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Masche für Boshi

Elisa (27) ist im Häkel-Rausch. Ihre Taschen laufen über mit Woll-Knäuel. Zig Mützen und Schals hat sie schon Masche für Masche zu kleidsamen Accessoires werden lassen. Für “rantlos” rollt sie einen Erzählfaden ab. Sie lässt uns hinter die Kulissen des Trends gucken, der eine alte Tradition in kräftigen Farben neu belebt:

Jana (li) und Elisa (re) mit ihren selbst gehäkelten Mützen

Jana (li) und Elisa (re) mit ihren selbst gehäkelten Mützen.

Bald geht es ab in den Skiurlaub… Auf dem „Laufsteg Piste“ heißt es dann, eine gute Figur zu machen. Dafür und für warme Ohren sind angesagte Accessoires wichtig – gefühlt sind sie sogar entscheidend. Aber die Pistentage sind ja schon teuer erkauft. Der Wunsch nach einer wirklich schönen Mütze oder einem modischen Schal ist jedoch zu groß, um ihn zu ignorieren. Was liegt näher, als es selber mal auszuprobieren? Das allwissende Internet erklärt in zig Varianten, wie mit etwas Geschick eine schöne Mütze selbst erarbeitet werden kann. Der heiße Tipp: HÄKELN.  Das ist zur Zeit der Renner. Denn das Internet findet innerhalb von 0,16 Sekunden 274.000 Einträge zu „Mütze häkeln“. Also nur einfach reinlesen und schon klappt es?

Irrtum: Die Anleitungen im www sind ja sehr informativ und lehrreich. Sie reichen aber nicht aus, um einem Laien diese Kunst mit Stäbchen, halben Stäbchen und Luftmaschen beizubringen. Die weitere Suche führt mich zu myboshi.net. Wow! Die dort gezeigten Mützen und der jugendlich zur Schau gestellte Geist der Macher wehen den omahaften Staub aus den Häkelmaschen. Boshi ist kein Kunstwort, sondern bedeutet auf Japanisch einfach nur Mütze. Also endlich eine gute und einfache Anleitung zum Mützenselbermachen! Das Buch bestellen? Dauert zu lange…. Dann doch noch schnell bei amazon nachschauen, um festzustellen, dass selbst ein Blitz-Versand ein bisschen Zeit benötigt.

Zwischen Mützenmacher und Mützenkonfigurator

hilft die Oma aus dem Nähkästchen

Wenn keiner mehr Rat weiß, dann hilft die Oma aus dem Nähkästchen

Um diese Wartezeit zu überbrücken, wage ich einige Häkelverrenkungen mit der Nadel. Angesichts meiner wirklich ungelenken Fehlversuche auf dem abendlichen Sofa sende ich wieder einmal einen Notruf ab. Meine entscheidende Frage zu später Stunde an meine Mutter lautet: „Kannst du häkeln?“ Zurück kommt ein erstauntes „JA!“ Durch das Telefon spüre ich sofort: Bei meiner Mutter macht sich eine Mischung aus Verwunderung und Freude breit. Aus ihrem tiefen Innern wird sofort herausgekramt, was sie mal im Handarbeitsunterricht gelernt hat. Sie ist einfach glücklich, dass sie den Kindern in Zeiten von Computer und Co doch noch etwas voraus hat. Zum Beispiel, wie mit einfachen Knoten eine Mütze Gestalt annimmt.

Der Start aber ist mühsam. Denn trotz aller Unterstützungen enden meine ersten Versuche in einer Art Topflappen, der als Kopfschmuck denn doch eher abschreckend wirkt. Die Lösung schließlich: „Mützenmacher“ von myboshi. Mit bildlichen Anleitungen, Modellideen und einem Mützenkonfigurator ist alles geboten, was das junge Häkelherz in der Theorie braucht. Um diese aber selbst  in die Praxis umsetzen zu können, fehlt noch immer der notwendige Grundstoff.  Und wieder kommt der rettende Tipp aus der analogen Welt von Mama. Sie weiß einfach, wo man in Bonn Wolle kaufen kann. Also Navi über Smartphone aktivieren und ab mit dem Fahrrad zu Rödel in die Innenstadt.

In endlosen Regalen finde ich in dem Laden alle Arten und Farben von Wolle und Garn. Als Anfängerin fühle ich mich etwas verloren im Labyrinth unzähliger Wollkneuel. Die freundliche und sehr geduldige Verkäuferin liest mir meine Hilflosigkeit aus dem Gesicht. Mit ihrem Fachwissen hilft sie, die richtige Wolle und passende Häkelnadel für meine „Zukünftige“ zu finden. An der Kasse kommen mir leichte Bedenken, ob es sich überhaupt lohnt, selbst Hand anzulegen. Vielleicht lässt die Branche viel billiger in Asien produzieren? Die Zweifel aber lösen sich schnell in Luft auf. Die Wolle mitsamt der Häkelnadel liegen mit neun Euro noch weit innerhalb meines Skiurlaub-Budgets.

Begeisterte Häkel-Lehrerin und Woll-Kurier

Tipps und Tricks helfen beim Ausbau der Fertigkeiten

Tipps und Tricks helfen beim Ausbau der Fertigkeiten.

Also rasch wieder auf das heimische Sofa. Frischer Tee, stimmungsvolle Musik und Kerzenduft sorgen für eine häkelige Wohlfühlatmosphäre. Das „Mützenmacher“-Buch balanciert auf der Sofalehne, und die Hände greifen nach  Nadel und Wolle. Mutter ist extra herbei geeilt, um mir bei den ersten Knibbelbewegungen zur Hand zu gehen. Immer wieder korrigiert sie die Häkelversuche. Manche Fehler passieren mir immer wieder, dann muss gnadenlos aufgedröselt werden. Nach knapp fünf  Stunden ist die erste Mütze fertig. Meine Handgelenke und auch die Augen brauchen eine längere  Pause.

Ein halbes Stäbchen häkeln

Ein halbes Stäbchen häkeln.

Die mit so viel fachlicher Unterstützung gefertigte Mütze wird wie eine Trophäe über das Foto-App des Smartphones von allen Seiten dokumentiert. Familienmitglieder und ziemlich beste Freunde bestätigen: Das ist  ein super modisches Highlight. So in meinem Selbstbewusstsein aufgerüstet, wage ich es, die „Neue“ in der Öffentlichkeit zu tragen.  Kolleginnen sprechen mich an. Sie haben das gehäkelte Kunstwerk in seinen kräftigen Farben sofort entdeckt. Ich bin überrascht, wie selbst ansonsten wortkarge Kollegen auf einmal Feuer und Flamme für die kleine Kopfbedeckung sind. Ich werde regelrecht mit Fragen bombardiert: „Woher kannst du das? Ist das schwer? Wie teuer ist das? Kannst du mir das beibringen?“

Nicht mehr ohne Mütze aus dem Haus

Einige Besuche bei der Woll-Filiale Rödel später und nach der kompletten Ausstattung der Familie mit neuen Kopfbedeckungen: Jetzt traue ich mir sogar zu,  einer Kollegin das Häkeln beizubringen. In der Mittagspause fühle ich mich wie eine Lehrerin in der Grundschulklasse: „Hilfst du mir nochmal? Ich kann das nicht alleine…“ Das Lehren hat natürlich eine steigende Nachfrage nach Wolle zur Folge. Erstaunlicherweise erwies sich dabei mein Woll-Stammgeschäft als absolut konkurrenzfähig gegenüber einer Online-Bestellung. Jetzt bin ich nicht nur Lehrerin, sondern auch Wolle-Kurier.

Es sind nur noch wenige Tage bis zum Skiurlaub. Ich kann jetzt zwischen drei verschiedenen Mützen wählen. Genau wie meine Schwester, mein Vater, meine Mutter, meine besten Freunde und mein Freund, der kaum noch ohne „meine“ Mütze aus dem Haus geht. Es ist einfach zum HÄKELN.

Elisa Göckeritz und Dirk Buchholtz

Hierzu passt auch:  30 Omas häkeln Mützen 

 

 

 

 

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    Zwei studentische Outdoor-Freaks und Ski-Enthusiasten Thomas Jaenisch und Felix Rohland aus dem oberfränkischen Helmbrechts sind 2009 zum Skifahren in Japan. Jeden Abend ist Feiern angesagt. Eine spanische Skilehrerin aber häkelt unentwegt, sie trinkt nicht. Das wirkt ansteckend. Die beiden Männer haben es nachgemacht und neun Stunden für die erste Mütze…
    Tags: häkeln, für, noch, mützen, farben, über, später, id="attachment, dann, caption




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