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Verloren und vergessen?

 

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Schulministerin Sylvia Loehrmann legt in Begleitung von Schülern auf dem Friedhof Langemark einen Kranz nieder

Leise erklingt die Trompete mit dem Lied vom guten Kameraden in der Abenddämmerung über der deutschen Kriegsgräberstätte Langemark im westflandrischen Belgien. Nordrhein-Westfalens Schulministerin Sylvia Löhrmann (Die Grünen) legt, in Begleitung dreier Schüler der Gesamtschule Berger Feld aus Gelsenkirchen, einen Kranz nieder. Langemark ist mit 44 324 Toten einer von insgesamt vier deutschen Soldatenfriedhöfen aus dem 1. Weltkrieg in Flandern. Als „Friedhof der Freiwilligen von 1914“, auch als „Studentenfriedhof“ hat er traurige Berühmtheit erlangt.  Etwa 15 Prozent der Kriegsfreiwilligen zu Beginn des 1. Weltkriegs waren Studenten und Abiturienten.

Erinnern für die Zukunft

Am 11. November jährte sich zum 95. Mal der Tag des Waffenstillstandes von 1918, der das Ende des damaligen Völkermordens markierte. Aus diesem Anlass reiste NRW-Schulministerin Sylvia Löhrmann nach Belgien  und nahm – als erste deutsche Politikerin überhaupt – gemeinsam mit dem britischen, französischen und deutschen Botschafter in Belgien an der zentralen Gedenkfeier am Menen-Tor im Städtchen Ypern teil. Mit dabei waren auch zwei deutsche Schülergruppen der Gesamtschule Berger Feld, Gelsenkirchen, und der Willy-Brandt-Gesamtschule aus Bottrop. Dazu die Ministerin: „Das Gedenken an das Ende des Ersten Weltkrieges lässt uns den Europäischen Frieden als ein kostbares Gut zu schätzen wissen. Durch den Besuch geschichtsträchtiger Orte oder das bewusste Begehen historischer Gedenktage wird Geschichte greifbar und erlebbar. Die Reisen der Schülerinnen und Schüler sind ganz im Sinne des Landeskonzepts zur Stärkung der Erinnerungskultur an Schulen. Unter dem Titel  ´Erinnern für die Zukunft` möchten wir die historisch-politische Bildung fördern.“

Gemeinsame Kranzniederlegung

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Die Schüler Jan Lehmann (li) und Phillis Canibol (re) legten gemeinsam mit Ministerin Sylvia Loehrmann am Menen Gate einen Kranz nieder

Zum Besuchsprogramm Löhrmanns und der Schültergruppen gehörten auch das eindrucksvolle, am 11.Juni 2012 neu eröffnete Museum „In Flanders Fields“ und eine gemeinsame Kranzniederlegung am so genannten Menen-Tor in Ypern. Dieses, 1927 errichtete, Tor unweit des Stadtkerns ist eines von insgesamt vier britischen Ehrenmalen in Flandern, die an die Gefallenen und Vermissten des britischen Empire erinnern, die nicht identifiziert oder deren Gräber nicht gefunden werden konnten. 54.896 Namen mit Dienstgrad und Einheit sind hier in den weißen Stein gehauen. Die Jahre des 2. Weltkriegs ausgenommen, wird dort seit 1928 allabendlich um 20 Uhr „Last Post“, das britische Totensignal, geblasen. Am 9.Juli 2015, beim Gedenken an den 100. Jahrestag des Kriegsausbruchs wird dies zum 30 000. Mal erfolgen.

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Das Menen Gate in Ypern

Das Friedensprojekt der Gesamtschule Berger Feld läuft seit 14 Jahren. Vor dem Erstbesuch der Gesamtschule im Jahr 1999 waren keine deutschen Teilnehmer an den Gedenkfeierlichkeiten am Menen Gate zugelassen. Erst auf Anregung der Schule hat sich vor Jahren der deutsche Militärattache in Belgien mit einer Gruppe von Soldaten an den Feierlichkeiten beteiligt. Aus dem Friedensprojekt der Berger Feld Schule, sind mittlerweile zahlreiche Facharbeiten entstanden, wie zum Beispiel „Stellungskrieg: Alltag in den Schützengräben“,  „Behandlung traumatisierter Soldaten im Ersten Weltkrieg“ und „Mythos Langemark: Rekrutierungsmethoden und Umgang mit jungen Soldaten“.

 „Aus der Vergangenheit lernen“

In Zusammenarbeit mit der belgischen Schule „Heilige Familie“ in Ypern, finden regelmäßige Besuche statt, zur Aufarbeitung der Geschichte des Ersten und Zweiten Weltkrieges und um gemeinsam historisch zu forschen sowie die Aussöhnung in der Zusammenarbeit konkret zu erfahren und damit praktische Friedensarbeit zu leisten. Okan Civask, Schüler türkischer Herkunft mit deutschem Pass: „Wir sind hier, um zu zeigen, das unsere Generation etwas verändern kann. Wir lernen aus der Vergangenheit und wollen die Zukunft neu anpacken“.

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Prinz Phillip und Prinz Laurent, sowie Schulministerin Sylvia Löhrmann nahmen an der großen Zermonie teil

Ganz anders als in Deutschland ist – obwohl er doch schon so lang zurück liegt – der 1. Weltkrieg noch immer tief im Bewusstsein der damaligen Kriegsgegner verankert. So ist der 11.November (Tag des Waffenstillstands) in Frankreich, Großbritannien, den USA und den Ländern des Britischen Commonwealth nationaler Gedenk-, in Belgien sogar Nationalfeiertag. In Vertretung des König Philippe war Belgiens Prinz Laurent bei den Feierlichkeiten in Ypern anwesend war.  Auf Einladung des britischen Botschafters Jonathan Brenton fand in diesem Jahr zudem eine besondere Zeremonie für das „Flanders Fields Memorial Garden Project“ (ein belgisch-englisches Partnerschaftsprogramm) am Menen-Tor in Ypern statt. Als Ehrengast war nämlich Prinz Philip, Prinzgemahl und Ehemann von Königin Elizabeth angereist.

 70 Säcke Friedhofserde

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70 Säcke Friedhofserde holte Prinz Phillip mit nach England

Er war gekommen, um 95 Jahre nach dem Ende der damaligen, grausamen Metzeleien 70 Leinensäcke mit Erde von den britischen Kriegsgräberstätten heim auf die Insel zu holen. Belgische Schüler verluden gemeinsam mit britischen Soldaten die Säcke auf eine Lafette. Zum Abschluss bliesen Trompeter den Signalruf „The Last Post“. Zur Kranzniederlegung besuchte Ministerin Löhrmann in Begleitung der Schülerinnen und Schüler neben Langemark auch die französische Kriegsgräberstätte  „Cimetiere Saint-Charles-de-Potyze“ und den riesigen englischen Friedhof „Tyne Cot Cemetery“.  Auf dem deutschen Soldatenfriedhof  trug die Schülerin Vanessa Keller das folgende, selbstgeschriebene Gedicht vor:

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Vanessa Keller trug ihr Gedicht vor

„Was haben Kriege aus uns gemacht?

Ein Land in Sorge, ein Körper und Wunden

Worte spenden Kraft doch Jahre sind auch nur

Stunden.

Was wurde im Krieg von uns geschafft?

Die Erinnerung da, Schmerz überwunden

Worte spenden Kraft doch Jahre sind auch nur

Stunden.

Was hat der Krieg uns gebracht?

Trauer, Tod an uns gebunden

Worte spenden Kraft doch Jahre sind auch nur

Stunden

Was hat der Krieg uns genommen?

Alles verloren, nichts gewonnen

Worte spenden Kraft doch wer zuletzt lacht

denkt an die Jahre und ehrt die Stunden“.

Mythos vom „Opfertod“

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Mininisterin Sylvia Löhrmann mit den Schülern Lena Kulla, Okan Civak und Vanessa Keller auf dem deutschen Friedhof Langemark

Um den Namen „Langemark“ war in Deutschland viele Jahre lang ein Mythos vom „Opfertod“ ganzer Generationen gewoben worden; selbst heute taucht er immer noch mal wieder auf. Es ist die Geschichte von den jungen Helden, die – quasi aus den Schulzimmern und Hörsälen heraus – mit Todesverachtung, voller Begeisterung und mit dem Deutschlandlied auf den Lippen in die Maschinengewehr-Garben gestürmt seien. Tatsächlich hatten die deutschen Angreifer gleich zu Beginn der ersten (von insgesamt vier) „Flandernschlacht am 10. November 1914 mehr als 20 000 Tote zu verzeichnen.Tatsächlich auch vermeldete der deutsche Heeresbericht begeisterte, vorwärts stürmende junge Männer. Was der Bericht verschwieg war, dass die Heeresführung ebenso sinnlos wie unverantwortlich gehandelt hatte, weil sie im Wesentlichen nur unzureichend ausgebildete Verbände ins Feuer schickte und dort regelrecht verheizte. „Sie starben, damit Deutschland lebt“, ist am Eingang zum Soldatenfriedhof Langemark zu lesen. Es ist der Spruch, den in den 20-er Jahren zunächst nationalkonservative Kräfte in Deutschland und später, noch lautstärker, die Nationalsozialisten mit dem Massentod der Jugend im Schlamm von Flandern verknüpften. Wer heute Langemark oder die drei anderen deutschen Soldatenfriedhöfe in Belgien besucht, wird nur selten Deutschen begegnen. Wenn überhaupt auf Grabplatten Erinnerungszeichen liegen, sind sie meistens englischen Ursprungs. Es sind in der Regel kleine hölzerne Kreuzchen mit der papiernen Nachbildung einer roten Mohnblüte und dem Satz „We shall remember“ – wir denken an Euch, selbst an unsere einstigen Feinde. Vor dem Hintergrund dieser Geschichtsvergessenheit gewinnt die Reise der Schulministerin und der Schülergruppen nach Ypern noch zusätzliches Gewicht.

Die „poppies“ – Symbol der Erinnerung

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Die „Poppies“, Blüten des Klatschmohns, Symbol der Erinnerung

Ein Gewicht, wie es den „poppies“ – also den Blüten des roten Klatschmohns – als Symbol der Erinnerung an das Völkergemetzel vor beinahe hundert Jahren in Flandern seit Jahrzehnten schon in Großbritannien beschieden ist. Die am Menen-Tor von Ypern (durch das Tag für Tag die englischen, kanadischen und aus den damaligen Kolonien herbei gekarrten Soldaten nach Osten in den Tod marschierten) niedergelegten Kränze sind voll davon. Sie erinnern an „In Flanders Fields“ – eines der berühmtesten und ergreifendsten Gedichte in englischer Sprache,  geschrieben während eines Granatenangriffs in der zweiten „Flandernschlacht“ am 3. Mai 1915 von dem kanadischen Arzt und Oberstleutnant John McGrae:

„In Flanders fields the popppies blow

Between the crosses, row by row…“

(„Auf Flanderns Feldern wächst der Mohn,

blüht zwischen Gräberreihen schon…“)

Sepp Spiegl

Info:

Ypern, Ieper (niederländisch), Ypres (franz. und engl.) Belgische Provinz Westflandern 36 000 Einwohner.

Im Mittelalter neben Gent und Brügge wegen der Textilherstellung eine der bedeutendsten Städte Flanderns. Die nach dem 1. Weltkrieg wieder aufgebaute Tuchhalle ist das größte profane (nicht kirchliche) gotische Bauwerk Europas. Während des 1. Weltkriegs direkt an der Westfront gelegen, wurde Ypern total zerstört. Die Bewohner widersetzten sich jedoch dem Ratschlag Winston Churchill, die Ruinen als „ewiges Mahnmal“ zu lassen und bauten die Stadt historisch genau wieder auf.

Sehenswürdigkeiten:

Die Tuchhalle. Heute höchst sehenswerts Museum „In Flanders Fields“

Menen-Tor. Erinnerungsbauwerk an die nicht identifizierten oder vermissten britschen und Commonwalth-Soldaten.

Pittoresker Markplatz. Zahlreiche Soldatenfriedhöfe in der unmittelbaren Umgebung.

Anreise:

Von Westen (Aachen) kommend Autobahn entweder über Lüttich oder Genk (beide kommen vor Brüssel wieder zusammen) bis Brüssel („Ring“). Entweder Nord- oder Südumfahrung der belgischen Hauptstadt bis Beersel, danach Richtung Halle und der Autobahn folgen bis Kortrijk und anschließend über Wevelgem bis Ypern.

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    Tags: löhrmann, ypern, deutschen, für, ersten, belgien, so, november, vier, soldatenfriedhof
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    Tags: für, hat, ypern, nur, jahre, um, war, so, löhrmann, tag
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