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Kriegsgräber -Trauern, Erinnern und Vergessen

Noch immer werden jährlich 40 000 gefallene Soldaten aus beiden Weltkriegen identifiziert und zur letzten Ruhe gebettet

(Titelfoto auf Startseite: Auf der Grabstätte nahe der alten Kirche in Rheine-Mesum ruhen neun Männer, eine Frau und zwanzig Kinder, davon eine namenlose Totgeburt. Sie kamen aus Russland, Weißrussland (Belarus), der Ukraine, Polen, der Tschechoslowakei, aus Belgien und den Niederlanden). Verschleppte, Versklavte, Opfer von Krieg und Gewalt wie die Gefallenen an der Front auch.

 

Der Der Ruhrpott-Fußballverein FC Schalke 04 hat eine lange, traditionsreiche und wechselvolle Geschichte. Aber der 20. November 2013 hat selbst hier eine ganz besondere Bedeutung. Denn an dem Tag wird in Gelsenkirchen Adolf schalke_fanfeld_1„Ala“ Urban zur letzten Ruhe gebettet. Genauer: Zur allerletzten. Und auch nicht auf irgendeinem Friedhof. Denn der Tote ist schließlich ebenfalls  nicht irgendwer.  Zudem sind die sterblichen Überreste von sehr weit hergebracht worden. Die Grabstätte ist – das „Schalker Feld“. Das ist ein im Dezember 2012 eingeweihtes, speziell für Klub-Fans gestaltetes Bestattungs-Areal in Form eines Fußballstadions. Urban erhält dort einen Ehrenplatz im Mittelkreis. Etwas mehr als siebzig Jahre nach seinem Tod am 27. Mai 1943 in einem Lazarett an der Ostfront . Der damals 29-jährige Feldwebel im Infanterie-Regiment 422 hatte im „Kessel von Demjansk“ einen Lungenschuss erhalten. Selbst die britische BBC vermeldete seinerzeit – immerhin mitten im Krieg – den Tod dieses Mannes, der seitdem auf dem Soldatenfriedhof Korpowo in Russland beerdigt war.

„Ala“ Urban war Fußballer, ein besonderer. Schon auf dem ersten, schlichten, hölzernen Grabkreuz in Korpowo stand geschrieben:  „Deutscher Nationalspieler“.  Die Fachwelt kannte ihn damals als Linksaußen der legendären „Breslauer Elf“, die 1937 gegen Dänemark 8 : 0 gewonnen hatte. 21 Mal trug er das schwarz-weiße Trikot des DFB. Und er war Schalker; fünf Mal wurde er mit den „Knappen“ Meister. Urbans Spezialität: Schrägschüsse, von denen Zeitzeugen schwärmten, man habe Angst haben müssen, „dass sie das Stadiondach abreißen“. Doch über Krieg, Tod  und Nachkriegswirren geriet auch der Name des bis dahin vielleicht begabtesten deutschen Kickers in Vergessenheit. Nur bei einem nicht – bei dem heute 89-jährigen Karl Brockmann. Der war an jenem 27. Mai vor 72 Jahren dabei, als Urban von der Kugel getroffen wurde. Und er war dabei, als er starb. Jahrelang hatte Brockmann immer wieder schriftlich bei den S-04-Oberen angeregt, man solle doch nach Spielen am Jahrestag eine Gedenkminute im Stadion einlegen – keine Antwort. Bis er eines Tages telefonisch zum jetzigen Aufsichtsratsvorsitzenden, Clemens Tönnies, durchgestellt wurde, der sich mit wachsendem Interesse die Geschichte anhörte und sich dann (nach eigener Aussage) wegen des bisherigen Vereins-Verhalten  „fremdschämte“.

Hilfe von der Kriegsgräberfürsorge

Trauerfeier

Trauerfeier für „Ala“ Urban auf Schalke

Der Rest ist rasch erzählt.  Bei der nächsten Mitgliederversammlung kündigte Tönnies kurz und knapp an: „Wir holen unsern ´Ala´ heim“. Die notwendige Hilfe erfuhren die Schalker durch den Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge (VDK), dem die Einrichtung, Pflege und Erhaltung von Beerdigungsstätten deutscher Soldaten, aber auch anderer Kriegstoten im In- und Ausland obliegt. Denn tatsächlich wies der Such-Computer sehr schnell die Fundstelle aus: Deutscher Soldatenfriedhof Korpowo (Russland), Block 18, Reihe 45, Grab 2776. Anfang Juni 2013 Jahres flog Clemens Tönnies mit einer Delegation nach Russland, um die notwendigen Formalitäten zu klären und die Gebeine Urbans rückzuführen. Als sie am 20. November schließlich endgültig auf dem „Schalker Feld“ der Erde übergeben wurden, seufzte ein Saxophon hingebungsvoll das Vereinslied „Blau und weiß, wie lieb ich dich“.

Keineswegs alle Geschichten, von denen die Akten und Mitarbeiter des Volksbunds Deutsche Kriegsgräberfürsorge berichten können, sind natürlich so spektakulär wie die von Adolf Urban.. Und doch geht es in jedem Fall um die Einzelschicksale von vielen Millionen Menschen. Um  Namen und Lebensläufe, die zum Teil fast 100 Jahre zurückreichen. Denn der VDK ist nicht nur zuständig für die Opfer des Zweiten, sondern auch für die des ersten Völkermordens 1914/18. Am 16. Dezember 1919 war der Volksbund gegründet worden. An seiner „Wiege“ standen Personen wie der junge Konrad Adenauer, aber auch  der Feldmarschall und Mit-Erfinder der Legende vom „Im Felde unbesiegt“, Paul von Hindenburg. Das grundsätzlich Neue dabei war die –  über die Schützengräben hinaus  empfundene – Verantwortung gegenüber den Gefallenen. Möglichst alle sollten würdig bestattet und ihre Gräber erhalten werden. Und bei jenen, die nicht gefunden wurden, wollte man wenigstens den Namen der Nachwelt sichtbar erhalten.

Mit Hurra zu den Nazis

Geschaffen also eigentlich als eine zutiefst Humanität, Ausgleich und grenzübergreifender Versöhnung verpflichtete Vereinigung, machte allerdings auch der VDK die Entwicklungen vieler anderer Institutionen in Deutschland mit – nicht zuletzt den Anschluss bei den Nazis. Deren Helden-Überhöhung empfanden zahlreiche und auch namhafte Mitglieder als „deutscher“ und damit erstrebenswerter als Trauer und die Darstellung der entsetzlichen Realitäten des Krieges. Kein Wunder, dass der „Volkstrauertag“ noch bis weit in die 60-er Jahre des 20. Jahrhunderts als „Heldengedenktag“ im Bewusstsein großer Teile der Bevölkerung verankert war.  Und täuscht der Eindruck, dass sich die Tätigkeit des Volksbunds heute mitunter ziemlich fern vom öffentlichen Interesse vollzieht ?

Wer die riesigen Soldatenfriedhöfe an der ehemaligen Westfront des Ersten Weltkriegs in Flandern oder Frankreich besucht, kann ein seltsames Phänomen beobachten. Noch immer werden die britischen, Langemarkamerikanischen oder kanadischen Gedenkstätten von vielen (nicht zuletzt jungen) Landsleuten aufgesucht. Häufig forschen, in der dritten oder vierten Generation, Menschen nach Namen und Daten ihrer Vorfahren. Dagegen die deutschen Friedhöfe – weitgehend Fehlanzeige. Dabei zählt zum Beispiel die Gräberstätte Langemark im äußersten Westen Belgiens mit jährlich rund 280.000 Besuchern zu den am meisten frequentierten Plätzen dieser Art auf der Erde. Indessen – 80 Prozent davon sind Schulklassen aus Großbritannien, die aber gleichwohl selten vergessen, auch dort (beim einstigen Feind, also)  das traditionelle Erinnerungssymbol des Commonwealth niederzulegen: ein kleines Holzkreuz mit einer papiernen Mohnblüte und der Aufschrift „We shall never forget“ (Wir werden nie vergessen). Der Erste Weltkrieg ist offensichtlich aus dem deutschen Bewusstsein so gut wie verschwunden und hat  historisch nur noch etwa die Bedeutung wie die viel weiter zurückliegenden napoleonischen Kriege.

In 45 Ländern tätig

Duchowschtschina

Der Sammelfriedhof Duchowschtschina in der Russische Föderation

Heute betreut der Volksbund 832  Kriegsgräberstätten in 45 Ländern der Erde! Am 3. August 1973 wurde im russischen Städtchen Duschowschtschina, etwa 60 Kilometer entfernt von Smolensk, noch einmal ein großer Sammelfriedhof für deutsche Gefallene eingeweiht. Höchstwahrscheinlich wird es der letzte dieser Art sein. Der Ort ist für etwa 70 000 Bestattungen ausgelegt und wird in wenigen Jahren die wohl größte deutsche Kriegsgräberstätte weltweit sein. 33 000 Umbettungen wurden allein in diesem Jahr in Russland vorgenommen. Insgesamt sind es, über die Jahre, im Osten sogar mehr als 800 000. Man mag es glauben oder nicht – auch mehr als sieben Jahrzehnte nach Ende des Krieges werden noch immer jedes Jahr um die 40 000 Kriegstote (manche selbst aus dem Ersten Weltkrieg) gefunden und oft genug identifiziert. Sogar den früheren Kölner Kardinal Joachim Meisner erreichte eines Tages eine solche Nachricht. VDK-Experten hatten die Gebeine seines in Belgrad gefallenen Vaters gefunden; auf dem Gelände einer Tankstelle. Und auch die Suche des ehemaligen Bundeskanzlers Gerhard Schröder nach dem Verbleib seines vermissten Vaters konnten die Leute vom Volksbund positiv beantworten. Mittlerweile hat Schröder das väterliche Grab in Rumänien aufsuchen können. Die VDK-Fachleute profitieren davon, dass deutsche Gründlichkeit noch funktionierte, als Deutschland schon längst in Ruinen lag. Bis zum letzten Kriegstag wurden der damaligen „Wehrmachtsauskunftsstelle“ (heute: „Deutsche Dienststelle“ in Berlin) Daten von Soldaten gemeldet. Darunter auch Begräbnisorte. Auf diese Angaben stützt sich nun, häufig genug erfolgreich, die Suche. Manchmal wird man sogar unter dem Rasen eines Fußball-Stadions fündig.

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Peter Bülter (re), NRW/VDK-Landesgeschäftsführer und sein Stellvertreter Wolfgang Held (li)

Dennoch ist nicht zu übersehen, dass sich die Aufgaben und Zielrichtung des Vereins schon jetzt deutlich verändern und dies in Zukunft wohl noch viel stärker werden tun müssen. Zwar ist der Geschäftsführer des in Essen ansässigen Landesverbands Nordrhein-Westfalen, Peter Bülter, überzeugt, „dass wir in den nächsten Jahren noch 250.000 bis 300 000 Kriegstote finden und identifizieren werden“. Allerdings werde es immer schwerer, diese zuzuordnen. Denn: „Wir haben zunehmend Schwierigkeiten, noch Angehörige ausfindig zu machen“.  Nach Bülters Auffassung werden deshalb Kriegsfriedhöfe auf Dauer vermutlich weniger Orte persönlicher oder kollektiver Trauer sein und stattdessen mehr die Funktion von Mahnmalen für Frieden und Versöhnung einnehmen. Das beantwortet freilich nicht die Frage nach der Zukunft jener, zum Teil weit entfernten Anlagen, die schon lange von kaum noch jemandem besucht werden. Diese Frage gilt indessen weniger dem Volksbund als der Gesellschaft insgesamt und der Politik. Denn Kriegsgräber stehen gesetzlich unter besonderem Schutz, und die Toten genießen „ewiges Ruherecht“.

„Kriegstote sind nicht nur Soldaten

Längst hat, im Übrigen, im VDK die Philosophie Einzug gehalten, “dass unter ´Kriegstoten´ keineswegs nur gefallene Soldaten zu verstehen sind“ (Bülter). Deshalb gehört zur Inlandsarbeit auch das Erforschen der Schicksale von Deportierten, Zwangsarbeitern, und sogar Kindern von verschleppten Frauen – Opfern von Krieg und Gewalt wie die Toten an der Front. Ein beendruckendes Beispiel dafür sind die Erinneungs-Stelen an der Alten Kirche in Rheine—Mesum, unweit der niederländischen Grenze (s. Tietelbild).

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Peter Bülter

Der Wahlspruch des Volksbunds Deutsche Kriegsgräberfürsorge lautet „Dienst am Menschen ist Dienst am Frieden“. Seit vielen Jahren widmet sich der Verein darum auch bevorzugt der Jugendarbeit – grenzübergreifend. Doch jetzt, so sieht es aus, gewinnt diese Aufgabe noch zusätzlich an Gewicht. Vor einiger Zeit besuchte Nordrhein-Westfalens Bildungsministerin Sylvia Löhrmann auf Anregung des VDK mit zwei Schulklassen das Weltkrieg-I-Kampfgebiet und die belgische Stadt Ypern in Westflandern (rantlos berichtete). „Es sind immer die Schulleiter“, berichtet Bütler aus Erfahrung, „von denen es abhängt, ob sich bei den Jugendlichen Interesse für diesen Bereich der Geschichte entwickelt“. Wenn eine Schule einmal „bei uns gewesen ist, dann kommt sie im aller Regel auch wieder“. Benachbart an Soldatenfriedhören, unterhält der Volksbund  dafür Schulungs-, Besgegnungs-, Arbeits- und Bildungscamps in Frankreich, Polen, Holland und Belgien. Und sie werden genutzt – jährlich von etwa 20 000 Schülern und Jugendlichen aus höchst unterschiedlichen Ländern. Dabei geht es  keineswegs allein um die historische Aufarbeitung der Weltkriege. Im Fokus stehen vielmehr auch die aktuellen Geschehnisse in der Welt. Zum Beispiel das Schicksal von „Kindersoldaten“ in Afrika.

Übrigens: „Kindersoldaten“ sind keineswegs eine Erfindung afrikanischer Warlords. Die jüngsten bekannten „Soldaten“ im ersten Weltkrieg waren auch noch Kinder – Paul Mauk aus Deutschland und John Condon aus Großbritannien. Sie waren nur 14 Jahre alt.

Gisbert Kuhn

p.s.: Vor wenigen Tagen erreichte den Autor ein Schreiben des Volksbunds mit der Kopie aus dem Namensverzeichnis eines Soldatenfriedhofs in Russland. Darauf stand der Name seines im Januar 1944 vermissten Patenonkels. Er war 21 Jahre alt.

 

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