich zu. Überwiegend intitiierten Frauen diesen Akt der Trennung. Seit 2005 aber halten die Ehen in Deutschland offensichtlich wieder länger. Nur noch jede dritte Ehe wird geschieden. 2013 (169.833) waren es 5,2 Prozent weniger als 2012. Es wird sich zeigen müssen, ob dieser positive Abwärtstrend Bestand hat.

Jeder vierte Geschiedene ist älter als 50 Jahre

Und noch eine gute Nachricht in der Gegenwart: 14 Jahre und acht Monate waren die Paare im Schnitt in Deutschland verheiratet, bevor die Ehe gelöst wurde. 20 Jahre zuvor war schon nach elf Jahren und sieben Monaten Schluss. Neu ist, dass jeder vierte Geschiedene bereits älter als 50 Jahre ist. In dieser zweiten Lebenshälfte geschieht also in Sachen Ehe etwas bisher nicht Gekanntes. In 2013  wurden immerhin  24.300 Paare geschieden, die ihre Silber-Hochzeit bereits hinter sich hatten. Das ist eine Verdoppelung gegenüber 1993.

Dieses für uns relativ neue Phänomen ist in den USA schon länger als „grey divorce“, als die graue Scheidung bekannt. Der Grund dafür könnte neben der Emanzipation der Frau auch der Effekt sein, dass aufgrund der weiter ansteigenden Lebenserwartungen eine Ehe immer länger halten muss. Über den langen Zeitraum beginnt so etwas wie Verschleiß. Dann kann das seltsame Spiel der Liebe auch noch nach Jahrzehnten der Ehe enden.

„Späte Scheidungen“ auch in der Schweiz

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Trennung im Alter

Dieser starke und offensichtlich grenzüberschreitende Trend zu Scheidungen im höheren Alter zeichnete sich in Deutschland bereits seit den neunziger Jahren ab. Das ist auch in der Schweiz so. Wissenschaftlich untersucht aber wurde dieses Phänomen bislang kaum. Neueste Forschungsergebnisse einer Schweizer Studie unter dem Titel „Späte Scheidungen“ zeigen u.a., dass diese Trennungen genauso ein einschneidendes kritisches Lebensereignis mit vielfältigen Gründen sind, wie die reichlich erforschten „jüngeren“ Scheidungen. Sie fanden bei den Eidgenossen zwischen 1970 und 2010 vorwiegend nach 20 bis 29 und zunehmend nach 30 bis 39 Ehejahren statt. Ehescheidungen nach 40 bis 49 Ehejahren wurden häufiger. Scheidungen nach 50 Ehejahren blieben konstant auf niedrigem Niveau.

Zwischen Distanz und Überdruss

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Dr. Pasqualina Perrig-Chiello

Gründe für die Zunahme von „Altersscheidungen“ lassen sich in erster Linie aus veränderten demographischen und gesellschaftlichen Bedingungen ableiten. So stellt eine lange Partnerschaft eine große Herausforderung dar. „Für viele ist das keine realisierbare und wünschenswerte Option“. Diesen Trend verstehen die Berner Psychologie-Professorin Dr. Pasqualina Perrig-Chiello und Bina Knöpfli, MA, sowie der Züricher Anwalt Dr. Urs Gloor als Hinweis, „dass die Vorteile einer langjährigen Beziehung, wie tiefe Verbundenheit, gemeinsame Projekte und geteilte Erinnerungen offenbar für immer mehr Paare an Bedeutung verlieren.“ Noch schlimmer: Diese Vorteile werden durch „Gefühle wachsender emotionaler Distanz, zunehmender Enttäuschung, Überdruss, mangelndem gegenseitigen Verständnis und Vertrauen überlagert.“

Aufgrund einer Befragung von über 1.000 nach längerer Ehe Geschiedenen (mind. 15 Jahre Ehe) sind gemäß Perrig-Chiello und Mitarbeitern eindeutige Risikofaktoren „die hohen Ansprüche und gestiegenen Erwartungen, die heute an die Ehe als Liebes-und Sexualbeziehung gestellt werden.“ „Anstelle von familiären und wirtschaftlichen Interessen ist das Recht auf das persönliche Glück ins Zentrum gerückt.“ Zum anderen zählt bei sich anbahnenden Scheidungen aber auch „die Aussicht, attraktive und erreichbare Alternativen zur bestehenden Partnerschaft“ zu erhalten. „Insgesamt lässt sich sagen, dass die traditionellen objektiven Scheidungsbarrieren wie finanzielle Abhängigkeit der Frauen, gemeinsame Kinder, Hausbesitz und gemeinsames Geschäft sowie die subjektiven Barrieren wie religiöse Werthaltungen, gesellschaftliche Ächtung ihre Ehe stabilisierende Funktion zunehmend verlieren.“

Enttäuschte Erwartungen und schwacher Sex

Es zeigt sich, „dass die Scheidungshäufigkeit bei den 50- bis 54-jährigen Frauen und bei den 70- bis 74-jährigen Männern am stärksten angestiegen ist.“ So hat sich „seit 1969 die Zahl der Scheidungen bei den 50- bis 54-jährigen Frauen verachtfacht, bei den 70- bis 74-jährigen Männern sogar verzehnfacht.“ Der Blick aber nur auf gescheiterte Ehen verstellt ein wichtiges Stück Wahrheit: „Denn all diesen Veränderungen zum Trotz bleibt nach wie vor eine Mehrheit der Paare zusammen.“ So sind von den Schweizer Ehen, die 1975 geschlossen wurden, immerhin zwei Drittel noch formell intakt.

Gewalt-Ehe

Weit verbreitet: Gewalt in der Ehe

Was sind nun die Gründe für späte Ehescheidungen? Die Autoren des Beitrages zur ersten Erhebungswelle des Forschungsprojektes Vulnerabilität und Wachstum nach dem Verlust des Lebenspartners/der Lebenspartnerin in der zweiten Lebenshälfte halten zur Beantwortung dieser Frage subjektive Bewertungen für aussagekräftig. Das hat auch eine andere Schweizer Studie mit geschiedenen Personen mittleren Alters gezeigt. Die drei dort „am häufigsten genannten Gründe für die Auflösung der Ehe waren eine unterschiedliche Entwicklung des Partners und der Partnerin, deren mangelnde Kompetenz zur Führung einer zufriedenstellenden Partnerschaft sowie enttäuschte Erwartungen. Frauen beschrieben häufiger Aggression und Gewalt seitens des Partners als Scheidungsgrund und bezeichneten den Partner als schlechten Elternteil.“ Männer nennen ihrerseits „häufiger die eigene Gleichgültigkeit als Scheidungsursache.“ „Als scheidungserleichternd angegeben wurde von beiden Geschlechtern eine niedrige sexuelle Erfüllung.“ „Innerhalb der vorgegebenen Auslöser für den Entschluss, sich scheiden zu lassen, nannten die meisten außereheliche Beziehungen des Partners oder der Partnerin.“ Als weitere Gründe folgten „Kumulation von Stress im Alltag und gravierende kritische Lebensereignisse in naher Vergangenheit.“

„Wir passen einfach nicht zusammen“

In der Studie wurden subjektive Gründe sowohl einer ehelichen Trennung als auch einer Scheidung langjährig Verheirateter erfragt. „Bei älteren Paaren kann die Zeitspanne zwischen Trennung und Scheidung recht lang sein. In der Studie betrug sie im Schnitt 3,4 Jahre.“

„Fast zwei Drittel Frauen gaben an, die Trennung initiiert zu haben.“ Die Hälfte der Befragten nannte als Grund die Entfremdung („Uns auseinander gelebt“). Danach folgt die Inkompatibilität („Wir passen einfach nicht zusammen“). An dritter Stelle wurde die sexuelle Untreue des Partners oder der Partnerin genannt. „Mehr als die Hälfte der Frauen (52 %) machte eine Außenbeziehung (sexueller oder emotionaler Art) des Partners für die Trennung geltend.“ Bei den Männern hingegen wird dieser Grund nur von einem Drittel genannt. „Der bei weitem häufigste Grund für die Scheidung ist sowohl für Frauen (76 %) als auch für Männer (69 %) der Wunsch nach einer endgültigen formellen Trennung.“ „Interessant ist, dass rund ein Drittel angab, als Paar nichts unternommen zu haben. Ein gutes weiteres Drittel nahm professionelle Hilfe (Paarberatung, psychologische Hilfe) in Anspruch.“ Viele der Paare versuchten, die Probleme im gemeinsamen Gespräch zu lösen.

lustlos

Lustlos im Bett………

„Frauen berichteten häufiger als Männer, professionelle Beratung oder Gespräche mit Freunden und Bekannten gesucht zu haben. Männer gaben dagegen signifikant häufiger an, nichts unternommen zu haben.“ 40 bis 49-jährige suchen häufiger das Gespräch mit Freunden und Bekannten und „beanspruchen tendenziell mehr professionelle Hilfe als die über 60jährigen.“

Jeder Fünfte bleibt sehr stark betroffen

Die ehelichen Trennungen und Scheidungen können als Stressoren zu emotionalen, behavioralen (verhaltensbezogenen) und gesundheitlichen Problemen führen. Und die Konflikte zwischen den Geschiedenen dauern teilweise über die Scheidung hinaus an. Außerdem gehen Beziehungen im ehemals gemeinsamen Freundes- und Bekanntenkreis eher verloren. Das zieht dann Vereinsamung nach sich. Dazu kommen häufig finanzielle Einschränkungen oder auch ein Status- und Selbstwertverlust.

„Unbestritten ist, dass es große individuelle Unterschiede sowohl in der Bewältigung als auch bei den Auswirkungen gibt. Befunde der Studie zeigen, dass rund die Hälfte sich einigermaßen erholt, ein Drittel sich sogar sehr gut erholt.“ Die restlichen 20 Prozent jedoch bleiben sehr stark und nachhaltig betroffen. „Hierbei zeigte sich, dass eine erfolgreiche Anpassung primär von Persönlichkeitsfaktoren abhängt.

„Bessert sich die Befindlichkeit im Laufe der Zeit? Die in der Studie befragten Personen im Alter von 60 und mehr Jahren berichteten erwartungsgemäß in der Zeit unmittelbar nach der Trennung das höchste Ausmaß von depressiven Symptomen und Einsamkeit. In den darauf folgenden Monaten sanken diese Werte kontinuierlich. Es kann somit von einem Erholungseffekt über die Zeit gesprochen werden. Ist die Trennung fünf Jahre oder länger her, gibt es bereits keinen Unterschied zwischen den Geschiedenen und den Verheirateten in Bezug auf depressive Symptome und Einsamkeit. Die negativen Auswirkungen auf die Lebenszufriedenheit dagegen scheinen langfristiger zu sein: Auch wenn seit der Trennung fünf Jahre oder mehr vergangen sind, weisen die Getrennten oder Geschiedenen deutlich niedrigere Werte auf als die kontinuierlich Verheirateten.“

Einsamkeit

Nach der Trennung sind viele Menschen einsam

Männer sind die „Verlierer“ bei familiären Beziehungen

„Auf die Frage, wie lange die Leute gebraucht haben, um über die Trennung hinwegzukommen, zeigen sich bedeutsame Geschlechterunterschiede: Fast doppelt so viele Männer (43 %) wie Frauen (25 %) gaben an, weniger als ein Jahr dafür gebraucht zu haben. 17 Prozent der Frauen und 14 Prozent der Männer sind der Meinung, dass sie wohl nie psychisch über die Trennung hinwegkommen werden.“ Mehr als die Hälfte (51 %) jener Leute, die versicherten, gemeinsam die Trennung beschlossen zu haben, gaben ein gutes bis sehr gutes Verhältnis an. Diese Leute berichteten auch viel seltener von einem angespannten bis sehr angespannten Verhältnis.

„In der Forschungsliteratur zu älteren Geschiedenen zeigte sich immer wieder, dass Männer die „Verlierer“ sind hinsichtlich familialer Beziehungen.“ Sie „berichten, dass die eigenen Kinder am häufigsten Kontakt mit ihren Ex Partnerinnen haben. Entsprechend ist auch die Unzufriedenheit mit den Kontakten bei den Männern ausgeprägter als bei den Frauen (27 % der Männer sind unzufrieden/8 % der Frauen).“

Männer geben an, schneller zu adaptieren. Sie „versuchen die Sache vornehmlich mit sich selbst auszumachen. Sie gehen vermehrt und schneller neue Beziehungen ein als Frauen. Allerdings scheinen aber in Bezug auf die familiaren Beziehungen die Frauen in einer stärkeren Position als die Männer zu sein: Sie haben häufigerere und befriedigendere Kontakte zu ihren Kindern und Enkelkindern als die Männer.“
Basis des Beitrages: Späte Scheidungen: Fakten, Gründe und Auswirkungen.
Ein interdisziplinärer Blick auf Ergebnisse der Schweizer Studie „Vulnerabilität und Wachstum nach dem Verlust des Lebenspartners/der Lebenspartnerin in der zweiten Lebenshälfte“.

  • Die Autoren sind
    Pasqualina Perrig-Chiello, Prof. Dr. phil., Universität Bern
    Bina Knöpfli, MA, Universität Bern
    Urs Gloor, Dr. iur., Zürich
    Die im o.a. rantlos-Artikel ab der Überschrift Späte Scheidungen auch in der Schweiz mit Anführungszeichen versehenen Passagen sind dem o.g. Beitrag der Schweizer Autoren entnommen.
    Ziel des Forschungsprojekts Vulnerabilität und Wachstum nach dem Verlust des Lebenspartners/der Lebenspartnerin in der zweiten Lebenshälfte ist es, zum einen die Bedingungen langjähriger Partnerschaften zu untersuchen, zum anderen die Determinanten und Konsequenzen von Trennung, Scheidung oder Verwitwung in der zweiten Lebenshälfte (d.h. von Personen im Alter von 40 – 90 Jahren).

Weitere Details zur Studie

Und in Österreich?

Ältestes Ehepaar trennt sich nach 63 Jahren

Zum Schluss noch ein Blick nach Österreich: Die Gesamtscheidungsrate erhöhte sich von 26,5 Prozent im Jahr 1981 auf den bisherigen Höchstwert von 49,47 Prozent im Jahr 2007. Im Jahr 2013 betrug die Gesamtscheidungsrate 40,14%. Die mittlere Ehedauer der geschiedenen Ehen verlängerte sich seit 1981 von 7,7 auf 10,7 Jahre im Berichtsjahr 2013. 2013 war das mittlere Scheidungsalter der Männer 44,4 Jahre, das der Frauen 41,7 Jahre.

Einzelfälle, die herausragen: Ein Paar ließ sich nach 63 Jahren Ehe scheiden, es war zugleich das älteste Paar. Die älteste Frau trennte sich mit 87 Jahren von ihrem um ein Jahr jüngeren Ehemann. Der älteste Mann trat mit 90 Jahren den Gang zum Scheidungsrichter an, um sich nach einjähriger Ehe von seiner 62 Jahre alten Ehefrau zu trennen. Den höchsten Altersunterschied mit 37 Jahren hatte ein Paar, das sich nach sechs Ehejahren auf Initiative der Frau (87) trennte. Ein anderer 80-jähriger Mann trennte sich nach dreijähriger Ehe von seiner um 52 Jahre jüngeren Frau. Eine weitere 74-jährige Frau trennte sich nach achtjähriger Ehe von ihrem um 37 Jahre jüngeren Mann. Sicherlich sind das statistische Ausreißer. Sie zeigen aber auch, dass Alter kein Allheilmittel gegen Unterverträglichkeiten in der Partnerschaft sind.

Quelle: Statistik Austria

Dieter Buchholtz

 

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