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Zum Alter stehen – die Rolle sehen

Der schrille Kalender sorgt für Furore

Frühstück

Marianne Brunsbach alias Audrey Hepburn
© Contilia/Fotostudio Wentges

Marianne Brunsbach setzt sich an den kleinen runden Tisch. Die Pose im Stil der 20er Jahre. Mit dem kleinen Schwarzen am Körper und überlanger Zigarettenspitze in der linken Hand kommt sie liebenswert herausfordernd und gekonnt rüber. Die Schwarzwälder-Kirsch-Torte ist unberührt. Das alte und stilechte Geschirr passt zum Ambiente von Tiffany. Es geht um das berühmte Frühstück und den Film von 1961. Spot an, Klicken der Kameraverschlüsse. Die bekannte Szene vor dem berühmten Juwelier ist im Kasten. Als Hintergrund wurde hier einfach ein Café-Ambiente gewählt. Die Akteurin eilt zum Fotografen; sie will das Ergebnis sehen. Das 86jährige Model freut sich über den gelungenen Shoot. Für kurze Zeit ist sie in das Leben des New Yorker Partygirls Holly Golightly geschlüpft. Im Film spielte die Rolle Audrey Hepburn. Marianne Brunsbach war damals gerade 34 Jahre alt.

Easy

Easy Rider mit Walter Loeser und Kurt Neuhaus
© Contilia/Fotostudio Wentges

Neue Szene auf heißem Asphalt: Walter Loeser schlüpft in die Motorradkluft. Er verwandelt sich in den Billy aus dem Film „Easy Rider“ (1969) und ist begeistert: „Wow, was für ein Aufzug. Ganz in Leder und mit Fransen dran – ich fühle mich gleich wie ein Macho.“ Und die hochglänzende Chopper-Maschine besteigt er fast routiniert. Begeisterung pur: „Am liebsten würde ich losfahren!“, denkt Kumpel Wyatt auf dem anderen Motorrad. Kleines Blitzlichtgewitter. Absteigen. „Das war schon richtig aufregend, mal auf so einem Gefährt zu sitzen“, sagt Wyatt, Verzeihung, Kurt Neuhaus. Er ist 90 Jahre alt. Und sein Easy Rider-Freund Billy ist einfach nur hin und weg: „Egal, was als nächstes kommt, ich bin dabei! – soweit der liebe Gott mitspielt.“ Ach ja, Loeser ist 98 Jahre alt.

„Wir haben es richtig krachen lassen“

Schwer zu glauben: Aber die drei Models kommen aus Essener Senioreneinrichtungen. Posiert haben sie für einen schrillen Jahreskalender 2014 mit Szenen aus zwölf Filmklassikern. Kaum hatten Heimbewohner, Familienangehörige und Interessierte die ersten Exemplare in der Hand, war das sensationelle Stück auch schon vergriffen. Wer erinnert sich nicht an die Filmkomödie „Kalendergirls“ (2003) im Kino? In wenigen Tagen ist der Ruhrgebiets-Kalender („Klassik 2014“) zu einem medialen Ereignis herangewachsen. Auch aus dem Ausland kommen Anfragen an Contilia, den Betreiber von einigen Altenheimen in Essen. Pressesprecherin Dorothee Renzel schwärmt daher auch über den Shooting-Day: „Wir haben es richtig krachen lassen, es war wie eine Party mit Prosecco und Profi-Maske.“

Dancing

Johann Liedtke alias Patrick Swayze
© Contilia/Fotostudio Wentges

Apropos Maske. Den Machern dieses denkwürdigen und so uneingeschränkt sympathischen Events gegen Alterseinerlei in Altersheimen wie auch den über ein Casting ausgewählten Hobby-Models ist eins ganz wichtig: Sie wollen nicht zugeschminkt werden, sie wollen ihre grauen Haare, ihre faltige Haut, ihre Lebens- und tatsächlichen Narben nicht verstecken. Sie wollen gerne mal in die andere Rolle schlüpfen, aber sie möchten dabei einfach sie selbst bleiben. Und Fotoshop-Veränderungen nachher im Bild lehnen sie grundsätzlich ab. Mit einer Ausnahme: Bei „Dirty Dancing“ wurde ein wenig getrickst. Denn Johann Liedtke gab zu:„Ganz so stark bin ich ja nun nicht mehr, dass ich die Dame über Kopf heben kann“. Wichtig aber ist dem 92-Jährigen in seiner Rolle als Patrick Swayze der Hinweis: „Früher, als ich noch jung war, da wäre es ein Leichtes gewesen. Heute hilft halt die Trickkiste Computer!“ So darf im Kalenderbild „Baby“ Marianne Pape (79) einfach über ihm schweben.

Heiße Luft aus dem Kanalschacht: Monroes Kleid fliegt wieder

Saturday

Irmgard Alt in Saturday Night Fever
© Contilia/Fotostudio Wentges

Richtig echt ging es dann aber bei Marylin Monroes berühmter Kleid-Szene über dem Lüftungsschacht zu. Ingeborg Giolbass schaffte es, anmutig zu posieren, das Kleid charmant im Zaum – oder auch am Saum – zu halten. Die ikonenhafte Szene aus das „Verflixte siebte Jahr“ zählt sicherlich zu den Highlights dieses außergewöhnlichen Kalenders. Wenn die 84-Jährige nicht gerade Filmstar auf Zeit ist, lebt sie im Seniorenstift Franziskushaus Mülheim. So könnte man Szene an Szene reihen und nacherleben, was die Senioren so aufregend fanden. Wenn Rocky sich mit seinem Sohn, der sich das Spektakel nicht entgehen lassen wollte, im Scheinwerferlicht warm kämpft. Oder wenn beim Titanic-Shoot die Stimmung richtig romantisch wird. Oder wenn Irmgard Alt nach ihrer Aktion für die Disco-Szene aus „Saturday Night Fever“ schwärmt: „Die Frisur, das Make up, das tolle rote Kleid – ich hätte nie gedacht, dass ich so schön sein kann!“

Ganz klar ist, dass nach einem solch aufreibenden Event für die schon etwas betagten Akteure auch Ruhe wieder gut tut. Alltag eben. Was wollten die Verantwortlichen mit dieser aufsehenerregenden Aktion bezwecken? Dem Geschäftsführer beim Pflegeinrichtungsträger, Thomas Behler, ist besonders wichtig das Label „Mut-Mach-Kalender“. Er sieht das sicherlich auch vor dem Hintergrund vieler kritischer Beiträge in den Medien über schwierige Verhältnisse in Altenheimen. Ihm ist es ein großes Anliegen, deutlich zu machen, dass Leben in den Einrichtungen herrscht: „Dort gibt es Spaß, das Leben geht auch dort weiter – trotz aller Probleme in der Pflege.“

Bein und Dekolleté können mutig gezeigt werden

Contilia-Geschäftsführer Heinz-Jürgen Heiske ergänzt: „In unseren Seniorenstiften versuchen wir immer, den Alltag mit besonderen Angeboten zu durchbrechen. Das reicht vom Schwimmbadbesuch bis hin zur Kreuzfahrt mit Menschen mit schwerer Demenz. Viele alte Menschen glauben: Wenn ich in die Einrichtung gehe, wartet kein neues Abenteuer auf mich.“ Dass dies nicht so sein muss, ist den Contilianern wichtig. Denn hier geht es in tausend kleinen Dingen auch immer um viel Gefühl für die Bedürfnisse und Empfindlichkeiten der Bewohner. So legte Heiske für diese furiose Film-Kalender-Idee großen Wert darauf, dass „niemand nach Karneval oder verkleidet aussehen sollte.“ Dennoch: Bein und Dekolleté werden durchaus auch mal mutig gezeigt. Warum denn auch nicht, möchte man sagen.

Mary

Erna Schenk alias Mary Poppins
© Contilia/Fotostudio Wentges

Man kann Heiske dieses Engagement, diese Empathie für „seine“ Seniorinnen und Senioren durchaus als glaubwürdig abnehmen. Es verbietet sich rund herum, dahinter einen billigen Werbetrick zu vermuten. Denn Christlichkeit ist das Fundament des Werteprofils der Contilia. So ist es im Leitbild dieses Verbundes von Stiftungen zu lesen. Auf dieser bald 200-jährigen Tradition gründet die Gruppe. Sie bekennt sich zur Fortführung dieser Tradition und zu ihren Wurzeln in der Caritas, der gelebten christlichen Nächstenliebe. Erna Schenk (78), alias Mary Poppins, kann das aus eigenem Erleben nur bestätigen. Bevor sie 2011 in das Seniorenstift Kloster Emmaus zog, hatte sie allein zu Hause psychische Probleme. Hier im Heim lebt sie richtig auf. Und einer ihrer Schwestern wunderte sich: „Gott, was Du so alles erlebst im Altenheim!“ Helga Nottebohn, Leiterin der Einrichtung Kloster Emmaus und „Entdeckerin“ von Erna Schenk, bringt die Erfahrungen auf den Punkt: „Dieser Kalender macht Mut, alt zu werden.“

„Das bin ja wirklich ich“

Nicht zuletzt haben die passende Frisur und ein tolles Make-up dazu beigetragen, dass sich die Senioren toll gefühlt haben. Immer wieder schauten sie in den Spiegel. Gerade die Damen waren beeindruckt: „Das bin ja wirklich ich!“ Jedoch sind hier keine Kopien entstanden. Allen Beteiligten war wichtig, dass die Personen auf den Fotos in ihrer Persönlichkeit sie selbst blieben. Sie sollten nicht verjüngt werden, sondern ihre ganz eigenen Lebensgeschichten erzählen.

Die Ergebnisse, die auf diese Weise erzielt wurden, sind unglaublich. „Die Überraschung ist uns gelungen“, begeistert sich Heinz-Jürgen Heiske. „Als Geschäftsführung freuen wir uns immer wieder, wenn es uns gelingt, den Alltag für die Bewohner und für die Mitarbeiter zu etwas besonderem werden zu lassen.

Titel

Titel des Jahreskalender 2014
© Contilia/Fotostudio Wentges

Facebook: Der Rest der Welt liebt euch auch

Übrigens: Das Projekt Filmkalender schaffte es bei Facebook aus dem Stand auf weit über 10.000 „Likes“ („Mag ich!“) und auf über 40 Presseberichte in zwei Tagen. Mut machen auch die Chat-Einträge bei Facebook: Moritz Thevissen fordert freundlich „Neuauflage!! Bitte!“. Joshua Regitz ist sicher: „Der Rest der Welt liebt euch auch!“

Bond-Darsteller Wilhelm Beuting (89) gefiel sich in seiner Rolle so gut, dass er gleich nach dem Shooting im 007- Anzug zum Tanztee ging. Junge Alte eben…

Dieter Buchholtz

 

Info

WDR WESTART zeigt am

Samstag, 01. Februar 2014, 08.50 – 09.30 Uhr (Wdh.): „Hollywood im Altenheim. Senioren stellen Filmklassiker nach“
Hier in der WDR-Mediathek ansehen

Passend auch zum Thema in rantlos.de : Kommentar in angemerkt: „Es gibt kein Zurück“

 




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